Beten Evangelikale die Bibel an?

Der vermeintliche Konflikt zwischen der Liebe zur Bibel und zu Christus

Artikel von Paul Carter
26. November 2019 — 11 min Lesedauer

Die Bibel als Ziel und Götze an sich?

Ihr habt bestimmt schon mal den Satz gehört: „Evangelikale verehren Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott die Heilige Schrift“. Der Scherz will zum Ausdruck bringen, dass manche Christen Gefahr laufen, eine zu hohe Sicht auf die Heilige Schrift zu haben und die Bibel nicht als Mittel zu etwas Wichtigerem zu betrachten, sondern als ein Ziel und Götzen an sich. Da ist etwas dran.

Es ist tatsächlich möglich, die Bibel häufig, sorgfältig und andächtig zu lesen und dennoch die Pointe völlig zu verpassen. Jesus tadelte seinerzeit die Pharisäer und sagte: „ Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; und sie sind es, die von mir Zeugnis geben. Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu empfangen.“ (Joh 5,39–40)

Somit wäre es einerseits töricht, abzustreiten, dass es in jeder Generation Menschen gibt, die die Bibel „verehren“, ohne ihren letztendlichen Mittelpunkt und Zweck hochzuhalten. Doch ich fürchte andererseits, dieser Scherz wurde allzu oft missbraucht, um ein für Christen im Kern minderwertiges Schriftverständnis zu rechtfertigen.

Nur das geschriebene Wort führt zu dem Fleisch gewordenen Wort

Christen sind sich im allgemeinen einig, dass wir aufgrund der menschlichen Sünde und des zeitlichen Abstands keinen Zugang zur Person und zum Werk Christi haben – außer durch die Seiten der Bibel. George Whitefield sagte:

„Deshalb haltet in der Schrift immer Ausschau nach Christus. Er ist der im Acker verborgene Schatz, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Im Alten findet ihr ihn unter den Prophetien, den Vorbildern, Opfern und Vorschattungen; im Neuen Testament ist er geoffenbart im Fleisch, um als Priester zur Versöhnung für unsere Sünden zu werden und als Prophet den ganzen Willen seines himmlischen Vaters zu offenbaren“.

Christen verehren die Worte der Bibel zurecht, weil nur sie uns mit dem Fleisch gewordenen Wort in Berührung bringen. In der Bibel sehen wir das inkarnierte Wort Gottes. Wir sehen in ihr die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Die Schrift bezeugt ihn! Sie sagt über Jesu letzte Botschaft an seine Jünger vor seiner Himmelfahrt: „Und er begann bei Mose und bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht.“ (Lk 24,27)

In der Bibel geht es um Jesus! In der Bibel, so sagte Jesus zu den Jüngern, sollten sie nach ihm suchen. Dort würden sie ihn erkennen und lieben lernen. Warum aber wird dann immer wieder auf den vermeintlichen Konflikt zwischen der Liebe zur Bibel und zu Christus hingewiesen? J.I. Packer sprach darüber in seinem Buch Fundamentalism and the Word of God:

„Andere behaupten, die endgültige Autorität für Christen sei nicht die Schrift, sondern Christus. Wir müssen ihn uns so vorstellen, dass er unabhängig von und über der Schrift steht. Er ist ihr Richter; wir als seine Jünger müssen die Schrift an ihm messen, indem wir nur das empfangen, was mit seinem Leben und seiner Lehre in Einklang steht, und alles abweisen, was dies nicht tut. Doch wer ist dieser Christus, der Richter der Schrift? Jedenfalls nicht der Christus des Neuen Testaments und der Geschichte. Jener Christus richtet die Schrift nicht; er gehorcht ihr und erfüllt sie. Sicher steht er als letzte Autorität hinter der ganzen Schrift. Sicher ist er die letzte Autorität für Christen; aber genau deshalb sind Christen verpflichtet, die Autorität der Schrift anzuerkennen. Christus lehrt sie, dies zu tun.“

Der Jesus unserer Fantasie

Kürzlich sagte mir ein anderer Pastor, er sei sich nicht sicher, ob er an die Einnahme des gelobten Landes glauben könne, wie sie in der Schrift geschrieben steht, weil sie nicht mit dem Charakter Christi in Einklang zu bringen sei. „Die Bibel muss mit der Brille Christi gelesen werden“, sagte er. Doch ich frage mich: Welcher Christus ist das, der die Worte der Schrift leugnet? Sicher nicht der Christus aus Johannes 10,35, wo Jesus selbst sagt, dass „die Schrift [...] doch nicht außer Kraft gesetzt werden“ kann. Sicher auch nicht der Christus aus Offenbarung 19,13–18; wo es heißt:

„Und er ist bekleidet mit einem Gewand, das in Blut getaucht ist, und sein Name heißt: 'Das Wort Gottes'. Und die Heere im Himmel folgten ihm nach auf weißen Pferden, und sie waren bekleidet mit weißer und reiner Leinwand. Und aus seinem Mund geht ein scharfes Schwert hervor, damit er die Heidenvölker mit ihm schlage, und er wird sie mit eisernem Stab weiden; und er tritt die Weinkelter des Grimmes und des Zornes Gottes, des Allmächtigen. Und er trägt an seinem Gewand und an seiner Hüfte den Namen geschrieben: 'König der Könige und Herr der Herren'. Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen; und er rief mit lauter Stimme und sprach zu allen Vögeln, die inmitten des Himmels fliegen: Kommt und versammelt euch zu dem Mahl des großen Gottes, um das Fleisch der Könige zu verzehren und das Fleisch der Heerführer und das Fleisch der Starken und das Fleisch der Pferde und derer, die darauf sitzen, und das Fleisch aller, der Freien und der Knechte, sowohl der Kleinen als auch der Großen!“ (Offb 19,13–18)

Dieser Jesus scheint dem Gott der vermeintlich fragwürdigen Landeinnahme sehr ähnlich zu sein.

Welcher Jesus ist es also, der die Heilige Schrift richtet? Ist es nicht der Jesus der gegenwärtigen Kultur? Ist es nicht der Jesus unserer Fantasie? Das ist der Grund, weshalb Evangelikalen die Bibel so hochhalten. Sie verehren die Heilige Schrift, denn: „Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?“ (Jer 17,9) Wir sind Betrüger. Wir belügen uns selbst über uns und über Gott. Unsere Herzen sind Götzenfabriken.

Die Schrift wie das Antlitz Gottes betrachten

Ohne die Bibel und die innere Erleuchtung des Heiligen Geistes würden wir nichts zuverlässiges über Jesus und die Erlösung wissen. Wir verehren die Bibel, weil sie uns Jesus Christus offenbart. Eines Tages werden wir sie nicht mehr brauchen, denn wir werden ihm ins Gesicht sehen. Aber bis dahin sollten wir den Rat von Augustinus befolgen, dass wir „die Schrift Gottes wie das Antlitz Gottes betrachten“.

Amen. Komm, Herr Jesus!

Soli Deo Gloria

Paul Carter ist Absolvent der York University (B.A.) und des McMaster Divinity College (MDiv). Aktuell ist er Pastor der First Baptist Church in Orillia (Canada) und Mitglied im Vorstand der Gospel Coalition Canada.