Predige das Evangelium – und da es notwendig ist, gebrauche Worte

Artikel von Ed Stetzer
20. März 2019 — 14 min Lesedauer

Es gibt eine bekannte Redensart, die auch Christen gerne gebrauchen. Sie hat auf Facebook und Twitter viel Verbreitung gefunden. Vielleicht hast du die folgenden Worte auch schon einmal benutzt, die meistens dem heiligen Franziskus von Assisi zugeschrieben werden: „Predige das Evangelium. Falls notwendig, gebrauche Worte“. Ich denke, wir können wertschätzen, was man mit diesem Satz zum Ausdruck bringen will. Als Christen sollten wir so leben, dass unser Leben auf die Person und das Werk Jesu hinweist.
Aber die gute Absicht hinter dieser Aussage kann nicht über zwei grundlegende Probleme mit diesem Zitat und seinem angeblichen Ursprung hinwegtäuschen. Erstens: Der heilige Franziskus hat es nie gesagt, und zweitens: Das Zitat ist nicht biblisch.

Mark Galli hat darauf hingewiesen, dass es keine Quelle gibt, die darauf hinweist, dass Franziskus diese Aussage jemals in irgendeiner Form gemacht hat. Nach allem, was wir über ihn wissen, müssen wir annehmen, dass er diesem Zitat gar nicht zugestimmt hätte. Er ist nämlich für seine Predigten bekannt und predigte bis zu fünfmal täglich.

Ein unvollständiges Bild vom Evangelium

Der Gedanke hätte Franziskus wohl nicht angesprochen, dafür aber viele Menschen heute, für die ein wortloser Dienst ein überzeugender Ansatz ist. „Worte sind billig“, sagen wir gern, und „Taten sprechen lauter als Worte“. Galli erklärt, dass diese Einstellung sehr gut zu unserer Kultur passt:

„Predige das Evangelium; falls notwendig, gebrauche Worte“ geht Hand in Hand mit der postmodernen Annahme, dass Worte letztendlich keine Bedeutung haben. Dadurch wird auf subtile Weise der hohe Wert geschmälert, den die Propheten, Jesus und Paulus dem Predigen beigemessen haben. Natürlich wollen wir, dass unsere Handlungen so weit es möglich ist unseren Worten entsprechen. Aber das Evangelium ist eine Botschaft – die Nachricht über ein Ereignis und eine Person, von der die Geschichte des ganzen Planeten abhängt.

Und das ist das eigentliche Problem – es geht nicht darum, von wem das Zitat ursprünglich stammt, sondern das es ein unvollständiges Bild vom Evangelium vermitteln kann und davon, wie Gott Sünder rettet. Christen rufen sich schnell dazu auf, „das Evangelium zu leben“ oder „das Evangelium für unseren Nächsten zu sein“. Der missionale Impuls dabei ist hilfreich, aber im Evangelium geht es nicht um etwas, das ein Christ ausleben, praktizieren oder werden kann.

Der Apostel Paulus fasste das Evangelium als das Leben, den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus zusammen, durch den Sünde gesühnt wird, Sünder mit Gott versöhnt werden und durch den die Hoffnung der Auferstehung all diejenigen erwartet, die glauben. Das Evangelium ist keine Angewohnheit, sondern eine Geschichte. Das Evangelium ist eine Verkündigung von etwas, das wirklich passiert ist. Und weil es im Evangelium um das Rettungswerk von Jesus geht, ist es nicht etwas, das wir tun können, sondern etwas, das wir verkündigen müssen. Wir leben seine Implikationen aus, aber wenn wir das Evangelium bekannt machen wollen, dann müssen wir dazu Worte gebrauchen.

Verkündigung hat zentrale Bedeutung

Es scheint, als ob der Fokus auf die Verkündigung in vielen Gemeinden, die sich selbst als evangelikal verstehen würden, zurückgeht. Aber die Verkündigung ist zentrale Aufgabe der Gemeinde. Es ist nicht die einzige Aufgabe, die Gott uns gegeben hat, aber sie ist von zentraler Bedeutung. Während der Prozess des Jüngermachens mehr umfasst als verbale Kommunikation, und sich natürlich das Leben eines Jüngers als falsch erweist, wenn es sich nur auf Worte begrenzt, so ist doch die entscheidenste Aufgabe, die Gott der Gemeinde gegeben hat, die Vortrefflichkeit unseres Retters zu verkünden.

Ein gottesfürchtiges Leben sollte als Zeugnis für die Botschaft dienen, die wir verkündigen. Aber worauf können unsere Handlungen verweisen als nur auf uns selbst, wenn sie keine Worte beinhalten? Ein gottesfürchtiges Leben kann die Menschwerdung, den stellvertretenden Sühnetod Jesu oder die Hoffnung auf Erlösung durch Gnade und Glauben allein nicht verkündigen. Wir selbst können keine guten Nachricht sein, aber wir können sie vor allen, die zuhören, verkünden, singen, sprechen und predigen. Die verbale Kommunikation des Evangeliums ist das einzige Mittel, durch das Menschen in eine richtige Beziehung mit Gott gebracht werden. Der Apostel Paulus machte diesen Punkt gegenüber der Gemeinde in Rom klar, als er sagte:

Denn: "Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden". Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen Verkündiger? (Röm 10,13–14)

Wenn wir alle Völker zu Jüngern machen wollen, müssen wir Worte gebrauchen. Das Predigen macht den Gebrauch von Sprache notwendig. Lasst uns das Evangelium predigen und Worte gebrauchen – das ist notwendig. Aber die Zustimmung allein, das Verkündigung zentral ist, reicht nicht. Wir müssen von der Zustimmung zur effektiven Anwendung kommen. Lasst uns Menschen sein, die nicht nur irgendwie das Evangelium verkündigen, sondern unter Berücksichtigung der folgenden vier Hinweise:

1. Die Verkündigung des Evangeliums muss verständlich sein

In unserem Bemühen, theologische Themen möglichst genau zu kommunizieren, müssen wir auch sicherstellen, dass wir noch verständlich bleiben. Wir wollen das biblische Evangelium auf eine kulturell zugängliche Weise verkündigen. Das macht es notwendig, sowohl theologische Begriffe zu definieren als auch die Sprache des Volks zu übernehmen, wenn es angemessen ist. Es ist ironisch, dass manche, die die Puritaner lieben, teilweise den Ansatz der Puritaner verraten, indem sie nicht „einfach“ sprechen. Die Verkündigung des Evangeliums sollte soweit wie möglich in der Sprache der Zuhörer erfolgen. Wie sollen sie aber hören, wenn wir in einer anderen Sprache reden?

2. Die Verkündigung des Evangeliums muss ernsthaft sein

Wir sagen, dass das Evangelium eine ernste Angelegenheit ist, weil es eine ernste Angelegenheit ist. Ich will damit nicht sagen, dass jeder das gleiche Temperament haben sollte, aber ich will sagen, dass die lebensrettende „gute Nachricht“ mit Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit und Leidenschaft übermittelt werden sollte. Niemand hört der Verkündigung von ernsten Themen zu, wenn sie auf frivole Weise dargebracht wird. Wenn wir Christus predigen, brauchen wir Klarheit und Aufrichtigkeit.

3. Die Verkündigung des Evangeliums muss außerhalb der Ortsgemeinde erfolgen

Jünger zu machen heißt, das Evangelium an die Menschen weiterzugeben, die außerhalb der Gemeinde sind. Da wir glauben, dass das einzige gottgegebene Mittel, Menschen aus dem Reich der Finsternis in das Reich des Lichts zu versetzen, die Predigt des Evangeliums ist, sollten wir dazu angetrieben sein, solche Worte an alle zu richten, die zuhören wollen. Als diejenigen, die von Gott gesandt sind (das sind wir), sollten wir das Evangelium den Menschen, die noch nicht bekehrt sind, in unserer Nachbarschaft, in der Schule und auf dem Arbeitsplatz erzählen.

4. Die Verkündigung des Evangeliums muss innerhalb der Ortsgemeinde erfolgen

Das Evangelium sollte aber auch in der Gemeinde gesprochen werden, da selbst die Erlösten zwischen den gegensätzlichen Versuchungen der Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit hin und her schwanken können. Eines der wichtigsten Dinge, die ein Christ tut, ist es, Christen durch die gute Nachricht des Evangeliums wieder auf Jesus auszurichten. Und wir müssen das Evangelium in der Gemeinde verkündigen, damit ungläubige Besucher hören können, dass das Evangelium nicht nur eine einzelne Wegmarkierung auf unserer geistlichen Reise ist, sondern  in unserem Leben dauerhaft kostbar bleibt. Wir sprechen uns das Evangelium in der Gemeinschaft der Gläubigen zu unserer Heiligung und Anbetung immer wieder zu.

Das Evangelium verlangt Worte. Lasst uns also das Evangelium predigen und lasst uns Worte gebrauchen, da sie notwendig sind. Mögen es klare und kühne Worte sein, die alle innerhalb und außerhalb der Gemeinde dazu aufrufen, Jesus nachzufolgen.