Demütigung und Erhöhung

Artikel von R.C. Sproul
3. Januar 2019 — 11 min Lesedauer

Es hängt einfach da. Es baumelt herum wie ein nachträglicher Einfall, der dem zweiten Kapitel des 1. Buchs Mose hinzugefügt wurde. Aber es gibt keine nachträglichen Einfälle im Denken und der Inspiration des Heiligen Geistes. Folglich schauen wir auf diese Bibelstelle, um uns einen Hinweis über unseren Zustand vor dem Elend der Sünde zu holen. Kapitel 2, Vers 25 sagt aus: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und sie schämten sich nicht“. Das sagt uns, dass, bevor die Sünde in die Welt kam, es keine Scham gab. Es gab keine Peinlichkeit. Die Erfahrung der Demütigung war der menschlichen Rasse vollkommen unbekannt und fremd. Aber mit der ersten Erfahrung der Sünde kam die schreckliche Last der persönlichen Scham und Peinlichkeit. Scham und Peinlichkeit sind Gefühle und Erfahrungen, die in verschiedenen Graden geschehen. Die schlimmste Art der Scham, die furchteinflößendste Form der Peinlichkeit ist die, die zu vollkommener Demütigung führt. Demütigung bringt mit sich nicht nur das errötete Gesicht der Peinlichkeit, sondern auch ein Gefühl der Verzweiflung, weil wir unsere Würde verloren haben und unser Ruf zerstört ist.

Aber es war genau in diesen Herrschaftsbereich von Scham und Demütigung, in den unser Retter freiwillig bei seiner Menschwerdung kam. Das berühmte Kirchenlied „Elfenbeinpaläste“ stellt diesen Abstieg von der Herrlichkeit dar – das freiwillige Verlassen der Elfenbeinpaläste durch den Menschensohn, die sein ewiger Wohnort sind. Er wählte bereitwillig, sich zu entäußern, ein Mensch und ein Knecht zu werden und gehorsam zu sein bis zum Tod. Es ist diese Demütigung, die Christus bereitwillig auf sich nahm, die am Anfang der ganzen Entwicklung steht, auf der er zur Herrlichkeit und seiner letztendlichen Erhöhung geht. Die Entwicklung, wie das Neue Testament sie nachzeichnet, bewegt sich von Demütigung in der Geburt Jesu hin zu seiner Erhöhung in seiner Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkehr.

Die Qualität der Erhöhung ist das genaue Gegenteil, eine starke Antithese, zur Qualität seiner Demütigung. In der Erhöhung wird die Würde nicht nur wiederhergestellt, sondern auch mit der Herrlichkeit gekrönt, die nur Gott verleihen kann. Wenn wir also auf das biblische Thema der Erhöhung von Jesus schauen, sehen wir die Art und Weise, wie der Vater seinen Sohn belohnt und seine Herrlichkeit vor der ganzen Schöpfung erklärt.

Uns wird gesagt, dass niemand in den Himmel hinaufsteigt außer dem, der aus dem Himmel herabsteigt, und uns wird auch gesagt, dass wir in der Taufe das Kennzeichen unserer Teilhabe mit Jesus an sowohl seiner Demütigung als auch seiner Erhöhung empfangen. Die Verheißung der Teilhabe an der Erhöhung Christi wird jedem Gläubigen gegeben – aber es gibt einen Haken. Es gibt eine Warnung und diese Warnung ist deutlich: Wenn wir nicht bereit sind, an der Demütigung von Jesus teilzuhaben, haben wir keinen Grund damit zu rechnen, dass wir jemals an seiner Erhöhung teilhaben werden. Aber das ist die Krone, die vor uns gelegt ist, dass wir, die kein Recht auf ewige Herrlichkeit und Ehre haben, sie nichtsdestotrotz empfangen werden aufgrund dessen, was unser vollkommener Erlöser für uns gewonnen hat.

Im Jahr 1990 schrieb ich ein Buch mit dem Namen Die Herrlichkeit Christi. Das Schreiben dieses Buches war eine der spannendsten Schreiberfahrungen, die ich ja hatte. Meine Aufgabe war bei dieser Gelegenheit, zu demonstrieren, dass während es eine allgemeine Entwicklung von Demütigung zu Erhöhung im Leben und Dienst von Jesus gab, diese Entwicklung jedoch nicht auf einer ungebrochenen Linie war, die unaufhörlich von Demütigung Richtung Erhöhung weist. Stattdessen erklärt das Buch, dass selbst in der allgemeinen Entwicklung Jesu von Demütigung zu Erhöhung, in seinen schlimmsten Momenten der Demütigung, es durch die Gnade Gottes Zwischenspiele gibt, in denen die Herrlichkeit des Sohnes sich manifestiert.

Zum Beispiel, wenn wir die Geburt Jesu bedenken, ist es einfach, unsere Aufmerksamkeit auf die schiere Armut zu richten, die damit einherging, in einem Stall geboren zu werden und an einem Ort, wo er nicht willkommen war in dem örtlichen Hotel oder der Herberge. Es gab ein überwältigendes Gefühl der Erniedrigung in der Niedrigkeit seiner Geburt. Und doch, im gleichen Moment, wie unser Herr in diesen erniedrigenden Umständen Mensch wurde, brachen nur wenig entfernt die Himmel auf mit der Herrlichkeit Gottes, die vor den Augen der Hirten erschien, und mit der Ankündigung seiner Geburt als König.

Selbst als er zum Kreuz geht, in den schlimmsten Momenten seiner Demütigung, bleibt trotzdem eine Andeutung seines Triumphs über das Böse, indem sein Leichnam nicht in die Müllhalde außerhalb von Jerusalem geworden wurde; sondern, nach der prophetischen Voraussage in Jesaja, Kapitel 53, wurde Jesu Leichnam sanft im Grab eines reichen Mannes zur Ruhe gebettet. Sein Leichnam wurde mit den süßesten Gewürzen und den kostbarsten Duftstoffen geschmückt, und ihm wurde die Ehrengrabstelle gegeben. Deshalb ließ Gott nicht zu, dass sein Heiliger inmitten seines Leids als gehorsamer Knecht die Verwesung sieht.

Und durch die ganze Schrift hindurch sehen wir hier und dort Einblicke, die durch den Vorhang und die Tarnung von Jesu Menschlichkeit hindurchbrechen und den Panzer seiner Demütigung und Erniedrigung durchdringen, der sein Anteil war während seiner irdischen Reise. Diese Momente, diese Eindrücke der Herrlichkeit sollten für den Christen ein Vorgeschmack auf das sein, was vorausliegt, nicht nur in Bezug auf die letztendliche Erhöhung Jesu in der Vollendung seines Reichs, sondern auch ein Geschmack des Himmels selbst, wenn wir Erben und Miterben von Jesus werden. Jesu letztendliches Schicksal, sein Vermächtnis, das ihm vom Vater verheißen und sichergestellt wird, ist Herrlichkeit; und diese Herrlichkeit teilt er mit allen, die ihr Vertrauen auf ihn setzen.

In der normalen Sprache stehen sich die Begriffe Erhöhung und Demütigung als vollkommene Gegensätze gegenüber. Eine der überwältigenden Herrlichkeiten der geoffenbarten Wahrheit Gottes und eine ergreifende Ironie ist, dass im Kreuz Christi diese zwei vollkommenen Gegensätze verschmelzen und miteinander versöhnt sind. In seiner Demütigung finden wir unsere Erhöhung. Unsere Scham wird mit seiner Herrlichkeit ausgetauscht. Der Liederdichter hatte Recht, als er schrieb: „Mein sündiges Selbst, meine ganze Scham, meine Herrlichkeit, alles ist das Kreuz“.