Selbsteinschätzung zwischen Stolz und falscher Demut

Die Gemeinde verliert doppelt, wenn wir uns nicht angemessen einschätzen

Artikel von James Faris
7. Oktober 2019 — 12 min Lesedauer

Vielen von uns ist es unangenehm, wenn wir den Klang unserer aufgezeichneten Stimme hören. Genauso unangenehm ist es vielen von uns, selbst als Christen, wenn wir über unsere Fähigkeiten und Gaben nachdenken. Aber wir werden von Gott in Römer 12,3 aufgerufen, darüber nachzudenken:

Denn ich sage kraft der Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass er nicht höher von sich denke, als sich zu denken gebührt, sondern dass er auf Bescheidenheit bedacht sei, wie Gott jedem einzelnen das Maß des Glaubens zugeteilt hat.

Paulus schrieb diese Worte, nachdem er in Römer 1 bis 11 das Evangelium der erlösenden Gnade Gottes ausführlich beschrieben hatte. Im Anschluss ruft er die Christen in Römer 12,1–2 dazu auf, lebendige Opfer durch die Erneuerung ihres Denkens zu sein. In Vers 3 nun ermahnt Paulus, dass wir uns selbst richtig einschätzen sollen.

„Wir müssen sowohl prahlenden Stolz als auch falsche Demut vermeiden.“

 

Wie sollen wir also über uns denken? Paulus führt zwei Aspekte an. Auf der einen Seite dürfen wir nicht arrogant sein und unsere Gaben und Fähigkeiten überschätzen. Auf der anderen Seite müssen wir nüchtern sein und die Gaben angemessen wertschätzen, mit denen uns der Herr ausgestattet hat, und sie wirksam in aufopferungsbereitem Dienst einsetzen. Wir müssen sowohl prahlenden Stolz als auch falsche Demut vermeiden.

Wie kann echte Demut wachsen?

1. Wir müssen die Quelle unserer Gaben bedenken

Paulus fragte die Korinther: „Was besitzt du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest?“ (1Kor 4,7) Wir werden nicht zu hoch von uns denken, wenn wir erkennen, dass jede Gabe, die wir empfangen haben, aus der Hand Gottes kommt.

2. Wir müssen für andere beten, wenn sie ihre Gaben gebrauchen

Demut wächst, wenn wir bewusst für andere beten, während sie ihre Gaben einsetzen. „Jeder unter euch“ hat Gaben, nicht nur du. Paulus listet verschiedene Gaben, die Christus in seiner Gemeinde verteilt, in Römer 12,4–8 auf. Jeder von uns braucht den Dienst von anderen; keiner von uns hat alle Gaben. Jesus allein ist voller Gnade und Wahrheit; seine Begabung hat kein Maß, aber unsere schon. Wenn wir beten, dass Gott die verschiedenen Dienste der anderen Menschen in der Gemeinde segnet, und wenn wir sie darin ermutigen, wachsen wir darin, sie wertzuschätzen.

3. Wir müssen erkennen, dass der Herr uns zum Dienen ausgerüstet hat

Wir wachsen in Demut, wenn wir erkennen, dass der Herr uns ausrüstet, um anderen zu dienen. Jesus nutzte seine Position nicht für sich selbst aus, sondern er kam und diente uns auf demütige Weise. Wir sollten das Gleiche tun. Wenn wir den Sinn Christi haben und auf andere ausgerichtet sind, schmilzt unser Stolz. Lasst uns also einfach mit der Arbeit beginnen und die Fähigkeiten gebrauchen, die wir haben, um anderen zu dienen.

Wie kann eine gesunde Selbsteinschätzung wachsen?

Wie können wir lernen, angemessen über uns selbst und die Gaben, die Gott uns gegeben hat, zu denken? Wir irren uns in falscher Demut, wenn wir die Gaben nicht anerkennen, die uns gegeben worden sind oder sie nicht einsetzen, um dem Herrn und seinem Volk zu dienen. John Murray schrieb: „Wenn wir sie zu gering schätzen, dann weigern wir uns, Gottes Gnade anzuerkennen, und leben nicht aus, was Gott uns für unsere eigene Heiligung und die der anderen geschenkt hat.“ Folgende drei Hinweise können helfen, eine gesunde Selbsteinschätzung zu entwickeln:

1. Wir müssen Gott bitten, uns unsere Gaben zu zeigen

Um uns selbst richtig einschätzen zu können, müssen wir Gott bitten, uns deutlich zu zeigen, mit welchen Gaben er uns beschenkt hat. Dazu müssen wir Listen von Gaben wie diejenige in Römer 12,4–8 studieren. Dort sehen wir, dass Christus seinen Leib mit verschiedenen Gaben und Funktionen ausstattet: Dienst, Lehre, Ermahnung, Geben, Vorstehen, Barmherzigkeit üben. Indem wir uns dieser Arten von Kategorien bewusst sind, sollten wir den Herrn fragen: „Wozu bin ich durch deine Gnade befähigt?“ und „Was tue ich gern, womit ich deinem Volk dienen könnte?“

2. Wir müssen andere Geschwister bitten, uns zu helfen, unsere Gaben richtig einzuschätzen

Wir müssen unseren Brüdern und Schwestern zuhören und aufpassen, dass wir ihre Einschätzung nicht im Namen der Demut ablehnen. Dann müssen wir uns bemühen, die Gaben, die sie in uns sehen, weiter zu entwickeln. Christen, die auf den Rat anderer hören, sind meistens diejenigen, die im treuen Gebrauch ihrer Gaben wachsen. Gaben können sich über die Zeit auch verändern. Deshalb müssen wir immer wieder neu unsere Gaben einschätzen, um unseren Dienst anzupassen. Freunde sehen manchmal diese Veränderungen in uns, bevor wir es tun. Sprüche 19,20 sagt uns: „Gehorche dem Rat und nimm die Zurechtweisung an, damit du künftig weise bist!“

3. Wir müssen unsere Gaben einsetzen

Sobald wir beginnen, unsere Gabe zu kennen, müssen wir sie praktisch einsetzen und dem Herrn vertrauen, dass er uns in größere Klarheit führen wird. Wir müssen uns nüchtern einschätzen entsprechend „dem Maß des Glaubens, das Gott uns zugeteilt hat“. Obwohl dieser Satzteil schwer zu interpretieren ist, scheint es am besten zu sein, das „Maß des Glaubens“ so zu verstehen, dass damit die verschiedenen Weisen gemeint sind, wie unser Glaube entsprechend unserer besonderen Begabung ausgelebt wird. Nicht die Quantität oder die Stärke unseres Glaubens wird hier betont, sondern jeder muss Glauben ausüben, während er die einzigartigen Gaben einsetzt, die der Herr ihm gegeben hat. In den besonderen Umständen unseres aufopferungsvollen Dienstes vertrauen wir allein auf Christus, dass er uns führt. Im Glauben tun wir das, von dem wir wissen, dass wir es tun können, und wir vertrauen dabei dem Herrn, uns zu Weiterem zu führen.

Eine abschließende Warnung

Römer 12,3 enthält auch eine implizite Warnung. Die Gemeinde verliert gleich doppelt, wenn wir uns nicht angemessen einschätzen. Wenn wir die Gaben von anderen begehren und versuchen, auf eine Weise zu dienen, die nicht unserer Begabung entspricht, wird die Berufung und der Dienst, den wir selbstsüchtig ausüben, nur armselig erfüllt. Zugleich wird der Dienst, für den wir gut ausgerüstet sind, den wir uns aber weigern, zu tun, am Ende nicht oder auf schlechte Weise umgesetzt.

Um Gott durch die Ausübung unserer Gaben tiefgreifend zu erkennen, müssen wir uns selbst erkennen und uns selbst richtig einschätzen. Richtig über uns zu denken, kann unbequem sein. Aber wenn wir uns erkennen und unsere Gaben entsprechend des Vorsatzes Gottes einsetzen, werden wir mehr von Gottes Größe erfahren und den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus einmütig mit einem Mund  loben (Röm 15,6).