Keine Anwendung? Dann war es keine Predigt!

Artikel von Michael Lawrence
4. Juni 2019 — 21 min Lesedauer

Hast du schon mal im Unterricht gesessen und dich gefragt, was du eigentlich hier machst? Ich erinnere noch sehr gut daran, wie ich mich an der Uni durch die Differentialrechnung gekämpft habe. Der Dozent unterrichtete den Kurs so, als ob sich die Anwendung der Prinzipien von selbst verstehen würde. Und vielleicht war das sogar der Fall für die Mathe-Experten in der Klasse. Doch für jemand wie mich, der im Hauptfach englische Literatur studierte, war es ein ständiger Kampf. Ich stand auf verlorenem Posten, wenn es darum ging ohne jede praktische Anwendung rein abstrakt zu denken. Ich fand es unglaublich schwer, zu begreifen, warum ich irgendeinen Grenzwert berechnen sollte, der gegen unendlich ging.

Wenn dir Mathe damals in den Schoß gefallen ist, dann stell dir vor, wie es dir ging, wenn du eines von Shakespeares Sonetten analysieren musstest.

Erklärung ≠ Anwendung

Ich möchte hier keine schlechten Erinnerungen heraufbeschwören. Ich frage mich allerdings, ob wir als Prediger manchmal dazu neigen, unseren Gemeindemitgliedern Sonntag für Sonntag das geistliche Äquivalent von Differentialrechnung oder Gedichtanalyse zu bescheren? Wie so viele Lehrer in so vielen Fächern sind auch wir von unserem Fach begeistert und extrem gut vorbereitet. Wir können Fragen über die Zeitform eines hebräischen oder griechischen Verbs beantworten und über die Geschichte und Kultur des antiken Nahen Osten dozieren. Wir können einen Chiasmus zeigen, ehe die Leute überhaupt herausgefunden haben, wie man das Wort ausspricht. Und wir sind auch gerne bereit, zu erklären, warum die fachkundigen Bibelübersetzer an einer bestimmten Stelle falsch liegen und unsere Leseweise besser ist.

Doch trotz dieser Fülle an Wissen und neuen Einsichten, die wir leidenschaftlich und mit Nachdruck vortragen, bleibt bei unseren Zuhörern die Frage, was sie jetzt mit diesem Wissen anfangen sollen. Sie wissen, dass es wichtig ist – weil es Gottes Wort ist. Mehr noch: Sie wissen, dass es Gottes Wort an sie sein soll. Doch nachdem wir den Text erklärt haben, sagen wir ihnen im Grunde: „Jetzt seid ihr dran. Ihr müsst selbst herausfinden, was das für euer Leben bedeutet.“ Oder schlimmer noch, wir vermitteln den Leuten das Gefühl, dass sie nicht geistlich genug sind oder beschämen sie, weil sie die Anwendung nicht selbst sehen können, die für uns anscheinend offensichtlich ist.

Es reicht ganz einfach nicht, wenn wir der Gemeinde nur den Text erklären. Wenn wir als Prediger gute Hirten sein wollen, müssen wir unseren Zuhörern auch zeigen, was der Text für ihr Leben heute bedeutet.

Warum machen wir das dann nicht? Ich sehe mehrere Gründe.

  1. Ist die Anwendung harte Arbeit. Die Grammatik und den Kontext zu analysieren ist ein Kinderspiel im Vergleich zur Komplexität des menschlichen Herzens und des Menschseins überhaupt.
  1. Ist die Anwendung subjektiv. Ich kann mit Sicherheit sagen, ob ich einen Satz richtig zusammengefasst oder ein Verb richtig analysiert habe. Doch wie kann ich mir sicher sein, dass ich eine gute Anwendung gefunden habe?
  1. Ist die Anwendung komplex. Der Text hat eine Hauptaussage. Doch es gibt eine Vielzahl von Anwendungen, vielleicht sogar so viele, wie es Zuhörer gibt. Eine gute Auswahl zu treffen, kann eine einschüchternde Aufgabe sein.
  1. Ist die Anwendung persönlich. Sobald ich darüber nachdenke, was der Text meinen Zuhörern zu sagen hat, werde ich gezwungenermaßen auch darüber nachdenken, was der Text mit meinem Leben zu tun hat. Und manchmal wäre es mir lieber, nur den Inhalt zu erklären, ohne ihn in Bezug zu meinem persönlichen Leben zu setzen.

All diese Gründe haben mit unserem eigenen Fleisch zu tun. Wir wollen harter Arbeit, die uns schwerfällt, oft lieber aus dem Weg gehen. Und selbst überführt zu werden, ist uns nicht angenehm. Die einzig richtige Reaktion auf diese Vorwände, ist, zu Gott umzukehren.

Anwendung ≠ Überführen

Doch es gibt noch einen fünften, theologischen Grund, warum wir in unseren Predigten auf die Anwendung verzichten. Wir sind überzeugt, dass die Anwendung nicht unsere Aufgabe ist und sogar über unsere Befugnisse hinausgeht. Ist es nicht die Aufgabe des Heiligen Geistes, den Text in das Herz eines Menschen eindringen zu lassen? Wenn ich meinen Zuhörern eine Anwendung gebe, die für sie womöglich gar nicht relevant ist, nehme ich sie dann nicht aus der Verantwortung? Und wenn ich ihnen die Wahrheit vorlege und dann beiseite gehe, dann gebe ich doch dem Heiligen Geist den Freiraum, im Leben meiner Zuhörer zu wirken oder? Er kann das viel besser, als ich es je könnte.

Ich habe diese Argumentation von mehr als nur einem angesehenen Prediger gehört. Doch bei allem gebotenen Respekt halte ich diesen Einwand für unbiblisch und für theologisch ungereimt. Das Problem ist „überführen“ mit „anwenden“ zu verwechseln. Von Sünde und von Gerechtigkeit und vom Gericht zu überführen, ist die Aufgabe des Heiligen Geistes (Joh 16,8). Niemand außer dem Heiligen Geist kann Menschen überführen. Wenn wir versuchen, seine Aufgabe zu übernehmen, werden wir zwangsläufig in Gesetzlichkeit verfallen. Warum? Überführt zu werden, ist eine Herzenssache: Der Mensch wird nicht nur davon überzeugt, dass etwas wahr ist, sondern auch, dass er vor Gott für diese Wahrheit einstehen und handeln muss.

Eine Anwendung zu geben, ist nicht das Gleiche, wie Menschen von ihrer Sünde zu überführen. Obwohl das Ziel der Anwendung letztlich das Herz ist, muss sie den Verstand der Zuhörer erreichen. Bei der Exegese müssen wir den ursprünglichen Kontext des Textes verstehen und bei der Anwendung müssen wir uns mit dem aktuellen Kontext auseinandersetzen, in dem dieser Text heute gehört wird. Es geht darum, die Bereiche des Lebens, der Ethik und des Denkens auszumachen, in denen dieses Wort Christi reichlich unter uns wohnen muss (Kol 3,16). Wir neigen alle dazu, Dinge durch unseren eigenen Filter und vor dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrungen zu hören. Wenn der Pastor sich allerdings bemüht, zu zeigen, was dieses Wort praktisch für unser Leben bedeutet, haben wir die Möglichkeit, die Bedeutung des Texts in einem neuen Licht zu betrachten, wie wir es vorher nicht konnten bzw. worauf wir von selbst nicht gekommen wären.

Jedes Mal, wenn ich z. B. Johannes 3,16 höre, muss ich sofort daran denken, dass ich berufen bin, das Evangelium weiterzusagen. Das ist beinahe reflexartig mein natürlicher erster Gedanke, wenn ich diesen Vers auf unser Leben anwende. Eine sorgfältige homiletische Anwendung hilft mir jedoch, gründlicher über das Wesen von Gottes Liebe zu mir nachzudenken, und darüber, was es bedeutet, dass ich in Christus das ewige Leben habe. Je besser ich verstehe, welche weiteren Anwendungen dieser einzelne Vers hat, desto mehr beginnt, Johannes 3,16 reichlich in meinem Leben zu wohnen. Eine gute Anwendung verstößt nicht gegen das Wirken des Heiligen Geistes, sondern gibt nur noch mehr Raum, damit der Heilige Geist Menschen überführen kann.

Die Anwendung zu vermeiden ist unbiblisch

Es ist ganz einfach unbiblisch, die Anwendung auszulassen. Die Anwendung ist genau das, was die Prediger und Lehrer von Gottes Wort in der Schrift tun. Angefangen bei 5Mose 6,7 (wo Eltern geboten wird, ihren Kindern Gottes Gebote einzuschärfen) bis zu Nehemia 8,8 (wo Esra und die Leviten nicht nur aus dem Buch des Gesetzes Gottes vorlesen, sondern auch dessen Sinn erklären) ist das Alte Testament stets darauf bedacht, dass das Volk Gottes sein Wort nicht nur gut kennt, sondern auch dessen Bedeutung für das eigene Leben versteht.

Und dieses Anliegen wird auch in der Lehre Jesu und der Apostel fortgeführt. In Lukas 8,21 bekräftigt Jesus seine Beziehung zu denen, „welche das Wort Gottes hören und es tun“. Seine Lehre ist voller Erklärungen, wie dieses Wort in die Praxis umgesetzt werden kann, angefangen bei der Bergpredigt. Auch die Briefe der Apostel sind voller praktischer Anwendungen. Die Apostel gaben dieses wichtige Anliegen an die Ältesten weiter, die ihre Gemeinden praktische Heiligkeit lehrten (1Tim 4) und diese Lehre treuen Menschen [anvertrauen sollten], die fähig sein werden, auch andere zu lehren“ (2Tim 2,2).

Das wird nirgendwo deutlicher als in Epheser 4,12-13. Christus hat der Gemeinde Hirten und Lehrer geschenkt „zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus.“ Wie können wir unsere Gemeindemitglieder für ihre jeweiligen Dienste in der Gemeinde und außerhalb zurüsten, wenn wir niemals auf spezifische und praktische Weise über diese Themen reden? Paul geht offensichtlich davon aus, dass wir ständig auf die praktische Anwendung bedacht sind und ihr nicht aus dem Weg gehen.

Einige Beispiele

Wie kann das praktisch aussehen? Ich möchte zwei Beispiele geben. Nehmen wir als Erstes 2Samuel 11, die Geschichte von Davids Ehebruch mit Bathseba und seinen Machtmissbrauch, um einen Mann umzubringen und seine eigene Sünde zuzudecken. Es liegt auf der Hand, in der Anwendung über sexuelle Reinheit und Mord zu reden. Doch was ist mit all den Leuten in deiner Gemeinde, für die Ehebruch und Mord keine Versuchungen sind, mit denen sie aktuell zu kämpfen haben? Ich bin mir sicher, dass es da einige gibt. Ist das alles, was du ihnen sagen kannst? Natürlich gibt es noch mehr zu sagen.

Angefangen bei Davids konkreter Sünde kannst du deinen Zuhörer zeigen, wie es um die Sünde im Allgemeinen steht: wie sie uns in die Irre führt, nur nach Gelegenheiten sucht und immer größer wird. Hilf ihnen, darüber nachzudenken, in welchen Bereichen sie selbst als Mütter und Großmütter, Studenten und Büroangestellte, Manager und Rentner ins Straucheln kommen können wie hier der König über Israel. Zu welchen Sünden sind sie verführt, wenn sich die Gelegenheit bietet? Du musst in deiner Anwendung nicht alles abdecken. Du versuchst, ihnen die Bedeutung des Textes zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass es in ihrem Kopf zu rattern anfängt, wie sie Gehörtes in ihrem eigenen Leben umsetzen können.

Oder nehmen wir Epheser 6,1-4. Diese Bibelstelle handelt von den gegenseitigen Verpflichtungen von Eltern und Kindern. Darin liegt viel sofortige Anwendung fürs Familienleben. Doch wie sieht es mit den Leuten in deiner Gemeinde aus, die keine Kinder haben oder deren Kindern schon ausgezogen sind? Sollen sie nur mithören in der Hoffnung, dass sie etwas für die Eltern in ihrem Umfeld mitnehmen können? Das ist ein Anfang. Doch der Text ist auch Gottes Wort an sie. Die Frage, wie das Prinzip von Obrigkeit richtig ausgeübt wird und wie wir uns angemessen unterordnen können, betrifft uns alle. Lehrer und Schüler, Arbeitgeber und Angestellte, Älteste und Gemeindemitglieder. Sie alle müssen immer weiter lernen, was es bedeutet, dass wir durch und unter Obrigkeiten gedeihen, die Gott fürchten. Wie der Große Westminster Katechismus anmerkt: „Mit Vater und Mutter sind im fünften Gebot nicht nur die natürlichen Eltern gemeint, sondern alle, die an Alter oder Gaben uns vorgesetzt sind, und zwar insbesondere solche, die nach Gottes Ordnung in amtlichen Stellen uns übergeordnet sind, es sei in der Familie oder in der Kirche oder im Gemeinwesen“ (Antwort 124). Jeder von uns hat in irgendeinem Bereich eine Obrigkeit über sich und viele von uns sind auch selbst anderen vorgesetzt. Eine gut überlegte Anwendung wird das deutlich machen.

Was bedeutet das für dich

Das alles bedeutet meiner Meinung nach, dass eine Predigt ohne Anwendung gar keine Predigt ist, sondern bestenfalls eine Vorlesung zur Bibel. Wir wollen nicht, dass unsere Zuhörer aus der Predigt rausgehen und sich fragen, was eigentlich der Sinn war. Liebe Brüder, lasst uns vielmehr klare Anwendungen aus dem Text herausarbeiten, damit „wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus“.