Jesus und die Psalmen

Artikel von Michael Morales
17. März 2019 — 18 min Lesedauer

Die Schriften

„Was denkt ihr von dem Christus?“ Als er die Anführer Jerusalems dazu bewegte, diese Frage von ewigem Gewicht zu bedenken, wandte sich Jesus an die Autorität von dem, was im „Buch der Psalmen“ geschrieben steht, insbesondere Psalm 110 (Mt 22,41–46; Mk 12,35–37; Lk 20,40–44), und stellte eine Frage, die sowohl einfach als auch tiefgehend war – wobei die Antwort zum unergründbaren Wunder der Menschwerdung Gottes führt: Wie konnte David seinen Sohn als seinen Herrn bezeichnen? Diese bohrende Frage war nur die Anwendung dessen, was Jesus später erklären würde: Dass nämlich er selbst das Objekt aller Schriften des Alten Testaments ist, indem er die dreifache Unterteilung in Lukas 22,44 als „Gesetz Moses und die Propheten und die Psalmen“ zusammenfasste, wobei die Psalmen stellvertretend für die Schriften standen.

Dass sich vieles von den Psalmen um „den Christus“ dreht, war (und ist) allgemein anerkannt; die herrliche Verkündigung des Neuen Testaments ist, dass Jesus der Christus ist, der langerwartete „Gesalbte“, von dem diese Schriften sprechen. Und so lesen wir von Petrus, der, nachdem er zwei Psalmen zitiert hatte, den Mengen, die sich zu Pfingsten in Jerusalem versammelt hatten, kundgab: „Gott hat Ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht, eben diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt!“ (Apg 2,36) Wir lesen auch von Paulus, der aus den Schriften (wiederum dem Alten Testament) argumentierte und zeigte, dass Jesus leiden und wieder auferstehen musste, und sprach: „Dieser Jesus, den ich euch verkündige, ist der Christus!“ (Apg 17,2–3) Die Apostel bauten umfassend auf den Psalmen auf für ihr von Gott eingegebenes Zeugnis über die Person und das Werk Christi. Der Hebräerbrief ist beispielsweise durch die Psalmen zusammengewebt und zeigt uns, dass Jesus der „Sohn des Menschen“ aus Psalm 8 ist, den Gott durch die Menschwerdung „ein wenig niedriger sein ließ als die Engel“, aber nun mit „Herrlichkeit und Ehre“ gekrönt hat durch seine Auferstehung und Himmelfahrt (Hebr 2,5–9). Das Matthäusevangelium zeigt auf, dass die Psalmen der Schlüssel zu Jesu Selbstverständnis waren, dass der Teufel vor Jesus in der Wüste Psalm 91 zitierte (Mt 4,6), und dass Jesus am Kreuz sein Leid durch die Brille von Psalm 22 las: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Dass er oft über die Psalmen nachsann und über das, was sie von ihm aussagten, wird darin deutlich, wie Jesus sein Leiden und seiner Erhöhung mit den Worten von Psalm 118,22 zusammenfasste: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden“ (Mt 21,42; siehe auch Mk 12,10; Lk 20,17; Apg 4,11; 1Petr 2,7).

Die Leiden Christi

Als Jesus seine Pein am Kreuz mit den Worten von Psalm 22 ausdrückte, unterstrich er eine der kostbarsten Facetten in den Psalmen im Allgemeinen, nämlich dass sie als Lieder auf einzigartige Weise die inneren Tiefen der Seele übermitteln und besonders die Seele Christi. Die Psalmen helfen uns nicht nur, unsere Antwort auf Gott in den Bedrängnissen und Freuden des Lebens zu formulieren, sondern sie offenbaren uns auch etwas über das innere Leben von Jesus Christus; Einblicke, die wir nicht durch die Evangelien allein bekommen. Im Obergemach, als er erklärte, dass sein Verräter derjenige war, „der mit mir das Brot in die Schüssel eintaucht“, und hinzufügte, dass der Sohn des Menschen „dahingeht, wie von ihm geschrieben steht“ (Mk 14,20-21), hatte Jesus wahrscheinlich Psalm 41 im Sinn, in dem Vers 10 noch deutlicher die Leiden seiner Seele beschreibt: „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben“. (Petrus drängte in Apg 1,15–20 darauf, Judas als Apostel zu ersetzen, auf Grundlage der Autorität dessen, was „im Buch der Psalmen geschrieben steht“, insbesondere Psalm 69,26 und 109,8). Im Bericht des Johannesevangeliums über die Kreuzigung werden wir von der berichteten äußerlichen Handlung der Soldaten, die das Los über das Gewand Christi warfen, zu Psalm 22,19 und den inneren Gefühlen des Mannes der Schmerzen mitgenommen: „Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand“ (Joh 19,24). Später, als er bis zu seinem Tod am Kreuz litt, zitierte Christus einen weiteren Psalm (nach Psalm 22), indem er zum Vater mit seinem letzten Atemzug in den Worten von Psalm 31,6 betete – „In deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lk 23,46). Dieser Psalm öffnet ein Fenster sowohl auf seine Treue – „Vor all meinen Feinden bin ich zum Hohn geworden, meinen Nachbarn allermeist, und ein Schrecken meinen Bekannten…, denn ich habe die Verleumdung vieler gehört“ – als auch auf sein festes Vertrauen auf den Charakter und die Verheißungen Gottes – „In deiner Hand steht meine Zeit“. Es ist sogar möglich, dass Jesus, als er dem Vater seinen Geist anbefahl, durch die Worte von Psalm 16 in Bezug auf seinen Leib getröstet wurde: „Mein Fleisch wird sicher ruhen, denn du wirst meine Seele nicht dem Totenreich preisgeben und wirst nicht zulassen, dass dein Getreuer die Verwesung sieht“ (Verse 9–10). Der Apostel Petrus wendet, wie wir sehen werden, diesen Psalm auf die Auferstehung an. Aber selbst in Psalm 22 folgt auf den großen Verzweiflungsschrei die freudige Erklärung, dass Gott „sein Angesicht nicht vor ihm verborgen hat, und als er zu ihm schrie, ihn erhörte“ (Vers 24).

Die Herrlichkeiten des Christus

Die Psalmen geben uns auch einen Einblick in die große Erhöhung Christi, die mit seiner Auferstehung beginnt, durch seine Himmelfahrt unterstrichen wird und in seiner Krönung kulminiert, sodass er als König aller Könige, einziger Retter und höchster Richter über alle Nationen regiert. Zurück bei der ersten Predigt zu Pfingsten zitiert Petrus vier Verse aus Psalm 16 und geht davon aus, dass David, der „liebliche Psalmdichter in Israel“ (2Sam 23,1), hier als ein Prophet redet, der die Auferstehung Christi voraussah, der die Frucht seiner Lenden war (Apg 2,25–31). Denn Davids Fleisch selbst hatte die Verwesung gesehen und war immer noch im Grab; folglich argumentiert Petrus, dass die Schriften, die nicht gebrochen werden können, „von der Auferstehung des Christus, dass seine Seele nicht dem Totenreich preisgegeben worden ist und auch sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat“ geredet haben müssen (Apg 2,31; siehe auch Apg 13,35–36). Dann geht Petrus sofort zu Psalm 110 über (der der meistzitierte Psalm im Neuen Testaments ist), um die Himmelfahrt und Krönung von Jesus zu demonstrieren: „Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße.“ Deshalb, folgert und erklärt Petrus, soll ganz Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat (Apg 2,34–36).

Ein weiterer Psalm, der im Neuen Testament oft gebraucht wird, ist Psalm 2, insbesondere Verse 7 und 8: „Ich will den Ratschluss des HERRN verkünden; er hat zu mir gesagt: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. Erbitte von mir, so will ich dir die Heidenvölker zum Erbe geben und die Enden der Erde zu deinem Eigentum‘“. Die Apostel bekräftigten immer wieder, dass die Auferstehung dieses „Zeugen“ von Christus war, im Sinne, dass, als Gott ihn aus den Toten auferweckt hat und in die neue Schöpfungsherrlichkeit „gebar“, er auf mächtige Weise erklärte, dass Jesus Christus – nicht nur sein ewiger Sohn, sondern der menschgewordene Messias – sein Sohn und der herrschende König ist (siehe Apg 13,30–34). Der göttliche, ewige Sohn Gottes, nachdem er die Demütigung unseres Menschseins in der Menschwerdung erfahren hat und nachdem er als der leidende Gottesknecht zum niedrigsten Ort herabgestiegen war, trägt nun in der Geschichte unser Menschsein mit sich in seine große Erhöhung zum höchsten Ort, eingesetzt zur Rechten des Vaters, um über all das zu herrschen, was früher unter dem Fluch stand. Die Apostel interpretieren sogar ihre Verfolgung im Licht des „Tobens der Heiden“ gegen Christus, den eingesetzten König, wie es in Psalm 2,1–2 beschrieben wird (Apg 4,25–28), und Christus selbst, als er den Aposteln im großen Missionsbefehl auftrug, die Nationen zu Jüngern zu machen (Mt 28,18–20), fordert nur die Verheißung Gottes an den König ein, den er auf Zion eingesetzt hat: „Erbitte von mir, so will ich dir die Heidenvölker zum Erbe geben und die Enden der Erde zu deinem Eigentum“ (Ps 2,8). Der Verfasser des Hebräerbriefs gebraucht Psalm 2,7, um die Herrlichkeit von Christus als erhöhten Hohepriester zu entfalten (Hebr 5,5), was er mit wiederholten Bezügen auf Psalm 110,4 begründet: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks!“ (Hebr 5,5–6; 7,1–28) Wir erfahren im Hebräerbrief auch, dass Jesus Christus als unser Hohepriester, der für uns in den himmlischen Orten wirkt, zum Anbetungsleiter der Gemeinde geworden ist; derjenige, der den Lobpreis der Erlösten in den Worten von Psalm 22,23 anführt: „Ich will meinen Brüdern deinen Namen verkündigen; inmitten der Gemeinde will ich dich loben“ (Hebr 2,12). Dieser Lobpreis ist die ewige Antwort auf die Auferstehung Christi, das heißt, zu seinem Gebet, das er vom Kreuz ausstieß, denn „du hast mich erhört“ (Ps 22,22; siehe auch Psalm 118,21–22). In der Tat ist viel von der neutestamentlichen Lehre über Christus und sein fortwährendes Werk als unser Prophet, Priester und König im Stand seiner Erhöhung fest gegründet auf das Buch der Psalmen. Paulus erklärt sogar die Gaben des Geistes vom aufgefahrenen Christus an seine Gemeinde durch die Linse von Psalm 68,19 – „Du bist zur Höhe emporgestiegen, hast Gefangene weggeführt; du hast Gaben empfangen unter den Menschen“ (Eph 4,7–16).

Auf diese Weise gebraucht das Neue Testament immer wieder das Buch der Psalmen, um unseren Blick auf die Vortrefflichkeiten Christi zu richten, auf die Majestät, Schönheit und Herrlichkeit desjenigen, der durch seine Demütigung und Erhöhung über die Nationen herrscht und sie zum himmlischen Berg Zion führt, so dass sie, erfüllt von Staunen, Liebe und Lobpreis, in Ewigkeit die Herrlichkeit des dreieinigen Gottes verkünden mögen.