Gottes Souveränität versus menschliche Freiheit

Artikel von R.C. Sproul
21. Oktober 2019 — 5 min Lesedauer

Gott ist vollkommen frei; das heißt, seine Freiheit ist unbegrenzt. Er ist souverän. Der häufigste Einwand gegen seine Souveränität ist, dass der Mensch nicht frei sein kann, wenn Gott wirklich souverän ist. Die Heilige Schrift gebraucht den Begriff Freiheit, um den menschlichen Zustand auf zwei gesonderte Weisen zu beschreiben: Zum einen als Freiheit von Zwang, wodurch ein Mensch frei ist, Entscheidungen zu treffen, ohne dazu gezwungen worden zu sein. Zum anderen als moralische Freiheit, die wir im Sündenfall verloren haben, wodurch wir zu Sklaven der bösen Impulse unseres Fleisches geworden sind. Humanisten glauben, dass ein Mensch nicht nur ohne Zwang von außen Entscheidungen treffen kann, sondern auch ohne jedwede natürliche Neigung zum Bösen. Wir Christen müssen auf der Hut sein vor dieser humanistischen oder heidnischen Sicht der menschlichen Freiheit.

Die christliche Sicht ist, dass Gott uns mit einem Willen geschaffen hat; mit der Fähigkeit, zu wählen. Wir sind willensmäßige Geschöpfe. Aber die Freiheit, die in der Schöpfung gegeben wird, ist begrenzt. Was unsere Freiheit letztendlich begrenzt, ist die Freiheit Gottes. Hier geraten wir in Konflikt mit der göttlichen Souveränität und der menschlichen Freiheit. Manche sagen, dass Gottes Souveränität durch die Freiheit des Menschen begrenzt würde. Wenn das der Fall wäre, dann wäre der Mensch souverän, nicht Gott. Der reformierte Glaube lehrt, dass die menschliche Freiheit real ist, aber begrenzt wird durch Gottes Souveränität. Wir können die souveränen Entscheidungen Gottes nicht durch unsere Freiheit überstimmen, weil Gottes Freiheit größer ist als unsere.

Die menschlichen Familienbeziehungen bieten dazu eine Analogie. Eltern üben Autorität über das Kind aus. Das Kind hat Freiheit, aber die Eltern haben mehr. Die Freiheit des Kindes begrenzt nicht die Freiheit der Eltern auf die gleiche Weise, wie die Freiheit der Eltern die Freiheit des Kindes begrenzt. Wenn wir zu den Eigenschaften Gottes kommen, müssen wir verstehen, dass Gott vollkommen frei ist.

Wenn wir sagen, dass Gott souverän ist, sagen wir etwas über seine Freiheit, obwohl wir dazu neigen zu denken, dass Souveränität etwas ganz anderes als Freiheit bedeute. Gott ist ein willensmäßiges Wesen; er hat einen Willen und trifft Entscheidungen. Wenn er Entscheidungen trifft und seinen Willen ausübt, tut er es auf souveräne Weise, indem er die oberste Autorität ist. Seine Freiheit ist vollkommen frei. Er allein hat höchste Autonomie; er ist sich selbst Gesetz.

Die Menschen streben nach Autonomie, nach unbegrenzter Freiheit; danach, niemandem Rechenschaft geben zu müssen. In gewisser Hinsicht ist genau das im Sündenfall geschehen. Der Teufel verleitete Adam und Eva dazu, sich nach Autonomie auszustrecken, so zu werden wie Gott und ungestraft zu tun, was immer sie wollen. Der Teufel startete eine Befreiungsbewegung im Garten Eden, um die Menschen von der Strafwürdigkeit, von der Rechenschaft vor Gott zu befreien. Aber Gott allein hat Autonomie.