Wie sündhaft ist der Mensch?

Artikel von R.C. Sproul
10. Oktober 2019 — 4 min Lesedauer

Stell dir einen Kreis vor, der das Wesen der Menschheit widerspiegelt. Nun stell dir vor, dass wenn jemand sündigt, ein Fleck – ein moralischer Makel sozusagen – in dem Kreis erscheint, der das Wesen des Menschen verunstaltet. Wenn andere Sünden geschehen, erscheinen mehr Flecken in dem Kreis. Und wenn die Sünden sich weiter vermehren, wird irgendwann der ganze Kreis voller Flecken sein. Aber haben die Dinge diesen Stand erreicht? Das menschliche Wesen ist offenkundig beschmutzt durch die Sünde, aber die Debatte dreht sich um das Ausmaß dieser Verunreinigung. Die katholische Kirche vertritt die Position, dass das Wesen des Menschen nicht vollständig verunreinigt sei, sondern dass er eine kleine Insel der Rechtschaffenheit behalte. Die protestantischen Reformatoren des 16. Jahrhunderts bekräftigten jedoch, dass die sündhafte Verunreinigung und Verderbnis des gefallenen Menschen vollständig ist, wodurch wir vollkommen kontaminiert sind.

Es wird oft falsch verstanden, was die Reformatoren mit dieser Bekräftigung meinten. Der Begriff, der in der klassisch-reformierten Theologie oft für das menschliche Dilemma gebraucht wird, ist Vollständige Verdorbenheit. Menschen neigen dazu, allergisch zu reagieren, wenn wir diesen Begriff gebrauchen, weil es ein weitverbreitetes Missverständnis über vollständige Verdorbenheit und absolute Verdorbenheit gibt. Absolute Verdorbenheit würde bedeuten, dass der Mensch so schlecht, so verdorben wäre, wie er überhaupt nur sein kann. Ich denke, es gibt keinen Menschen in der Welt, der absolut verdorben ist, aber das kommt nur durch die Gnade Gottes und die zurückhaltende Kraft seiner allgemeinen Gnade. So viele Sünden wir auch begangen haben, wir hätten es schlimmer treiben können. Wir hätten öfter sündigen können. Wir hätten schwerere Sünden begehen können. Oder wir hätten eine größere Zahl von Sünden begehen können. Vollständige Verdorbenheit heißt demnach nicht, dass die Menschen so schlecht sind, wie sie der Vorstellung nach nur sein könnten.

Als die protestantischen Reformatoren von vollständiger Verdorbenheit sprachen, meinten sie damit, dass die Sünde – ihre Macht, ihr Einfluss, ihre Neigung – den ganzen Menschen betrifft. Unsere Leiber sind gefallen, unsere Herzen sind gefallen, unser Verstand ist gefallen – es gibt keinen Teil in uns, der den verheerenden Auswirkungen unseres sündhaften Wesens entgeht. Die Sünde beeinflusst unser Verhalten, unsere Gedanken und selbst unsere Kommunikation. Der ganze Mensch ist gefallen. Das ist das wahre Ausmaß unserer Sündhaftigkeit, wenn es durch den Standard und die Norm von Gottes Vollkommenheit und Heiligkeit gemessen wird.