Was ist Liebe?

Artikel von R.C. Sproul
16. Februar 2019 — 10 min Lesedauer

Wie viele Leute kennst du, die in Musik, Kunst, Literatur oder Sport durch ihre Liebe berühmt geworden sind? Wir erachten Menschen als Helden aufgrund ihrer Gaben, Talente oder Macht, aber nicht aufgrund ihrer Liebe. Und doch ist aus Gottes Perspektive die Liebe die wichtigste aller Tugenden. Doch was ist Liebe?

Liebe treibt die Welt an und romantische Liebe treibt gewisslich die Kultur an bei der Werbung und Unterhaltung. Wir scheinen nie müde zu werden von Geschichten, die sich auf Romantik konzentrieren. Aber wir reden nicht von romantischer Liebe, wenn wir von der christlichen Tugend der Liebe reden. Wir reden über eine viel tiefere Dimension der Liebe, eine Tugend so grundlegend, dass sie Christen von allen anderen Menschen unterscheidet. Ferner ist Liebe so wichtig für die Lehre der Bibel, dass Johannes uns sagt: „Gott ist Liebe“ (1Joh 4,7–8). Was auch immer wir sonst noch über die christliche Tugend der Liebe sagen, so müssen wir doch deutlich machen, dass die Liebe, die Gott befiehlt, eine Liebe ist, die seine eigene Liebe nachahmt. Die Liebe Gottes ist absolut vollkommen. Und wir sind dazu aufgerufen, diese Liebe vollkommen widerzuspiegeln, d.h. so vollkommen zu sein wie er (Mt 5,48). Nun liebt natürlich keiner von uns vollkommen, weshalb wir mit der vollkommenen Gerechtigkeit Christi durch Glauben an ihn allein eingedeckt werden müssen. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass wir immer wieder zur Schrift zurückkommen, um herauszufinden, wie Liebe aussehen sollte, denn wir sind so leicht mit einem sentimentalen, rührseligen, romantischen oder oberflächlichen Verständnis von Liebe zufrieden.

1. Korinther 13 geht tiefgreifend darauf ein, was Liebe wirklich bedeutet. Es ist ein Maßstab, durch den wir uns selbst sorgfältig prüfen können, um zu sehen, ob diese Liebe in unseren Herzen wohnt und sich in unserem Leben zeigt. Angesichts dieser Wahrheit bin ich überrascht, dass 1. Korinther 13 eine der beliebtesten Stellen in der ganzen Schrift ist, statt eine der meistverachtetsten. Ich kann mir kein Kapitel in der Schrift vorstellen, welches schneller unsere Sünden offenbart, als dieses Kapitel. Seine Beliebtheit mag davon herrühren, dass es eines der am meisten missverstandenen und am wenigsten angewandten Kapitel der Bibel ist. In gewisser Hinsicht sind wir gegenüber diesem Kapitel ambivalent. Wir sind hingezogen wegen der Größe des Themas und der Eloquenz der Sprache, und gleichzeitig sind wir abgestoßen von diesem Kapitel, weil es unsere Mangelhaftigkeit offenbart.  Wir wollen einen Sicherheitsabstand dazu einhalten, weil es so deutlich unseren Mangel an wahrer Liebe offenlegt.

Dieses Kapitel ist Teil einer apostolischen Ermahnung an Christen, die durch Auseinandersetzungen in der Gemeinde zerrissen wurden. Sie verhielten sich auf eine unreife, fleischliche Weise und im Kern dieses ungöttlichen Verhaltens war eine Zurschaustellung von gewissen Talenten, Fähigkeiten und Gaben ohne die Gegenwart von Liebe in ihrem Leben. In den ersten Versen redet Paulus von Liebe als dem sine qua non der christlichen Tugend (1Kor 13,1–3). Er spricht mit Hyperbel, indem er bewusst Dinge übertreibt, um seinen Punkt zu machen. Er fängt damit an, indem er Liebe mit der Gabe der Zungenrede vergleicht. Paulus sagt im Prinzip: „Mir ist egal, ob du fünfzig Sprachen fließend sprechen kannst oder ob du die Gabe hast, fremde Sprache auf wundersame Weise zu sprechen. Mir ist egal, ob Gott dir die Fähigkeit gegeben hat, die Sprache der Engelsheere zu sprechen. Wenn du keine Liebe hast, wird die Eloquenz deiner Sprache zu Lärm. Sie wird dissonant, ein nervender und störender Krach“. Er sagt hier, dass, wenn wir in den Zungen von Menschen oder Engeln sprechen, aber keine Liebe haben, wir ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle werden – reiner Lärm. Die ganze Schönheit der Sprache geht verloren, wenn keine Liebe vorhanden ist.

Paulus vergleicht dann die Liebe mit den Gaben der Weissagung und Erkenntnis; wundersame Gaben, die Gott an Menschen während des apostolischen Zeitalters gab. Diese erstaunlichen Gaben waren nichts im Vergleich zur Liebe. Der Apostel sagt, dass du eine wundersame Befähigung haben und Kraft vom Heiligen Geist empfangen kannst, aber diese im Kontext der Gnade der Liebe gebraucht werden soll. Und ohne diese Liebe ist der Gebrauch göttlicher Macht eine Scharade. Jesus musste selbst seine eigenen Jünger vor der Gefahr warnen, eine göttliche Gabe ohne Liebe zu gebrauchen. Jesus befähigte seine Jünger, damit sie an seinem Dienst der Teufelsaustreibung teilnehmen konnten, und sie gingen aus auf ihre Mission und kamen freudestrahlend zurück. Sie waren so begeistert über die Wirksamkeit ihres Dienstes, dass sie sich über die Macht freuten, die Christus ihnen gegeben hatte. Aber was antwortete Jesus? Freut euch nicht, weil ihr Macht über den Teufel habt, sondern freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind (Lk 10,1–20). Die Jünger waren von der Macht begeistert statt von der Gnade, die hinter dieser Macht stand. Sie waren trunken von der Gabe und vergaßen den, der sie gegeben hatte.

Die grundlegende Aussage ist, dass die Gaben Gottes ohne Liebe gebraucht werden können. Wenn das geschieht, wird ihr Wert zerstört. Das Wesen der Liebe laut 1. Korinther 13 ist es, das Wohl der anderen zu suchen. Eine Person, die Gottes Liebe reflektiert, wird dazu angetrieben, sich für andere hinzugeben, statt Macht zum eigenen Nutzen einzusetzen. Aber wir sind Menschen, die mehr an Macht interessiert sind, mehr am Tun als am Sein. Uns ist es wichtiger, die übernatürliche Macht zu erhalten, die Gott geben kann, statt der übernatürlichen Liebe, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen wird (Röm 5,5). Wir haben falsche Prioritäten. Dank sei Gott, dass seine Liebe für uns größer ist als unsere Liebe für ihn. Möge er uns stärken dabei, vor allem nach Liebe zu streben; einer Liebe, die seine Liebe für uns in Christus widerspiegelt (Röm 5,8).