Was ist das Evangelium?

Ein Artikel von Greg Gilbert

Artikel von Greg Gilbert
21. Mai 2019 — 41 min Lesedauer

In evangelikalen Kreisen wurde in letzter Zeit viel darüber diskutiert, wie Christen das Evangelium definieren sollen: ob das Evangelium ausschließlich die Botschaft ist, dass Sündern ihre Sünde vergeben werden kann, wenn sie umkehren und an den gekreuzigten Christus glauben – oder ob das Evangelium noch mehr umfasst.  Das Gespräch hat sich zugespitzt, ist vielleicht zeitweise sogar hitzig geworden: Die eine Seite wirft der anderen „Reduktionismus“ beim Evangelium vor; die andere Seite entgegnet, dass die Gegenseite das Evangelium verwässert und die Gemeinde von Gottes Auftrag abbringt.

Ich hoffe, dass wir einen Teil der Verwirrung lösen können, wenn wir uns behutsam und sorgfältig damit auseinandersetzen.  Mein Eindruck ist, dass die beiden großen Lager in dieser Frage größtenteils aneinander vorbeireden: also die Stimmen, die sagen, dass das Evangelium die gute Nachricht ist, dass Gott die Sünder durch den stellvertretenden Tod Jesu mit sich selbst versöhnt („A“); und die Stimmen, die sagen, dass das Evangelium die gute Nachricht ist, dass Gott die ganze Welt durch Christus erneuern und wiederherstellen wird ("B"). Mit anderen Worten: Ich glaube nicht, dass die „A“s und die „B“s die gleiche Frage beantworten. Natürlich sagen beide Lager, dass sie die Frage „Was ist das Evangelium?“ beantworten. Daher kommt die Spannung zwischen den beiden Lagern. Doch wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass sie tatsächlich zwei sehr unterschiedliche, doch gleichermaßen biblische Fragen beantworten.

Diese zwei Fragen sind:

  1. Was ist das Evangelium? Mit anderen Worten: An welche Botschaft muss ein Mensch glauben, damit er gerettet wird?

Und:

  1. Was ist das Evangelium? Mit anderen Worten: Was ist die gesamte gute Botschaft, die das Christentum bietet?

 

Wenn ein A-Befürworter die Frage „Was ist das Evangelium?“ hört, dann versteht er: „An welche Botschaft muss ein Mensch glauben, damit er gerettet wird?“ Er beantwortet diese Frage, indem er über den stellvertretenden Sühnetod Christi und die Notwendigkeit von Umkehr und Glaube spricht.

Wenn ein B-Befürworter die Frage „Was ist das Evangelium?“ hört, dann versteht er: „Was ist die gesamte gute Botschaft, die das Christentum bietet?“ Er beantwortet diese Frage, indem er über Gottes Plan spricht, die Welt durch Christus zu erneuern.

Es ist verständlich, dass es Spannungen zwischen A und B gibt. Wenn du Frage (1) beantwortest, indem du über die neue Schöpfung sprichst, wirst du verständlicherweise zu hören bekommen, dass deine Antwort zu allgemein ist und dass du dem Kreuz seinen zentralen Platz nimmst. Wenn Menschen in der Schrift die Frage stellen: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?", bekommen sie immer wieder die Antwort: Tut Buße und glaubt an Jesus – von der kommenden neuen Schöpfung ist keine Rede.

Es stimmt allerdings auch, dass die Bibel manchmal (sogar recht oft) vom „Evangelium“ in Bezug auf die neue Schöpfung spricht. Wenn du Frage (2) beantwortest, indem du nur über den stellvertretenden Sühnetod Christi sprichst und sagst, dass alles andere per Definition nicht das Evangelium ist (sondern nur dessen Auswirkungen), dann ist deine Antwort zu eng gefasst. Das würde bedeuten, dass Verheißungen wie die leibliche Auferstehung, die Versöhnung von Juden und Heiden, der neue Himmel und die neue Erde usw. nicht Teil dessen sind, was die Bibel als die „Gute Nachricht“ des Christentums bietet.

Was wir verstehen müssen, ist, dass keine dieser beiden Fragen falsch ist und dass keine biblischer ist als die andere. Die Bibel stellt und beantwortet beide Fragen.  Ich möchte anhand der Schrift zeigen, warum ich diese beiden von mir genannten Fragen für legitim und biblisch halte.

So wie ich es verstehe, verwendet die Bibel das Wort „Evangelium“ in zwei verschiedenen, aber sehr ähnlichen Bedeutungen. Manchmal verwendet die Bibel das Wort „Evangelium“ in einer sehr weiten Bedeutung: als Bezeichnung für alle Verheißungen, die Gott in Christus erfüllen wird, einschließlich der Sündenvergebung und allem, was daraus hervorgeht: die Aufrichtung seines Reichs, der neue Himmel und die neue Erde usw. An anderen Stellen wird das Wort „Evangelium“ in einem viel engeren Sinne gebraucht, nämlich um insbesondere die Vergebung der Sünden durch den stellvertretenden Sühnetod und die Auferstehung Christi zu bezeichnen. An diesen Stellen scheint der Fokus weniger auf den weiter greifenden Verheißungen zu liegen.

Es folgen meiner Meinung nach einige der deutlichsten Beispiele, in denen die Bibel das Wort „Evangelium“ im engeren Sinne verwendet:

  1. Apostelgeschichte 10,36-43: „Das Wort, das er den Kindern Israels gesandt hat, indem er Frieden verkünden ließ durch Jesus Christus — welcher Herr über alle ist —, [...]. Von diesem legen alle Propheten Zeugnis ab, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden empfängt.“

Petrus sagt, dass er das Evangelium des „Friedens durch Jesus Christus“ predigt. Er meint damit insbesondere die Gute Nachricht, „dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden empfängt“.

  1. Römer 1,16-17: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen; denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben‘.“

Paulus definiert das Evangelium in Bezug auf die „Errettung“ und die „Gerechtigkeit Gottes“, die durch den Glauben offenbar wird. Im restlichen Buch wird klar, dass er hier erklärt, dass die Vergebung der Sünden (Rechtfertigung) durch den Glauben und nicht durch Werke geschieht. Sein Fokus liegt im Römerbrief nicht auf dem kommenden Reich Gottes, sondern darauf, wie wir als Bürger vom Reich Gottes leben sollen. Und er bezeichnet das als „Evangelium“.

  1. 1. Korinther 1,17-18: „Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen, [und zwar] nicht in Redeweisheit, damit nicht das Kreuz des Christus entkräftet wird. Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft.“

Das Evangelium, dessen Botschafter Paulus ist, ist „das Wort vom Kreuz“.

  1.  1. Korinther 15,1-5: „Ich erinnere euch aber, ihr Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch gerettet werdet, wenn ihr an dem Wort festhaltet, das ich euch verkündigt habe — es sei denn, dass ihr vergeblich geglaubt hättet. Denn ich habe euch zuallererst das überliefert, was ich auch empfangen habe, nämlich dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften, und dass er begraben worden ist und dass er auferstanden ist am dritten Tag, nach den Schriften, und dass er dem Kephas erschienen ist, danach den Zwölfen.“

Das Evangelium, das Paulus ihnen gepredigt hatte und das sie empfangen hatten, war, „dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, [...] dass er begraben worden ist [...]

und dass er auferstanden ist.“ Die mehrfache Erwähnung, dass der auferstandene Christus bestimmten Menschen erschienen ist, sollte nicht als Teil des „Evangeliums“ verstanden werden. Das würde sonst im Umkehrschluss bedeuten, dass wir jedes Mal erwähnen müssten, dass Jesus Petrus, den Zwölfen und Jakobus erschienen ist – sonst wäre es nicht das Evangelium. Diese Verweise sollen lediglich belegen, dass die Auferstehung ein reales historisches Ereignis war.

Es folgen meiner Meinung nach einige der deutlichsten Beispiele, in denen die Bibel das Wort „Evangelium“ im weiteren Sinne verwendet:

  1.  Matthäus 4,23: „Und Jesus durchzog ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und verkündigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.“

Hier wird das Wort „Evangelium“ zum ersten Mal im Matthäusevangelium erwähnt. Darum können wir erwarten, dass der Begriff in diesem Zusammenhang auch erklärt wird. Um zu verstehen, was mit dem „Evangelium von dem Reich“ gemeint ist, gehen wir zurück zur ersten Erwähnung von „Reich“ in Vers 17. Dort wird berichtet, dass Jesus verkündet: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen!“

Das „Evangelium von dem Reich“, das Jesus verkündete, war die Botschaft, dass a) das Reich Gottes angebrochen war und b) alle, die zu ihm umkehrten, Teil davon werden können.

  1. Markus 1,14-15: „Nachdem aber Johannes gefangen genommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!”

Mit Ausnahme des allerersten Verses lesen wir hier das erste Mal bei Markus das Wort „Evangelium“. Das „Evangelium vom Reich Gottes“, das Jesus verkündete, war: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“

Das Evangelium Gottes ist die Botschaft, dass a) das Reich Gottes angebrochen war und b) alle, die zu ihm umkehrten, Teil davon werden können.

  1. Lukas 4,18: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, dass sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen.“

Mit diesem alttestamentlichen Text beginnt Jesus sein öffentliches Wirken. Das Wort „frohe Botschaft”, wie es in Jesaja 61 verwendet wird, bezeichnet sich meiner Meinung nach auf die allumfassende Aufrichtung von Gottes Reich und seiner Herrschaft als König.

  1. Apostelgeschichte 13,32 „Und wir verkündigen euch das Evangelium, dass Gott die den Vätern zuteilgewordene Verheißung an uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus erweckte.”

Vers 38 macht sehr deutlich: Das Evangelium, die Paulus verkündete, war, dass die Vergebung der Sünden „durch diesen“ geschieht. Doch auch in Vers 32 ist das Evangelium: „dass Gott die den Vätern zuteilgewordene Verheißung […] erfüllt hat, indem er Jesus erweckte.“ Gottes Verheißungen an die Väter, die jetzt in Jesus erfüllt sind, umfasst selbstverständlich die Vergebung der Sünden, doch sicherlich gehörte noch mehr dazu.

Bei sorgfältiger Betrachtung des Neuen Testaments erkennen wir meiner Meinung nach, dass das Wort „Evangelium“ im engeren und im weiteren Sinn gebraucht wird. Im weiteren Sinn bezeichnet es alle Verheißungen, die wir durch das Werk Jesu empfangen: nicht nur die Vergebung der Sünden, sondern auch die Auferstehung, die Versöhnung mit Gott und miteinander, die Heiligung, die Verherrlichung, das kommende Reich Gottes, der neue Himmel und die neue Erde usw. (vgl. Mt 4; Mk 1; Lk4; Apg 13). Wir könnten sagen, dass das Wort „Evangelium“ sich in diesen Fällen auf den großen Komplex von Gottes Verheißungen bezieht, der für uns durch das Leben und das Werk Christi gewonnen wurde. Diese weite Wortbedeutung können wir als das Evangelium vom Reich bezeichnen. Im engeren Sinn bezeichnet das Wort „Evangelium” insbesondere den Sühnetod und die Auferstehung Jesu und den Ruf an alle Menschen, umzukehren und an ihn zu glauben (vgl. Apg 10; Röm 1-16; 1Kor 1; 1Kor 15). Diese enge Wortbedeutung können wir als das Evangelium vom Kreuz bezeichnen.

Ich möchte noch zwei weitere Dinge betonen: Erstens schließt die weite Wortbedeutung von „Evangelium“ zwangsläufig die enge Wortbedeutung ein. Wenn wir uns die Beispiele aus Matthäus und Markus anschauen, dann sehen wir, dass Jesus nicht nur das Anbrechen von Gottes Reich verkündet, wie oft gesagt wird. Er verkündet das Anbrechen des Reiches und er verkündet, wie man hineinkommt. Sehen wir genau hin: Jesus hat das Evangelium nicht verkündet, indem er nur gesagt hat: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe.“ Er hat das Evangelium verkündet, in dem er gesagt hat: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem echten Evangelium und keinem Evangelium: Wenn wir die Aufrichtung von Gottes Reich, die neue Schöpfung und den ganzen Rest verkünden, ohne zu erklären, wie Menschen dort hineinkommen – durch Umkehr und Glauben an Christus und seinen stellvertretenden Sühnetod, wodurch ihre Sünden vergeben werden –, ist das nicht das Evangelium.

Das ist nicht die Gute Nachricht, sondern eine schlechte, weil du den Menschen nicht die Hoffnung vermittelst, dass sie Teil dieser neuen Schöpfung sein können. Das Evangelium vom Reich ist nicht nur die Verkündigung des Reiches. Wir verkünden das Reich Gottes mitsamt der Nachricht, dass Menschen durch Umkehr und Glauben an Christus in dieses Reich hineinkommen können.

Zweitens ist es wichtig, noch einmal ausdrücklich zu betonen, dass das Neue Testament die konkrete, eng gefasste Botschaft der Vergebung der Sünden durch Christus als „das Evangelium“ bezeichnet. Darum sind die Stimmen im Unrecht, die sagen: Wenn wir nur die Vergebung der Sünden durch Christus verkünden, aber nicht Gottes Plan, die Welt neu zu machen, predigen wir nicht das Evangelium.“ Paulus wie auch Petrus (um nur die Namen aus den Beispielen oben zu nennen) haben kein Problem damit, zu sagen, dass sie „das Evangelium“ gepredigt haben, wenn sie Menschen von der Vergebung der Sünden durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu (Punkt.) erzählt haben.

Wenn es stimmt, dass das Neue Testament das Wort „Evangelium“ in einem engeren und einem weiteren Sinn verwendet, wie müssen wir dann deren Zusammenhang verstehen? In welchem Zusammenhang stehen das Evangelium vom Reich und das Evangelium vom Kreuz? Das soll unsere nächste Frage sein. Wenn wir sie beantwortet haben, sollten wir einen besseren Überblick über die Situation haben.

Was ist also die Verbindung zwischen dem Evangelium vom Reich und dem Evangelium vom Kreuz? Ich habe bereits begründet, warum das Evangelium vom Reich zwangsläufig das Evangelium vom Kreuz einschließt. Doch noch konkreter: Ist das Evangelium vom Kreuz bloß ein Teil des Evangeliums vom Reich oder mehr als das? Ist es zentral oder nebensächlich, das Herzstück oder bloß ein Bestandteil? Was das angeht: Warum bezeichnen die neutestamentlichen Autoren die Verheißung der Sündenvergebung bereitwillig als „Evangelium“, aber nicht andere Verheißungen, die auch zur weiten Wortbedeutung gehören? Warum lesen wir bei Paulus nie: „Und das ist mein Evangelium: dass Menschen miteinander versöhnt werden können!“?

Wir können all diese Fragen beantworten, wenn wir erkennen, dass das Evangelium vom Kreuz nicht nur ein beliebiger Bestandteil des Evangeliums vom Reich ist. Vielmehr ist das Evangelium vom Kreuz der Zugang, die Quelle, ja, sogar der Same des Evangeliums vom Reich. Wenn wir das ganze Neue Testament lesen, sehen wir schnell dessen einstimmige Botschaft: Ein Mensch kann diese weiteren Segnungen des Reiches nur empfangen, wenn seine Sünden durch Christi Tod vergeben sind. Das ist die Quelle, aus der alles andere entspringt.

Darum halte ich es für vollkommen angemessen, dass die biblischen Autoren diese Quelle als „das Evangelium“ bezeichnen genau wie das ganze Paket, einschließlich Vergebung, Rechtfertigung, Auferstehung, neue Schöpfung und der ganze Rest. Da wir die weiteren Segnungen des Evangeliums nur durch das eng gefasste Evangelium (Sühne, Vergebung, Glauben und Umkehr) empfangen können – und zwar unfehlbar dadurch – ist es vollkommen angemessen, dass die neutestamentlichen Autoren, diese Zugangsverheißung (bzw. diesen Samen/diese Quelle) als „das Evangelium“ bezeichnen.

Es ist auch vollkommen angemessen, dass das Neue Testament diese Quelle als „das Evangelium“ bezeichnen und das mit keiner anderen Segnung aus dem ganzen Paket des Evangeliums machen. Wir nennen die zwischenmenschliche Versöhnung nicht „das Evangelium“. Wir nennen nicht einmal den neuen Himmel und die neue Erde „das Evangelium“. Aber wir nennen die Vergebung durch den Sühnetod das Evangelium“, weil sie der Zugang zu allem anderen ist.

Daraus ergeben sich einige wichtige Auswirkungen:

Erstens lohnt es sich, noch einmal zu sagen: Die Stimmen, die sagen, „das Evangelium“ sei nur die Verkündigung des Reiches sind schlichtweg im Unrecht. Das Evangelium ist nicht die Verkündigung des Reiches; es ist (im weiteren Sinne) die Verkündigung des Reiches mitsamt der Verkündigung, wie man dort hineinkommt.

Zweitens ist es falsch, zu sagen, das Evangelium vom Kreuz sei nicht das Evangelium oder nicht das vollständige Evangelium. Solange es um die Frage geht: „An welche Botschaft muss ein Mensch glauben, damit er gerettet wird?“, ist das Evangelium vom Kreuz das Evangelium. Jesus, Paulus und Petrus vertreten diese Sicht![1]

Drittens ist es auch falsch, zu sagen, dass das Evangelium vom Reich mehr als das Evangelium oder eine Ablenkung vom wahren Evangelium ist. Solange es um die Frage geht: „Was ist die gesamte gute Botschaft, die das Christentum bietet?“, ist das Evangelium vom Reich das Evangelium und kein „Evangelium Plus“. Jesus, Paulus und Petrus vertreten diese Sicht!

Viertens ist es falsch, einen Menschen als Christ zu bezeichnen, weil er gute Dinge tut und „dem Vorbild Jesu folgt“. Christsein bedeutet, also Teilhaber am Segen von Gottes Reich zu sein und das bedeutet, dass wir erst durch die enge Pforte gehen müssen: Das heißt, dass wir im Glauben zu Christus kommen und unsere Schuld vergeben und gesühnt wird. Bunyan erzählt in der Pilgerreise die Geschichte der Figuren „Werkgerecht“ und „Heuchler“, die Christ auf dem Weg in die himmlische Stadt trifft. Nach einer kurzen Unterhaltung merkt Christ allerdings, dass die zwei Männer über die Mauer gesprungen sind, statt durch die enge Pforte einzutreten. Fazit: Diese beiden sind keine Christen, unabhängig davon, wie gut sie sich jetzt auf dem Weg zurechtfinden. Wenn wir die Geschichte ein wenig anpassen: Es gibt viele Menschen, die erkennen müssen, dass nicht alle, die sagen „Ich folge Jesus nach“ oder „Ich lebe für das Reich Gottes“ wirklich Christen sind. Wenn sie nicht zu Jesus, dem Gekreuzigten, umgekehrt sind und an ihn glauben, damit er ihre Sünden vergibt, sind sie keine Christen. Ein Mensch kann so sehr er nur will, versuchen, „wie Jesus zu leben“. Wenn er nicht durch die enge Pforte von Sühne, Glauben und Umkehr gekommen ist, ist er nicht zu Christus gekommen, sondern nur über die Mauer gesprungen wie „Werkgerecht“ und „Heuchler“.

Fünftens glaube ich, dass es grundlegend falsch ist, die Arbeit von Nichtchristen als „Arbeit am Reich Gottes“ zu bezeichnen. Wenn ein Nichtchrist sich für zwischenmenschliche Versöhnung oder für soziale Gerechtigkeit einsetzt, ist das eine gute Sache. Doch es kann keine „Arbeit am Reich Gottes“ sein, weil es nicht im Namen des Königs geschieht. C.S. Lewis lag an dieser Stelle falsch: Du kannst nicht im Namen des bösen Tash gute Werke tun und erwarten, dass Aslan sich darüber freut.

Sechstens muss das letztliche Ziel jedes sozialen Dienstes der Gemeinde oder des einzelnen Christen sein, auf diese enge Pforte zu deuten. Dazu ließe sich noch viel sagen. Doch ich denke, wenn wir all das richtig verstehen, haben wir eine starke Motivation für unsere Mission und sind ein starkes Zeugnis für die Welt. Wenn du im Namen Jesu ein Begegnungszentrum renovierst, dann muss du dem Betreiber (um der Kürze willen zugespitzt) etwas sagen wie: „Ich mache das, weil ich einem Gott diene, dem Dinge wie Schönheit und Ordnung und Frieden am Herzen liegen. Die Bibel sagt sogar, dass Gott diese Welt eines Tages neumachen wird. Dann wird sein Reich anbrechen, wo keine Farbe mehr abblättern wird und es kein Baumsterben mehr geben wird. Daran glaube ich. Aber ich denke nicht, dass du [und hier kommen wir zum Kern der Sache] Teil davon sein wirst. Deine Sünde ist das Problem. Außer du kehrst um und glaubst an Christus.“ Und dann erklärst du ihm die Gute Nachricht vom Kreuz. Wenn du nur das Begegnungszentrum renovierst und das kommende Reich Gottes verkündigst, dann hast du nicht das Evangelium verkündigt. Denn das Evangelium vom Reich ist die Verkündigung des kommenden Reiches mitsamt der Erklärung, wie man dort hineinkommt.

Siebtens glaube ich, dass viele in der „Emerging Church“ (die postmoderne Kirche) – so sehr sie betont, wie erstaunlich und überraschend ihr Evangelium ist – ganz und gar übersehen, was wirklich erstaunlich und überraschend am Evangelium ist. Dass Jesus König ist und ein Reich der Liebe und des Erbarmens aufgerichtet hat, ist nicht besonders überraschend. Jeder im Volk Israel wusste, dass das eines Tages passieren würde. Was wirklich überraschend ist, ist, dass der messianische König stirbt, um sein Volk zu retten – dass der göttliche Sohn Gottes aus Daniel, der davidische Messias und der Leidensknecht aus Jesaja am Ende ein und derselbe Mann sind. Das ist außerdem die Verbindung zwischen dem Evangelium vom Reich und dem Evangelium vom Kreuz: Jesus ist nicht nur der König, sondern der gekreuzigte König. Im Vergleich dazu ist das, was die postmoderne Kirche als erstaunliches Evangelium darstellt, nicht besonders überraschend. Es ist langweilig im Vergleich zum Kreuz.

Achtens drängt uns alles, was wir bisher gesagt haben, zu der Schlussfolgerung, dass der Schwerpunkt unserer Evangelisation, Mission und Gemeindearbeit dieser Zeit auf dem Evangelium vom Kreuz liegen muss: auf der Quelle und dem Zugang zum weiteren Evangelium vom Reich. Der Grund dafür ist, dass alles andere unerreichbar ist und sogar schlechte Nachrichten sind, solange wir Menschen nicht den Weg dahin weisen. Nicht nur das, wir leben außerdem in einer Zeit, in der Gottes alles übergreifende Gebot an jeden Menschen auf der ganzen Welt ist: „Tut Buße und glaubt.“

Es gibt nur ein Gebot, das tatsächlich im Evangelium eingeschlossen ist (unabhängig, ob enge oder weite Wortbedeutung): „Tut Buße und glaubt.“ Das ist die hauptsächliche Aufforderung an alle Menschen dieser Zeit. Darum muss es der hauptsächliche Schwerpunkt in unserer Verkündigung sein.

Fussnoten

[1] Jesus verkündigt sehr deutlich das Evangelium vom Kreuz (z. B. Mk 10,45), auch wenn nicht festgehalten ist, dass er seine Verkündigung selbst mit dem Wort „Evangelium“ betitelt. Eine allgemeine Bemerkung: Natürlich haben Wort-Untersuchungen ihren Wert. Doch wir sollten unsere Definition von „Evangelium” und das Erkennen im Text nicht zu eng an die Vorkommnisse des Wortes im Text hängen. Sonst müssten wir beispielsweise sagen, dass es bei Johannes nie um das Evangelium geht, weil er das Wort in seinen Werken nie verwendet.