Beten ohne Unterlass

Wie Tim Keller anhaltend betet

Artikel von Tim Keller
20. November 2019 — 11 min Lesedauer

Der Kampf um ein konsequentes Gebetsleben

Wie viele andere Gläubige habe ich seit jeher versucht, mir jeden Morgen Zeit für Hingabe und Gebet zu nehmen. Und wie die meisten anderen Gläubigen habe ich es immer als Kampf empfunden, konsequent dran zu bleiben.

Stell dir meine Überraschung vor, als ich in Calvins Institutio auf eine Stelle stieß, wo er erklärt, dass es nicht ausreicht, nur einmal am Tag zu beten. Calvin verweist auf die Ermahnung, „Betet ohne Unterlass“ (1Thess 5,17) und sagt, dass jeder Christ danach streben sollte, beständig im Gebet zu verharren. Aber er fügt hinzu: „Da wir so schwach sind und viel Hilfe brauchen, und so lustlos, dass wir angetrieben werden müssen, ist es sinnvoll, dass jeder von uns bestimmte Stunden zum Gebet einplanen sollte.“

Fünf Zeiten zum Gebet

Laut Calvin sollten wir bestimmte Zeiten festlegen, wenn auch nur kurze, in denen wir uns mit ganzem Herzen dem Gebet widmen sollten. Er schlug fünf Tageszeiten vor:

  • nach dem Aufstehen
  • bevor wir mit der Arbeit beginnen
  • mittags
  • nach dem Abendessen (oder nach der Arbeit des Tages)
  • wenn wir uns bettfertig machen

Er fügt jedoch sofort hinzu: „Es darf keine abergläubische Einhaltung dieser Zeiten sein“ – um damit „unsere Schuld bei Gott bezahlen“ und ihn zwingen zu können, dass er uns hört.

Tägliche Gebete zusammenstellen

Obwohl ich diese Ermahnung seit Jahren kannte, habe ich erst kürzlich erfahren, dass Calvin tatsächlich fünf Gebete für diese verschiedenen Tageszeiten vorformuliert und sie in seinen Genfer Katechismus 1542/45 aufgenommen hat. Sie sollten als Beispiele für Einzelpersonen und Familien dienen. Das hat mich ermutigt, seine Gebete als Grundlage für das Verfassen meiner eigenen zu verwenden.

Ich möchte andere ermutigen, dasselbe zu tun, was ich mit Calvins Vorlage gemacht habe: Nimm diese als Beispiele und verwende sie, um deine eigenen Gebete zu formulieren. Etwas Geschriebenes zu haben, das ich lesen und als Grundlage für das Gebet zu Gott verwenden konnte – und für jedes nur eine einzige Minute zu benötigen – war äußerst hilfreich, um mich an die Gegenwart Gottes und die Wahrheiten zu erinnern, die ich am Morgen in der Bibellektüre gelernt hatte. So wird der ganze Tag von Gott und dem Evangelium „umrahmt“.

Nachfolgend die Gebete, die ich verwende. Auch hier gilt: Benutze sie einfach als Grundlage, um deine eigenen anzufertigen.

1. Nach dem Aufstehen: um Liebe

Vater, danke für die Gnade, die mein Leben bis heute erhalten hat. Gib mir genug Liebe für diesen Tag – ein Gefühl deiner Liebe zu mir (damit ich nicht ängstlich bin oder mich getrieben fühle), ein Aufblühen meiner Liebe zu dir (damit ich nicht stolz oder egoistisch bin) und eine daraus resultierende Liebe zu anderen Menschen (damit ich nicht kalt oder abgelenkt bin). Erleuchte meinen Verstand und öffne mein Herz durch deinen Geist. Und weil es keinen Wert hat, zwar gut anzufangen, aber nicht ausdauernd dran zu bleiben, bitte ich dich, dass du deine Gnade in mir erhältst und vergrößerst, bis du mich in die volle Gemeinschaft mit deinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn, geführt hast, damit ich seine wunderschöne und gewaltige Herrlichkeit sehe. Halte mich, so wie ich mich nur durch deine Gnade zum Schlafen niedergelegt habe und heute Morgen wieder aufgestanden bin, in einer freudigen, lebendigen Erinnerung daran, dass ich, was auch immer geschieht, eines Tages ein letztes Mal aufstehen werde – zur Auferstehung –, weil Jesus Christus für mich in den Tod ging und für meine Rechtfertigung auferstanden ist. Ich bitte dich in Jesu Namen.

2. Vor dem Arbeitstag: um Durchhaltevermögen

Herr, gib mir den ganzen Tag ein Bewusstsein deiner Gegenwart, lass mich produktiv sein und trotzdem geduldig, wenn du Unterbrechungen schickst, gib mir Weisheit und Mitgefühl in meinem Handeln sowie deinen väterlichen Schutz vor Gefahren und Widrigkeiten. Lass mich jeden Erfolg oder jede Herausforderung in der Arbeit, die du mir heute gibst, akzeptieren, wie groß sie auch sein mögen. Und gib mir vor allem Mitgefühl und die Bereitschaft, in meiner Tätigkeit unterbrochen zu werden, um anderen Gutes zu tun. Ich bitte dich in Jesu Namen.

3. Mittags: um Gegenwart und Erinnerung

O Herr, Gott, danke, dass du mein Leben durch Nahrung und Unterkunft erhältst; dass du mir ein neues Leben durch das Evangelium geschenkt hast; danke für die Gewissheit, dass sich die schlechten Dinge in meinem Leben für immer zum Guten wenden werden und dass meine guten Dinge mir nicht genommen werden können; und für die Gewissheit, dass das beste und vollkommenste Leben noch vor mir liegt. Gib mir jetzt ein freudiges Gefühl deiner Gegenwart und befreie mich von meinen typischen Sünden wie perfektionistischer Werkgerechtigkeit, Angst vor Kritik und Bequemlichkeit. Lass nicht zu, dass sich meine Neigungen in übertriebenen Begierden zu Dingen dieser Welt verwickelt werden, sondern lass mich mein Herz auf die himmlischen Dinge richten, wo Christus, mein Leben, zu deiner Rechten sitzt. Ich bitte dich in Jesu Namen. (Erinnern Sie sich an die Erkenntnisse beim Lesen der Bibel am Morgen)

4. Am Ende des Arbeitstages: für Menschen, mit denen ich mich heute getroffen oder beschäftigt habe

Herr, sende meiner Familie, meinen Freunden und Nachbarn deine irdischen und geistlichen Segnungen. Segne diejenigen, die uns heute Gutes getan haben, und vergib all denen, die uns Übles getan oder gewünscht haben. Gib ihnen Reue und eine bessere Gesinnung. Sei barmherzig zu denen, die in Schwierigkeiten sind und leiden. Sorge entsprechend ihrer Bedürfnisse für sie. Tue dies um desjenigen willen, der umherging, Gutes zu tun, der Schmerzensmann, dein Sohn und unser Erlöser, Jesus Christus. Ich bitte dich in seinem Namen.

5. Beim Schlafengehen: um Erholung

O Herr, beschütze uns heute Nacht vor allen Gefahren und auch vor der Angst davor. Sei uns gnädig, dass wir nicht nur körperlich, sondern unsere Seele und unser Gewissen in deiner Gnade und Liebe auch geistlich ausruhen, damit wir in jeder Hinsicht beruhigt und erleichtert sein können. Und da kein Tag vergeht, an dem ich nicht auf vielfältige Weise sündige, bitte ich dich, dass du alle meine Vergehen in deiner Gnade zudeckst, damit ich deine Gegenwart nicht verliere. Vergib mir um Jesu willen. Zuletzt: Gewähre uns die Gnade, immer so zu leben, dass wir uns nicht fürchten müssen, zu sterben; dass wir, lebend oder sterbend, durch den Verdienst und die Sühne deines Sohnes Christus Jesus, in dessen Namen wir diese unvollkommenen Gebete darbringen, dir gehören. Amen.

Tim Keller ist Gründer der Redeemer Presbyterian Church (PCA) in Manhattan (USA), Vorsitzender des Redeemer City to City-Netzwerkes und Vizepräsident der Gospel Coalition (TGC). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Warum Gott? (5. Aufl., 2013) und Glauben wozu? (2019). Er und seine Frau Kathy haben drei Kinder.