Selig sind die Sanftmütigen

Was kann man tun, wenn man in diesem Bereich Schwierigkeiten hat?

Artikel von Aaron Menikoff
1. November 2019 — 19 min Lesedauer

Überlegungen eines Pastors

Was ist das erste Wort, das dir einfällt, wenn du an einen Pastor denkst? „Sanftmut“ vermutlich nicht. Vielleicht denkst du an den standfesten Prediger, der sich nicht vom Zeitgeist erschüttern lässt. Unsere Helden sind oft nicht für ihre Sanftmut bekannt, sondern für ihre großen Leistungen aus ihrer schieren Stärke, Begabung und Willenskraft. Sie überragen in Vermessenheit, nicht in Demut.

Ich habe immer von mir gedacht, ich wäre sanftmütig. Wenn ich die Liste christlicher Tugenden durchlas, war ich nie beim Thema Sanftmut hängengeblieben. Als junger Mann habe ich regelmäßig gegen sexuelle Begierde angekämpft. Ich habe gegen meinen Stolz gekämpft. Ich habe versucht meine Faulheit abzuschütteln. Ich wusste, dass diese Todsünden ein dreiköpfiges Ungeheuer bildeten, dem ich mich vehement entgegenstellen musste. Doch während ich frontal gegen dieses Ungeheuer vorging, schlich sich leise und heimtückisch eine andere Sünde aus meinem Herzen und griff mich hinterrücks an. Sie hat viele Namen: Hart, anmaßend, herrisch sind nur einige davon. Sie ist weder sanftmütig noch schwach.

Ich hatte sie lange übersehen. Wie wurde ich also endlich auf sie aufmerksam? Ein lieber Bruder tat etwas sehr Mutiges: Er sagte mir, dass ich manchmal hart und einschüchternd sein konnte. Sogar so hart, dass er nicht wusste, ob er weiter neben mir als Ältester dienen konnte. Seine Worte verschlugen mir die Sprache. Doch ich konnte es nicht nicht glauben. Er ist ein weiser und gottesfürchtiger Bruder und ich wusste, dass er das Beste für mich und unsere Gemeinde im Sinn hatte, die wir beiden liebten.

Meine Sünde hat mich betrogen

Wir mussten diesem Problem auf den Grund gehen. Ich bat ihn darum, ein paar Älteste aus unserer Gemeinde auszusuchen, bei denen er sich vorstellen konnte, sie einzubeziehen. Wir setzten uns zu viert zusammen, um uns zu besprechen und zu beten. Er erklärte nun auch den anderen, was ihm Sorgen bereitete. Er tat das in Demut und bekannte dabei auch seine eigenen Schwächen. Im Laufe unseres Treffens begann ich zu verstehen, wie meine Art mit anderen zu reden dafür gesorgt hatte, dass sie sich herabgesetzt und eingeschüchtert gefühlt hatten. Mir wurde klar, dass ich oft nur minimale Orientierungshilfe gegeben und trotzdem maximale Ergebnisse erwartet hatte. Ich musste erkennen: Meine Begierde, meine Faulheit und meinen Stolz hatte ich weitgehend im Griff, doch meine Härte war ungebremst.

Wie konnte es sein, dass ich diese Sünde solange übersehen hatte? Schließlich betete ich regelmäßig, las jeden Tag in der Bibel und predigte mindestens einmal pro Woche. Eine Ortsgemeinde hatte mir die Aufgabe aufgetragen, die Sünden unserer gesamten Gemeinde anzusprechen. Ich fragte mich, wie ich nun aber so unaufmerksam gewesen sein konnte, dass mir meine eigene Sünde entgangen war.

Die kurze Antwort: Ich weiß es nicht. Meine Sünde hatte mich betrogen. Archibald Alexander, ein Theologe aus dem 19. Jahrhundert, bemerkte einst: „Bei jeder Sünde steht der Verstand unter einem trügerischen Einfluss. Richtige Gedanken und Beweggründe sind für den Augenblick vergessen oder übermannt.“1 Er hat recht. Ich hatte mich verleiten lassen, zu denken, dass meine „Direktheit“ (ein beschönigendes Wort für meine Härte) einfach Teil meines Leitungsstils war.

In den folgenden Wochen erinnerte mich Gott daran, dass unsere Heiligung ein Prozess ist – auch für Pastoren. Doch nicht nur das. Ich erkannte in den schmerzhaften Worten meines lieben Bruders auch die Kraft aus Heb 3,13: „Ermahnt einander vielmehr jeden Tag, solange es ‚Heute‘ heißt, damit nicht jemand unter euch verstockt wird durch den Betrug der Sünde!“ Seine Ermahnung hatte mich dazu gebracht, mein Herz von Neuem zu prüfen.

Gottes Wort hat mich erfrischt

Ebenso wichtig war, dass seine Ermahnung mich dazu brachte, Gottes Wort mit neuen Augen zu lesen. Nehmen wir zum Beispiel Mose: Wenn ich zuvor an ihn gedacht hatte, dann hatte ich einen starken und mutigen Anführer vor Augen, der seine tiefe Unsicherheit überwunden hatte, um Gottes Volk aus Ägypten herauszuführen. Das stimmt. Mose war ein leidenschaftlicher Verfechter der Gerechtigkeit. Doch er war noch mehr. Als ich mich meiner eigenen Härte stellen musste, entdeckte ich, dass Mose ein Mann war, der auf persönliche und mächtige Weise von Gottes Herrlichkeit verändert worden war. Gottes Wort beschreibt Mose folgendermaßen: „Aber Mose war ein sehr sanftmütiger Mann, sanftmütiger als alle Menschen auf Erden.“ (4Mo 12,3).

Wenn ich zuvor über die Frucht des Geistes nachgedacht hatte, dann sah ich bei mir den größten Bedarf bei Freude, Treue und Selbstbeherrschung. Doch wenn ich den Text nun las, blieb ich immer wieder an der Sanftmut hängen. Der Text drängte mich dazu, mich besonders nach diesem Teil der Frucht des Geistes auszustrecken (Gal 5,22–23).

Wenn ich zuvor in 1. Petrus 5 über die Rolle der Ältesten in der Gemeinde nachgelesen hatte, dann fiel mir jedes Mal besonders auf, dass sie bereitwillige Diener sein sollen, die nicht nach Gewinn streben. Doch seitdem sticht für mich auch hervor, dass sie keine „Gewaltherrscher“ über die Herde sein sollen, die ihnen anvertraut ist (1Pet 5,3, MENG).

Wie oft hatte ich 1Tim 3 gelesen und über die Voraussetzungen für den Dienst der Aufseher nachgedacht? Treue in der Ehe, Nüchternheit und Achtbarkeit hatten meine Aufmerksamkeit bekommen. Doch nun kann ich diese Bibelstelle nicht mehr lesen, ohne dass die Worte „nicht gewalttätig, sondern gütig“ mir wie helle Neonlichter entgegenstrahlen.

Unsere Gemeinde braucht keinen sanftmütigen Pastor ...

Es ist nicht leicht, eine Gemeinde zu leiten, selbst wenn man einen Kreis an Ältesten hat. Ein guter Pastor muss darauf vorbereitet sein, regelmäßig einem Schwall an Kritik ausgesetzt zu sein. Das gehört zum Job. Außerdem wird von einem Pastor oft nicht nur erwartet, dass er weiß, wo die Gemeinde hinsoll, sondern auch dass er die Vision, die Sicherheit, die Entschlossenheit und die Kompromisslosigkeit mitbringt, um dorthin zu gelangen. Manchmal ist unser Denken so umnebelt von Sünde, dass wir Pastoren nicht sehen können, wie die Tugend der Sanftmut unsere Sache voranbringen könnte. Wir wissen, dass unser Land kein sanftes Oberhaupt, unsere Armee keinen sanften General und unserer Unternehmen keinen schwachen Chef gebrauchen kann. Und so beschließen wir, vermutlich ohne es zuzugeben, dass unsere Gemeinde keinen sanftmütigen Pastor braucht.

Doch die Gemeinde ist weder ein Land noch eine Armee noch ein Unternehmen. Wenn Gott gewollt hätte, dass Politiker, Generäle oder Geschäftsführer seine Gemeinde leiten, dann hätte er dafür gesorgt. In seiner Weisheit hat er stattdessen die Zukunft der Gemeinde in die Hände von Ältesten gelegt, die sich dadurch auszeichnen, dass sie ihre eigene Schwachheit erkannt haben: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Kraft von Gott sei und nicht von uns.“ (2Kor 4,7). Wenn also Jesus die Welt gerettet hat, indem er sich seiner Herrlichkeit entäußerte (Php 2,7), dann muss auch jeder Älteste diese Haltung annehmen.

Als Ehemann schätze ich Dave Harveys Worte über die Rolle von Sanftmut in der Ehe: „Sanftmut hat nichts damit zu tun, dass wir schwach oder passiv sind. Vielmehr ist Sanftmut Kraft, die im Dienst der Liebe steht. […] Sanft zu sein in seiner Ehe bedeutet nicht schwach oder verwundbar zu sein, sondern so sehr dem Wohl des Ehepartners verpflichtet zu sein, dass man bereit ist für sie oder ihn Opfer zu bringen.“2 Diese Worte treffen gleichermaßen auf den Pastorendienst zu.

Sanftmut ist keine Schwäche. Der Pastor, der meint, er müsse seine Gemeinde kraft seiner eigenen Gaben großmachen, unterschätzt die Kraft des Evangeliums. Der Pastor, der davon überzeugt ist, dass er am kenntnisreichsten, prägnantesten, eindringlichsten und eindrucksvollsten sein muss, hat die grundlegendste geistliche Wahrheit übersehen: Gott liebt es, die sanftmütigsten aller Männer zu gebrauchen, weil bei ihnen offensichtlich ist, dass sie ganz auf ihn angewiesen sind. Das bedeutet nicht, dass ein guter Pastor still sein soll oder nur zögerlich im Leiten oder dass er sein eigenes Urteilsvermögen anzweifeln soll. Darum geht es überhaupt nicht! Was es allerdings bedeutet, ist, dass ein Pastor „schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“ sein muss (Jak 1,19).

Ich bin immer noch nicht so sanftmütig, wie ich sein sollte. Doch ich bin mir bewusst, dass ich in der Gefahr stehe, mich zu Härte verleiten zu lassen. Und ich weiß, dass dieses Bewusstsein mich zu einem besseren Ehemann, Vater und Pastor macht. Ich weiß, dass mein Dienst als Pastor eines Tages in nicht allzu weiter Ferne enden wird. Dann werden Menschen zu meiner Beerdigung zusammenkommen. Ich hoffe, dass dann mehr über Jesus als über mich geredet wird. Soweit man auch an mich gedenken wird, hoffe ich, dass man sich an mich erinnern wird als einen Mann, der Sanftmut vorgelebt hat.

Maßnahmen, um sanftmütiger zu werden

Keiner von uns ist so sanftmütig, wie wir sein sollten. Was kannst du tun, wenn du entdeckt hast, dass du in diesem Bereich ein echtes Problem hast?

  • Geh zu jemandem, der dir die Wahrheit in Liebe sagen wird und frage ihn: „Bin ich sanftmütig?“ Mir hat es bereits geholfen, zu wissen, dass ich in diesem Bereich aufpassen muss. Wissen ist noch nicht die halbe Miete, aber es ist ein Anfang.

  • Nimm dir Zeit, um über einige wesentliche Bibeltexte zu diesem Thema nachzusinnen: Spr 15,4; Matth 5,5; Galater 5,23; Eph 4,1–3; Kol 3,12; 1Tim 6,11; Jak 1,21. Mehr noch: Halte dir vor Augen, wie Christi Charakter ist, und bewege dies in deinem Herzen. Paulus schreibt über jeden Christen: „Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich vom Geist des Herrn.“ (2Kor 3,18). Das bedeutet auch, dass wir an seiner Sanftmut Anteil haben werden (2Kor 10,1; Matth 11,29). Es ist unmöglich, diese und ähnliche Verse zu lesen und sich nicht nach mehr Sanftmut zu sehnen.

  • Überlege, wie andere dich wahrnehmen. Wenn deine Worte, dein Ton und dein Gesichtsausdruck bei anderen als hart und gefühllos ankommen, dann lohnt es sich, deine Art zu kommunizieren zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern. Wenn wir eine andere Person liebhaben, dann gehört dazu, dass wir keine Mühen scheuen, um ihr das zu zeigen. Manchmal bedeutet fehlende Sanftmut ganz einfach, dass wir nicht deutlich gemacht haben, was uns der andere bedeutet.

  • Bitte Gott, dass er dich sanftmütiger macht. Das ist ein Gebet, das Gott mit Sicherheit gerne erhört. Er liebt seine Schafe mehr, als du das je tun kannst. Und aus Liebe zu ihnen wird er in den Herzen seiner Unterhirten Sanftmut heranwachsen lassen, wenn sie sich aufrichtig danach sehnen, Christi Sanftmut widerzuspiegeln.

Fußnoten

1 Archibald Alexander, Practical Truths (Harrisonburg, VA: Sprinkle, 1998), 59.

2 Dave Harvey, When Sinners Say, „I Do“, [dt. Titel: Wenn Sünder sich das Ja-Wort geben] (Wapwallopen, PA: Shepherd Press, 2007), 130.