Wie dein Smartphone dich verändert

12 Dinge, die Christen alarmieren sollten von Tony Reinke

Rezension von Tanja Bittner
14. Februar 2019 — 16 min Lesedauer

Sowohl Cover als auch Untertitel1 wecken zunächst düstere Ahnungen: Smartphones sind vermutlich einfach Teufelszeug und Christen sollten die Finger davon lassen! Doch wer diese Hürde überwindet und ins Buch blättert, wird schon auf den ersten Seiten eines Besseren belehrt. Die simple Pauschalantwort in schwarz-weiß gibt es nicht.

Ein wichtiger Grund dafür lautet: „Gespräche über unser Smartphoneverhalten werfen meistens keine wirklich neuen Fragen auf, sondern sie bringen uns zu den immerwährenden Fragen zurück, mit denen sich jede Generation konfrontiert sah“ (S.  22). Ob unsere Worte beispielsweise nichtsnutzig oder hilfreich sind, hat nur wenig damit zu tun, ob sie getippt oder gesprochen werden. Das Smartphone an sich ist weder gut noch böse2, sondern ein Werkzeug wie viele andere auch – wenngleich mit weitreichenderen Möglichkeiten als alles bisher Dagewesene. Ausschlaggebend ist immer noch der Benutzer. Mehr noch: Reinke stellt uns das glänzende Display unserer Smartphones als eine Art „Zauberspiegel“ vor, der uns „die tiefsten Sehnsüchte des eigenen Herzens in lebendigen Farben“ erkennen hilft (S.  25). Was wir in Augenblicken der Langeweile tun, auf welche Weise wir Anerkennung suchen oder worauf wir uns unter dem Deckmantel der Anonymität einlassen – unser Smartphone kennt uns wie niemand sonst und offenbart uns, wohin uns unser Herz wirklich zieht. Letztendlich geht es also in dem Buch schlicht um den Menschen und seine Versuchungen – und die Frage, wie wir Heiligung leben können.

Tony Reinke. Wie dein Smartphone dich verändert: 12 Dinge, die Christen alarmieren sollten. Augustdorf: Betanien, 2018. 254 Seiten. 12,90 Euro.
Tony Reinke. Wie dein Smartphone dich verändert: 12 Dinge, die Christen alarmieren sollten. Augustdorf: Betanien, 2018. 254 Seiten. 12,90 Euro.

Auf dieser Grundlage thematisiert Reinke im Hauptteil des Buches zwölf Gefahrenbereiche, in denen uns unser Handy zu ungeistlichem Verhalten verleiten kann. Dies geschieht nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern der Autor ist selbst „Betroffener“ – mit dem Leser unterwegs, um Smartphone-Gewohnheiten ehrlich unter die Lupe zu nehmen.

1. Mit dem Smartphone ist es leicht wie nie, jederzeit einer unangenehmen Realität oder auch der Stille zu entfliehen und sich mit unterhaltsamen Belanglosigkeiten abzulenken. Doch Zeiten der Stille sind wichtig, um intensive Gemeinschaft mit Gott zu pflegen. Es geht um unsere Prioritäten: angesichts der nahenden Wiederkunft Jesu sollten wir nicht abgelenkt, sondern wachsam sein (Mt  24,42).

2. Durch das Abtauchen in die virtuelle Welt verlieren wir leicht unsere realen Mitmenschen aus den Augen. Aber Gott hat uns als körperliche Wesen geschaffen, die auch mit Blicken, Tonfall und Körpersprache kommunizieren. Daher kann Online-Gemeinschaft niemals persönliche Begegnungen ersetzen.

3. Soziale Medien und die perfekte Inszenierung von immer neuen Selfies scheinen es möglich zu machen, unseren Hunger nach Beifall und Anerkennung zu stillen. Doch in Wirklichkeit werden wir dabei niemals satt. Für Christen stellt sich die Frage, ob wir Menschen oder Gott gefallen, ob wir auf kurzlebige Likes von Menschen oder auf ewigen Lohn bei Gott setzen wollen.

4. Am Display verändern sich unsere Lesegewohnheiten, wir lesen schneller und oberflächlicher. Langsames, konzentriertes Lesen ist aber notwendig, um einen Text tiefgehend zu verstehen – wie beispielsweise die Bibel. Andererseits fällt es vielen Menschen mit Hilfe einer Bibel-App tatsächlich leichter, konsequent einem Bibelleseplan zu folgen.

5. Gott hat uns seine Schöpfung als Original geschenkt, zu seiner Ehre und unserer Freude, aber die Handykamera verleitet dazu, sie nur noch als Motiv, in ihrer künstlichen Reproduktion wahrzunehmen. Auch Bilder können Gott verherrlichen, aber wir sollten nicht vergessen, ebenso im Hier und Jetzt über das Original (z. B. einen Sonnenuntergang) und seinen Schöpfer zu staunen.

6. Eine mächtige Industrie arbeitet daran, unsere Wünsche und Vorstellungen zu formen – um letztlich ihre Produkte zu verkaufen. Womit wir uns beschäftigen, prägt uns unweigerlich, weil wir nach Orientierung für unsere Identität suchen. Tatsächlich geht es hier um Anbetung, denn Anbetung ist „immer Ausdruck unserer Unterwerfung“ (S.  130). Unsere Anbetung gehört aber Gott allein, und nur von diesem Orientierungspunkt aus sind wir in der Lage, allen anderen Dingen ihren Stellenwert zuzumessen.

7. Wir benötigen echte Begegnungen mit echten Menschen, denn die gegenseitige Reibung unserer Ecken und Kanten formt unseren Charakter; aber wir brauchen auch Zeiten des Alleinseins. Paradoxerweise kann unser Smartphone beides sabotieren. Kopfhörer und der Blick aufs Display schirmen uns von unseren Mitmenschen ab, eine unendliche Flut von Nachrichten hält uns davon ab, (auch vor Gott) zur Ruhe zu kommen.

8. Das Internet bietet (vermeintlich) anonymen Zugang zu Pornografie und anderen unmoralischen Dingen und verführt dazu, heimlich Grenzen zu überschreiten. Doch vor Gott ist nichts verborgen. Der Hunger unserer Seelen kann nicht durch Konsum gestillt werden, wir finden Leben und Freude nur in Christus – vielfach bereits im Hier und Jetzt, vollkommen dann in Gottes Herrlichkeit.

9. Durch das Smartphone schiebt sich ein Strom von ständig neuen Informationen und Eilmeldungen in den Vordergrund unseres Lebens, nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Wahre Weisheit ist aber nur bei Gott zu finden – die wir benötigen, um Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und unsere Prioritäten richtig zu setzen.

10. Soziale Medien sind ein perfekter Ort, um sich mit anderen zu vergleichen (die in der Scheinrealität des Internets besser aussehen, mehr Erfolg haben, beliebter sind, usw.). Das schürt die Angst, zu kurz zu kommen. Es treibt uns an, mitzuhalten und unsere Energie auf die falschen Ziele zu verwenden. Als Christen werden wir aber in Ewigkeit nicht zu kurz kommen, und das ist das Einzige, was wirklich zählt (Phil  3,8).

11. Die Distanz der getippten Worte verleitet uns zur Unbarmherzigkeit. Es wird einfacher, andere anzuprangern, schlechte Nachrichten über sie zu verbreiten, in kollektive Empörung mit einzustimmen. Wenn Sünde vorliegt, dann ist der biblische Weg, zunächst zu prüfen, ob ich überhaupt berufen bin, diese Sache anzusprechen, und falls das so ist, nach Matthäus 18,15–20 vorzugehen. Verleumdung ist Sünde (Jak  4,11–12).

12. Die unterhaltsamen Belanglosigkeiten, mit denen uns das Internet die Zeit vertreibt, entfremden uns der wirklichen Gegenwart – und lösen uns auch aus dem Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft, in dem wir uns befinden. Doch Gott hat uns genau in unsere Zeit gestellt, damit wir hier und jetzt unseren Platz ausfüllen und seinen Auftrag verantwortungsbewusst ausführen. Kraft und Mut dazu gibt uns das Erinnern an Gottes Handeln in der Vergangenheit, unser Ziel formt sich an Gottes großem Ziel der Geschichte.

Sollen Christen nun also doch ihre Smartphones abschaffen, um all diesen Gefahren zu entgehen? Reinke lässt sich auch auf den letzten Seiten des Buches nicht dazu verleiten, hier um der Gunst des Lesers willen zu verwischen und abzuschwächen. Nein, es gibt immer noch keine Pauschalantwort, aber wir müssen uns darauf einlassen, auch diesen Lebensbereich ehrlich vor Gott auf den Prüfstand zu stellen – und die nötigen Konsequenzen ziehen, wenn wir Gott mit unserem ganzen Leben ehren wollen. Drei zentrale Fragen helfen hier (S.  228):

  1. Meine Ziele: Bewegt mich mein Smartphone-Verhalten zu Gott hin oder von ihm weg?
  1. Mein Einfluss: Ist mein Smartphone-Verhalten für andere erbaulich oder bewirkt es nichts von bleibendem Wert?
  1. Mein Dienstherr: Offenbart mein Smartphone-Verhalten Freiheit in Christus oder Verknechtung unter die Technik?

Das bedeutet: Ja, es kann für manchen heilsam sein, für eine Zeitlang auf das Smartphone zu verzichten, vielleicht sogar für immer (vgl. Mk  8,36). Für andere wird es heißen, klare Regeln für ihren Smartphone-Gebrauch einzuführen (z. B. das Handy erst nach meiner morgendlichen Zeit mit Gott einzuschalten). Stolz darauf, so oder so „geistlicher“ zu sein, steht niemandem zu (vgl. Lk  18,11).

Das Smartphone kann Fluch und Segen sein, wir können mit seiner Hilfe tief in Sünde fallen, es bietet aber auch weitreichende Möglichkeiten, Gott zu dienen und ihn zu verherrlichen. Tatsächlich hat sich an dem alten Thema nichts geändert: Nach wie vor geht es darum, unser ganzes Leben (einschließlich unserer Online-Existenz) der Herrschaft Christi zu unterstellen. Wo dieses Ziel klar ist, ergibt sich der Rest.

Beim Lesen irritiert zwischendurch die eine oder andere Unschärfe im Gedankengang (ob es z. B. wirklich FOMO war – die Angst, zu kurz zu kommen –, die den reichen Mann im Gleichnis bewog, darum zu bitten, wenigstens seine Brüder aufzurütteln? S.  185–186; Lk  16,19–31). Dies wird aber durch viele kluge Einsichten und Zusammenhänge (z. B. den Unterschied zwischen Held und Star; S.  72–73) mehr als wettgemacht. Ohnehin geht es um weit mehr als nur Sachfragen: Das Buch ist ehrlich, aufrüttelnd, vielleicht auch hier und da schmerzhaft deutlich – aber es sind heilsame Schmerzen, die die Chance bergen, Dinge ins Lot zu bringen. Wir alle benötigen zuweilen ein Gegenüber, das uns die Barmherzigkeit erweist, unsere dunklen Winkel aufzudecken. Dieses Buch kann solch ein Gegenüber sein.

Fußnoten

1 Der englische Originaltitel „12 Ways Your Phone Is Changing You“ wirkt weniger voreingenommen.

2 Immerhin kann aber zu denken geben: „Steve Jobs schirmte seine eigenen Kinder aktiv von seinen digitalen Geräten ab“ (S.  14) – und das, obwohl christliche Motive für ihn kaum eine Rolle gespielt haben dürften.

Tanja Bittner ist Wissenschaftliche Assistentin am Martin Bucer Seminar. Sie ist glücklich verheiratet mit Andreas.