Gottes vollkommene Vergebung

Anmerkungen zu Jesaja 43,25

Artikel von H.P. McCracken
16. Dezember 2019 — 9 min Lesedauer

Ein Ältester in meiner Gemeinde sagt oft im Spaß: „Wenn man älter wird, ist das Kurzzeitgedächtnis die zweite Sache, die ausfällt. An die erste kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Christen werden zustimmen, dass jeder Mensch ein endliches Gedächtnis hat, das mit dem Alter schwächer wird und durch Sünde entstellt werden kann. Aber wie sollen wir uns Gottes Gedächtnis vorstellen, wenn in Jesaja 43,25 gesagt wird: „An deine Sünden will ich nie mehr gedenken“? Es gibt ein paar Gründe dafür, warum wir diesen Vers nicht so verstehen sollten, als ob Gott buchstäblich vergisst, wenngleich er eine wichtige und wunderbare Wahrheit lehrt.

Gott offenbart sich durch Analogien

In der ganzen Bibel offenbart sich unser unendlicher Gott mithilfe von Analogien. Das sind bildliche Beschreibungen Gottes, statt buchstäblicher, um sich unserer begrenzten Sprache und unserem Verständnis als Menschen anzupassen. Auf diese Weise schreibt die Bibel Gott menschliche Handlungen zu, wie riechen (1Mo 8,21), hören (2Mo 2,24), sitzen (Ps 9,8) und herabkommen (Mi 1,3). Durch Analogien lernen wir auch durch menschliche Emotionen wie schmerzvolle Reue (1Mo 6,6) und Eifersucht (2Mo 20,5) etwas darüber, wie Gott ist. Obwohl Gott keinen Körper hat, spricht die Bibel von seiner Hand (Ps 118,15) und seinen Augen (Spr 15,3). Mit Worten menschlichen Tuns und menschlicher Beziehungen wird er als Ehemann (Jes 54,5), Vater (5Mo 32,6), König (Jes 44,6) und Hirte (Ps 23,1) beschrieben. Gottes Erinnern (1Mo 9,15) und Vergessen sollte deshalb ebenfalls als solch eine Analogie interpretiert werden.

Gottes Verstand ist unermesslich

Aus der Überzeugung, dass Gottes unfehlbares Wort nirgends widersprüchlich ist, ist die „Analogie des Glaubens“ als ein wichtiges Prinzip der Bibelinterpretation abgeleitet, das uns anweist, deutlichere und nicht-bildhafte Stellen die weniger deutlichen und bildhaften Stellen auslegen zu lassen. Gottes „Vergessen“ kann nicht ein buchstäblicher Gedächtnisverlust sein – dem gleichzusetzen, dass ich Matheformeln aus der Schule vergessen habe – weil das dem widerspricht, was die Bibel über Gottes Allwissenheit lehrt, seine vollkommene und erschöpfende Erkenntnis. Uns wird gesagt, dass „sein Verstand unermesslich ist“ (Ps 147,5) und dass er „von Anfang an das Ende verkündigt“ (Jes 46,10). Es widerspricht Gottes Wesen, irgendetwas buchstäblich zu vergessen.

Jesaja bedient sich der Bundessprache

Wenn Gott nicht buchstäblich unsere Sünden vergisst, was bedeutet Jesaja 43,25 dann? Wir sollten diese Beschreibung Gottes als Bundessprache verstehen, durch die er sein Volk vergewissert, dass ihre Sünden vollkommen vergeben sind. Unmittelbar vor Vers 25 erinnerte Gott sein Volk an ihre Untreue und falsche Anbetung und schließt mit folgenden Worten ab: „Du hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten“ (Verse 22–24). Doch Kapitel 43 ist Teil eines größeren Abschnitts in Jesaja, der mit Kapitel 40 beginnt, worin Gott seinem Volk größtenteils Trost und Gewissheit zuspricht. Er sagt ihnen in 43,1–4.15:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein. … Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Erretter! … Weil du kostbar bist in meinen Augen und wertgeachtet, und ich dich lieb habe.

Diese Zusicherungen kommunizieren eine Bundesbeziehung, in die Gott Israel trotz ihrer Sünde gebracht hat. Dann sagt Gott in Vers 25: „Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen, und an deine Sünden will ich nie mehr gedenken!“ Indem er betont, dass er dies „um [seinetwillen] tut“, verweist Gott wiederum auf seinen gnädigen Bund. Es ist nicht wegen ihrer Würdigkeit, sondern wegen seiner reinen Gnade und Liebe zu ihnen, dass er ihre Sünden wegnimmt.

Gottes Vergebung ist vollkommen

Mit zwei bildhaften Beschreibungen vergewissert dieser Vers Israel, wie vollkommen und abschließend ihre Sünden vergeben sind. Erstens, „tilgen“ ist die Sprache des Wegwischens von etwas Geschriebenem. Israels Sünden, jede davon eine Übertretung gegen Gott, die Strafe verdient, werden als etwas dargestellt, das in ein Buch geschrieben war, aber nun durch Gott gelöscht wurde. Sie können nicht länger gelesen und gebraucht werden, um Gottes Volk anzuklagen. Zweitens, Gott vergewissert Israel, dass ihre Sünden sozusagen vergessen sind. Gott wird sie niemals mehr hervorholen und seinem Volk entgegenhalten. Gott gebraucht in der Bibel verschiedene solcher Bilder, um zu betonen, wie vollständig und abschließend seine Vergebung und die damit verbundenen Wohltaten sind. Er spricht davon, dass unsere Sünden zugedeckt sind (Ps 32,1), dass er sie von uns so weit entfernt hat, wie der Osten vom Westen entfernt ist (Ps 103,12) und dass er sie in die Tiefe des Meeres wirft (Mi 7,19).

Der Rest der Heiligen Schrift offenbart, wie es sein kann, dass Gott solch eine Bundesbeziehung mit einem sündhaften Volk hat; wie er unsere Sünden „vergessen“ kann. Nicht, weil er eine Gedächtnislücke hat, sondern weil er seinen Sohn gesandt hat, um alle Sünden seines Volkes zu tragen und an ihrer statt am Kreuz zu sterben. Dadurch hat er die Schuld für die Sünden seines Volkes ausgelöscht, als ob sie in unserer Beziehung mit ihm für immer vergessen sind.