Predige für viele

Warum sich eine Predigt an Nichtchristen, Christen und Gemeindemitglieder richten soll

Artikel von Aaron Menikoff
8. Oktober 2019 — 45 min Lesedauer

An wen richtet der Prediger seine Predigt? Ich habe kürzlich einige Bücher zum Thema Predigt aus dem Regal gezogen und bemerkt, dass auf diese Frage nur selten eingegangen wird. Meistens geht es in diesen Büchern eher darum, wie wir unseren Predigtstil verbessern können.

Einige Autoren machen sich aber auch Gedanken über die Adressaten ihrer Predigten und konzentrieren sich dabei meist auf zwei Menschengruppen: gemeindeferne und postmoderne Menschen. James Emery White, Vorsitzender des Gordon-Conwell Theological Seminary und Pastor der Mecklenburg Community Church in Charlotte, North Carolina (USA), sagt beispielsweise, dass er sich ausdrücklich an Nichtchristen richtet. In einem Interview im Jahr 1999 antwortete White Folgendes:

Mecklenburg ist eine Gemeinde, die auf Suchende ausgerichtet ist. Die Gemeinde wurde mit dem Ziel gegründet, [...] gemeindeferne Menschen zu erreichen. Mit der Ausrichtung auf Suchende meine ich selbstverständlich, dass der Zugang zur Gemeinde bewusst für gemeindeferne Menschen gestaltet ist. So können wir sie in gewisser Weise dort abholen, wo sie sich gerade auf ihrer Sinnsuche befinden, oder ihnen helfen, sich aktiv auf die Suche zu machen. Denn nicht jeder, der nichts mit der Kirche am Hut hat, ist automatisch ein Suchender.“1

White versteht die Predigt als einen solchen „Zugang“. Deshalb hat er sich Männer wie Bill Hybels, Bob Russell und Rick Warren zum Vorbild genommen, deren Fähigkeit, gemeindeferne Menschen anzusprechen, besonders hervorsticht.2

Eine weitere Gruppe an Autoren betont, wie wichtig es ist, die Predigt an die postmoderne Mentalität anzupassen. Der ehemalige Pastor Brian McLaren sagt, dass seine eigenen Predigten seit 2001 von seiner Beobachtung geprägt waren, dass der postmoderne Mensch eine Selbstdarstellung und eine Analyse bis in alle Einzelheiten ablehnt und stattdessen Echtheit und das Erzählerische bevorzugt. Heute spielen für ihn daher in seinen Predigten Echtheit und das Erzählerische die Hauptrolle.3

Diese beiden Beispiele erfüllen einige von uns mit Besorgnis. Wenn ein Prediger versucht, sich seinen Zuhörern zu sehr anzupassen, macht er Abstriche bei der Botschaft, wie es in der sucherorientierten („seeker-sensitive church“) und postmodernen („emerging church“) Gemeinde zu beobachten war. Natürlich richtet der Prediger seine Predigt an echte Menschen: an gemeindeferne Menschen, an postmoderne Menschen, an Menschen jeden Hintergrunds, den wir uns nur vorstellen können. Die Herausforderung liegt darin, in der Predigtvorbereitung all diese verschiedenen Gruppen an Gottesdienstbesuchern zu bedenken. Dieser Artikel ist mein demütiger Versuch, genau das zu tun.

Ich möchte anregen, dass wir Pastoren uns in unseren Predigten an drei verschiedene Menschengruppen richten.

Richte dich an die Unbekehrten

Es ist in jedem Fall gut, an mögliche Nichtchristen, die im Gottesdienst sitzen, zu denken, selbst, wenn deine Gemeinde klein ist und nicht an jedem Sonntagmorgen Nichtchristen da sind. Meine Gemeinde ist nicht besonders groß, trotzdem gehe ich davon aus, dass einige meiner Zuhörer Christus noch nicht kennen. Einige sind nur Namenschristen, die sich zwar als Christen bezeichnen und seit Jahren in die Kirche gehen, aber nicht wiedergeboren sind und das neue Leben in Christus brauchen. Andere geben gar nicht vor Christen zu sein, sondern sind von Gemeindemitgliedern zum Gottesdienst eingeladen worden. Wieder andere sind vielleicht von sich aus gekommen, weil sie einen Flyer oder ein Gemeindeblatt bekommen haben oder weil sie auf die Website oder das Gebäude gestoßen sind. Mit anderen Worten: Es wird Nichtchristen unter den Zuhörern geben.

Was dann?

Erkläre das Evangelium

Der Prediger hat die Verantwortung, das Evangelium zu erklären, wenn er Gottes Wort austeilt. Paulus schreibt:

„Denn wenn du mit deinem Mund Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn mit dem Herzen glaubt man, um gerecht zu werden, und mit dem Mund bekennt man, um gerettet zu werden“ (Röm 10,9–10).

Wir sind Diener des Evangeliums. Das Evangelium muss nicht in jeder Predigt wortgleich erklärt werden. Doch unabhängig davon, wie der Pastor das Evangelium erklärt, sollte er an den Predigttext die Frage stellen: „Wie verweist der Text auf das Evangelium?“ Man muss kein Christ sein, um den Unterschied zu erkennen zwischen einer Predigt, bei der das Evangelium im Mittelpunkt steht, und einer Predigt, bei der es nur pro forma am Ende angehängt wird.

Meine Gemeinde liegt in der Nähe eines Predigerseminars und wir haben eine Menge angehende Pastoren bei uns, die häufig die Frage stellen: „Muss das Evangelium wirklich in jeder Predigt enthalten sein?“ Die Antwort ist aus zweierlei Gründen: „Ja!“ Erstens, weil wir durch das Evangelium jeden Bibeltext, vom 1. Buch Mose bis hin zur Offenbarung des Johannes, verstehen können. Zweitens, weil die unbekehrten Zuhörer verstehen müssen, was es bedeutet, „mit deinem Mund Jesus als den Herrn [zu bekennen] und in deinem Herzen [zu glauben], dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat“. (Auch Christen müssen das immer und immer wieder hören, um im Glauben wachsen zu können!) Selbst, wenn ein Nichtchrist das Evangelium schon dutzende Male gehört haben mag, hat Gott ihn doch heute hierhergeführt, damit er die Predigt hört. Also möchte ich, dass das Evangelium erneut sein Verständnis der Welt, der Sünde und der Errettung in Frage stellen kann.

Eines der wichtigsten Dinge, die ich als Pastor tun kann, ist das Evangelium klar und deutlich zu erklären.

Lege den Text aus

Pastoren, die sich bewusst sind, dass unter ihren Zuhörern auch Nichtchristen sind, können diesen am besten dienen, indem sie den Predigttext auslegen. Der Nichtchrist möchte wissen, warum wir das glauben, was wir glauben. Da unsere Lehre und unser Leben auf dem Wort Gottes gegründet sind, dienen wir gemeindefernen Menschen am besten, indem wir sie ehrlich, treu und klar auf die Schrift verweisen, so wie wir es mit Christen auch tun.

Es gibt heute eine ganze Bewegung von Autoren und Gemeindeleitern, die sagen, dass man am besten auf das postmoderne Denken von Gemeindemitgliedern und Gemeindefernen eingeht, indem man „erzählerisch“ oder „narrativ“ predigt. Sie argumentieren, dass die Menschen Geschichten hören wollen. Schön und gut, ich mag Geschichten. Unsere Auslegungspredigten sollten den gemeindefernen Zuhörern den roten Faden vermitteln, der sich durch die Bibel zieht, und der wiederum der rote Faden für Gottes Wirken an den Menschen ist, welcher wiederum den roten Faden für ihr eignes Leben darstellen soll. Pastoren sollten ihre Zuhörer mit ihren Auslegungspredigten nicht nur durch die ganze Bibel führen, sondern ihnen dabei außerdem ein Gefühl für das große Ganze von Gottes Plan vermitteln. Das sind echte „sucherorientierte“ Predigten!4

Die gleiche Bewegung sagt auch, dass das postmoderne Denken „Echtheit“ und „Authentizität“ liebt.  Echtheit ist mir ebenso wichtig. Es ist der perfekte Grund, auslegend zu predigen. Lass uns weniger auf die Verpackung und mehr auf den Inhalt achten: Was hat Jesus gesagt? Was hat Jesaja geweissagt? Was hat Paulus geschrieben? Und was haben die Antworten auf diese Fragen mit unserem Leben heute zu tun? Das ist es doch, was der unbekehrte Zuhörer, der in die Gemeinde kommt, hören möchte: die ungeschönte, biblische Wahrheit. Ob der Zuhörer am Ende mit dieser Wahrheit übereinstimmt oder nicht, ist eine Angelegenheit zwischen Gott und ihm; doch, was wir predigen, steht überhaupt nicht zur Debatte.5

Reiche dem Unbekehrten die Hand

Es gibt Zahlreiches, was wir tun können, damit unsere Predigten evangelistisch sind. Dem gemeindefernen Zuhörer kann es beispielsweise helfen, wenn der Prediger erklärt, dass die großen, fettgedruckten Zahlen die Kapitelangabe und die kleinen Zahlen die Versangabe sind. Genauso kann es helfen, wenn er auf das Inhaltsverzeichnis der Bibel verweist. Das kann besonders tröstlich in den Ohren eines unbekehrten Besuchers sein, wenn alle anderen sofort zu wissen scheinen, wo ausgerechnet Obadja zu finden ist.

Außerdem können provokative Einleitungen dem Nichtchristen eine Brücke bauen, die erklärt, warum der Predigttext für sie relevant ist. Vergangenes Jahr habe ich beispielsweise am Ostersonntag über Lukas 5,33–39 gepredigt, wo die Pharisäer empört sind, dass Jesu Jünger nicht fasten. Jesus antwortet darauf, dass die Hochzeitsgäste nicht fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist, und erzählt dann das Gleichnis vom neuen Wein in alten Schläuchen. Ich habe die Predigt überschrieben mit dem Titel: „Sind Christen glücklicher?“ Diese Einleitung war eine wunderbare Gelegenheit, um darauf einzugehen, dass wir in der Gegenwart des auferstandenen Bräutigams, Jesus Christus, wahre, bleibende und lebensverändernde Freude finden. Hat die Einleitung meinen christlichen Zuhörern geholfen? Ich hoffe doch, aber für mich waren diese zwei, drei Minuten eine Gelegenheit, um den unbekehrten Zuhörern, die ein bisschen mehr Hilfe brauchen, um zu verstehen, warum wir uns um Gottes Wort versammeln, die Hand zu reichen.

Zusammengenommen haben all diese „kleinen“ Angewohnheiten einen nicht zu vernachlässigenden Effekt auf die Gemeinde. Wenn die Gemeindemitglieder merken, dass der Prediger auch unbekehrten Zuhörern zugewandt ist, werden sie eher ihre nichtchristlichen Freunde mitbringen. Es ist ein Irrtum, dass eine Gemeinde, bei der das Evangelium im Mittelpunkt steht, nicht gleichzeitig „sucherorientiert“ sein kann.

Richte dich an die Bekehrten

So wichtig es ist, dass sich deine Predigt auch an Nichtchristen richtet, bleibt die Hauptaufgabe des Predigers am Tag des Herrn, den Christen zu predigen. Er soll die Ortsgemeinde auferbauen und die Gemeinde soll auf die Predigt achtgeben und bereit sein, sich Christus unterzuordnen, dem Haupt der Gemeinde. Die Ortsgemeinde ist unser hauptsächliches „Publikum“. Darum habe ich in meiner eigenen Predigtvorbereitung hauptsächlich die bekehrten Zuhörer im Sinn.

Wie sollte sich der Prediger demnach an Christen richten?

Die Predigt soll Christen ermahnen und korrigieren

Wir wissen aus dem 1. Johannesbrief, dass das Problem der Sünde im Leben der Gläubigen bestehen bleibt. „Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns“ (1Joh 1,10). In diesem Vers liegt eine gewisse Schärfe, als wäre sich Johannes bewusst, dass die Gläubigen versucht sind, ihre Sünde kleinzureden, ihre Heiligung hochzuhängen und den Herrn zu verleugnen. Außerdem schreibt Paulus: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2Tim 3,16). Wenn ein Hirte sich in seiner Predigt an die Christen richtet, dann wird die Wahrheit von Gottes Wort sie notwendigerweise sowohl ermahnen als auch zurechtweisen.

Kein Pastor will dafür bekannt sein, dass er Christen erniedrigend behandelt. Die Treue zur Schrift bringt allerdings mit sich, dass der Prediger zur angemessenen Zeit zurechtweisen muss. Das ist ein Grund, warum man nicht leichtfertig dem Ruf, Prediger zu werden, folgen sollte. Um diese Aufgabe treu auszuführen, müssen wir an jeden Predigttext die Frage stellen: „Wie ermahnt dieser Text den Christen und wie fordert er ihn heraus?“ Geht der Text gegen unser kümmerliches Gebetsleben, gegen Klatsch und Tratsch oder gegen Götzendienst an? Die Antwort kann auf die Situation der Ortsgemeinde oder auf die allgemeine Anwendung für alle Christen eingehen. In jedem Fall können Predigten, die nie ermahnen und zurechtweisen, nicht bibeltreu sein.

Die Predigt soll Christen ernähren und ermutigen

Glücklicherweise geht es nicht nur um Ermahnung und Zurechtweisung, wenn sich die Predigt an Christen richtet. Der Prediger hat auch die Aufgabe, die Gläubigen durch das Wort Gottes zu ermutigen und zu bestärken. Sie sind vollkommen auf das Wort Gottes angewiesen. Wie Jesus sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht“ (Mt 4,4; 5Mo 8,3). Das bedeutet, dass der Christ zur Predigt kommt, um sich an den Worten des Lebens satt zu essen.

Natürlich nährt sich der Gläubige auch unter der Woche vom Wort Gottes, aber die Predigt spielt dabei eine hervorgehobene Rolle. Denken wir an Titus 1,1–3, wo Paulus beschreibt, dass das ewige Leben in Gottes Wort durch die Verkündigung offenbar wird. Christen werden durch Predigten genährt und erhalten. Eine Frage, die wir an jeden Text stellen sollten, ist: „Wie erhält und ermutigt dieser Text den Christen, wie richtet er ihn auf?“

Wenige Dinge ermutigen mich mehr in meinem eigenen Predigtdienst als dieser Gedanke: Die Gemeinde versammelt sich, weil sie das Leben, das aus dem gepredigten Wort kommt, braucht und nicht, weil sie mich braucht! Mein Predigtdienst ist einfach nur die Aufgabe, die sie mir übertragen haben: nämlich meinen Zuhörern eine geistliche Mahlzeit zuzubereiten. Es ist ein Privileg, dass Gott mich gebraucht, um sein Volk mit seinem Wort zu erhalten, zu ernähren, zu hegen und aufzuerbauen!

Die Predigt soll Christen zur Heiligung und Stärkung dienen

Der Sohn betete, dass die Kinder des Vaters geheiligt und Christus ähnlich gemacht werden. Jesus wusste, dass seine Nachfolger vielerlei Leid und Verachtung dafür erleben würden, dass sie sein Wort empfangen hatten (Joh 17,14), aber er bat seinen Vater nicht darum, dass er die Seinen aus dieser Welt nehmen sollte. Vielmehr betete er für ihre Heiligung. Wie nehmen Christen an Heiligkeit zu? Jesus betete: „Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,17). Gottes Botschaft heiligt Gottes Kinder. Christen wachsen in der Heiligkeit, indem sie die Gute Nachricht und die ganze Schrift verstehen und leben (vgl. 2Tim 3,17). Das heilige Wort schafft ein heiliges Volk.

Und natürlich ist die Heiligung in erster Linie Gottes Tun. Er ist es, der im Leben der Gläubigen wirkt (Phil 2,13; Hebr 13,20–21) und dafür sorgt, dass Christen alles haben, was sie brauchen, um ihm Ehre zu machen und ihn zu verherrlichen. Genau das passiert, wenn er die Heiligen zusammenbringt und sie sich um sein Wort versammeln. Es überrascht daher nicht, dass sie sich „gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken“ (Hebr 10,24), wenn sie die Wahrheiten seines Wortes hören.

Prediger haben die herrliche Chance, dass Gott sie im Leben von Sündern gebraucht, um diese zu stärken, damit sie ein christliches Leben führen können. In Psalm 1 wird der glückselige Mann, der an Gottes Wort seine Freude hat, mit einem Baum verglichen, der an Wasserbächen gepflanzt ist: ein Baum, der stark ist und Frucht trägt. Dieses Bild ist nicht schwer zu verstehen. Ein Christ ist stark und bringt Frucht, wenn er mit dem Gesetz des Herrn gespeist wird und daran seine Freude hat. Die Predigt leistet ihren Beitrag, damit Christen über Gottes Wort nachsinnen. Obwohl der Prediger niemanden an die Wasserbäche pflanzen und ihnen Frucht schenken kann (das ist glücklicherweise nur Gottes Aufgabe durch den Geist), hat er doch das wundervolle Privileg, Gottes Volk mit Gottes Wort zu ernähren. Der Prediger kann wie die Wasserbäche im Psalm sein und Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr treu Gottes Wort austeilen und den Baum stärken.

Anders als der Buchhalter, der sieht, dass die Bücher am Ende des Monats ausgeglichen sind, und anders als der Chef, der sieht, dass sein Unternehmen, auf dem aufsteigenden Ast ist, kann der Prediger die Ergebnisse oft nicht sehen. Wer kann sagen, ob er je die Früchte seiner Arbeit oder die verwandelten Leben oder die Herzen, die er berührt hat, sieht? Die beste Arbeit des Pastors kann in diesem Leben gar nicht gemessen werden. Diese Früchte lassen sich nicht in Körbe sammeln. Trotzdem gibt es Früchte. Aus Gottes Gnade heiligt und stärkt das gepredigte Wort Gottes den Sünder und bereitet ihn auf Gottes Gnadenhandeln in seinem eigenen Leben vor.

Die Predigt soll Christen herausfordern und im Glauben wachsen lassen

Wer Jesus nachfolgt, muss die Schrift und ihre Bedeutung immer besser verstehen. Doch Christen sind häufig viel zu nachlässig damit, wie sie Predigten „verdauen“, anders als die Beröer in Apostelgeschichte 17, die genau prüften, ob das Gehörte wahr sei. Solide Auslegungspredigten fordern die Nachfolger Christi heraus, indem sie ihnen etwas zum Nachdenken und zum selber Prüfen geben. James W. Alexander kritisierte flache Predigten einmal folgendermaßen:

„Wir finden in diesen Predigten viele wertvolle, biblische Wahrheiten, viele originelle und ansprechende bildliche Veranschaulichungen, viel gesunden Menschenverstand, viele treffende Ermahnungen und große Salbung. An sich und stilistisch als Kanzelreden betrachtet gibt es augenscheinlich kaum etwas auszusetzen; doch als Auslegung der Schrift sind sie wertlos. Sie klären keine Verständnisschwierigkeiten bei der Argumentation der von Gott inspirierten Autoren auf; sie stellen das Thema nicht in seinen größeren Zusammenhang; sie werden vielleicht ein Leben lang wiederholt, ohne im geringsten dafür zu sorgen, dass die Gemeinde die Gewohnheiten einer gesunden Interpretation erlernt.“6

Eine Predigt muss nicht verkopft oder schwer verständlich sein, um Christen herauszufordern und ihnen zu helfen, im Glauben zu wachsen (das wäre ohnehin sinnlos und nicht bibeltreu!). Dennoch kommen Predigten, die Christen herausfordern und ihnen helfen, im Glauben zu wachsen, von Männern, die sich in den Predigttext versenkt haben. Ein Pastor, der seine Predigt gründlich und ausführlich vorbereitet, muss sich fast gar nicht mehr die Frage stellen: „Wie fordert dieser Bibeltext den Christen heraus und wie hilft er ihm, im Glauben zu wachsen?“, so sehr ist Gottes Wort darauf geeicht, Gottes Willen auszurichten (Jes 55,10–11). Seine Mühen werden Frucht bringen, wenn die Gemeinde den Lohn für seine sorgfältige Vorbereitung erntet.

In meiner Gemeinde strecken wir uns danach aus, der Bibel treu zu sein und zwar egal, ob wir nur über einige Verse predigen oder ein ganzes Buch in einer Predigtreihe behandeln, wie ich es vor kurzem mit Hiob getan habe. Das erste Mal seit Jahren zählen wieder Studenten zu den Gemeindemitgliedern, weil die Predigt sie herausfordert, in ihrem Glauben zu wachsen. Ein älteres Ehepaar erzählte mir kürzlich, dass sie gerne in den Gottesdienst kommen, weil sie danach beim Mittagessen die Predigt aufgreifen und gemeinsam geistliche Themen besprechen können. Ich glaube kaum, dass irgendjemand behaupten würde, dass wir unheimlich gut darin sind, mit der Welt zu kommunizieren und niemand würde je behaupten, dass meine Predigten besonders aufregend sind. Wir haben viel Entwicklungspotential. Doch aus Gottes Gnade schließen wir Gottes Wort auf – und das ist wiederum aufregend und verändert Menschenleben.

Der Christ wünscht sich, dass die Predigt bibeltreu ist, d.h., dass die Predigt ermahnt und zurechtweist, nährt und ermutigt, heiligt und stärkt, herausfordert und beim Heranwachsen im Glauben hilft.

Wir haben bereits erörtert, dass die Predigt sich sowohl an Nichtchristen als auch an Christen richten. Hier könnte ein guter Endpunkt sein, oder? Doch Prediger müssen sich noch einer weiteren Menschengruppe bewusst sein: der Gemeindemitglieder.

Richte dich an die Gemeindeglieder

In den meisten Gemeinden besteht der größte Teil der Predigthörer aus den Männern und Frauen, die sich an diesen Ort, an diesen Dienst und aneinander gebunden haben. Sollte das für dich beim Predigen eine Rolle spielen? Ich denke schon.

Paulus beschreibt die Gemeinschaft der Heiligen in Kolossä folgendermaßen: Die Gemeindemitglieder halten fest „an dem Haupt, von dem aus der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengehalten, heranwächst in dem von Gott gewirkten Wachstum“ (Kol 2,19). Sie folgten nicht nur jeder einzeln Christus nach, sondern sie waren gemeinsam Nachfolger Christi und in der Gemeinde in Kolossä verwurzelt und wuchsen in dem von Gott gewirkten Wachstum heran. In Kolosser 3,15–16 sagt Paulus ferner: „Und der Friede Gottes regiere in euren Herzen; zu diesem seid ihr ja auch berufen in einem Leib; und seid dankbar! Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander und singt mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern dem Herrn lieblich in eurem Herzen.“ Wir sehen, dass Paulus diese Ortsgemeinde als einen Leib anspricht und die Gemeindemitglieder daran erinnert, dass sie durch das Wort Christi vereint sind. Das geschieht, wenn sie sich versammeln, um gemeinsam die Schrift zu singen und auf die Predigt der Schrift zu hören.

Paulus richtet sich hier nicht an die Kolosser als einzelne Christen, sondern als gemeinsame Mitglieder einer bestimmten Gemeinde. Ihre Versammlung bewirkte die Einheit unter ihnen – und zwar nicht wegen der örtlichen Nähe zueinander, sondern weil das Wort Christi reichlich unter ihnen wohnte, indem sie dieselbe Lehre und Ermahnung empfingen. Sie standen unter derselben Obrigkeit, weil sie Christus als ihr Haupt anerkannt hatten.

Ebenso ist es mit der Ortsgemeinde heute. Auch heute entsteht die Einheit in der Gemeinde unter anderem durch die Predigt von Gottes Wort. Johannes Calvin bringt dieses Argument an, als er das Amt des Predigers beschreibt. Der Prediger ist einer, der Einheit im Leib hervorruft. In seinem Kommentar über die eine Hoffnung der Gemeinde, den Herrn, den Glauben und die Taufe in Epheser 4 schreibt Calvin:

„Mit diesen Worten zeigt Paulus, dass der Dienst der Männer, die Gott gebraucht, um seine Gemeinde zu führen, ein entscheidendes Band ist, dass die Gläubigen als einen Leib zusammenhält [...].  [Gott] wirkt darin folgendermaßen: Er teilt seine Gaben durch seine Diener an die Gemeinde aus und zeigt so seine Gegenwart unter der Gemeinde, indem er die Kraft seines Geistes ausübt; und er bewahrt sie davor, sinnlos und ertraglos zu werden. Auf diese Weise werden die Heiligen erneuert und der Leib Christi auferbaut. Auf diese Weise wachsen wir in allen Stücken heran zu ihm hin, der das Haupt ist, und werden miteinander zusammengefügt. Auf diese Weise werden wir in die Einheit mit Christus geführt und solange die Weissagung sich ausbreitet, heißen wir seine Diener willkommen und verachten seine Lehre nicht. Wer nun versucht, dieses Muster der Gemeinde abzuschaffen, oder es als unwichtig abtut, der sinnt darauf die Gemeinde ins Verderben zu stürzen.“7

Warum sollte man sich so viele Gedanken über die Gemeindemitglieder als einen Leib machen, wenn viele Gemeinden gerade dadurch wachsen, dass sie den Nichtmitgliedern die größte Aufmerksamkeit schenken? Nun, weil die Bibel sich so ausführlich mit den Menschen auseinandersetzt, die Teil einer Ortsgemeinde sind, wie wir in den neutestamentlichen Briefen sehen. Das Christentum wurde in einem Kontext gelebt, in dem Menschen aus den verschiedensten Hintergründen das Evangelium weitergaben – das war die Gemeinde. Das hatte radikale Auswirkungen. Und wie Paulus schreibt: „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“ (1Kor 12,26). Es ist eine praktische, anpackende Gemeinschaft, in der einer sein Leben mit dem anderen teilt.

Wenn wir biblisch predigen wollen, dann sollten wir uns regelmäßig nicht nur an den einzelnen Christen richten, sondern an den Einzelnen als Mitglied der Ortsgemeinde, der sich an die anderen Mitglieder gebunden hat. Gehe an jeden Text mit der Frage heran: „Was bedeutet diese Bibelstelle für unser gemeinsames Leben als Glaubensgemeinschaft?“ Vielleicht erscheint es dir merkwürdig, dich nur an die Gemeindemitglieder zu richten. Doch welch überzeugender Anblick der Gemeinde muss es für die Gemeindefernen und die Christen mit einer losen Beziehung zur Gemeinde sein, die sich nicht binden wollen! Der Pastor zeigt seine Wertschätzung für die Christen, die Mitglieder der Gemeinde geworden sind, und mehr noch: Er zeigt seine Liebe zum Wort Gottes, das die Mitglieder seiner Gemeinde vereint, wenn er sie in seiner Predigt direkt als Gemeinschaft anspricht.

Zusammenfassung

In meinem Nachdenken über die Frage, an wen der Prediger seine Predigt richtet, klingen in mir die Worte von Peter Adam wieder. Der australische Pfarrer von St. Jude‘s, Carlton schreibt: „Wenn wir Diener Gottes und Diener Christi sind und somit Diener seines Wortes, dann sind wir als Prediger auch dazu berufen, Diener des Volkes Gottes zu sein.“8

Ja, ich halte es für wichtig, dass wir als Prediger auch auf gemeindeferne Zuhörer eingehen. Doch, wenn wir nur auf die Gemeindefernen abzielen, dann kann die Botschaft verlorengehen oder so verwässert werden, dass Gottes Volk unterernährt wird. Das wünscht sich keiner von uns. Es ist wichtig, dass wir in unseren Predigten auch Gemeindeferne im Blick haben. Doch es ist noch wichtiger, dass wir den Fokus hauptsächlich auf Christen richten und uns regelmäßig an unsere Gemeindemitglieder wenden.

Fußnoten

1 „Preaching to the Unchurched: An Interview with James Emery White” in Preaching with Power: Dynamic Insights from Twenty Top Communicators, Hrsg. Michael Duduit (Grand Rapids, MI: Baker Books, 2006), S. 227.

2 Ibid., S. 230.

3 „Preaching to Postmoderns: An Interview with Brian McLaren” in Preaching with Power: Dynamic Insights from Twenty Top Communicators, Hrsg. Michael Duduit (Grand Rapids, MI: Baker Books, 2006), S. 126–27.

4 Folgende Bücher können dem Prediger helfen diesen Erzählstrang richtig und verständlich auszulegen: The Symphony of Scripture: Making Sense of the Bible’s Many Themes (1990) von Mark Strom; Gottes Plan – Kein Zufall! (2011) von Vaughan Roberts; und Gospel and Kingdom , mittlerweile Teil der Goldsworthy Trilogy (2000). Diese Einführungen in die biblische Theologie helfen dir, die Einheit der Schrift deinen Zuhörern die Einheit der Schrift zu vermitteln, wenn du durch die Bibel predigst.

5 Siehe hierzu Mark Devers Kapitel über Auslegungspredigten in 9 Merkmale einer gesunden Gemeinde (3L, 2009).

6 J.W. Alexander, Thoughts on Preaching (Carlisle, PA: Banner of Truth, 1975), 239.

7 John Calvin, The Institutes of the Christian Religion, Hrsg. Toney Lane und Hilary Osborne (Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1986), S. 245. [auf Deutsch verfügbar als: Unterricht in der christlichen Religion – Institutio Christianae Religionis]

8 Peter Adam, Speaking God’s Words: A Practical Theology of Expository Preaching (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1996), S. 130.