Freundlicher theologischer Liberalismus

Eine bleibende Herausforderung

Artikel von Dan Doriani
29. September 2019 — 16 min Lesedauer

Jahrhundertelang sind liberale Theologen davon ausgegangen, es sei ihre Aufgabe, das Christentum dem „modernen Menschen“ schmackhaft zu machen. In den meisten Fällen teilt dieser moderne Mensch mit dem Theologen einen sehr ähnlichen Hintergrund und sozialen Status. Das Ziel des liberalen Theologen ist die Rettung des Christentums, die durch das Entfernen der jeweils anstößigsten Lehrsätze bewerkstelligt wird. 

Einmal ist es die Lehre der Sünde, die unakzeptabel ist; ein anderes Mal sind es Wunder; und noch ein anderes Mal ist es die Jungfrauengeburt, die stellvertretende Sühne oder die biblische Sexualmoral. Der Tenor allerdings ist immer derselbe: Um das Christentum glaubwürdig zu machen, müssen gewisse Lehrsätze weichen. 

Zwei Arten des Liberalismus 

Theologischer Liberalismus kann als eine Art der Bibelinterpretation definiert werden, die nicht durch orthodoxe Glaubenssätze oder Lehren gebunden ist. Dennoch lassen sich zwei Varianten des Liberalismus unterscheiden. 

Die erste Variante, der feindliche Liberalismus, hasst das Christentum und möchte es durch eine bessere Religion ersetzen. Die zweite – um die es in diesem Artikel geht – ist freundlicher. Sie möchte den Glauben retten und seine „kulturellen Verächter“ zurückgewinnen. Leider wird das Christentum in dem Rettungsversuch des freundlichen Liberalen zerstört, da seine Loyalität nicht der Schrift, sondern der Kultur gilt. 

Die Aufklärung kannte eine Reihe von feindlichen Liberalen: Männer wie Hume, Kant und Voltaire, die sich ganz direkt gegen ein orthodoxes Christentum aussprachen. Wunder waren für sie unmöglich, die Lehre der Sünde abstoßend und der Gedanke der Errettung durch Jesus verletzte das Prinzip, dass Wahrheit sich philosophischer Notwendigkeit und Universalität beugen muss. Für die Aufklärungsdenker ist Religion einfach nur Ethik.

Ein umdefinierter Jesus 

Freundliche Liberale beginnen damit, Jesus umzudefinieren. Die Suche nach dem „historischen Jesus“ unterscheidet den historischen Jesus von dem Christus des Glaubens.

Vier Elemente lassen sich in solchen Ansätzen meist ausmachen: 

  1. Jesus selbst war sich seiner Göttlichkeit nicht bewusst und behauptete niemals seine Präexistenz. 
  2. Allerdings verstand die Kirche Jesus als „göttlich“, deshalb müssen wir das auch
  3. Wir verstehen ihn auf eine Weise als „göttlich“, die der historische Jesus begrüßen würde. 
  4. Somit lehnen wir Jesu wahrhafte und vollkommene Gottheit ab. Er ist lediglich in dem Sinne „göttlich“, als dass ihm ein Bewusstsein von Gott innewohnte und in ihm prototypisch offenbart wurde. Seine „Göttlichkeit“ kann aber auch einfach bedeuten, dass er vollkommen offen für Gott war. 

Diese Elemente lassen sich in drei einflussreichen Liberalen der freundlichen Variante beobachten.

Drei bedeutende Vertreter 

1. Friedrich Schleiermacher (1768–1834) verstand sich selbst als Christ und war bestrebt, den Glauben durch das Entfernen der anstößigsten Ideen – vor allem der übernatürlichen Elemente – schmackhaft zu machen. Zu Schleiermachers Zeit begann die Romantik gerade damit, die Aufklärung zu verdrängen. Er wurde pietistisch erzogen, hörte aber von Gelehrten, die argumentierten, die Schrift passe sich ihrer jeweiligen Zeit an.  

„Schleiermacher rettete ein ‚emotionales‘ Christentum, indem er dessen Lehrsätze zerstörte.“

 

Schließlich versuchte Schleiermacher, den Glauben seiner Zeit anzupassen. In seiner frühen Schrift Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern versuchte er die Glaubwürdigkeit des Christentums in Universitätskreisen zu verteidigen. Sein Streben nach Anerkennung brachte ihn allerdings dazu, Wunder zu verneinen. 

Auf der Suche nach dem Wesen der Religion kam Schleiermacher zu dem Schluss, dass dieses nicht in rational verteidigten Lehren liege und auch nicht, wie die Aufklärung behauptete, in ethischen Regeln zu finden sei. Vielmehr mache – der Romantik entsprechend – das Gefühl den Wesenskern der Religion aus. Religion ist das Gefühl absoluter Abhängigkeit von Gott. 

Den dem Gefühl hingegebenen Romantikern erklärte Schleiermacher, dass es in der Religion genau darum gehe: um Gefühle, nicht um Lehre. Jesus, argumentierte er, sei ein überragendes und vorbildliches Gottesbewusstsein eigen gewesen. „Zu glauben“, so drückte er es aus, „bedeutet nicht an Christus zu glauben, sondern wie Christus zu glauben“. 

Schleiermacher rettete somit ein „emotionales“ Christentum, indem er dessen Lehrsätze zerstörte.

2. Adolf von Harnack (1851–1930) war der Sohn eines orthodoxen lutherischen Theologen und ein öffentlich bekannter Intellektueller. Genau wie Schleiermacher hatte Harnack es mit Studenten zu tun, die die christliche Lehre für überholt hielten. Dennoch war er bestrebt, den wahren Jesus zu finden und ihm zu folgen. In Das Wesen des Christentums verneinte Harnack die Möglichkeit von Wunderheilungen und auch Begegnungen mit dem Dämonischen tat er als Geisteserkrankungen ab, die in „Begriffen der Zeit“ erklärt würden. Dies alles mache die Geschichten aber nicht wertlos. In der Überwindung von Leid und in der Zuwendung zu den Elenden kündige Jesus „durch eine innerlich wirkende Kraft“ den Beginn einer neuen Zeit an. 

„Harnack rettete ein ‚ethisches‘ Christentum, indem er dessen Lehrsätze zerstörte.“

 

Das Wesen des Christentums liegt für Harnack in dem Vatersein Gottes, der Bruderschaft der Menschen und „dem unendlichen Wert der menschlichen Seele … die so veredelt ist, dass sie sich mit ihm vereinen kann und dieses auch tatsächlich tut“. Jesu Lehre steigere den „Wert der ganzen Menschheit“; schließlich erklärte Jesus ja, dass der Vater sich vorausschauend um die von ihm angenommenen Kinder kümmere. Harnack glaubte, dass seine Ideen die fruchtlose Verbindung von biblischer Liebes- und Gerechtigkeitsethik mit toten Lehren und religiösen Formen auflösen werden

Außerdem definierte Harnack die christliche Ethik neu, und zwar mit dem Ansatz, das Motiv für Moralität sei ein für Gott offenes Herz. Leider endete dieses offene Herz in deutschem Nationalismus. Während des Ersten Weltkrieges beriet er den deutschen Kanzler und glaubte, Liebe zum Heimatland und Religion seien identisch. Deutsche Größe, so Harnack, spiegele sich sowohl in dessen Armeen als auch der deutschen Gelehrsamkeit. Am Ende unterstützte Harnack öffentlich Deutschlands Kriegspläne. 

Harnack behauptete, dass niemand Gott so wie Jesus gekannt habe, was ihn vor allen anderen dazu befähige, seinen Mitmenschen Erkenntnis über Gott mitzuteilen. Im Hinblick auf Jesu Tod fragte Harnack kritisch: „Wie kann man einem einzelnen Ereignis dieser Art eine solche Bedeutung beimessen?“. Die Auferstehungsberichte tat er einfach als „unglaublich“ ab.

Harnack rettete somit ein „ethisches“ Christentum, indem er dessen Lehrsätze zerstörte. 

3. Rudolf Bultmann (1884–1976) argumentierte, die Welt sei ein geschlossenes Ursache-Wirkung-System. Dementsprechend müsse die Kirche Vorstellungen von Engeln, Dämonen, Wundern, der Inkarnation und der Auferstehung entmythologisieren. Der Kern der Wahrheit müsse in der Schale gefunden werden – der leeren Schale religiöser Ausdrucksformen vergangener Zeiten. Den Wahrheitskern hielt Bultmann für den Ruf zu einem authentischen, einem von den Massen abgetrennten Leben. Die wegwerfbare Hülle sei das dem modernen Menschen unzugängliche Übernatürliche. Um das Christentum zu retten, ist wiederum das Aufgeben gewisser Lehren notwendig. 

Bultmann rettete somit ein „existenziell authentisches“ Christentum, indem er dessen Lehrsätze zerstörte. 

Lehren für heute 

Um Glauben und Erfahrung in Einklang zu bringen, trennten alle drei Theologen das Christentum von seinen Lehren. In seinem wichtigen Aufsatz „Evangelicals Divided: The Battle Between Meliorists and Traditionalists to Define Evangelicalism“ beschreibt Gerald McDermott eine Reihe von Evangelikalen (die Melioristen), die ebenfalls eine „nicht intrinsisch an spezifische Lehrsätze gebundene“ Jesuserfahrung hochhalten. Sie halten „Lehre und Moral in letzter Instanz für unwichtig – solange Gläubige warme Gefühle für Jesus haben und sich für den Dienst in der Welt einsetzen“. 

Wenn aber Erfahrung zum Schlüssel wird, ist Offenbarung zwangsläufig außerhalb der Bibel anzusiedeln. 

Sollte McDermott richtig liegen, können Evangelikale den Liberalismus nicht als Irrweg abtun, den sie niemals betreten würden. Die Hinwendung zur Erfahrung führt einige Neo-Evangelikale schon jetzt dahin, Lehren wie die Sühne, Gottes Vorwissen, das Endgericht und die biblische Sexualmoral anzuzweifeln. 

„Es ist wichtig, dass wir begreifen, dass unsere Aufgabe in der Treue zum Glauben besteht, nicht in der Rettung des Glaubens.“

 

Auch wenn kein Evangelikaler Wunder oder die Auferstehung ablehnt, dürfen wir nicht meinen, dass wir die Fehler Schleiermachers oder Bultmanns nie wiederholen würden. Es kommt vor, dass auch selbsternannte Evangelikale behaupten, das Christentum zu retten, indem sie Lehrsätze anpassen, die ihre Zeitgenossen einfach nicht akzeptieren wollen. 

Jede Kultur hält gewisse Aspekte des christlichen Glaubens für unakzeptabel und gläubige Christen stehen immer in der Versuchung, dem jeweiligen Zeitgeist zu folgen. Das lässt sich beispielsweise an der starken Fokussierung vieler Christen auf die Wichtigkeit von Authentizität, persönlicher Erfüllung und Transparenz beobachten – anscheinend ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass derartige Ideale stärker von der Kultur als von der Bibel geprägt sein können. 

Es ist wichtig, dass wir begreifen, dass unsere Aufgabe in der Treue zum Glauben besteht, nicht in der Rettung des Glaubens. Darüber hinaus sollten wir dem Herrn dafür danken, dass wir die Lehren empfangen und angenommen haben, die er uns anvertraut hat.