Vorher bestimmt?

Rezension von D.A. Carson
6. Dezember 2019 — 15 Min Lesedauer

Der ausgebildete Berufsmathematiker John Lennox ist in der evangelikalen Welt für seine oft aufschlussreichen Kritiken der Evolutionstheorie bekannt. Sowohl seine Vorlesungen als auch seine Bücher sind fesselnd, und das gilt ebenfalls für sein kürzlich in deutscher Sprache erschienenes Buch Vorher bestimmt? Die Souveränität Gottes, Freiheit, Glaube und menschliche Verantwortung (Dillenburg: CV, 2019, 399 S.).

Es wird vielen, die in der arminianischen Tradition stehen [siehe dazu Fußnote 1], eine große Hilfe sein. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass es viele gut informierte Leser überzeugen kann, die in der reformierten Tradition stehen. Der Autor bezeichnet diese Tradition gemeinhin als „theologischen Determinismus“. Er bekämpft zwei Arten von Determinismus: nämlich den physischen Determinismus, der von vielen Atheisten vertreten wird, die sich dem philosophischen Naturalismus verschrieben haben, und den theologischen Determinismus, der – so fürchtet er – auf dem Vormarsch ist und der den größten Teil seiner gezielten Widerlegung in dieser Arbeit ausmacht.

Lennox gliedert sein Buch in fünf Teile mit insgesamt 20 Kapiteln und einem Nachwort. Im ersten Teil, „Das Problem“, begründet Lennox, dass „wahre Freiheit“ Teil der „Kernbotschaft“ des Evangeliums ist. Die Freiheit, für die er sich nahezu uneingeschränkt einsetzt, ist die libertarische Freiheit [siehe dazu Fußnote 2]. Lennox erkennt verschiedene Arten von Determinismus an (kommt aber nicht annähernd dem nahe, was ein reformierter Theologe sagen würde), und behauptet, es gehe nicht darum, ob Gott wirklich souverän sei, sondern darum, was göttliche Souveränität tatsächlich bedeute.

Das „moralische Problem“ des Determinismus stellt sich für Lennox angesichts von Auschwitz: Er beteuert, nicht an einen Gott glauben zu können, der in irgendeinem realistischen Wortsinn ein solches Leiden bestimmt. Als weiteren historischen Hintergrund streift Lennox oberflächlich die Debatten, die zur Synode von Dordrecht und zu TULIP führten.1 Lennox schließt diesen Abschnitt mit seinem vierten Kapitel „Waffen zur Zerstörung von Gedankengebäuden“ ab. Hier missbilligt er die Verwendung von Etiketten zur Identifizierung verschiedener theologischer Standpunkte, anstatt darauf zu achten, was die Bibel tatsächlich sagt. Da ist etwas Wahres dran, wenngleich es mehr als ein bisschen ärgerlich ist, dass all die Negativbeispiele, die er anführt, nur von einer Seite stammen.

Gezähmte göttliche Souveränität

Der zweite Teil des Buches behandelt „Die Theologie des Determinismus“, mit den Kapiteln 5, „Gottes Souveränität und die Verantwortung des Menschen“ und 6, „Das biblische Vokabular“ (Vorauskenntnis, Vorherbestimmung, Erwählung). In Kapitel 5 will Lennox zeigen, dass die Bibel sowohl die Souveränität Gottes als auch menschliche Verantwortung lehrt. In einem allgemeinen Sinne ist das genau richtig − doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Es ist schwer zu übersehen, dass Lennox zwar formell beide gelten lässt, doch in seinem tatsächlichen Umgang mit Texten die Erstere konsequent durch Verweis auf die Letztere beschneidet. Was er verteidigt, ist kein solides Bekenntnis zur göttlichen Souveränität und zur menschlichen Verantwortung, sondern ein solides Bekenntnis zu einer gezähmten göttlichen Souveränität und zu einer Form der menschlichen Verantwortung, der eine libertarische Auffassung von Freiheit zugrunde liegt.

Zum Beispiel zitiert Lennox auf Seite 98 die Worte des Petrus über Jesus: „Diesen Mann, der nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes hingegeben worden ist, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht“ (Apg 2,23). Lennox kommentiert: „Die Kreuzigung war daher von Gott vorherbestimmt und geschah, um seinen Plan zu erfüllen. Dennoch waren die Menschen, die ihn umbrachten, böse und daher moralisch verantwortlich“ (S. 98). So weit, so gut. Vielleicht besteht der

„Was er verteidigt, ist kein solides Bekenntnis zur göttlichen Souveränität und zur menschlichen Verantwortung, sondern ein solides Bekenntnis zu einer gezähmten göttlichen Souveränität und zu einer Form der menschlichen Verantwortung, der eine libertarische Auffassung von Freiheit zugrunde liegt.“

 

aussagekräftigere Abschnitt in der Apostelgeschichte aus zwei Versen im 4. Kapitel: „Denn in dieser Stadt versammelten sich in Wahrheit gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, sowohl Herodes als auch Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels“ (4,27), und weiter: „alles zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss vorherbestimmt hat, dass es geschehen sollte“ (4,28).

Hier sehen wir also, in der stärksten Form, die Spannung zwischen menschlicher Verantwortung (4,27) und Gottes Souveränität (4,28). Es ist wichtig zu erkennen, dass die Wahrheit beider Verse zum Ausdruck kommen muss, wenn das christliche Evangelium bewahrt bleiben soll. Angenommen, wir halten V. 27 aufrecht, leugnen aber V. 28: Was folgt? Wenn wir die Frage stellen: „Warum starb Jesus?“, lautet die Antwort, unter der Annahme, dass Vers 27 wahr ist und dass es Vers 28 nicht gibt, dass Jesus infolge einer billigen politischen Verschwörung unter verschiedenen Parteien in Jerusalem, bestehend aus Juden und Heiden, starb. Er starb nicht infolge von Gottes Plan und Absicht − eine Schlussfolgerung, die für das Evangelium verheerend wäre, und auf jeden Fall die vielen biblischen Zeitlinien, die durch die Schrift verlaufen und im Kreuz ihren Höhepunkt erreichen (z.B. Passahfest, Versöhnungstag, verschiedene Sühneopfer, der leidende Gottesknecht), unsinnig machen würde.

Nehmen wir umgekehrt an, wir halten Vers 28 aufrecht, leugnen aber Vers 27: Was folgt? Wir müssen sagen, dass Jesus infolge von Gottes Macht und Willen starb; sein Tod war das Ergebnis von Gottes zuvor getroffener Entscheidung. Jesus starb nicht infolge böser menschlicher Machenschaften. Aber wenn kein menschliches Böses in den Ereignissen vorkommt, die Jesus ans Kreuz brachten, wo ist dann das Böse? Wenn es das Böse gar nicht gibt, warum um alles in der Welt brauchen wir dann überhaupt ein Sühnopfer?

So finden wir in Apostelgeschichte 4,27–28 ein hervorragendes Beispiel für ein gleichzeitiges Bekenntnis zur Realität der menschlichen Verantwortung und zur Realität der göttlichen Souveränität. Zu glauben, dass diese beiden Realitäten in der Schrift gelehrt und veranschaulicht werden, heißt zu glauben, dass sie – so anspruchsvoll das Konzept auch sein mag – miteinander kompatibel sind.  Und die Person, die das Zeugnis der Schrift in dieser Frage annimmt, ist ein Kompatibilist.

Mit exegetischen Ausweichmanövern gegen den Kompatibilismus

Doch Lennox will das nicht gelten lassen. Gegen eine solche Schlussfolgerung wendet er vier Strategien an.

Erstens: Er spricht dieses Verspaar nie an, ebenso wenig wie eine Reihe anderer Passagen (wie wir sehen werden), die klar für einen starken Glauben an göttliche Souveränität und menschliche Verantwortung zu sprechen scheinen.

Zweitens: Wenn er zu Apostelgeschichte 4,28 Stellung nimmt, dann nicht in seinem fünften Kapitel, in dem es um göttliche Souveränität und menschliche Verantwortung geht, sondern in seinem sechsten, in dem er „das biblische Vokabular“ behandelt: Begriffe wie Vorkenntnis, Vorherbestimmung, Erwählung und so weiter. Vorkenntnis ist aus Lennox’ Sicht nie ursächlich, sondern er greift – ohne das zu diskutieren – die vom spanischen Jesuiten Molina dargelegte Sicht vom „Mittelwissen“ auf.2 Im gleichen Kapitel listet Lennox Apostelgeschichte 4,28 als eine der Stellen auf, die das Verb „vorherbestimmt sein“ verwendet − oder, wie die NEÜ diesen Text wiedergibt, „Doch haben sie damit nur das getan, was du in deiner Macht schon längst beschlossen und bestimmt hattest.“ Doch die gesamte Bandbreite der Themen, die durch dieses Verb im Neuen Testament einbezogen sind, sei klein, sagt er, so dass es nicht für alles, was geschieht, gelten könne.

Indem er sich also auf seine kurzen Wortstudien konzentriert, umgeht er die Exegese der fraglichen Passagen. Was Gott in Apostelgeschichte 4,28 vorgibt (d.h. was er vorher entscheidet, dass es geschehen soll), ist im Kontext deckungsgleich mit allem, was die Verschwörer in 4,27 beschließen. Wortstudien, insbesondere schlecht ausgeführte Wortstudien, können eine detaillierte Exegese ganzer Texte nicht ersetzen. Dennoch hat Lennox es fast richtig verstanden: Die Bibel selbst sieht „Gottes Vorkenntnis oder Prädestination nicht als Minderung der menschlichen Verantwortung“ (S. 113, Hervorhebung im Original). Das ist genau richtig. Es klingt fast schon so, als stehe Lennox kurz davor, den Kompatibilismus zu befürworten.

Doch gerade weil Lennox menschliche Verantwortung an eine libertarische Vorstellung vom Willen bindet, muss er sagen, dass die menschliche Verantwortung Gottes Vorkenntnis und Prädestination abschwächt. Wiederum stellt er fest, dass der Verrat an Jesus „vorherbestimmt“ war (Lk 22,22), dass Jesus sein „Wehe“ über den Verräter ausspricht. „Dies impliziert eindeutig, dass der Verräter moralisch schuldfähig war und daher verantwortlich. Erneut impliziert dies, dass wir – wie immer wir die Begriffe auch interpretieren mögen – sie nicht derartig verstehen können, dass sie die moralische Verantwortung des Menschen negieren“ (S. 113–114). 

Das hat er gut auf den Punkt gebracht. In der Tat kenne ich keine einzige Person in der reformierten Tradition, die anderer Meinung wäre. Von daher bin ich mir nicht sicher, auf wen Lennox mit diesem Abschnitt abzielt. Doch nirgendwo formuliert und befürwortet er die gegenteilige Wahrheit, dass wir, wie auch immer wir die vielen biblischen Aussagen bezüglich der menschlichen moralischen Verantwortung verstehen, sie nicht so deuten dürfen, dass sie die souveräne Vorherbestimmung Gottes verneinen. Wieder einmal verteidigt Lennox nicht ein solides Bekenntnis zur göttlichen Souveränität und zur menschlichen Verantwortung, sondern ein solides Bekenntnis zu einer gezähmten, weichgespülten göttlichen Souveränität und eine Form der menschlichen Verantwortung, die ein libertarisches Freiheitsverständnis voraussetzt.

Drittens und mit anderen Worten: Lennox distanziert sich vom Kompatibilismus. Genauer gesagt, richtet er sich an Tom McCalls Diskussion über den Kompatibilismus aus (siehe sein Buch: An Invitation to Analytic Christian Theology, Downers Grove: IVP,  2015), dessen Behandlung des Kompatibilismus mit derjenigen vieler zeitgenössischer Philosophen übereinstimmt und im Wesentlichen eine mechanistische Analyse ist.

Doch es wurde schon oft gezeigt, wie eine theistische Analyse des Themas viele, viele Theologen dahin leitet, sich als Kompatibilisten zu bekennen. Nicht etwa, weil sie irgendwelchen theologischen „-ismen“ erliegen, sondern weil sie von Bibelstellen wie Apg 4,27–28 und unzähligen ähnlichen Stellen überzeugt werden. (Ich habe versucht, meinem Freund Tom McCall in „Biblical-Theological Pillars Needed to Support Faithful Christian Reflection on Suffering and Evil“ zu antworten, erschienen in:  TrinJ 38, 2017, S. 58–77.)

Und viertens: Lennox geht nicht auf die zahlreichen Bibelstellen ein, in denen ein solider Kompatibilismus exegetisch unvermeidlich ist (z.B. 1Mose 50,19–20; Jes 10,5ff.). Ich behaupte, es gibt keinen exegetisch verantwortlichen Weg, die gleichzeitige Realität von Gottes echter Souveränität und menschlicher moralischer Verantwortung zu vermeiden.

Abschließende Überlegungen

Im dritten Teil seines Buches widmet Lennox fünf Kapitel dem Thema „Das Evangelium und der Determinismus“. Viel Raum wird der Widerlegung der so genannten „fünf Punkte“ von Dordrecht gewidmet – mit Ausnahme des Punktes freilich, der oft als „ewige Sicherheit“ bezeichnet wird. Dieses Kapitel gibt in weiten Teilen die Belegtexte des landläufigen konservativen Evangelikalismus wieder. Teil 4 ist dem Thema „Israel und der Determinismus“ gewidmet (Kap. 12–16); Teil 5 „Heilsgewissheit und Determinismus“ (Kap. 17–20). Weite Abschnitte des vierten Teils zielen darauf ab, wesentliche Komponenten von Römer 9–11 zu erklären. Trotz vieler guter Punkte scheint der Umgang mit diesen Kapiteln häufig eher mutwillig überspitzt zu sein.

„Wenn man möglichst viele Gegner gewinnen will, muss man sich als fähig erweisen, die Position des jeweiligen Gegners mindestens so kenntnisreich und überzeugend zu verstehen und zu artikulieren wie er oder sie selbst.“

 

Um noch kurz auf diese drei letzten Teile von Lennox’ Buch einzugehen, müsste ich die Länge einer bereits zu langen Rezension verdoppeln oder verdreifachen. Vielleicht sollte ich mich auf zwei abschließende Bemerkungen beschränken.

Erstens: Dieses Buch ist einfach geschrieben und daher leicht verständlich. Diese Einfachheit ist teils auf den reduktionistischen Umgang mit etlichen der Argumente zurückzuführen, teils jedoch auch auf den attraktiven Schreibstil des Autors, der zweifellos das Ergebnis jahrelanger populärer Vorträge in sehr unterschiedlichen Kontexten ist.

Zweitens: Lennox hat eines der wichtigsten Axiome ernsthafter polemischer Theologie übersehen. Wenn man möglichst viele Gegner gewinnen will, muss man sich als fähig erweisen, die Position des jeweiligen Gegners mindestens so kenntnisreich und überzeugend zu verstehen und zu artikulieren wie er oder sie selbst −, um sie erst dann zu widerlegen. Wenn hingegen nur wenige deiner Gegner ihren eigenen Standpunkt in deiner Beschreibung (Karikatur?) desselben wiedererkennen, wirst du wahrscheinlich kein aufmerksames Gehör bei jenen finden, die es deinem Verständnis nach bräuchten. An dieser Front, so fürchte ich, wird das Buch ein wenig enttäuschen.

Im Ergebnis stärkt das Buch diejenigen, die eh mit dem Autor einer Meinung sind. Vielleicht mag es einige überzeugen, die nie tiefgehend mit den Argumenten gerungen haben. Ich vermute jedoch, dass es nicht in der Lage sein wird, viele Leute aus jenem Lager zu gewinnen, das Lennox zu widerlegen versucht. Vielleicht war das ja auch gar nicht seine Absicht.

Buch

John Lennox. Vorher bestimmt? Die Souveränität Gottes, Freiheit, Glaube und menschliche Verantwortung. Dillenburg: CV, 2019, 400 Seiten, 19,90 €.

Fußnoten

1 Anmerkung der deutschsprachigen Herausgeber: TULIP verweist auf die Formulierung des reformierten Glaubens in der Auseinandersetzung mit dem Arminianismus am Anfang des 17. Jahrhunderts. Professor Jacobus Arminius (1560–1609) gelangte gegen Calvins Prädestinationslehre zu der Auffassung, Gottes Heilshandeln stehe nicht nur den Erwählten, sondern allen Menschen offen. Die von seinen Schülern, „Remonstranten“ genannt, veröffentlichten „Fünf Artikel des Glaubens“ betonten demgemäß die Entscheidungsfreiheit des Menschen bei der geistlichen Wiedergeburt. Die Remonstranten traten sendungsbewusst auf und wollten sogar die Richtlinien der Kirche von Holland an diese gemäßigte Erwählungslehre anpassen. Da der damit unter den Theologen entfachte Streit zur schweren Belastung für die junge Republik wurde, lud die Landessynode 1618 zu mehrmonatigen Beratungsgesprächen ein. Im Mai des Jahres wurde schließlich der gemäßigte Calvinismus von Arminius abgewehrt. Die damals formulierten fünf Punkte, als Antwort auf die „Fünf Artikel“ der Remonstranten gedacht, werden gern mit dem englischen Akronym TULIP zusammengefasst. Das „T“ steht für „Total depravity“ (dt. völlige Verderbtheit) und hebt die umfassende Verdorbenheit des Menschen nach dem Sündenfall heraus. Der natürlich Mensch kann demnach aus sich selbst heraus nichts Gutes tun. Er ist noch nicht einmal fähig, das Evangelium zu verstehen, es sei denn, Gott erleuchtet ihn durch den Heiligen Geist (Röm 3,9–10; Röm 8,7–8; 2Kor, 4,4). Das „U“ ist Symbol für „Unconditional election“ (dt. bedingungslose Erwählung) und bekräftigt die calvinistische Prädestinationslehre. Demnach hat Gott vor Grundlegung der Welt beschlossen, einige Menschen zu erretten (vgl. Eph 1,3–6). Gott hat diese Menschen nicht aufgrund ihrer Werke, sondern seiner Gnade erwählt (vgl. Röm 9, Apg 13,48). Den anderen Menschen bleibt das Evangelium verborgen und sie gehen verloren. Das „L“ bedeutet „Limited atonement“ (dt. begrenztes Sühneopfer) und besagt, dass Jesus nicht für die ganze Welt, sondern nur für die Erwählten gestorben ist (vgl. Joh 10,15; Mk 10,45; Eph 5,25; Offb 5,9). „I“ steht für „Irresistible grace“ (dt. unaufhaltsame Gnade). Damit wird herausgestellt, dass ein Mensch der Gnade Gottes nicht widerstehen kann. Die Gnade kommt zu ihrem Ziel, indem Gott die Menschen zu sich zieht. Schließlich steht das „P“ für „Perseverance of the saints“ (dt. Bewahrung der Heiligen) und besagt, dass Gott die von ihm erwählten Gläubigen bis zum Ende hindurchträgt. Wer errettet ist, wird nicht verloren gehen (Joh 10,28; Röm 8,30; Phil 1,6).

2 Anmerkung der deutschsprachigen Herausgeber: Der jesuitische Philosoph, Theologe und Rechtstheoretiker Luis de Molina (1535–1600) war einer der einflussreichsten und kontroversesten Denker des 16. Jahrhunderts. Besonders ging es ihm darum, das Verhältnis zwischen einer libertarischen Theorie menschlicher Willens- bzw. Entscheidungsfreiheit und unfehlbarer göttlicher Vorsehung und Allwissenheit widerspruchsfrei zu denken. Libertarische Freiheitskonzepte gehen davon aus, dass die Freiheit einer Handlung mit einer Determiniertheit durch Quellen, die außerhalb des Agierenden liegen und von diesem nicht kontrolliert werden können, unvereinbar ist. Aber wie soll so eine libertarische Freiheit mit göttlicher Vorsehung und Allwissenheit harmonisiert werden? Vorherwissen des Zukünftigen setzt die Entscheidungsfreiheit außer Kraft. Also können Entscheidungsfreiheit und Vorherwissen Gottes hinsichtlich des kontingenten Zukünftigen nicht zusammen bestehen. Wenn Gott die Entscheidungen der Menschen nicht ordnet (und so von ihnen wissen kann), muss er ein Wissen über das konditional Zukünftige haben, d.h. ein Wissen, wie der Mensch sich unter verschiedenen Bedingungen verhalten würde. Molina nannte dieses Wissen das Mittlere Wissen (lt. scientia media) und glaubte, damit den Raum zwischen dem rein Möglichen und dem Zukünftigen gefunden zu haben.