Deine Gemeinde ist aus der Zukunft

Artikel von Shaun Cross
1. Juli 2019 — 11 min Lesedauer

Diesen Sonntag, als wir uns zum Gottesdienst trafen, kam ein Mitglied unserer Gemeinde auf mich zu und fragte mich, ob die Gemeinde für seinen Freund beten könne, dessen Sohn in einem Autounfall gestorben war. Er war 21 Jahre alt.

Ich bat Gott, seiner Familie Trost und Frieden zu schenken. Als ich das tat, fiel mir auf, wie oft wir beten: Herr, schenke Frieden. Schenke Frieden denen, die von Unwettern betroffen sind, die Opfer von sexuellem Missbrauch und Gewalt sind, den Armen und Verletzlichen, denen, die unter ungerechten Regierungen leiden.

Da ich die Last der Tragödie spürte, betete ich: „Wie lange, Herr?“ Was zu dem Ausruf führte: „Maranatha. Komm, Herr Jesus. Bring mit dir die Fülle deines Reiches, unsere Hoffnung.“ Trauer führte zu Klage; Klage zu eschatologischer Hoffnung.

Aber etwas anderes geschah, als wir beteten. Mir wurde bewusst, dass diese Gemeinde, die sich in Solidarität zum Gebet traf, ein kleiner Vorgeschmack des kommenden Trostes ist. Die Ortsgemeinde ist ein flüchtiger Blick auf die zukünftige Hoffnung. Sie ist zutiefst eschatologisch und das ist gute Nachricht.

Die Gemeinde ist eschatologisch

In Offenbarung 21 sieht Johannes die Stadt Gottes, wie sie vom Himmel zur Erde herabsteigt und beschreibt sie als eine „für ihren Mann geschmückte Braut“. Diese Stadt ist die Braut Christi, der Höhepunkt des Heilsplanes Gottes. Die eschatologische Vision von Johannes, voller Hoffnung und Staunen, konzentriert sich auf Jesus, aber sie erreicht ihren Höhepunkt mit der Offenbarung seiner Gemeinde. Die Gemeinde ist die kommende Stadt.

Ortsgemeinden sind demnach eschatologische Gemeinschaften – kleine, verstreute Vorgeschmäcker auf die Zukunft. Sie ruhen in einer zukünftigen Hoffnung, arbeiten auf ein zukünftiges Ziel hin und geben eine Vorschau auf eine zukünftige Wirklichkeit.

Gemeindegründung ist demnach eine zutiefst eschatologische Übung. Wenn wir Gemeinden gründen, bringen wir einen Vorgeschmack der Zukunft in eine Welt, die durch die Sünde gefangen ist. Her sind zwei Wege, wie eine Gemeinde eine Vision der Zukunft ist.

1. Eine eschatologische Vision von Familie

Ich erinnere meine Gemeinde regelmäßig daran, dass wir nicht wie eine Familie sind; wir sind eine Familie. Wir sind Brüder und Schwestern, die durch den Vater adoptiert wurden, durch das Blut des Sohnes (Eph 1,5), und versiegelt wurden durch den Geist (Röm 8,16). Wir sind Gottes Haushalt (1Tim 3,15).

Das ist sowohl eine gegenwärtige als auch eine zukünftige Wirklichkeit. Gott sammelt jetzt ein Volk für sich. Er adoptiert Kinder in seine Bundesfamilie. Und wir, zusammen mit der ganzen Schöpfung, erwarten gespannt die zukünftige Offenbarung der Kinder Gottes (Röm 8,19). Es ist leicht zu übersehen, wie mächtig diese Vision ist.

Eine jüngste Studie nannte unsere Stadt, Washington D.C., die zweiteinsamste Stadt in den Vereinigten Staaten. Wenn man die Spaltungen hinzunimmt, die durch wirtschaftliche und bildungsmäßige Ungleichheit kommen, durch Gentrifizierung, politische Spannungen und Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen, erhält man eine Stadt, die nach wahrer, beständiger Gemeinschaft sucht. In ihrer Mitte dürfen wir eine Gemeinde gründen, die ein Bild der eschatologischen Familie Gottes ist, mit Menschen aus jeder ethnischen Gruppe (Offb 7,9), Geschlecht und sozioökonomischen Schicht (Gal 3,28).

In den frühen Phasen unserer Gemeindegründung trafen wir uns in Kleingruppen zum Abendessen. Vier bis sechs Mitglieder versammelten sich in einer Wohnung mit dem Ziel, vier bis sechs Menschen von außerhalb der Gemeinde einzuladen. Diese Gruppen waren nichts neues, aber es war erstaunlich, wie oft Nichtchristen sagten, dass sie selten zu jemand anderem zum Abendessen eingeladen werden, ganz zu schweigen von dem gemeinsamen Sitzen an einem Tisch mit Menschen, die anders als sie aussehen, glauben oder wählen.

2. Eine eschatologische Vision der Gesellschaft

Ich liebe utopische Filme. Sie malen ein Bild von dem, was die Gesellschaft sein könnte, wenn sie am besten funktioniert. Und doch ist immer das Verständnis eingebaut, dass diese perfekten Welten, diese Erfindungen der Menschheit, zerbrechlich und letztendlich trügerisch sind. Die Hoffnung des Idealen ist ergreifend, aber wir wissen, dass sie zu gut ist, um wahr zu sein.

Wir wissen das, weil wir es selbst gesehen haben. Politische Parteien, nationale Identitäten und wirtschaftliche Theorien bieten alle eine eschatologische Vision der Welt. Sie verheißen eine bessere, hellere Zukunft. Aber sie erfüllen ihre Versprechen nicht.

Das ist das Erstaunliche an der Schrift. Sie verheißt eine Gesellschaft, die besser ist als die beste utopische Vision und doch weder zerbrechlich noch trügerisch daher kommt, da ihr Baumeister Gott ist (Hebr 11,10). Denke einmal über die eschatologische Vision der Bibel über die Gesellschaft nach:

  • Es wird keine Waffen (Jes 2,4) oder geschlossene Tore (Offb 21,25) geben, weil vollkommener Friede herrscht.
  • Keine Armut (Offb 7,16), weil vollkommener Wohlstand herrscht.
  • Kein Trauern, Weinen oder Tod (Offb 21,4), weil vollkommene Harmonie herrscht.
  • Keine Sünde, weil vollkommene Gerechtigkeit herrscht.

Und dort, genau in der Mitte, ist Gott, der bei seinem Volk wohnt. Was erstaunlich ist, ist, dass Jesus seine Nachfolger eine Stadt nennt, die auf einem Berg liegt. Seine Gemeinde ist ein Vorgeschmack auf diese Stadt. Indem wir das Evangelium verkünden, nach Gerechtigkeit streben, Barmherzigkeit und Gericht üben, unsere Nächsten lieben und Frieden stiften, stellen wir der Welt diese Vision von Gottes neuer Gesellschaft zur Schau.

Die frühe Kirche glaubte an diese Wirklichkeit und es machte sie zu einer Anomalie. Sie waren eine jüdische Sekte, die Heiden aufnahm. Sie hießen die Ausgestoßenen, die Kranken, Frauen und sogar Sklaven willkommen. Sie nannten einander Brüder und Schwestern. Sie waren radikal auf Heiligkeit und Gerechtigkeit ausgerichtet. Sie hatten alles gemeinsam und halfen den Bedürfnissen der anderen ab. Sie zeigten der Welt eine neue Gesellschaft, die von Jesus geformt wurde. Sie gehorchten dem größten Gebot (Mt 22,36-40) und dem großen Missionsbefehl (Mt 28,16-20).

Gemeindegründung ist eschatologisch

Die Apostel verstanden, dass dies mit der Mission verwoben war, die Jesus ihnen gab. Das war Jüngermachen: zu sehen, wie Menschen der bundesmäßigen, eschatologischen Familie Gottes beitreten (durch die Taufe) und als Gottes neue, eschatologische Gesellschaft leben (durch das Lehren von allem, was Jesus geboten hat). Sie wussten, dass die Ausbreitung von Gemeinden der beste Weg war, um dieses Ziel zu erreichen, und deshalb gründeten sie Gemeinde um Gemeinde – große und kleine, städtische und ländliche – als Außenposten des Reiches Gottes, welches sowohl da ist als auch noch kommen wird.

Unser Gebet ist weiterhin: „Komm, Herr Jesus“. Bis dahin lasst uns die Gemeinde sein. Und lasst uns Gemeinden gründen, die einen Vorgeschmack der Hoffnung der Herrlichkeit in diese gegenwärtige Finsternis bringen.