Modell Paulus: Wie man seine Gegner zurechtweist

Artikel von Derek Rishmawy
16. Januar 2019 — 15 min Lesedauer

Irrlehren aufzuspüren hat heutzutage einen schlechten Ruf. Wenn es etwas gibt, das niemand sein möchte, dann ist es ein „Irrlehrenjäger“. Und wer kann das verübeln? Ich meine, wenn man im Internet surft, kann man eine Vielzahl von Webseiten entdecken, die es sich zum Ziel gesetzt haben, jeden herauszufinden, der nicht mit ihrem besonderen, historisch gewachsenen und möglicherweise sektenhaften Verständnis des Christentums übereinstimmt, und ihn auf die Liste einer Webseite zu platzieren, wo zweifelhafte Aussagen aufgelistet werden.

Oder es gibt den Mann (und es ist fast immer ein Mann), der seine Zeit damit verbringt, die Predigten des Pastors kritisch nachzuhören und dann eine fünfseitige Antwort auf eine winzige Formulierung zu schreiben. Niemand möchte so sein, und deshalb schrecken wir verständlicherweise zurück. Und dazu kommt unsere allgemeine Abneigung, zu doktrinär über Sachen der Religion zu sein (es sei denn es geht um die Essensreligion, in welchem Fall wir einfach „gesund“ sind, und niemand kann etwas Böses im Namen der Gesundheit tun).

Nichtsdestotrotz war eine interessante Frucht meines Studiums von G.K. Beales New Testament Biblical Theology vor einiger Zeit die Erkenntnis, dass es einen angemessenen Platz für die Jagd auf Irrelehren in der Gemeinde gibt. Wir haben sogar ein Amt in der Gemeinde, dessen Aufgabe es größtenteils ist, darauf achtzugeben und zu verhindern, dass sich falsche Lehre in die Gemeinde einschleicht: der Älteste. Nach Beale ist die Lehre von Paulus über das Amt des Ältesten in den pastoralen Briefen verbunden mit der Realität von Irrlehre in der Endzeit oder am „Ende der Tage“.

Für Beale ist natürlich das „Ende der Tage“ eine Beschreibung der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Christi. Mit anderen Worten, viele Ermahnungen, sich vor falscher Lehre zu schützen, sind eine beständige und wesentliche Aufgabe der Ältesten in der Gemeinde Christi (Tit 1,5-16; 1Tim 1,3-7.19-20; 4,1-7; 2Tim 2,14-18.23-26; 3,1-13). Die Hirten halten Schafe davon ab, vom rechten Weg abzukommen und sie beschützen die Schafe vor Wölfen, die sie mit betrügerischen und falschen Lehren über Jesus des Trostes, der Freude, der Heiligkeit und des Friedens berauben wollen.

Wie man seine Gegner zurechtweist wie Paulus

Die Frage ist nun, wie wir das tun sollten? Dazu habe ich die Ermahnung von Paulus an Timotheus als lehrreich empfunden:

So fliehe nun die jugendlichen Lüste, jage aber der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden nach zusammen mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen! Die törichten und unverständigen Streitfragen aber weise zurück, da du weißt, dass sie nur Streit erzeugen. Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern milde sein gegen jedermann, fähig zu lehren, geduldig im Ertragen von Bosheiten; er soll mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen, ob ihnen Gott nicht noch Buße geben möchte zur Erkenntnis der Wahrheit und sie wieder nüchtern werden aus dem Fallstrick des Teufels heraus, von dem sie lebendig gefangen worden sind für seinen Willen. (2Tim 2,22-26)

Das hat mich aufmerksam gemacht, dann allzu oft sind diejenigen, die am eifrigsten das Evangelium vor zerstörerischer Verzerrung verteidigen wollen, auch die schnellsten dabei, schmutzig zu kämpfen. In ihrem Kreuzzug gegen Häretiker vertreiben sie ein paar Wölfe, aber es besteht auch die Gefahr, dass sie eine Anzahl verwundeter Schafe als Kollateralschaden zurückgelassen haben.

Paulus beginnt folglich mit einer Warnung vor jugendlicher Hitzigkeit und ermutigt das Streben nach Gerechtigkeit. Anscheinend ist nicht jede Leidenschaft in diesen Angelegenheiten heilig und es gibt eine Art und Weise, dieses Werk zu tun, die ohne Glauben, Liebe und Frieden geschieht, welche aus einem reinen Herzen fließen. Das ist die Art Sache, die einen zu „törichten und unverständigen Streitfragen“ verleitet, die „nur Streit erzeugen“. Ich weiß, dass ich selber, obwohl ich nicht mehr so schlimm bin wie früher, bei den Gesprächen, die am schlimmsten verliefen, später gemerkt habe, dass ich sie mehr mit einem Wunsch zu gewinnen, zu besiegen oder anzugeben geführt habe, statt von einem heiligen Verlangen getrieben, die Wahrheit zu bewahren. Und es ist egal, ob ich Recht hatte (was auch mal vorkommt).

Stattdessen gibt Paulus Timotheus ein Profil von zwei Eigenschaften, die den „Knecht des Herrn“ charakterisieren sollten, während er seinem Werk nachgeht.

1. Milde und sanftmütig. Erstens soll er „nicht streiten, sondern milde sein gegen jedermann“. C.S. Lewis warnte zurecht davor, Gottes Liebe auf „bloße Mildtätigkeit“ zu beschränken – Mildtätigkeit ist nämlich das, was Hunde aus ihrem Elend befreit, wenn sie krank sind. Dennoch ist Milde in manchen Zirkeln eine oft unterschätzte Eigenschaft, als ob „Impulsivität der Gottseligkeit nahestehe“, besonders in der Aufgabe, falsche Lehre in der Gemeinde zurechtzuweisen. Paulus sagt uns, dass diejenigen, die die Aufgabe übernehmen, oder denen sie anvertraut wird, die rechte Lehre zu bewahren, bekannt sein sollten für ihre Sanftmütigkeit, nicht nur mit den Mitgliedern der Herde, die fügsam sind, sondern auch mit ihren „Gegnern“. Darin ahmen sie Paulus nach, der, trotz aller Strenge in seinen Briefen, ziemlich sanft war im Kontext von Konflikten (1Thess 1,7).

Der heilige Chrysostomos unterstreicht die Weisheit der Sanftmut bei der Zurechtweisung:

Eine starke Zurechtweisung, wenn sie mit Sanftmut erteilt wird, wird wahrscheinlich tief verletzen: Denn es ist tatsächlich möglich, mit Sanftmut wirksamer zu treffen als mit Forschheit…. Wie kann Paulus also sagen, ‚Einen sektiererischen Menschen weise nach ein- und zweimaliger Zurechtweisung ab‘? Er spricht hier von jemandem, der unverbesserlich ist, von dem man weiß, dass er so krank ist, dass keine Möglichkeit auf Heilung mehr besteht.

2. Fähig zu lehren und geduldig im Ertragen von Bosheiten. Zweitens, er muss fähig sein zu lehren. Das impliziert eine Reihe von Dingen. Erstens, stell sicher, dass du weißt, wovon du redest und wie du es kommunizieren kannst. Gemeinden, gebt acht darauf, Älteste einzusetzen, die die Lehre kennen, nicht einfach jemanden, der gut managen und den Haushalt gut führen kann. Nicht nur das, sondern sind sie fähig, zu lehren? Haben sie die notwendigen Fähigkeiten, den Charakter und die Beziehungsfertigkeiten, um die Wahrheit auf eine positive und hilfreiche Weise zu kommunizieren? In diesem Fall füllt Paulus die Bedeutung von „fähig zu lehren“ mit der Phrase „geduldig im Ertragen von Bosheiten“ aus.

Wenn du falsche Lehre bei deinen Widersachern mit Sanftmut zurechtweisen willst, musst du fähig sein, falsche Wut, Widerspruch, Arroganz und sogar persönlichen Missbrauch zu ertragen. Viel Verwirrung in Bezug auf Lehre kommt von Sünde, aber sie fasst auch Fuß im Leben derer, gegen die gesündigt wurde und die mit Wunden oder Beschwerden gegen die Gemeinden leben, in denen sie aufgewachsen sind. Du musst vielleicht der sein, der den schlimmsten Widerstand ertragen muss und für die Sünden anderer leidet, um die Verlorenen auf liebevolle Weise mit der Wahrheit zu erreichen.

Die Hoffnung einer sanften Zurechtweisung

Schließlich können wir fragen: „Warum sollten wir das tun? Warum uns den Ärger machen, unsere Emotionen zurückzuhalten, Widerspruch zu ertragen, sanftmütig mit allen umzugehen und gleichzeitig den Mut zu behalten, die Wahrheit zu verteidigen?“ Weil es noch Hoffnung gibt. Wir müssen uns daran erinnern, dass unser Kampf in diesen Sachen sich nicht gegen Fleisch und Blut richtet, sondern letztendlich gegen die Herrschaften und Gewalten, die Menschen durch ihre Lügen über Gott gefangen halten (Eph 6,12; 2Kor 4,4). Aber wir haben Grund zur Hoffnung, dass Gott ihnen vielleicht die Gabe der Buße und des Glaubens geben wird und sie aus den Fängen des Teufels befreit. Denn das ist doch der Grund, warum der Sohn Gottes erschienen ist: um die Werke des Bösen zu zerstören (1Joh 3,8). Sei nicht überrascht, wenn er sein Werk durch dich vollbringen will.

Ein letztes Wort: Diese Lehre unterstellt, dass die wichtigste Zurechtweisung in der Gemeinde geschieht, bevor sie irgendwo anders passiert. Das heißt, bevor du es dir zur Aufgabe machst, jeden falschen Kommentar auf Facebook zu korrigieren oder einen Irrlehrer, der sich auf der Straße oder in einem Blog äußert, räume zuerst dein eigenes Haus auf. Du wirst wahrscheinlich mehr Sanftmut und Vorsicht ausüben, wie Paulus es verlangt, mit jemandem, den du persönlich kennst, als mit jemandem, dem du nur online begegnet bist.