Wie das Abendmahl die Ortsgemeinde schafft

Artikel von Bobby Jamieson
3. Dezember 2019 — 21 min Lesedauer

Von welchem Zeitpunkt an, sind ein Mann und eine Frau verheiratet? Mit ihrem Ja-Wort? Wenn der Pfarrer verkündet, dass sie Ehemann und Ehefrau sind? Wenn sie ihre Ehe vollziehen?

Alle drei sind in gewisser Hinsicht der entscheidende Moment, in dem die Ehe geschlossen wird. Doch gleichzeitig hängen alle drei voneinander ab. Beispielsweise ist ein Paar gewissermaßen nicht völlig verheiratet, wenn es nie die Ehe vollzogen hat. In einigen Ländern kann eine nicht vollzogene Ehe sogar eine rechtliche Bedeutung haben und Grundlage für eine Aufhebung bzw. Annullierung der Ehe (im Gegensatz zu einer Scheidung) sein.

Doch was in aller Welt hat das mit dem Abendmahl zu tun? Ich habe den Eindruck, dass viele Christen das Abendmahl als ihre besondere, private Zeit mit Gott verstehen. Ich gehe zum Gottesdienst, ich höre das Wort, ich esse das Brot und trinke den Wein, ich gedenke an den Tod Christi und die Vergebung meiner Sünden, ich gehe nach Hause. Natürlich verbinden wir das Abendmahl mit der Gemeinde, zumindest in dem Sinne, dass es zu den Dingen gehört, die wir tun, wenn wir „zur Kirche gehen“. Die meisten Christen würden nicht viel weiter gehen, wenn sie über den Zusammenhang zwischen dem Abendmahl und der Ortsgemeinde nachdenken.

Ich würde jedoch argumentieren, dass das Abendmahl in Wirklichkeit eine entscheidende Rolle spielt, um Menschen zu einer Gemeinde zusammenzufügen. Das gemeinsame Abendmahl ist ein unerlässlicher Schritt im Prozess, der die Gemeinde zur Gemeinde macht. Das Abendmahl stellt in besonderer Weise einen Moment dar, in dem eine Gruppe von Christen zu einem Leib wird. Das Abendmahl macht aus Vielen eins.

Ich konzentriere mich aus zwei Gründen auf diesen Gesichtspunkt. Erstens wird er von evangelikalen Christen häufig vernachlässigt. Ich denke, dass Paulus klar lehrt, dass das Abendmahl die Vielen eins macht, wie wir gleich sehen werden. Mir scheint, dass jedoch zu wenige Pastoren und Gemeinden Paulus‘ Aussage aufgreifen und ihr Verständnis von Abendmahl und Gemeinde davon prägen lassen. Zweitens ist diese Aussage, dass das Abendmahl die Ortsgemeinde schafft, entscheidend für viele praktische Fragen, die sich Pastoren und Gemeinden stellen: Wer darf am Abendmahl teilnehmen? Wer darf das Abendmahl leiten und austeilen? In welcher Art von Gemeindeveranstaltung darf Abendmahl gefeiert werden?

Um diese und andere Fragen zum Abendmahl weise zu beantworten, müssen wir die biblische Sicht fest vor Augen behalten.

Das Abendmahl macht aus vielen eins

Erinnern wir uns an Paulus‘ Worte in 1. Korinther 10,16–17: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht [die] Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht [die] Gemeinschaft des Leibes des Christus?“ Paulus erinnert die Korinther daran, dass sie Gemeinschaft mit Christus haben und das Gute erleben, das Christus für sie durch seinen Tod gewonnen hat, wenn sie das Brot essen und den Wein trinken.

Aus dieser „vertikalen“ Beziehung zwischen Christus und den Gläubigen zieht Paulus dann in Vers 17 die „horizontale“ Schlussfolgerung: „Denn es ist ein Brot, so sind wir, die Vielen, ein Leib; denn wir alle haben Teil an dem einen Brot.“ Paulus zentrale These in diesem Vers ist, dass wir, die Vielen, ein Leib sind. Und er stützt oder begründet diese These zweimal, indem er auf unsere gemeinsame Teilnahme am Abendmahl verweist. „Denn es ist ein Brot, [...] denn wir alle haben Teil an dem einen Brot.“ Die Tatsache, dass Paulus seinen Grund zweimal anführt, spricht dagegen, das Brot einfach nur als Bild oder Symbol für die Einheit der Gemeinde zu verstehen. Vielmehr verortet Paulus den Ursprung der Einheit der Gemeinde in der gemeinsamen Feier des Abendmahls. Es gibt einen Leib, weil es ein Brot gibt.

Paulus sagt, dass das Abendmahl in Wirklichkeit aus Vielen eins macht. Das Abendmahl bringt „[uns], die Vielen“ zusammen und macht uns zu einem Leib. Mit anderen Worten: Das Abendmahl schafft die Ortsgemeinde. Natürlich geht es Paulus nicht um die konkreten Details, wie das Brot auszusehen hat und wie es gegessen werden muss, als ob eine große Gemeinde, die mehr als ein Brot fürs Abendmahl braucht, nicht mehr eine Gemeinde wäre, sondern viele. Vielmehr verwendet Paulus den Ausdruck „ein Brot“ als Kurzform für die gemeinsame Feier des Abendmahls der ganzen Gemeinde. Paulus will auf Folgendes hinaus: Da wir beim Abendmahl alle gemeinsam an der Gemeinschaft in Christus teilhaben, schafft unsere Einheit in Christus den vereinten Leib Christi.

Mit anderen Worten: Das Abendmahl ist das bekräftigende Eideszeichen des neuen Bundes. Im Abendmahl bekräftigen wir unsere Zugehörigkeit zu Christus und zueinander. Und diese zweifache Bindung macht eine Gemeinde zur Gemeinde.

Die Ortsgemeinde in zwei Schritten

Gott erschafft die Ortsgemeinde in zwei Schritten. Im ersten Schritt erschafft er Christen. Wie geschieht das? Er schickt Prediger, die Christus verkündigen (Röm 10,14–17). Er schickt seinen Geist, damit einige der Hörer, Christus annehmen und bekennen können (1Kor 12,3). Er sorgt dafür, dass sein Wort in ihrem Leben wirksam ist und schenkt ihnen neues Leben in Christus (Jak 1,18). Gott erschafft seine Gemeinde, indem er sein Wort aussendet und seinen Geist schickt, um sein Wort wirksam zu machen. Gott erschafft ein Volk des Evangeliums, ein Volk, das durch den Glauben an Christus errettet wurde. Das ist der erste Schritt.

Wenn Menschen Christus annehmen, werden sie Glieder an seinem weltweiten Leib. Sie sind geistlich eins mit ihm. Damit jedoch eine Gemeinde entsteht, müssen Menschen nicht nur Christus annehmen, sondern auch zusammenkommen. Sie müssen zusammenkommen und das braucht eine Verbindlichkeit. Es entsteht nicht automatisch eine Ortsgemeinde, nur weil zwei oder mehr Christen in derselben Stadt oder im selben Raum sind. Sonst würde jedes Mal, wenn du beim Einkaufen einen anderen Christen triffst, eine neue Gemeinde entstehen und sich dann sofort wieder auflösen, wenn ihr euch trennt. Eine Gemeinde ist mehr als nur „Christen“ im Plural. Sie ist mehr als nur die Summe ihrer Teile. Es muss etwas geben, das die Menschen zusammenhält.

Ein Evangeliumsvolk und eine evangeliumsgemäße Struktur

Damit eine Gemeinde entsteht, muss daher ein Evangeliumsvolk eine evangeliumsgemäße Struktur bilden. Eine Gemeinde beginnt dann, wenn Christen sich verpflichten, gemeinsam eine Gemeinde zu sein. Doch das ist der zweite Schritt. Erinnern wir uns an das Beispiel der Ehe. Eine Ehe beginnt, wenn ein Mann und eine Frau sich fest aneinander binden und Ehemann und Ehefrau werden. Das Eheversprechen schafft die Ehe. Ebenso beginnt eine Gemeinde dann, wenn eine Gruppe von Christen sich aneinander bindet und sich verpflichtet, gemeinsam alles zu tun, was Jesus seinen Gemeinden geboten hat: sich zum Gottesdienst versammeln, einander in Liebe auferbauen, die Lasten des anderen tragen, gemeinsam Taufe und Abendmahl feiern.

Das alles bleibt Gottes Werk, weil seine Rettung und Stärke uns überhaupt dazu in die Lage versetzen, das Evangelium anzunehmen und Teil der Gemeinde zu werden. Gottes Werk und unser eigenes stehen in keinerlei Verhältnis. Wir können nur als Christen zusammenkommen, weil Gott uns überhaupt erst zu Christen gemacht hat. Gott erschafft eine Gemeinde, indem er Christen erschafft und in die Lage versetzt, sich an einander zu binden.

Taufe und Abendmahl

Doch wie genau zeigt eine Gruppe Christen diese Zugehörigkeit zueinander? Die Sakramente der Taufe und des Abendmahls spielen eine entscheidende Rolle. Im Abendmahl erklärst du öffentlich deine Zugehörigkeit zu Christus und zu seinem Volk. In der Taufe machst du deinen Glauben öffentlich. So zeigt ein neuer Gläubiger der Welt und der Gemeinde, dass er von nun an zu den Gläubigen gezählt wird. Mit anderen Worten: Die Taufe grenzt den Gläubigen von der Welt ab. In der Taufe sagt die Gemeinde der Welt: „Dieser Mensch gehört zu Jesus!“

Im Abendmahl bekräftigen wir unsere Zugehörigkeit zu Christus und zu seinem Volk. Doch anders als die Taufe ist das Abendmahl etwas, was wir alle zusammen tun. Das Abendmahl macht eine ganze Gruppe an Christen als einen Leib erkennbar und grenzt sie von der Welt ab. Und durch die Abgrenzung von Gemeinde und Welt ziehen Taufe und Abendmahl eine Grenze um die Gemeinde. Die Sakramente ermöglichen es, auf eine Gruppe zu zeigen und sie als „Gemeinde“ zu bezeichnen, anstatt auf viele einzelne Menschen zu zeigen und sie als „Christen“ zu bezeichnen.

Nehmen wir einmal an, ein Christ geht in eine neue Stadt, verkündigt dort das Evangelium und eine Handvoll Menschen kommt zeitgleich zum Glauben an Christus. Dieser neue Christ tauft jeden dieser Menschen. Wie und wann wird diese kleine Schar frisch getaufter Christen zur Gemeinde? Ich möchte meinen, dass die einfachste und zugleich unerlässlichste Antwort ist: wenn sie zusammen Abendmahl feiern. Wir erinnern uns daran, dass die Abendmahlsfeier unsere Zugehörigkeit zu Christus und zu einander ausdrückt. Den Segen, den Christus im Abendmahl schenkt, zu empfangen, bedeutet das Volk Christi als Brüder und Schwestern anzunehmen. Im Abendmahl selbst erklären wir die Zugehörigkeit zueinander, die aus einer „Handvoll Christen“ eine „Ortsgemeinde“ macht. Im Abendmahl selbst kommen wir als ein Leib zusammen. Wie Paulus sagt: „Denn es ist ein Brot, so sind wir, die Vielen, ein Leib; denn wir alle haben Teil an dem einen Brot“ (1Kor 11,17).

Ich halte es allgemein für weise, wenn Gemeinden ihr Abendmahlsverständnis von Anfang an klar ausdrücken, indem die Gemeindeglieder sich ein gegenseitiges Versprechen machen. Im Kongregationalismus und bei den Baptisten wird dieses Versprechen häufig als Bund mit der Gemeinde (church covenant) bezeichnet und wird teilweise von der ganzen Gemeinde vor dem Abendmahl gesprochen. Ich halte das für eine großartige Tradition. Es ist nicht so, als ob unsere verbindliche Erklärung unabhängig von unserer gemeinsamen Feier des Abendmahls bereits die Gemeinde schafft. Stattdessen macht diese ausdrückliche Erklärung des Bunds mit der Gemeinde lediglich explizit, was wir im Abendmahl implizit sagen. Die Worte einer solchen Erklärung erinnern uns und helfen uns, besser zu verstehen, was wir genau tun, wenn wir gemeinsam das Brot und den Wein empfangen.

Noch einmal: Ich denke, dass der Anfang einer Gemeinde ein wenig wie der Anfang einer Ehe ist. Dieser Vergleich ist natürlich unvollkommen, aber er bringt uns recht weit. Eine Ehe beginnt, wenn ein Mann und eine Frau das Ehegelübde sprechen, der Standesbeamte bzw. der Pastor sie offiziell als Eheleute bekannt gibt und das Ehepaar die Ehe vollzieht. Das Ja-Wort leitet die neue Beziehung ein, doch diese neue Beziehung wird erst dann bestätigt, wenn Ehemann und Ehefrau ihren Bund auch körperlich besiegeln.

Ebenso ist eine Versammlung von Gläubigen noch keine Ortsgemeinde, solange sie ihre Zugehörigkeit zueinander nicht mit dem gemeinsamen Abendmahl ausgedrückt haben. Wenn eine Gruppe an Gläubigen, die ansonsten nie eine Gemeinde sein wollten, gemeinsam Abendmahl feiert, dann sind sie nicht nur Jesus ungehorsam, sondern dadurch allein noch keine Gemeinde. Mit dem Abendmahl wird die Bindung aneinander praktisch vollzogen, die Christen zu einer Gemeinde werden lässt.

Wie schafft das Abendmahl eine Ortsgemeinde? Zusammen mit der Taufe sorgt das Abendmahl dafür, dass das Evangeliumsvolk evangeliumsgemäße Gemeindestruktur bekommt. Durch das Abendmahl kommen Christen zusammen, binden sich aneinander und überschreiten die Grenze von den „Vielen“ hin zur „Einheit“. Im Abendmahl schafft unsere Gemeinschaft mit Christus und die Gemeinschaft miteinander. Das Abendmahl macht aus Vielen eins.

Fantastisch einfach

Wie Gott die Gemeinde gestaltet, ist fantastisch einfach. Was ist erforderlich, damit eine Gemeinde entsteht? Die Verkündigung des Evangeliums, durch die ein Volk des Evangeliums entsteht, das in den Sakramenten des Evangeliums teilnimmt. Die Gemeinde ist die Form, in die das Volk Gottes vom Evangelium und seinen Sakramenten gegossen wird. Die Taufe bindet den Einzelnen an die Vielen und das Abendmahl macht die Vielen eins.

Taufe und Abendmahl meißeln das Evangelium in die Form und Struktur der Gemeinde. Was die Vielen eins macht, sind die Zeichen des Evangeliums. Wenn Christen zusammenkommen, um eine Gemeinde zu bilden, dann rücken sie nicht vom Evangelium weg, sondern gehen in die Tiefe.

Bobby Jamieson ist stellvertretender Pastor der Capitol Hill Baptist Church in Washington, DC.