Jesus befähigt uns, genügsam zu sein

Eine kurze Betrachtung von Philipper 4,13

Artikel von Tyler Kenney
15. Oktober 2019 — 10 min Lesedauer

Wann war das letzte Mal, als du einen Sportler gehört hast, der nach einem großen Sieg sagte: „Ich vermag alles durch den, der mich stark macht“? Im Sport geschieht es ab und zu, dass Christen bei einem Sieg Philipper 4,13 zitieren, aber wir hören es selten von der Seite, die verloren hat. Dieses Phänomen ist am offensichtlichsten im Sport, aber es kann auch in anderen Bereichen beobachtet werden. Warum hören wir diesen Vers nur im Kontext des Gewinnens? Ist das das Ausmaß seiner Anwendung?

Wir assoziieren diesen Vers mit dem Gewinnen, weil das Verb „vermag“ wie ein Erfolg klingt. Verlieren ist dagegen typischerweise das Ergebnis davon, etwas nicht getan oder vermocht zu haben. Also macht es Sinn, wenn wir „ich vermag alles“ hören und es mit dem Gewinnen verbinden, weil Gewinner etwas vermocht haben.

Wenn ein Sieger zum Zeitpunkt des Triumphs die Ehre für die Kraft zum Erfolg Christus zuschreibt, dann ist das eine angemessene und gute Sache. Aber es wäre ein Fehler, aus solchen Momenten zu schließen, dass dieser Vers nur den Siegern gehört. Keiner sollte denken, dass, wenn er keine Erfolgsgeschichte schreibt, Jesus nicht mit ihm wäre oder Gott nicht so viel Gefallen an ihm hätte, denn Paulus hat das offensichtlich nicht gemeint.

Paulus schrieb seinen Brief an die Philipper aus einer Gefängniszelle in Rom. Ein Gefängnis ist kein Ort für Sieger, zumindest nicht wie die Welt sie definiert. Natürlich erhielt Paulus seine Definitionen nicht von dieser Welt. Sein „vermögen“ war mehr als bloß „gewinnen“, und sein „alles“ umfasste mehr, als was in Trophäen oder an der Wand im Büro verewigt werden kann.

Die Umstände seiner Gefangenschaft hätten jeden Menschen niedergeschlagen, wenn er nur auf seine eigene Kraft geworfen wäre. Und als ob es nicht schon genug war, gefangen zu sein, versuchten unaufrichtige Prediger, ihm weitere Schmerzen zu bereiten (1,17), er hatte „Bedrängnis“ durch mangelnde Versorgung (4,14) und der Tod schien genauso wahrscheinlich wie die Freilassung (1,20). Aber statt Gott zu verlassen oder gegen ihn zu murren im Schmerz, dem Hunger oder der Furcht, war Paulus in seinen Umständen im Frieden. Paulus „vermochte es“, genügsam zu sein. Und das Geheimnis für diesen unerklärlichen Erfolg – der Grund für sein geduldiges Ausharren in einer hoffnungslosen Situation – war der Glaube an Christus:

Nicht wegen des Mangels sage ich das; ich habe nämlich gelernt, mit der Lage zufrieden zu sein, in der ich mich befinde. Denn ich verstehe mich aufs Armsein, ich verstehe mich aber auch aufs Reichsein; ich bin mit allem und jedem vertraut, sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden. Ich vermag alles durch den, der mich stark macht, Christus. (4,11–13)

Man beachte, was Paulus in den Ausdruck „alles“ packt, während er Vers 13 aufbaut: „zu hungern“, „Mangel zu leiden“ und „arm zu sein“. Das Ausmaß dessen, was Paulus durch Christus vermag, umfasst Zeiten des Mangels und der Demütigung. Als er sein Leben „verliert“, ist Paulus dennoch zufrieden, weil er weiß, dass Gott weiterhin mit ihm ist.

Deshalb sollten Sportler und Christen, die Niederlagen erleiden, in jedem Fall Vers 13 annehmen, genauso wie ein Sieger: Jesus begleitet und stärkt sein Volk inmitten von Verlust, Problemen und Herzschmerz genauso wie in Zeiten des Erfolgs und Wohlstands. In diesem Sinn hallen in den Worten von Paulus in Philipper 4,13 die Worte von Habakuk von vor fast sieben Jahrhunderten vorher wider: „Denn der Feigenbaum wird nicht ausschlagen und der Weinstock keinen Ertrag geben. […] Ich aber will mich freuen in dem HERRN und frohlocken über den Gott meines Heils! GOTT, der Herr, ist meine Kraft“ (Hab 3,17–19). Habakuk „vermochte es“, sich in Gott zu freuen trotz seiner verzweifelten Situation, weil er die Kraft seines Retters kannte.

Aber wir sollten auch nicht übersehen, dass in der Kategorie „alles“ von Paulus auch Zeiten des Reichseins und des Überflusses genannt werden. Christus muss sein Volk auch in den leichteren Zeiten erhalten, weil die Versuchung, Gott zu vergessen, nicht nur dann aufkommt, wenn seine Segnungen fehlen, sondern auch, wenn sie reichlich da sind.

Es ist nicht intuitiv, zu denken, dass wir Hilfe brauchen, um mit Überfluss umzugehen. Aber der Versuchung in leichten Zeiten zu entsagen, Gottes Segen als gegeben anzunehmen, sich selbst den Erfolg zuzuschreiben und die Gaben zu verehren statt den Geber, benötigt göttlicher Hilfe, wenn wir treu bleiben wollen. Deshalb muss jeder, der Christus die Ehre gibt, sobald sich Erfolg einstellt, weiterhin auf ihn vertrauen, damit er den nicht vergisst, der den Erfolg gegeben hat.

„Philipper 4,13 lehrt uns, dass unser Herr Jesus uns durch den Glauben an ihn befähigt, in Genügsamkeit auszuharren, …“

 

Philipper 4,13 lehrt uns, dass unser Herr Jesus uns durch den Glauben an ihn befähigt, in Genügsamkeit auszuharren, egal in welche Umstände er uns gestellt hat, von dem Druck des Armseins bis zum prüfenden Feuer des Wohlstands. Statt ein Motto nur für „siegreiche“ Christen zu sein, ist der Ausspruch „Ich vermag alles durch den, der mich stark macht“ das beständige Panier jedes Soldaten in der Armee des Herrn. Egal, ob wir über die Gipfel marschieren oder durch die Täler trotten, können wir genügsam sein in dem Herrn, weil er immer bei uns ist, für uns sorgt und uns auf liebende Weise zum letztendlichen Sieg führt.