Die Bibel ist nicht nur für Theologen

Wie die Klarheit der Schrift zum Lesen der Bibel ermutigt

Artikel von Andy Prime
12. November 2019 — 18 min Lesedauer

Ich habe erst mit 18 oder 19 richtig lesen gelernt. Ich meine: richtig Bücher lesen. Davor beschränkte sich mein Lesen auf die Speisekarte im Restaurant oder die Fußballergebnisse im Fernsehen. Doch dann las ich ein Buch, das mir richtig gut gefiel und mir wurde klar, dass die Sache mit den Büchern vielleicht doch keine ganz schlechte Idee ist.

Ein herausforderndes Buch

Bevor ich zu meiner Frage nach der Klarheit der Schrift komme, möchte ich anhand einer Episode aus meinem Leben verdeutlichen, das Bücher herausfordernd sein können:

Ein Bekannter schenkte mir einmal ein kleines Buch von einem smarten Typen namens John Owen (der außerdem für seine kniehohen Lederstiefel und etwas zu viel Wachs in den Haaren bekannt ist). Ich habe es regelrecht verschlungen. Danach habe ich den nächsten Buchladen aufgesucht, um nach weiteren Büchern dieses Autors zu suchen. Ich stieß auf ein Buch mit dem Titel Leben durch Seinen Tod: Das Sühneopfer Christi im Licht der Bibel. Ich kaufte es und nahm es mit nach Hause.

Auf der ersten Seite las ich in altem Englisch (also denkbar schlechte Voraussetzungen für einen guten Start zum Lesen, alte Sprache ist meist schwer zu verstehen):

„An den Leser: Wenn du gedenkst, weiterzulesen, dann lass mich dir raten, etwas innezuhalten. Wenn du, wie so viele in dieser Zeit, die auf den äußeren Schein bedacht ist, nur nach Bildern oder Überschriften jagst und an Bücher herangehst wie Cato ins Theater, nämlich um wieder fortzugehen, dann geh wieder – du hattest deine Unterhaltung und nun leb wohl!“

Mit anderen Worten: „Wenn du auf der Skala von Dummkopf bis Professor eher am vorderen Ende der Skala einzuordnen bist, dann leg das Buch vorsichtig zurück und lass es sein.“ Direkt auf der ersten Seite, im ersten Satz und in der ersten Zeile sagt man mir: „Geh wieder – du hattest deine Unterhaltung und nun leb wohl!“ John Owens Stimme, die mich durch die Jahrhunderte hinweg zu verspotten schien, klang mir im Ohr: „Andy, gib auf. In diesem Buch gibt es keine Bilder. Es ist zu schwierig für dich. Es ist einfach unerreichbar für jemanden wie dich. Geh lieber zurück zum Fernseher.“ Also klappte ich das Buch zu und las es nie wieder.

Kann die Bibel nur von Experten verstanden werden?

Damit komme ich aber zu meiner Frage: Gilt das auch für die Bibel? Ist die Bibel nur für Professoren, Experten, Intellektuelle und Supertheologen? Ist sie nur für John Owen und nicht für Andy Prime? Ist sie nur für Prediger und nicht für Gemeindemitglieder? Ist sie nur für die Mittelklasse? Kann die Bibel auch für die Sozialwohnungsblocks hier bei mir oder die Problemviertel in deiner Nähe gut sein? Ist sie zu schwierig? Ist sie unerreichbar für normale Leute und nur für einige Profis geschrieben worden?

Das Wort des Lebens

Lies einmal, was Gott in 5. Mose 30,14 spricht: „Das Wort ist sehr nahe bei dir.“ Mose steht hier vor Gottes Volk und atmet nach drei langen Predigten tief durch. Jetzt war das Volk höchstwahrscheinlich überfordert von der Menge des Gehörten. Doch Mose nutzt die Gelegenheit (5Mo 30,11–14), um seine vorherigen Predigten zusammenzufassen. Er nennt vier Aspekte. "Das Wort des Lebens", sagt er,

  1. "ist nicht zu kompliziert,
  2. ist nicht außerhalb unserer Reichweite,
  3. ist nicht unerreichbar weit oben im Himmel und
  4. ist nicht irgendwo hinter unserem Horizont."

„Gott sagt, dass sein Wort nicht zu kompliziert ist. Es ist nicht unzugänglich; es ist nicht lebensfern; es nicht unmöglich, es zu verstehen; es ist nicht lediglich für eine Elite von Intellektuellen; und es ist nicht nur für Priester, Pfarrer oder Pastoren.“

 

Um Gott zu kennen und sein Wort zu verstehen, musst du nicht irgendein geistlicher Superheld sein. Die Bedeutung des Wortes Gottes muss nicht den meisten Menschen verborgen bleiben. Die Bibel kann von jedem, nicht nur von einigen Superschlauen und Vielbelesenen erkundet werden.

„Das Wort ist sehr nahe bei dir.“ Diese Aussage ist ebenso einfach wie kurz. Die Bibel ist klar verständlich, weil Gott uns sein Wort wirklich nahegebracht hat. So nah, dass du es sehen und hören kannst; so nah, dass du es anfassen und verstehen kannst. Mose kann deshalb sogar fortfahren, dass Gottes Wort "in deinem Mund und in deinem Herzen" ist.

In 5. Mose ist wiederholt die Rede von „Nähe“. In 5. Mose 4,5–8 heißt es:

„Siehe, ich habe euch Satzungen und Rechtsbestimmungen gelehrt, so wie es mir der HERR, mein Gott, geboten hat, damit ihr nach ihnen handelt in dem Land, in das ihr kommen werdet, um es in Besitz zu nehmen. So bewahrt sie nun und tut sie; denn darin besteht eure Weisheit und euer Verstand vor den Augen der Völker. Wenn sie alle diese Gebote hören, werden sie sagen: Wie ist doch dieses große Volk ein so weises und verständiges Volk! Denn wo ist ein so großes Volk, zu dem sich die Götter so nahen, wie der HERR, unser Gott, es tut, so oft wir ihn anrufen? Und wo ist ein so großes Volk, das so gerechte Satzungen und Rechtsbestimmungen hätte, wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?“

Die Größe und Gnade Gottes zeigt sich darin, dass er sich seinem Volk naht. Der unendliche Gott gibt sich endlichen Menschen zu erkennen. Der Gott aller Weisheit gibt einem törichten Volk sein gutes Gesetz. Der Gott des Universums macht ein winziges, unbedeutendes Volk zum beneidenswertesten unter allen Völkern. Ein heiliger Gott kommt einem sündigen Volk nahe.

Der Kontext von 5. Mose zeigt, dass Mose bereits wusste, dass das Volk scheitern würde. Man musste es sogar erwarten; nicht, weil Gottes Gebote unverständlich für das Volk waren, sondern weil das Volk ihnen nicht gehorchen wollte. Aber neben der Erwartung, dass das Volk scheitern würde, weist der Kontext auch auf eine Verheißung Gottes hin. In 5. Mose 30,6 lesen wir: „Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, damit du lebst.“

Die richtige Reaktion auf das Gesetz war nicht superheldenstarker Gehorsam. Im Vertrauen auf die Verheißungen Gottes für die Zukunft war das Leben zu finden. Das Leben zu wählen (5Mo 30,19) bedeutete, Gott zu vertrauen, dass er seinem Volk aufgrund seiner Verheißungen nahekommt.

Das Wort Christi

Wenn du in der Bibel weiter vor blätterst und in der Heilsgeschichte vorspulst, dann wirst du ab Römer 10,8 auf die Erfüllung dieser Verheißung stoßen. Wir sehen, wie Paulus hier den Wortlaut von Mose aufgreift, um eine ähnliche, aber leicht weiterentwickelte Aussage zu machen. Er geht von der Klarheit des Wortes Gottes zur Klarheit Christi und der Errettung über. Paulus zitiert 5. Mose 30, um auf den Punkt zu bringen, worum es im Evangelium geht. So wie es in 5. Mose 30 nicht nur für Superhelden möglich war, das Gesetz im Mund und Herzen zu haben, so ist die Errettung in Römer 10 nicht nur Menschen mit geistlichen Superkräften vorbehalten.

Gottes Größe und Gnade zeigt sich in seinem Wort, weil wir darin klar und deutlich den Retter erkennen, der die Verheißungen erfüllt, die Gott gemacht hat. In Römer 10 richtet die Kamera den Autofokus mit höchster Auflösung auf Jesus. Du musst nicht hinauf in den Himmel steigen, wenn du Gott kennenlernen möchtest – Gott ist schon längst in Gestalt seines Sohnes zu dir hinuntergekommen. So nah ist er dir gekommen! Du musst nicht erst in die Tiefe hinabsteigen, um gerettet zu werden, weil Gott in Jesus schon längst ins Grab hinabgestiegen und wieder auferstanden ist, um uns neues Leben zu schenken. Es kann keine Unklarheit mehr geben!

Paulus macht deutlich, dass wir uns die Errettung nicht mit unserem eifrigen Bemühen, das Gesetz zu halten, erarbeiten können. Das ist viel zu schwer für uns. Er schenkt uns die Errettung aus Gnade. Wir sind keine Superhelden – und wir müssen es auch nicht sein. Gott ist uns in seinem Sohn, Jesus, dem Herrn, nahegekommen. Dieser Jesus, vollkommen Gott und vollkommen Mensch, war gehorsam, wo wir ungehorsam sind, starb wegen dieses Ungehorsams als Verfluchter, damit wir durch den Segen seines Gehorsams leben können. In ihm ist die Errettung uns nah, sie ist in unserer Reichweite und ist ohne Unterschied für alle zugänglich. Die Bedeutung der Klarheit der Schrift ist in der Klarheit der Rettung begründet. Die Schönheit der Klarheit der Schrift besteht in der Nähe des Retters.

Warum ist das wichtig?

Warum ist die Lehre von der Klarheit der Schrift so wichtig für unseren Dienst? Die meisten Menschen in deiner Nachbarschaft lesen vielleicht mehr als du und ich. Es wird aber auch einige Analphabeten und ungeübte Leser geben. Wir sollten dennoch nicht die Augen davor verschließen, dass Gott sich – vollkommen und endgültig – in einem Buch offenbart hat.

Wenn wir also mit Menschen im Gespräch sind, die es gar nicht gewohnt sind bzw. kein Verlangen danach haben, ein Buch zu lesen (oder dieses Buch zu lesen), können wir vollkommene Gewissheit haben, dass Gott nahe und dass Jesus klar erkennbar sein wird, wenn wir die Bibel aufschlagen. Natürlich wird es Dinge geben, die sie – wie auch wir! – nicht sofort verstehen. Das Westminster-Bekenntnis erklärt: „In der Schrift sind nicht alle Dinge in sich selbst klar“, d. h. einige sind schwerer zu verstehen als andere. Der Apostel Petrus gibt beispielsweise selbst zu, dass Paulus manchmal ziemlich schwer zu lesen ist: Was er schreibt, ist manchmal schwierig zu verstehen, aber nicht unmöglich, nicht völlig außerhalb der Reichweite.

Darum ist unser Dienst so eng an Gottes Wort gebunden. Es ist unsere Aufgabe, Gottes Wort zu predigen und zu verkündigen. Dann wird Gott durch seinen Heiligen Geist Augen öffnen, die Decke vom Herzen der Menschen wegnehmen und die Schuppen von ihren Augen fallen lassen, damit sie ihn sehen.