Bitte werdet unsere Mentoren!

Artikel von Nick Batzig
28. Oktober 2019 — 8 min Lesedauer

Ein vorbildlicher Mentor

Es ist wahrscheinlich unmöglich, den Einfluss, den William Still auf eine Generation christlicher Prediger im zweiten Teil des 20. Jahrhunderts hatte, zu ermessen. Obwohl Still jetzt in der Herrlichkeit bei Christus ist, beeinflusst sein Dienst bis heute Prediger auf beiden Seiten des Atlantiks. Ich habe keinen Zweifel, dass das auch noch Jahrzehnte so weitergeht – vielleicht sogar Jahrhunderte. Sein 52 Jahre langer Dienst in der Gilcomston South Church in Glasgow, Schottland, hatte einen weltweiten Einfluss auf das auslegende Predigen und den pastoralen Dienst. Das hatte seine Ursache – zumindest zum Teil – darin, dass Still in das Leben vieler junger Männer investierte, die sich auf den christlichen Dienst vorbereiteten. Manche der begabtesten und beliebtesten Prediger in der ganzen Welt verbrachten Zeit in der Gilcomston South Church, um von Still zu lernen. William Still, könnte man sagen, war der Inbegriff eines christlichen Mentors.

Als junger Bibelschüler habe ich oft gehört, wie Sinclair Ferguson über den Einfluss sprach, den Still auf sein Leben und seine Vorbereitung auf den christlichen Dienst hatte. Indem er seine Wertschätzung und Dankbarkeit dafür zum Ausdruck brachte, wie dieser Mentor in ihn investiert hatte, entwickelte sich in meinem eigenen Herzen eine Sehnsucht danach, eine ebensolche Erfahrung zu machen.

Wir brauchen die Weisheit erfahrener Christen

Es schien jedoch zwei Hindernisse zu geben. Das erste war Angst vor Zurückweisung. Ich war zu schüchtern, um jemanden zu bitten, mich als Mentor anzuleiten, weil ich wusste, dass sie es ablehnen könnten. Das zweite war die Vermutung, dass sie kein Interesse daran hätten. Die christlichen Prediger, die ich am meisten bewunderte, schienen zu beschäftigt mit ihrem eigenen Dienst zu sein, um als Mentor für junge Männer zu dienen, die sich auf den christlichen Dienst vorbereiten. Egal wie richtig oder falsch diese Furcht war – und wie wahr oder falsch meine Vermutung war – eines steht fest: Ich fragte niemanden, ob er mein Mentor sein könnte, und es meldete sich auch freiwillig keiner. In vielen Gesprächen, die ich mit anderen christlichen Predigern über die Jahre geführt habe, hat sich herausgestellt, dass viele die gleiche Erfahrung gemacht haben.

Als ich heranwuchs, betete mein Vater immer wieder für uns, dass der Herr uns „weiser als unser Lebensalter“ macht. Der Herr beantwortet solche Gebete unter anderem, indem er weise und erfahrene Menschen als Mentoren in unser Leben führt. Wir brauchen unbedingt die Weisheit solcher Leute, die dazu gebraucht wurden, das Reich Gottes auszubreiten und die in Stürmen standgehalten haben. Isaac Newton hat es gut ausgedrückt: „Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Wenn das in Bezug auf das, was wir bekommen, wenn wir die Schriften derer lesen, die vor uns gelebt haben, stimmt, dann gilt das genauso für die Freundschaft und Wegweisung derer, die in unser Leben investieren.

Beispiele für Mentoren in der Bibel und Kirchengeschichte

Mentor zu sein ist eine biblische Idee. Ob im Gesetz, der Weisheitsliteratur, den Propheten, den Evangelien, der Apostelgeschichte oder den neutestamentlichen Briefen, biblische Beispiele für Mentoren gibt es zuhauf. Zum Beispiel war Mose der Mentor Josuas, David der Mentor Salomos (bedenke die zehn Vater-Sohn-Reden in den Sprüchen), Elia der Mentor für Elisa, Jesus für die Jünger, Petrus für Johannes Markus und der Apostel Paulus nicht nur für die Gemeinden, sondern auch für seinen geistlichen Sohn Timotheus.

Die Kirchengeschichte ist voller Beispiele, die die bedeutende Rolle von Mentoren verdeutlichen. Der Apostel Johannes war der Mentor für den frühkirchlichen Pastor und Theologen Polykarp, der wiederum Mentor für Iräneus von Lyon war. Ambrosius von Mailand war der Mentor von Augustinus von Hippo. Augustinus bekannte:

Dieser Mann Gottes nahm mich auf wie ein Vater und sah mit einer wohlwollenden und bischöflichen Freundlichkeit auf mich. Und ich fing an, ihn zu lieben wie einen Mann, der mir freundlich gesinnt war. Und ich gab eifrig acht auf seine Predigten. Ich hing gespannt an seinen Worten.

Hinter Martin Luther stand Johann von Staupitz. Johannes Calvin saß zu Füßen von William Farel. Die Liste kann immer weiter geführt werden.

Bitte werdet unsere Mentoren!

Wir brauchen unbedingt ältere, gottesfürchtige und weise Männer und Frauen, die ihre Wohnung, ihr Herz, ihren Verstand und ihr Leben aufopferungsvoll für junge Männer und Frauen öffnen. Wir brauchen Männer und Frauen, die uns lehren, was sie über die Jahre gelernt haben, und die ein Vorbild für uns sind, dem wir nacheifern können. Aber vielleicht brauchen wir noch mehr als das liebevolle ältere Männer und Frauen, die mit uns gemeinsam als Freunde durch die Herausforderungen gehen, denen wir im täglichen Leben und im christlichen Dienst begegnen. Bitte werdet unsere Mentoren!