Informelles Mentoring

Artikel von Alvin Reid
20. Mai 2019 — 10 min Lesedauer

Jimmy kam prompt 8 Uhr morgens an meinem Haus an, um mich zum Flughafen zu bringen. Er hat das schon oft für mich gemacht. Jimmy und seine Frau Natalie werden im weiteren Verlauf dieses Jahres als Missionare ins Ausland gehen. Er gehörte zu einer Kleingruppe, die ich leite, und auch er und seine Frau leiten selbst eine Kleingruppe in unserer Gemeinde.

Aber Jimmy tat mehr als mich nur zum Flughafen zu bringen. Diese Autofahrt demonstriert den Hauptansatz, den ich beim Mentoring verfolge. Ich gehe selten allein auf eine Reise und fahre fast nie selbst zum Flughafen. Wann immer es mir in meinem normalen Leben möglich ist, versuche ich jemanden zu involvieren, den ich mentore. Über das Leben und Gottesfurcht in diesem Kontext zu reden, erfüllt eine Mentoringbeziehung mit Leben. Ich nenne dies informelles Mentoring.

Betrachte das Leben von Christus in den Evangelien und du wirst seinen Ansatz beobachten: Jesus redete mit der Menge. Er speiste Tausende. Er lehrte viele. Er sandte siebzig aus, um Zeugnis zu geben, aber er veränderte die Welt mit nur zwölf. Und darüber hinaus investierte er besonders viel Zeit in drei: Petrus, Jakobus und Johannes.

Der größte Einfluss, den ich als Lehrer und Pastor ausgeübt habe, geschah nicht durch das Predigen vor der Menge oder das Lehren in Klassen, so wichtig wie das ist. Es waren diese Personen, die mit mir außerhalb des Klassenzimmers oder der Kleingruppe im normalen, alltäglichen Leben umgegangen sind, wo wir gewiss auch über den christlichen Dienst und Theologie geredet haben, aber gleichzeitig auch darüber, wie man das Leben zur Ehre Christi führt.

Ich glaube an formelles Mentoring und ich treffe mich regelmäßig mit einem oder ein paar Männern, um in sie zu investieren. Informelles Mentoring kann zumindest zu eher formelleren Ansätzen hinzukommen, und meiner Meinung nach ist es der bessere Ansatz, denn es ist der Ansatz, den Jesus gebrauchte.

Studiere die Evangelien und beobachte, wie Jesus die Zwölf mentorte. Sie sahen sein Herz für die Verlorenen (Mt 9,35-38). Er führte sie in Situationen, die sie zum Denken herausforderten (indem er sie in Matthäus 16 fragte, wer er sei oder bei der Verklärung in Matthäus 17). Er verteidigte sie vor den Pharisäern (Mt 15). Er gab ihnen Aufträge wie die Verkündigung des Evangeliums und am Ende den großen Missionsbefehl. Diese und eine Vielzahl weiterer Beispiele geschahen im Laufe ihres täglichen Lebens zusammen.

Das beste Lernen kommt nicht davon, einfach einem Mentor zuzuhören, sondern zu sehen, wie sich die Wahrheit in dem Leben des Mentors zeigt. Auf diese Weise kann informelles Mentoring verschiedene Vorteile bieten:

Informelles Mentoring erlaubt der Person, die du mentorst, zu sehen, wie du lebst, und umgekehrt. Wir können alle eine Fassade aufbauen in einem festen, wöchentlichen Treffen, aber das ist schwieriger, wenn wir unser normales Leben führen.

Informelles Mentoring erlaubt Anwendung in einem spezifischen Kontext. Wenn ich in einer Universität rede, nehme ich Studenten mit, die Interesse an Studentenarbeit haben. Ich lasse sie meine Predigt kritisieren, die Studentenarbeit am Campus bewerten und darüber reden, wie das Evangelium diesen Campus erreichen könnte. Ich mache das gleiche bei Leiterschaftskonferenzen. Ich begegnete kürzlich einem jungen Mann, der seinen Doktor zusammen mit mir machte. Als Student hatte er mir dabei geholfen, Blumen zu pflanzen, was ich niemals vorher gemacht hatte. Wir redeten den ganzen Tag über Theologie, während wir Blumen pflanzten. Ich dachte daran zurück, als er mir erzählte, wie er gerade ein wunderschönes Beet für seine Familie gepflanzt hatte. Unser Mentoring sollte theologisch und geistlich sein; aber wir sollten dieses Mentoring auch mit dem Leben verbinden.

Informelles Mentoring erlaubt uns, in andere zu investieren, ohne mehr Termine zu unserem Kalender hinzuzufügen. Wenn ich im Garten arbeite, nehme ich Leute mit, die ich mentore; auch, wenn ich Erledigungen mache. Wir evangelisieren zusammen. Sie helfen mir, wenn ich theologische Texte verfassen muss. Ich leihe ihnen sogar mein Auto.

Informelles Mentoring erlaubt uns, diejenigen, die wir mentoren, in ihrem alltäglichen Leben zu sehen und wie sie reagieren. Es ist schwer, in einer wöchentlichen Kleingruppe zu sitzen und zu beobachten, wie ein junger Mann in Situationen reagiert, die nicht so laufen wie geplant. Wie behandelt er die Bedienung im Restaurant? Wir redet er über diejenigen, die Autorität über ihn haben? Wie reagiert er auf Ermutigung und Zurechtweisung? Wie wendet er das Evangelium auf sein Leben an?

Informelles Mentoring bietet ausgezeichnete Gelegenheiten für besondere Momente. Ich habe es viel öfter erlebt, dass ein junger Mann ein wichtiges Konzept überdachte, während wir zusammen zwei Stunden im Auto fuhren, als in formelleren Umgebungen.

Wenn du es nicht bereits tust, denke an jemanden, den du mentoren willst. Frage dich, welche Dinge du momentan tust, an denen der Mentee teilnehmen könnte: Erledigungen machen, das Büro saubermachen, an einem Projekt arbeiten oder im Garten, zum Beispiel. Denke über normale Aktivitäten nach, zu denen du jemanden mitnehmen könntest. Passe deinen Lebensstil an, um andere Menschen an diesen Aktivitäten teilhaben zu lassen. Und während ihr zusammen Zeit verbringt, redet über Leben und Gottesfurcht, über Theologie und Anwendung. Und ermutige diejenigen, die du mentorst, das gleiche zu tun. Denn ein wichtiger Aspekt des apostolischen Zeugnisses war die Nähe der Apostel zu Jesus Christus, wie wir in Apostelgeschichte 4,13 sehen: „Als sie aber die Freimütigkeit von Petrus und Johannes sahen und erfuhren, dass sie ungelehrte Leute und Laien seien, verwunderten sie sich; und sie erkannten, dass sie mit Jesus gewesen waren“.

Alvin Reid ist Professor für Evangelisation und Studentenarbeit am Southeastern Baptist Theological Seminary. Mit einem M.Div. und Ph.D. in Evangelisation vom Southwestern Seminary und jahrzehntelanger Erfahrung im Jugenddienst.