Eine Meditation über Stärke und Schwäche

Artikel von Kevin DeYoung
3. April 2019 — 12 min Lesedauer

Die beiden Gemeinden in der Offenbarung, die ohne positive Eigenschaften erwähnt werden, sind jene zwei, die nach außen hin am beeindruckendsten wirken – Sardis und Laodizea. Die beiden Gemeinden ohne negative Eigenschaften sind hingegen jene zwei, die am meisten mitgenommen und am hilflosesten erscheinen – Smyrna und Philadelphia. Die stärksten Gemeinden haben die meisten Schwächen und die schwächsten Gemeinden haben die meisten Stärken.

Oder zumindest gewissermaßen.

Als Christen wissen wir, dass Schwäche gut ist. Die Bibel hat jedoch auch nicht immer etwas gegen Stärke. Ist nun Stärke oder Schwäche besser? Sollen wir versuchen zu wachsen und zu reifen? Sollen wir mit den Gaben, die uns gegeben wurden, ein Feuer anfachen? Oder sollen wir mit allen unseren Beschränkungen und Schwächen angeben?

Wenn wir ehrlich sind, wollen wir alle stark sein – nicht alle von uns in denselben Bereichen, aber alle von uns in manchen Bereichen. Wir wünschen uns, schlanker und attraktiver oder muskulöser zu sein. Wir würden gerne intelligenter, sportlicher, musikalischer und erfolgreicher in unserem Job sein. Wir hätten gerne bessere Kinder und würden gerne bessere Noten erhalten. Wir würden gerne mehr verdienen und ein größeres Haus besitzen. Wir hätten gerne ein neueres Auto oder einfach einen besseren Parkplatz, wenn wir sonntags unsere Gemeinde besuchen. Wir hätten gerne mehr Einfluss, mehr Schwung und mehr Anhänger. In manchen oder all diesen Bereichen, sehnen wir uns alle danach stark, oder stärker als wir sind, zu sein.

Wie wir allerdings wissen, spricht die Bibel wertschätzender über Schwäche als über Stärke. Hier einige Stellen:

„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3).

„Wenn schon geprahlt sein muss, will ich mit meiner Schwachheit prahlen“ (2Kor 11,30).

„Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt“ (2Kor 12,9).

Es scheint also, als ob von uns verlangt wird, die Schwäche gegenüber der Stärke zu bevorzugen. Das ist sicher wahr, aber möglicherweise zugleich auch irreführend zugleich. Während Gottes Kraft in unserer Schwäche vollkommen wird, entspricht es nicht immer der Wahrheit, dass Hässlichkeit besser als Schönheit, Armut besser als Reichtum, Dummheit besser als Intelligenz, Vernachlässigung besser als Gediegenheit, Schwäche besser als Stärke, Unterdrückung besser als Autorität und der Besitz von weniger Gaben besser als der Besitz vieler Gaben ist.

Weil die Bibel die Schwäche gegenüber der Stärke bevorzugt, sind wir versucht zu glauben, dass die erste Hälfte der genannten Gegenpaare grundsätzlich geistlicher ist. Das würde allerdings bedeuten, dass wir die Helden und Heldinnen der Bibel ignorieren müssten. Abraham war reich. David war ein König. Mose war mächtig. Solomon war weise. Ester war schön. Samson war stark. Paulus war außerordentlich intelligent. Sogar Jesus selbst zeigte große Macht und Autorität. Die Bibel will uns daher nicht zu verstehen geben, dass Gemeinden nur mit vollkommener Herrlichkeit erfüllt werden können, wenn wir alle einfach dümmer, hässlicher und weniger erfolgreich sind.

Die Frage, die ich mir selbst stelle, ist: „Warum bevorzugt die Bibel Schwäche gegenüber Stärke?“; und: „In welcher Hinsicht bevorzugt sie diese?“

Zunächst ist die Schwäche, die in der Bibel so positiv dargestellt wird, primär eine geistliche Schwäche. Mit geistlicher Schwäche meine ich nicht, dass wir geistlich schwach sind. Damit meine ich, dass wir bescheiden, gebrochenen Herzens und demütig sind. Das ist grundsätzlich die gute Art von Schwäche – selbstlos, bescheiden, demütig und verachtend gegenüber unserer eigenen Sündhaftigkeit zu sein.

Zudem ist Schwäche besser als Stärke, weil die Versuchung sich von Gott abzuwenden größer ist, wenn wir stark sind. Die Gelegenheit sich auf Gott zu verlassen ist greifbarer, wenn wir schwach sind. Zum Beispiel glaube ich nicht, dass Reichtum Bosheit ist. Es ist möglich, reich und großzügig zu sein. Die Bibel lehrt uns nicht, dass Reichtum mit Bosheit gleichzusetzen ist. Aber die Bibel – und mehr noch Jesus – lehren uns, dass Reichtümer eine große Gefahr darstellen. Ich wage es zu sagen, dass mehr reiche Menschen als arme Menschen in die Hölle gefahren sind. Reichtum ist an sich nicht schlecht, aber sich in einer Position der Stärke zu befinden ist geistlich gesehen gefährlich.

Die Gefahr des Geldes ist die Gefahr der Stärke. Die Versuchung für jemanden, der stark ist – sei es finanziell, leistungsmäßig, musikalisch, sportlich oder kreativ – jene die, sich auf sich selbst und nicht auf Gott zu verlassen. Wie sehr wir auch Stärke wollen, wir sind gewöhnlicherweise offener für mehr geistliche Gaben, wenn wir schwach sind.

Stärke ist nicht das Problem. Stärke in den falschen Bereichen zu suchen, ist das Problem.

Jesus und das gesamte Neue Testament erheben ständig Einspruch gegen unser Verlangen nach Sieg und Rechtfertigung, Herrschaft und Autorität, Erfolg und Standhaftigkeit. Wir sind keine Buddhisten; Verlangen zu haben ist grundsätzlich nicht fehlerhaft. Das Problem ist, dass wir nach diesen Dingen, wie Sieg, Autorität und Erfolg in den falschen Bereichen suchen. Wir wollen Stärke und assoziieren sie mit Geld, Position und Größe, wohingegen Gott von uns will, dass wir sie mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe in Verbindung bringen.

Stärke ist gut, aber Christen finden sie in der Schwäche. Wir finden Stärke, indem wir verzweifeln und uns nicht selbst zujubeln. Gott verwendet hauptsächlich unser Leid, um uns in Richtung geistigen Erfolg zu führen. Gott verwendet auch unser Versagen, um uns Hoffnung zu geben. Er verwendet den Tod, um uns Leben zu schenken. Ein perfektes Beispiel dafür ist der Abschnitt aus Hebräer 11,32-34:

„Und was soll ich noch sagen? Die Zeit würde mir nicht reichen, wollte ich von Gideon erzählen, von Barak, Simson, Jiftach, David und von Samuel und den Propheten; sie haben aufgrund des Glaubens Königreiche besiegt, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, Feuersglut gelöscht; sie sind der Schärfe des Schwertes entgangen; sie kamen zu Kraft, als sie schwach waren; sie wurden stark im Kampf und haben feindliche Heere in die Flucht geschlagen.“

Diese Männer sind keine Helden, weil sie unaufrichtig, passiv und inkompetent waren. Sie eroberten Königreiche, stopften den Rachen von Löwen und schlugen feindliche Heere in die Flucht. Aber all das war Gottes Werk. Er verwandelte ihre Schwäche in Stärke. Das ist das, was wir wollen: Stärke und Schwäche zur gleichen Zeit und in der richtigen Reihenfolge.

Kevin DeYoung ist Senior Pastor der Christ Covenant Church in Matthews, North Carolina (USA), Vorstandsmitglied bei The Gospel Coalition und Assistenzprofessor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary (Charlotte, USA). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Gott beim Wort nehmen (3L, 2016) und Leg einfach los (Betanien, 2017). Kevin und seine Frau Trisha haben acht Kinder.