Die Begrenzung unserer Niedergeschlagenheit

Wie die Freude des Christen auch schwierigste Zeiten überdauert

Artikel von R.C. Sproul
8. Oktober 2019 — 9 min Lesedauer

Die dunkle Nacht der Seele ist eine Not, die die größten Christen erlebt haben. Diese Not führte David dazu, sein Kissen mit Tränen zu benetzen und trug Jeremia den Namen „der weinende Prophet“ ein. Sie traf einen Martin Luther so stark, dass seine Melancholie ihn zu zerstören drohte. Es geht nicht um den Anflug einer Depression, wie ihn wohl manch einer kennt, sondern um eine Niedergeschlagenheit, die mit einer tiefen  Glaubenskrise einher geht, weil man sich zutiefst von Gott verlassen fühlt.

Unser Glaube ist keine Konstante

„Ein Christ kann Freude in seinem Herzen haben, während er immer noch mit geistlicher Niedergeschlagenheit kämpft.“

 

Geistliche Niedergeschlagenheit kann real und akut sein und man fragt sich, wie ein Mann des Glaubens solche geistlichen Tiefen erleben kann. Aber unabhängig davon, wo der Ursprung liegt – solche Zeiten gibt es in unserem Leben. Unser Glaube ist keine Konstante. Er ist wechselhaft und bewegt sich auf und ab. Wir bewegen uns „von Glauben zu Glauben“, und dazwischen gibt es Zeiten, in denen wir ausrufen: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben“.

Man könnte meinen, dass diese dunkle Nacht der Seele absolut nicht mit der Frucht des Geistes zusammen passt, weder mit dem Glauben noch mit der Freude. Wie kann es in unserem Herzen Raum für eine solche Finsternis geben, wenn der Heilige Geist unser Herz mit unaussprechlicher Freude erfüllt hat? Um das zu verstehen ist es wichtig, dass wir zwischen der geistlichen Frucht der Freude und dem kulturellen Konzept des Glücklichseins unterscheiden. Ein Christ kann Freude in seinem Herzen haben, während er immer noch mit geistlicher Niedergeschlagenheit kämpft. Die Freude, die wir haben, trägt uns vielmehr durch diese dunklen Nächte hindurch und wird nicht durch die Niedergeschlagenheit ausgelöscht. Die Freude des Christen ist etwas, das die schwierigsten Zeiten im Leben überdauert.

Die Begrenzung unserer Niedergeschlagenheit

Im zweiten Korintherbrief legt Paulus seinen Lesern ans Herz, den Menschen das Evangelium zu verkündigen und weiter zu geben. Doch inmitten seiner Ausführungen über die hohe Bedeutung des Evangeliums erinnert er die Gemeinde daran, dass der Schatz, den wir von Gott haben, nicht in goldenen und silbernen, sondern in „irdenen Gefäßen“ aufbewahrt wird. Der Grund dafür liegt darin, „dass die überragende Kraft von Gott sei und nicht von uns“. Unmittelbar nach dieser Erinnerung fügt der Apostel hinzu:

„Wir werden überall bedrängt, aber nicht erdrückt; wir kommen in Verlegenheit, aber nicht in Verzweiflung; wir werden verfolgt, aber nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber wir kommen nicht um; wir tragen allezeit das Sterben des Herrn Jesus am Leib umher, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar wird“ (2Kor 4,7–10).

Diese Bibelstelle deutet die Begrenzung unserer Niedergeschlagenheit an. Sie mag tief sein, aber sie wird nicht dauerhaft und tödlich sein. Beachte, dass der Apostel unseren Zustand auf verschiedene Weise beschreibt. Er sagt, dass wir „bedrängt, in Verlegenheit, verfolgt und niedergeworfen“ sind. Das sind kraftvolle Bilder, die den Konflikt beschreiben, den Christen durchstehen müssen. Aber an jeder Stelle, an der er die Not beschreibt, erwähnt er gleichzeitig ihre Grenzen. Bedrängt, aber nicht erdrückt. In Verlegenheit, aber nicht in Verzweiflung. Verfolgt, aber nicht verlassen. Niedergeworfen, aber nicht so, dass man umkommt.

Wir müssen den Druck ertragen – aber der Druck, wenngleich er stark ist, wird uns nicht erdrücken. Wir mögen verwirrt und ratlos sein – aber dieses Tief wird nicht vollkommene Verzweiflung zur Folge haben. Selbst in Verfolgung, auch wenn sie schwer ist, werden wir nicht verlassen. Obgleich wir überwältigt sein mögen und niedergeworfen, wie Jeremia es ausdrückte, haben wir dennoch Raum für Freude. Der Prophet Habakuk erlangte trotz seines Elends große Gewissheit:

Gott, der Herr, ist meine Kraft; er macht meine Füße denen der Hirsche gleich und stellt mich auf meine Höhen! (Hab 3,19)

Die Philipper ermahnt der Apostel Paulus, „sich um nichts zu sorgen“ und sagt ihnen, dass das Gegenmittel auf den Knien gefunden wird. Der Friede Gottes wird unseren Geist beruhigen und unsere Sorgen vertreiben. Wieder sehen wir, dass wir sorgenvoll, nervös und aufgeregt sein können, ohne jedoch völlig zu verzweifeln.

Das helle Licht der Gegenwart Gottes

Die Koexistenz von Glauben und geistlicher Niedergeschlagenheit passt zu anderen Aussagen der Bibel über unsere Emotionen. Die Bibel spricht davon, dass es vollkommen legitim ist, dass Christen trauern. Unser Herr selbst war „ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut“. Auch wenn Trauer die Wurzeln unserer Seele erreichen kann, sollte sie nicht in Bitterkeit enden. Trauer ist ein legitimes Gefühl, manchmal sogar eine Tugend, aber es darf in der Seele keinen Raum für Bitterkeit geben. Es ist „eine gute Sache, in das Haus der Trauer zu gehen“, aber dieses Gefühl darf trotz aller Trauer nicht in Hass umschlagen. Der Glauben gibt uns keine Garantie, dass wir keine geistliche Niedergeschlagenheit erleben werden; aber die dunkle Nacht der Seele führt irgendwann immer zum hellen Licht der Gegenwart Gottes.