Sechs Gründe, warum Evangelisation gut für die Nachfolge ist

Artikel von Brian Parks
24. Oktober 2019 — 22 min Lesedauer

„Evangelisation hat mein Leben verändert“, sagte mein Taxifahrer John auf der Schnellstraße in Orlando zu mir, wo ich eine Konferenz besuchen wollte. Wir waren schnell auf den Glauben zu sprechen gekommen, als er hörte, dass ich anders als die meisten seiner Fahrgäste nicht wegen Disney World in Orlando war.

„Wie meinen Sie das?“, fragte ich ihn. Ich war mir sicher, dass er mir von seinem Weg zum Glauben erzählen wollte. Aber das war nicht, was er gemeint hatte. Er meinte, dass es sein Leben komplett verändert hätte, als er selbst begonnen hatte, anderen von Jesus zu erzählen.

Er erklärte mir: „Als ich gelernt habe, meinen Glauben weiterzugeben, sind so viele wichtige Themen in mein Blickfeld gerückt. Ich musste auf einmal Themen durchdenken, über die ich davor noch nie nachgedacht hatte. Junge, Junge, du wirst nie das erste Mal vergessen, dass du jemanden zum Glauben an Christus geführt hast. Es ist, als ob man danach gar nicht mehr aufhören kann. Es gibt nichts Vergleichbares!“

Ich habe die belebende Kraft, die davon ausgeht, dass wir unseren Glauben weitergeben, die John hier bezeugt, selbst auf meinem Glaubensweg und in nunmehr 22 Jahren der Studentenarbeit und Gemeindeleitung immer wieder erleben dürfen.

Doch wie oft haben wir Jüngerschaft und Evangelisation als zwei getrennte und zusammenhangslose Aspekte unseres Lebens in Christus verstanden? Oder noch gefährlicher: Wie oft sehen wir Jüngerschaft als Notwendigkeit und Evangelisation als bloße Möglichkeit an? Und wie oft denken wir, dass Evangelisation nur eine Sache für die ganz Eifrigen und die „geistlich Begabten“ in unseren Gemeinden ist?

JEDER JÜNGER SOLLTE EVANGELISIEREN

Im Neuen Testament bietet sich ein ganz anderes Bild, bei dem es für jeden Nachfolger Christi normal und natürlich ist, das Evangelium weiterzugeben – Evangelisation ist dort so selbstverständlich wie Bibellesen, Gebet und Gottesdienst. Vom frischgebackenen Christen bis zum ergrauten und betagten Gläubigen ist es ein notwendiger und maßgeblicher Bestandteil eines wachsenden Glaubenslebens in Christus, das Evangelium weiterzugeben.

Viele von uns haben Predigten gehört und vielleicht sogar selbst gehalten, die sich ganz richtig auf das Thema des „Jünger-Machens“ im Missionsauftrag konzentriert haben (Mt 28,18–20). Und wir haben auch den Christen in unserem Umfeld beigebracht, dass sie selbst Menschen zur Nachfolge rufen sollen. Wir müssen aber klarstellen, dass zum „Jünger-Machen“ notwendigerweise auch gehört, dass wir Menschen helfen, Jünger zu werden, die noch gar keine Jünger sind – und das ist Evangelisation. Jesus hat es uns vorgemacht (Mk 1,14.15; Mt 9,5) und seinen Aposteln beigebracht, es ihm gleich zu tun (Mk 6,7–13; Lk 10,1–12). Nur wenige Tage nach dem Missionsauftrag beauftragte Jesus seine Jünger, „Zeugen [...] bis an das Ende der Erde“ zu sein (Apg 1,8).

Teil der Lehre der Apostel, an der die frisch mit dem Geist erfüllte Gemeinde beständig festhielt (Apg 2,42), muss das normale und regelmäßige Weitersagen des Evangeliums an Familienmitglieder, Freunde und Fremde gewesen sein. Angefangen bei diesen allerersten Wochen und Monaten nach Pfingsten wurden tagtäglich Menschen gerettet (Apg 2,47). Es war unmittelbarer Teil ihres neuen Lebens in der Nachfolge des auferstandenen Herrn Jesus, das Evangelium weiterzusagen.

DER NUTZEN VON EVANGELISATION FÜR DIE NACHFOLGE

Es folgen sechs Gründe, warum Evangelisation ein notwendiger Teil der Nachfolge ist, der uns hilft zu reifen Nachfolgern Christi heranzuwachsen.

  1. Wenn wir das Evangelium weitergeben, tragen wir dazu bei, dass es in der Mitte unseres Lebens und unserer Gemeinden bleibt.

Das Evangelium schafft die Gemeinde (Kol 1,5.6), ist die oberste Botschaft der Gemeinde (1Kor 15,1–3) und treibt unser Wachstum in Christus an (Phil 1,6). Darum sollten wir alles in unserer Kraft Stehende tun, damit das Evangelium im Mittelpunkt bleibt. Wir wissen, dass die Welt, unser Fleisch und der Teufel alles nur Mögliche tun, um es aus unserem Blickfeld zu rücken.

  1. A. Carson hat gesagt, eine Art das Evangelium zu bewahren sei, sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen, es anderen weiterzusagen. Evangelisation sorgt also dafür, dass die Evangeliumsbotschaft die treibende Kraft hinter unserem Glauben bleibt und wir so zu Christus hinwachsen.
  2. Wenn wir das Evangelium weitergeben, beginnen wir die elementarsten Wahrheiten der Schrift in der Tiefe zu verstehen.

Wenn wir mit Nichtchristen über das Evangelium sprechen, dann sind wir selbst gezwungen, uns genauer mit den zentralen, tragenden Wahrheiten von Gottes Wort auseinanderzusetzen. Themen wie das Wesen Gottes, die Heiligkeit und der Zorn Gottes, unsere Erschaffung im Bilde Gottes, Sünde, Gnade, das Kreuz Christi und das Gericht rücken in den Fokus der Aufmerksamkeit. Wir müssen diese Konzepte selbst durchdacht haben, um sie anderen Menschen, die sich möglicherweise in ganz anderen Lebenssituationen befinden, erklären zu können. Und wir verstehen dadurch selbst besser, wie sich diese Themen durch die ganze Schrift vom 1. Buch Mose bis zur Offenbarung ziehen.

Philemon 1,6 ist einer der Verse, die den Nutzen der Evangelisation für die Jüngerschaft am deutlichsten macht: „[Ich gedenke allezeit an dich in meinen Gebeten], damit deine Gemeinschaft im Hinblick auf den Glauben für Christus Jesus wirksam werde durch die Erkenntnis all des Guten, das in euch ist.“

Etwas zu wissen und es auch anderen erklären zu können, sind zwei grundverschiedene Dinge. Diese kostbaren Wahrheiten werden uns selbst immer klarer, wenn wir sie anderen erklären.

  1. Wenn wir aus der richtigen Motivation das Evangelium weitergeben, wächst unsere Liebe zu Gott und unserem Nächsten.

Alle Menschen sind aufgerufen, Gott und den Nächsten von ganzem Herzen zu lieben (Mk 12,28–31). Wenn wir aus Liebe zu Gott und den Menschen unseren Glauben weitergeben, entfachen wir diese Liebe umso mehr. Ich habe nie erlebt, dass die Evangelisation aus der richtigen Motivation das Gegenteil ausgelöst hat.

Wenn du selbst noch nie jemanden zu Christus geführt hast, dann kann ich dir lediglich die Freude beschreiben, die dich überkommt, wenn du siehst, wie die verändernde Kraft des Evangeliums erstmals im Leben eines Menschen am Wirken ist. Wenn ich sehe, wie sein Herz voll Trauer über seine Sünde ist, schmerzt mich meine eigene Sünde noch mehr. Wenn ich sehe, wie er in der Freiheit aufgeht, die wir durch Gottes Vergebung haben, möchte ich sie selbst noch viel mehr genießen. Das Privileg, einen anderen Menschen zu Christus zu führen, erinnert uns daran, dass Gott so viel mächtiger, heiliger und barmherziger ist, als wir es oft denken.

Außerdem hat Jesus angekündigt, dass einige Menschen das Evangelium und manchmal auch uns ablehnen werden, wenn wir ihnen die Hoffnung der Evangeliumsbotschaft schenken wollen (Joh 5,18–20). Wenn das passiert, tut es mir am meisten weh, zu sehen, wie die Sünde Menschen knechtet und blind macht. Mir steht das kommende Gericht mit noch größerer Dringlichkeit vor Augen. Und ich staune erneut darüber, warum Gott ausgerechnet mich gerettet hat, da ich doch genauso ein Sünder bin wie die Person, die gerade mich und das Evangelium abgelehnt hat.

  1. Wenn wir das Evangelium weitergeben, wecken wir unerwartete Fragen und Einwände bei Nichtchristen, die unseren eigenen Glauben stärken können.

Ich lebe jetzt schon gut zehn Jahre im Nahen Osten und meine Begegnungen mit Muslimen und anderen Nichtchristen haben durchweg meinen Glauben gestärkt, weil ich mich an Gott wenden musste, um weise Antworten auf ihre Fragen zu finden.

Auf dem Food Court im Shopping-Center neben meiner Arbeit habe ich nachmittags oft Bekanntschaften mit Muslimen geschlossen. Wir kommen häufig ganz natürlich auf Glaubensfragen zu sprechen und ich kann erklären, was Christen eigentlich wirklich glauben. Ich kann nicht immer alle ihrer Fragen sofort beantworten, doch, wenn ich mich damit an Gott und sein Wort wende, wird mein Glaube jedes Mal gestärkt. Wenn ich meinen Glauben mit anderen teile, werde ich Einwände zu hören bekommen und Antworten auf Fragen finden, die ich mir nie von allein gestellt hätte.

  1. Wenn wir das Evangelium weitergeben, erliegen wir nicht dem Trugschluss, dass alle unsere „christlichen“ Bekannten gerettet sind.

Menschen, die nicht gerettet und wiedergeboren sind, können keine biblische Nachfolge leben. Sie werden und können nicht von selbst in Heiligkeit und Gottesfurcht wachsen (Röm 8,5–8).

Die Gemeinde steht heute in der großen Gefahr, fälschlicherweise anzunehmen, dass Menschen, die sich selbst als „Christen“ bezeichnen oder ins Gemeindeleben eingebunden sind, in jedem Fall gerettet sind. Wenn wir leichtfertig sind, wen wir als „wiedergeboren“ ansehen, dann liegt das oft daran, dass unser Verständnis von Bekehrung sich nicht mit der Bibel deckt (vgl. Ausgabe des 9Marks Journal zum Thema Bekehrung). Manchmal hält uns auch unsere Menschenfurcht davon ab, einem bekennenden Christen zu nahe zu treten oder ihn zu beleidigen, indem wir in Frage stellen, ob er wirklich Christus vertraut.

Doch, wenn wir das Evangelium in unsere Alltagsgespräche einfließen lassen, werden wir immer wieder erleben, wie Namenschristen tatsächlich durch den Geist wiedergeboren werden.

Der Sämann streut die Saat reichlich aus, anscheinend ohne darauf Acht zu geben, wo sie hinfällt (an den Weg, auf felsigen Boden, unter die Dornen, auf gutes Erdreich; Mk 4,2–8). Auch wir sollten das Evangelium breit streuen, ohne Unterschiede zu machen, und es unserem souveränen Gott überlassen, unsere Worte zu gebrauchen, damit die Verlorenen gerettet und die Heiligen ermutigt werden.

  1. Wenn wir das Evangelium weitergeben, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass wir um des Evangeliums willen verfolgt werden, wodurch wir wachsen.

Es gibt einen Grund, warum ich nicht mit diesem „Nutzen“ angefangen habe! Lasst uns trotzdem über Römer 5,3–5 nachdenken:

„Aber nicht nur das, sondern wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen, weil wir wissen, dass die Bedrängnis standhaftes Ausharren bewirkt, das standhafte Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung; die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“

Obwohl wir das Leiden nicht um des Leidens willen suchen sollten, müssen wir doch bereit sein, um des Evangeliums willen zu leiden (2Tim 1,8; Röm 8,17). Wenn wir leiden, weil wir anderen das Evangelium weitersagen, dann sollte uns das sogar wie der frühen Gemeinde damals zur Ermutigung dienen (Apg 5,41). Den Glauben weiterzugeben, kann dafür sorgen, dass wir wegen des Evangeliums leiden und nicht deshalb, weil wir unkluge Entscheidungen getroffen oder anderen unnötig Anstoß gegeben haben. Das Leiden um der Verkündigung des Evangeliums willen kann unserem Glauben größere Tiefe verleihen, weil wir darin unseren leidenden Retter erkennen.

WARNUNG UND ERMUTIGUNG

Ein Wort der Warnung zum Ende: Sei vorsichtig, was evangelistische Programme angeht, wenn du Evangelisation von nun an stärker in deine Jüngerschaft eingliedern willst. Ich habe beschrieben, dass Evangelisation „natürlich und normal“ sein muss. Das Evangelium nur weiterzugeben, weil wir an einem Programm teilnehmen, entspricht nicht der biblischen Sicht von Evangelisation im Leben der Gläubigen. Wenn wir Evangelisation als Programm verstehen, dann trennen wir sie leicht von der Jüngerschaft und unserem täglichen Leben in der Nachfolge.

Wenn ein Kind Fahrradfahren lernt, muss irgendwann der Punkt kommen, an dem man die Stützräder abschraubt. Ebenso sind evangelistische Programme insofern in Ordnung, dass sie uns als Hilfsformen und -strukturen dienen, die uns übergangsweise helfen, Evangelisation zu einem natürlichen und normalen Bestandteil unseres Lebens zu machen.

Schlussendlich ist nichts so ermutigend für deine Gemeinde und deine christlichen Freunde, um selbst aktiv ihren Glauben weiterzugeben, wie zu sehen und zu hören, dass der leitende Pastor und die Ältesten ihren Glauben weitergeben. Schüler lernen am besten die Dinge, von denen ihr Lehrer begeistert ist. Für dich als Pastor bedeutet das: Wenn du davon begeistert bist, deinen Glauben weiterzugeben, dann wird deine Gemeinde lernen, begeistert ihren Glauben weiterzugeben. Und sie werden dadurch in der Nachfolge als Jünger Jesu wachsen.

Jesus sagte im Missionsauftrag zu seinen Aposteln: „So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, [...] und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe“ (Mt 28,19–20). Wenn wir also Menschen zu Jüngern machen, dann lasst uns darauf achthaben, dass wir sie alles lehren und in unserem eigenen Leben vormachen, was er uns befohlen hat – einschließlich der großen Freude und des wunderbaren Segens eines Lebens für das Evangelium.