C.S. Lewis: „Wir haben kein Recht auf Glück

Das letzte Werk von C.S. Lewis im Jahr 1963 weist in erstaunlicher Voraussicht in die Zukunft

Artikel von Trevin Wax
19. November 2019 — 27 min Lesedauer

In meinen zwei vorausgehenden Kolumnen (vgl. Has the American Dream Turned On Itself? und Freedom, Limits, and the „Right“ to Happiness) habe ich über den Amerikanischen Traum, das Streben nach Glück und unsere sich verändernden Definitionen von Freiheit nachgedacht.

Das letzte Werk, das C.S. Lewis vor seinem Tod im Jahr 1963 verfasst hat, war eine Stellungnahme für die Saturday Evening Post mit dem Titel „Wir haben kein Recht auf Glück“. Dieser kurze Essay behandelt das Problem, „Glück“ von einem Gehorsam, der sich dem ewigen Gesetz verpflichtet weiß, zu trennen. Er zeigt dabei in erstaunlicher Voraussicht auf, wie das Recht auf „sexuelles Glück“ zwangsläufig unser Verständnis von Glück im Allgemeinen ändern und schließlich das Herz der Zivilisation selbst bedrohen wird. Ich veröffentliche hier Lewis’ Artikel in ganzer Länge.

C.S. Lewis: ‚Wir haben kein Recht auf Glück‘

„Nun ja“, sagte Clare, „sie hatten schließlich ein Recht auf ihr Glück.“

Wir hatten einen Fall diskutiert, der sich vor einiger Zeit in unserer Nachbarschaft zugetragen hat. Herr A hatte Frau A verlassen und sich von ihr scheiden lassen, um Frau B zu heiraten, die sich auch hatte scheiden lassen, um Herrn A zu heiraten. Es bestand ganz sicher kein Zweifel daran, dass Herr A und Frau B sehr verliebt waren. Falls sie das auch bleiben würden und falls außerdem nichts in Gesundheits- und Einkommensfragen schieflaufen würde, konnten sie mit gutem Grund davon ausgehen, sehr glücklich zu werden.

Es war gleichermaßen klar, dass sie mit ihren alten Partnern nicht glücklich waren. Am Anfang hatte Frau B ihren Mann vergöttert, doch war dieser im Krieg verwundet worden. Man vermutete, dass er dadurch seine Männlichkeit verloren habe, und man wusste genau, dass er seinen Job verloren hatte. Das Leben mit ihm war nicht mehr das, was Frau B ursprünglich im Sinn gehabt hatte. Auch Frau A war arm dran. Sie sah schlecht aus – und auch ihre ganze Aufgewecktheit war dahin. Vielleicht stimmte es, wie manche sagten, dass sie sich aufgebraucht hatte durch das Gebären seiner Kinder und durch die Pflege während seiner langen Krankheit, die ihr früheres Eheleben überschattete. 

Übrigens darf man sich Herrn A nicht als die Art von Mann vorstellen, der eine Ehefrau unbekümmert wegwirft, so wie die Schale einer ausgelutschten Orange. Ihr Suizid war für ihn ein großer Schock. Wir alle wussten das, denn er hatte es uns selber erklärt. „Aber was konnte ich denn machen?”, sagte er. „Ein Mensch hat ein Recht auf sein Glück. Ich musste meine einzige Chance nutzen.“ 

Was ist ein ‚Recht auf Glück‘?

Auf dem Rückweg musste ich über das Konzept eines „Rechts auf Glück“ nachdenken.

Zunächst klingt das für mich so merkwürdig wie ein Recht auf einen glücklichen Zufall. Ich glaube nämlich – ungeachtet dessen, wie das manche Moralisten sehen mögen –, dass unser Glück oder Unglück zum großen Teil von Umständen abhängt, die gänzlich außerhalb jeder menschlichen Kontrolle liegen. Ein Recht auf Glück macht meiner Meinung nicht mehr Sinn als ein Recht darauf, 1,80 Meter groß zu sein, einen Millionär zum Vater zu haben oder gutes Wetter zu bekommen, wenn man ein Picknick machen möchte.

Ein Recht in Form einer Freiheit, die mir durch die Gesetze der Gesellschaft, in der ich lebe, garantiert wird, kann ich verstehen. So habe ich das Recht, die öffentlichen Straßen zu bereisen, weil mir die Gesellschaft dieses Recht zugesteht; das meinen wir ja auch damit, wenn wir die Straßen „öffentlich“ nennen. Auch ist mir ein Recht in Form eines Anspruchs begreiflich, den mir die Gesetze garantieren, und der demensprechend mit der Verpflichtung eines anderen korreliert. Wenn ich ein Recht darauf habe, 100 Dollar von Ihnen zu erhalten, bedeutet das nichts anderes, als dass Sie die Pflicht haben, mir 100 Dollar zu zahlen. Wenn das Gesetz es Herrn A gestattet, seine Frau zu verlassen und die Frau des Nachbarn zu verführen, dann ist es für Herrn A per Definition legal, dies zu tun, und wir brauchen hier nicht über Glück zu sprechen.

Glück und Naturrecht

Aber das ist natürlich nicht das, was Clare meinte. Sie meinte, dass er für sein Handeln nicht einfach nur rechtliche Legitimität geltend machen konnte, sondern auch ein moralisches Recht darauf hatte. Anders gesagt ist Clare – oder wäre es, würde sie konsequent zu Ende denken – ein klassischer Moralist wie Thomas von Aquin, Grotius, Hooker und Locke. Sie glaubt, dass es hinter den Gesetzen des Staates ein Naturrecht gibt.

Ich stimme damit überein. Ich halte dieses Konzept für grundlegend für alle Zivilisationen. Ohne es werden die konkreten staatlichen Gesetze, so wie bei Hegel, absolut. Sie können nicht kritisiert werden, weil es keine Norm gibt, vor deren Hintergrund sie bewertet werden können.

Clares Maxime „Sie haben ein Recht auf Glück“ ist von erhabener Abstammung. In Worten, die von allen zivilisierten Menschen und in besonderer Weise von Amerikanern geschätzt werden, wurde beschlossen, dass „das Streben nach Glück“ eines Menschen Recht sei. Und nun kommen wir zur eigentlichen Sache.

Was meinten die Verfasser dieser erhabenen Deklaration?

Die Bedeutung des Naturrechts

Es ist ziemlich klar, was sie nicht meinten. Sie meinten nicht, dass der Mensch dazu berechtigt sei, auf jegliche erdenkliche Weise nach Glück zu streben – wie beispielsweise durch Mord, Vergewaltigung, Raub, Verrat und Betrug. Keine Gesellschaft könnte auf einer solchen Grundlage erbaut werden.

Sie meinten, „mit allen rechtlichen Mitteln nach Glück zu streben“; d. h. mit allen Mitteln, die das Recht der Natur ewiglich bewilligt und die auch durch die Gesetze der Nation bewilligt werden.

Zugegebenermaßen sieht das auf den ersten Blick so aus, als reduziere man die Maxime auf die Tautologie, dass die Menschen (in ihrem Streben nach Glück) ein Recht darauf haben, das zu tun, worauf sie ein Recht haben. Aber Tautologien, betrachtet man sie in ihrem angemessenen historischen Kontext, müssen nicht zwangsläufig wertlose Tautologien sein. Es geht der Erklärung primär darum, die politischen Prinzipien zu verneinen, die lange Zeit Europa beherrschten; sie ist eine Kampfansage, die sich gegen das österreichische und russische Reich richtete, gegen England vor der Reform Bill, gegen das Frankreich der Bourbonen. Sie verlangt, dass alle Mittel des Strebens nach Glück, die für irgendjemanden rechtens sind, für alle rechtens sein sollten; dass „der Mensch“ – nicht nur Menschen einer bestimmten Klasse, eines Standes oder einer Religion – frei ist, sie zu nutzen. In einem Jahrhundert, in dem dies von einer Nation nach der anderen und einer Partei nach der anderen widerrufen wird, sollten wir nicht von einer wertlosen Tautologie sprechen.

Aber die Frage, welche Mittel denn nun „rechtens“ sind – welche Methoden des Strebens nach Glück denn entweder aufgrund des Naturrechts oder durch den Gesetzgeber eines bestimmten Landes für rechtens erklärt werden sollten –, steht immer noch im Raum. Und hier stimme ich nicht mit Clare überein. Ich glaube nicht, wie sie meint, dass Menschen ein uneingeschränktes „Recht auf Glück“ haben. 

‚Sexuelles‘ Glück

Zunächst glaube ich, dass Clare, wenn sie „Glück“ sagt, einzig und allein „sexuelles Glück“ meint. Das liegt zum Teil daran, dass Frauen wie Clare das Wort „Glück“ niemals in einem anderen Sinn gebrauchen. Aber auch, weil ich Clare niemals über das „Recht“ auf irgendeine andere Art von Glück habe reden hören. In ihren politischen Ansichten war sie eher links und wäre darüber entrüstet, wenn jemand die Taten eines rücksichtslosen, menschenfressenden Managers auf der Grundlage verteidigt hätte, dass dieser sein Glück im Geldverdienen finde und somit seinem Glück nachstrebe. Sie war auch eine fanatische Abstinenzlerin; ich habe nie gehört, dass sie einen Alkoholiker in Schutz nahm, weil er betrunken glücklich war.

Eine ganze Menge von Clares Freunden, insbesondere ihre weiblichen Freunde, meinten – ich habe sie das sagen hören –, dass ihr eigenes Glück durch eine Clare verpasste Ohrfeige merklich gesteigert werden würde. Ich habe meine Zweifel daran, dass Clare in diesem Zusammenhang ihre Theorie eines Rechts auf Glück zu Rate ziehen würde.

Tatsächlich tut Clare das, was die gesamte westliche Welt nach meinem Dafürhalten in den letzten 40 Jahren getan hat. Während meiner Jugendzeit sagten alle progressiven Menschen: „Warum diese Prüderie? Lasst uns so über Sex denken wie über jeden anderen unserer Triebe.“ Ich war naiv genug zu glauben, dass sie meinten, was sie sagten. Inzwischen habe ich allerdings entdeckt, dass sie genau das Gegenteil meinten. Sie meinten, dass Sex so behandelt werden müsse, wie kein anderer Trieb unserer Natur von zivilisierten Menschen behandelt wird. Alle anderen, dem stimmen wir zu, müssen gezügelt werden. Völligen Gehorsam unserem Selbsterhaltungstrieb gegenüber nennen wir Feigheit; dem Erwerbstrieb völlig zu gehorchen, bezeichnen wir als Gier. Selbst dem Schlaf muss widerstanden werden, wenn man Wache steht. Aber jede Unfreundlichkeit und jeder Vertrauensbruch scheint gebilligt zu werden, vorausgesetzt, es geht dabei um „vier nackte Beine in einem Bett“.

Das ist so, als habe man eine Moral, in der das Stehlen von Früchten als falsch angesehen wird – es sei denn, man stiehlt Nektarinen.

Protestiert man gegen diese Sichtweise, dann wird man gewöhnlich mit Gerede über die Legitimität, Schönheit und Heiligkeit von „Sex“ konfrontiert und beschuldigt, puritanische Vorurteile zu bedienen, um Sex als etwas Schändliches und Beschämendes zu diskreditieren. Ich verweigere mich dieser Anklage. Schaumgeborene Venus … goldene Aphrodite … Herrin von Kypros … niemals habe ich ein Wort gegen dich gesprochen. Wenn ich Einspruch erhebe, dass Jungen meine Nektarinen stehlen, muss ich dann unter Verdacht stehen, gegen Nektarinen im Allgemeinen zu sein? Oder gar gegen Jungen im Allgemeinen? Sehen Sie: Es könnte schließlich auch das Stehlen sein, gegen das ich Einspruch erhoben habe.

Der Sexualtrieb und ein absurdes Privileg

Die wahren Umstände werden gekonnt verdeckt, wenn man sagt, dass die Frage nach Herrn As „Recht“ darauf, seine Frau zu verlassen, eine Frage der „Sexualmoral“ sei. Einen Obstgarten auszurauben ist nicht die Verletzung einer speziellen Moral mit dem Namen „Früchtemoral“. Es ist ein Vergehen gegen die Ehrlichkeit. Herr As Handlung ist eine Verletzung des guten Willens (gegenüber feierlichen Versprechen), der Dankbarkeit (gegenüber jemandem, in dessen Schuld er tief steht) und allgemeiner Menschlichkeit.

Unsere sexuellen Triebe werden so auf absurde Weise privilegiert. Das sexuelle Motiv entschuldigt alle möglichen Verhaltensweisen, die, hätten sie irgendein anderes Ziel im Blick, als erbarmungslos, verräterisch und ungerecht verurteilt würden.

Auch wenn ich keinen guten Grund dafür sehe, Sex so zu privilegieren, glaube ich doch, eine starke Ursache zu erkennen. Und zwar folgende:

Es liegt im Wesen einer starken erotischen Leidenschaft – im Unterschied zu einem vorübergehenden Anflug von Appetit –, dass sie größere Versprechen als jede andere Emotion macht. Natürlich machen alle unsere Begierden Versprechungen, aber nicht so eindrücklich. Verliebt zu sein beinhaltet die fast unwiderstehliche Überzeugung, dass man auch bis in den Tod hinein verbliebt bleibt und dass der Besitz des geliebten Menschen einem nicht nur dauerhafte Ekstasen verleihen wird, sondern auch beständiges, fruchtbares, tief verwurzeltes und lebenslanges Glück. Es geht also, so scheint es, um alles. Wenn wir diese Gelegenheit verpassen, werden wir umsonst gelebt haben. Schon bei dem Gedanken eines solches Verhängnisses fallen wir in die bodenlosen Tiefen des Selbstmitleids.

Leider stellen sich diese Versprechungen oft als falsch heraus. Jeder erfahrene Erwachsene weiß, dass es sich mit allen erotischen Leidenschaften so verhält (ausgenommen der, die er im Moment fühlt). Wir entlarven sehr leicht die Bis-ans-Ende-der-Welt-Ambitionen der Liebschaften unserer Freunde. Wir wissen, dass diese Dinge manchmal anhalten – und manchmal nicht. Wenn sie tatsächlich anhalten, dann nicht deshalb, weil sie es sich am Anfang versprochen haben. Wenn zwei Menschen anhaltendes Glück erreichen, dann liegt das nicht allein daran, dass sie große Liebende sind, sondern auch daran, dass sie – ich muss es ungehobelt ausdrücken – gute Leute sind; beherrschte, loyale, gerechte, beidseitig anpassungsfähige Leute.

Wenn wir ein „Recht auf (sexuelles) Glück“ aufrichten, das alle gewöhnlichen Regeln des guten Verhaltens aufhebt, tut wir das nicht deshalb, weil wir aus Erfahrung wissen, als was sich diese Leidenschaft letztlich entpuppt, sondern wegen der Beteuerungen, die sie macht, während wir in ihrem Griff sind. Somit ist das böse Verhalten durchaus real und richtet Kummer und Erniedrigung an, während sich das Zielobjekt dieses Verhaltens immer wieder als Illusion herausstellt. Jeder (außer Herrn A und Frau B) weiß, dass Herr A in vielleicht einem Jahr mit dem gleichen Grund, aus dem er seine alte Frau verlassen hat, auch seine neue verlassen könnte. Er wird wieder fühlen, dass es um alles geht. Er wird sich wiederum als der große Liebhaber wahrnehmen und sein Selbstmitleid wird jegliches Mitgefühl für die Frau ersticken.

Eine Gesellschaft, erbaut auf der Grundlage sexuellen Glücks

Noch zwei weitere Punkte sind festzuhalten.

Der eine ist dieser: Eine Gesellschaft, in der eheliche Untreue toleriert wird, verwandelt sich langfristig zu einer frauenfeindlichen Gesellschaft. Frauen sind, was auch immer manche männlichen Lieder und Satiren Gegenteiliges behaupten mögen, von Natur aus stärker monogam veranlagt als Männer; das ist eine biologische Notwendigkeit. Wo Promiskuität vorherrscht, werden sie häufiger die Opfer als die Schuldigen sein. Außerdem ist häusliches Glück für sie wichtiger als für uns. Und die Qualität, mit der sie am einfachsten einen Mann an sich binden können, nämlich ihre Schönheit, verfällt, nachdem sie zur Reife gekommen sind, von Jahr zu Jahr, während das nicht auf die Persönlichkeitsmerkmale – Frauen ist unser Aussehen ziemlich egal – zutrifft, mit denen wir Frauen an uns binden. Im rücksichtslosen Krieg der Promiskuität haben Frauen also einen doppelten Nachteil. Für sie steht mehr auf dem Spiel und der Verlust ist für sie wahrscheinlicher. Ich habe kein Verständnis für Moralisten, die aufgrund der Taktlosigkeit weiblicher Provokation finster die Stirn runzeln. Diese Zeichen verzweifelten Wettbewerbs erfüllen mich mit Mitleid.

„Wir gehen also auf einen gesellschaftlichen Zustand zu, in dem nicht nur jeder Mensch, sondern jeder Trieb in jedem einzelnen Menschen einen Blankoscheck fordert.“

Zweitens scheint es unmöglich, dass das „Recht auf Glück“, das man auf den Sexualtrieb anwendet, auch bei diesem stehenbleibt. Dieses fatale Prinzip – wird es in diesem Bereich erlaubt – wird früher oder später unser gesamtes Leben durchziehen. Wir gehen also auf einen gesellschaftlichen Zustand zu, in dem nicht nur jeder Mensch, sondern jeder Trieb in jedem einzelnen Menschen einen Blankoscheck fordert. Dann, auch wenn uns unsere technologischen Fähigkeiten helfen mögen, ein wenig länger zu überleben, wird unsere Zivilisation im Herzen bereits gestorben und – man wagt es nicht einmal, ein „leider“ anzufügen – fortgeschwemmt worden sein.