Der Kampf um Selbstbeherrschung

Artikel von Don Bailey
23. Januar 2019 — 11 min Lesedauer

Gute Gaben können zu widerspenstigen Dornen werden

Als ich vor Jahren im Gartenbau arbeitete, erlernte ich eine unschätzbare Wahrheit: „Unkraut ist eine lästige Pflanze“. Denk darüber nach. Unkraut ist eine Pflanze, vielleicht voll strahlender grüner Blätter und farbiger Blüten, auf ihre Weise anziehend – genauso wie andere Pflanzen. Und doch ist da dieses Wort „lästig“. Warum? Naja, eine wichtige Eigenschaft von Unkraut ist, dass es wächst und schnell Überhand nimmt. Ein Unkraut schleicht sich in den Garten ein, betrachtet dessen Schönheit und sagt: „Ich übernehme“. Das stolze Unkraut erstickt die Schönheit und erschafft ästhetisches Chaos. Unkraut verlangt Kontrolle.

Das hilft uns, wenn wir über alles Verlangen nachdenken, das Gott in uns als menschliche Wesen hineingelegt hat, um uns als Träger des Ebenbildes unseres Schöpfers zu entwickeln. Speisen, Getränke und Sex sind alles gute Dinge in ihren gottgegebenen Schranken. Geld kann als Mittel in Gottes Reich nützlich sein. Furcht hält uns davon ab, Abhänge hinunterzuspringen und zu sterben. Aber denke einen Augenblick über das einschleichende Wesen von Unkraut und Sünde nach wenn du dir einen weiteren Nachschlag beim Nachtisch holst, dir nur noch ein weiteres alkoholisches Getränk genehmigst, einen weiteren lüsternen Blick wirfst oder es aufdringlichen Ängsten gestattest, sich in deinem Kopf festzusetzen und dich zu kontrollieren. Mit anderen Worten, gewöhnliche gute Gaben unseres Schöpfers können widerspenstige Dornen im Innersten unserer Seele werden.

Der Kampf um Selbstbeherrschung

Die Bibel unterstreicht immer wieder die Notwendigkeit der Selbstbeherrschung. Spr 25,28 sagt: „Wie eine Stadt mit niedergerissenen Mauern, so ist ein Mann, der seinen Geist nicht beherrschen kann“. Ohne Verteidigung zu leben bringt gefährliche Konsequenzen mit sich – das Unkraut unserer impulsiven Gedanken, Worte oder Handlungen übernimmt die Kontrolle über alles Schöne und Gute und erstickt es. Im Gegensatz zu den heidnischen Philosophen, die stoische Zurückhaltung durch eigene Anstrengung lobten, erlangt der Gläubige Zuversicht nicht durch bloßen Einsatz seiner Kräfte. Stattdessen wird Selbstbeherrschung angetrieben durch die Kraft des Heiligen Geistes. Der Apostel Paulus schreibt: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz“ (Gal 5,22–23).

Und doch ermahnt uns der Apostel Petrus zu gottesfürchtiger Anstrengung, selbst wenn der Geist am Wirken ist. „So setzt eben deshalb allen Eifer daran und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Selbstbeherrschung, in der Selbstbeherrschung aber das standhafte Ausharren“ (2Petr 1,5–6). Ein Mangel an Selbstbeherrschung führt zu Wirkungs- und Fruchtlosigkeit, sagt Petrus. Und was noch schlimmer ist, es führt zum Verderben. Erinnerst du dich an Achans Verlangen nach den geweihten Dingen in Josua 7? Im krassen Gegensatz zum Befehl des Herrn begehrte er nach dem kostbaren babylonischen Mantel, 200 Schekel Silber und einem Goldbarren, 50 Schekel schwer, und nahm sie sich entgegen dem klaren Befehl des Herrn. Sein Mangel an Selbstbeherrschung führte zu seinem eigenen Verderben und dem seiner ganzen Familie.

Die Tugend der Selbstbeherrschung gewinnt heutzutage keine Beliebtheitswettbewerbe. In einer Studie der University of Pennsylvania aus dem Jahr 2012 mussten die Befragten ihre eigenen 24 persönlichen Fertigkeiten mit Rängen versehen, wobei die Selbstbeherrschung den letzten Rang erhielt. Das sollte uns nicht überraschen. Viele von uns sind mit der Hintergrundmusik von Laura Branigans Hit aus dem Jahr 1984 "Self-Control": "You take myself, you take my self-control. ...I haven’t got the will to try and fight." (dt. "Selbstbeherrschung": "Du nimmst mir meine Selbstbeherrschung. Ich habe nicht den Willen, dagegen anzukämpfen"). Keiner kommt in die Schlagzeilen der Bildzeitung, weil er nein sagt zu Ehebruch, Sucht oder Wut. Der Zeitgeist befördert das Recht auf Selbstentfaltung, den Mangel an Zurückhaltung und die Bekräftigung von Nikes Slogan aus über dreißig Jahren: „Just do it“.

Nicht gegen sein eigenes anarchisches Streben anzukämpfen ist für den gläubigen Christen keine Option. Wir müssen wachsam sein gegen die unbändigen Verlangen, die durch die Bezauberung der Welt ausgelöst werden. Wir sollten das Verlangen unseres Fleisches nach sofortiger Befriedigung abtöten. Wir müssen wachsam bleiben gegen die Tücken unseres Widersachers (1Petr 5,8), der uns betrügen möchte, indem er uns glauben machen möchte, dass uns Selbstbeherrschung um das bringt, was wir verdienen. Wenn wir anfangen, zu glauben, dass wir bloß Opfer unseres Körpers, der Lebensumstände oder Sünden sind, die gegen uns begangen wurden, dann geben wir dem Verlangen der Sünde leichter nach. In 1. Kor 6,12 schreibt Paulus: „Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles ist nützlich! Alles ist mir erlaubt – aber ich will mich von nichts beherrschen lassen!“ Sich von seinen Begierden beherrschen zu lassen geziemt sich nicht für jemanden, der dazu berufen ist, heilig zu sein, wie der Herr heilig ist (1Petr 1,16). Deshalb töten wir das Unkraut des Fleisches in der Kraft des Heiligen Geistes, damit wir an Früchten der Gerechtigkeit zunehmen.

Der Kampf um Selbstbeherrschung ist verbunden mit einem großen, geistlichen Krieg. Dr. R.C. Sproul sprach in einer Predigt einmal offen darüber, wie schwer es für ihn als junger Christ war, mit dem Rauchen aufzuhören. Er sagte, dass er ein Bild von Jesus auf die Vorderseite einer Zigarettenschachtel gemalt hatte, um sich das Rauchen abzugewöhnen. Aber wenn der Drang nach einer Zigarette stark genug auf seine Willenskraft einwirkte, drehte er die Schachtel um, um sein Gewissen zu beruhigen, und gab seinem heftigen Verlangen nach. Wenn wir ehrlich sind, haben wir alle irgendwann genauso gehandelt mit unseren schrecklichen Begierden.

Wenn wir Selbstbeherrschung ausüben, handeln wir in Übereinstimmung mit Gottes Charakter. Deshalb müssen wir über den Herrn Jesus nachsinnen. Wir müssen uns daran erinnern, dass Jesaja weissagte, dass der Messias sein Angesicht „wie einen Kieselstein“ auf Jerusalem richten würde (Jes 50,7). Als Erfüllung davon verweigerte er sich der Versuchung, sich vom Leiden des Kreuzes abzuwenden (Lk 9,51). In der Kraft des Geistes können wir die Rolle des passiven Opfers gegenüber unseren Versuchungen abstreifen und als „Überwinder“ in seinem Auferstehungssieg leben (Röm 8,37). Gottes Verheißung macht uns gewiss, dass eines Tages das Unkraut eines unverantwortlichen Lebens nicht länger die Schönheit der heiligen Kinder Gottes verdunkeln wird, und wir für immer hell leuchten werden unter den strahlenden Blättern des Baums des Lebens (Offb 22,1–3).