Der Umgang mit Dämonen

Artikel von Eowyn Stoddard
1. November 2018 — 7 Min Lesedauer

Schock

Nach wenigen Monaten auf „unserem“ Missionsfeld – einer postkommunistischen, toten, atheistischen Region – waren meine Familie und ich geschockt. Nein, kein Kulturschock, obwohl es davon einiges gab. Es war der Schock, dämonischen Kräften zu begegnen, die über unser Verstehen hinausgingen.

Zahlreiche seltsame Dinge waren passiert: Urin war literweise in unseren Kinderwagen gegossen worden, Blut war an unsere Wohnungstür geschmiert worden, ein kleines Loch war in die Vordertür gebohrt worden, was auf einen geplanten Einbruch hindeutete (das Loch wurde benutzt, um eine kleine Kamera einzuführen), viel Krankheit, wenig Schlaf für alle von uns und sogar das Gefühl einer bösen Gegenwart in unserem Schlafzimmer. Zuerst dachten wir, dass wir nur fantasieren, aber der schaurige Höhepunkt waren die Alpträume, die unseren zweijährigen Sohn plagten. Viele Monate lang wachte er auf und schrie sich die Seele aus dem Leib und wir konnten ihn nur schwer wieder beruhigen. Als er zweieinhalb war, konnte er endlich in Worte fassen, wovon er in den vergangenen Monaten geträumt hatte. Einer seiner eindrücklichsten Träume handelte von einer Frau mit schwarzen Haaren und roten Augen, die nur einen BH und eine schwarze Hose trug und ihm einen Korb mit verdorbenen Früchten anbot und ihn zwang, sie zu essen. Sein Alptraum enthielt pornografische Inhalte; kein typischer Alptraum eines Kleinkindes, das von einem Bären verfolgt wird.

„Wir haben einen sehr realen Widersacher, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann (1Petr 5,8).“
 

Der Teufel spielte nicht fair. Nun wurde der Schock zu Wut. Ich dachte lange nach. Was hatte mich die Bibelschule über dämonische Aktivität gelehrt? Ich konnte mich an keinen Kurs erinnern, in dem wir auch nur annährend etwas Vergleichbares wie das, was wir erlebten, besprochen hätten. „Grundkurs in der Dämonenkunde“ wurde nicht einmal angeboten! Aber die Bibelschule hatte mich gelehrt, angesichts theologischer Rätsel nicht in Panik zu verfallen. Sie gab mir eine Linse, durch die ich alles aus der Perspektive der Souveränität Gottes sehen konnte.

Realitätstest

Als Christen sind wir gewiss, dass der Teufel und die Dämonen existieren, weil die Bibel sie offen als gefallene Engel darstellt, die in der Welt wirken, um sich Gott und seinem Volk entgegenzustellen und Ungläubige gegenüber der Wahrheit zu täuschen und sie zu blenden. Wir haben einen sehr realen Widersacher, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann (1Petr 5,8). Wie Epheser 6 es beschreibt, „richtet sich unser Kampf nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Weltzeit, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen“ (Eph 6,12). Der Teufel will die Christen und ihr Zeugnis zerstören sowie die Ausbreitung des Evangeliums aufhalten.

Was wir erlebten war  für unseren Kontext„normal“, und viele Missionare können ähnliche Dinge bezeugen. Ich nenne diese Art von angsteinflößenden Angriffen „dämonisches Drangsalieren“. An einem Ort, wo die Zahl der Christen weniger als ein Prozent beträgt und der Rest der Bevölkerung bewusst oder unbewusst den Widersacher anbetet, ist dies überhaupt nicht überraschend. Der Teufel will nicht, dass Menschen aus der Finsternis gerettet und ins Licht gebracht werden. Er benutzt gewöhnliche, frustrierende Ereignisse, um die Gläubigen zu drangsalieren, und manchmal benutzt er auch außerordentliche Mittel, um seine angsteinflößenden Angriffe zu unterstützen, wie es beim Traum meines Sohnes der Fall war.

Der Teufel, Dämonen und ihre Macht sind real, aber es ist ihnen nicht erlaubt, mit uns zu spielen, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Dem Teufel ist es nur erlaubt, das zu tun, was Gott angeordnet hat. Ich liebe die Geschichte von Hiob, weil der Autor den himmlischen Vorhang für uns zurückzieht und wir sehen, wie Satan die Bühne von Gottes Gerichtssaal betritt. Gott selbst macht Hiob auf den Teufel aufmerksam. Dem Teufel war es gestattet, Hiob innerhalb gewisser Grenzen zu bedrängen, wenn auch mit schwerwiegenden Folgen für ihn und seine Familie. In Hiobs Fall war es dem Teufel nicht erlaubt, ihm das Leben zu nehmen. Gottes Souveränität triumphiert immer über die Macht des Teufels.

„Seit dem Kommen des Heiligen Geistes kann der Widersacher Menschen nur noch bedrängen, aber er kann von Gläubigen keinen Besitz ergreifen.“
 

Von dieser Seite des Kreuzes aus wissen wir, dass seine Verdammnis gewiss ist. Unser letztendlicher Sieg über den Teufel ist garantiert, weil unser Leben mit Christus verborgen ist und er durch seinen Tod und seine Auferstehung bereits alles Böse überwunden hat. Der Heilige Geist, der in den Gläubigen wohnt, ist das Unterpfand unseres ewigen Erbes. Seit dem Kommen des Heiligen Geistes kann der Widersacher Menschen nur noch bedrängen, aber er kann von Gläubigen keinen Besitz ergreifen.

Aktionsplan

Weil wir von unserer Situation so überwältigt waren, brauchten wir Hilfe. Wir riefen unsere Teamkollegen, um mit uns zu beten. Während unser Sohn schlief, beteten wir an seinem Schlafzimmerfenster, dass Gott nichts Böses in sein Zimmer eindringen lasse und er friedlich schlafen könne. Am nächsten Morgen fragte ich ihn: „Hattest du letzte Nacht einen Alptraum?“ Seine Antwort war verblüffend für ein Kleinkind: „Ja, aber dieses Mal war die Frau draußen vor meinem Fenster und konnte nicht reinkommen.“

Meistens haben wir nicht das Privileg zu sehen, wann und wie Gott in der übernatürlichen Welt handelt. Aber dieses Mal sahen wir es! Es war, als ob Gott für nur einen Moment den himmlischen Vorhang vor uns zurückzog. Gott half in seiner Souveränität meinem kleinen Jungen, indem er ihn schützte und tröstete, wie wir es nicht tun konnten. Wir erhielten einen kleinen Einblick, wie Gott die Gebete seines Volkes gebraucht, um seinen Willen auszuführen. Wie sehr hat das unsere Seelen in dieser dunklen Zeit getröstet!

Es regte uns auch an, eifriger zu beten. Wir fingen an, unsere Kindern zu lehren, die Waffen einzusetzen, die in Epheser 6 beschrieben sind, besonders das Gebet und das Wort Gottes. Wir lernten, Angriffe zu erwarten und wachsam zu sein, aber gleichzeitig nicht durch sie gelähmt zu werden. Als wir evangelistische Treffen in unserer Wohnung starteten, wurde unweigerlich immer eines unserer fünf Kinder krank, jede Woche, ohne Ausnahme. Die Angriffe des Teufels wurden so vorhersehbar, dass es fast lächerlich wurde.

„Die Angriffe des Teufels wurden so vorhersehbar, dass es fast lächerlich wurde.“
 

Statt das Treffen abzusagen, baten wir eines unserer Teammitglieder, auf unsere Kinder aufzupassen und im Obergeschoss zu beten, während wir uns unten trafen. Wir lernten, nicht eingeschüchtert zu werden, sondern trotz allem unserer Berufung zu folgen. Wir haben niemals mehr einen Angriff in dieser Größenordnung erlebt, aber wir haben die Gabe des Gebets eingesetzt, um für neue Teammitglieder zu beten, die ähnliche Attacken erlebt haben. Es ist eine Ehre, aus Erfahrung zu sprechen und sie mit den Wahrheiten der Souveränität Gottes zu trösten.

Wir arbeiten in dem Land Martin Luthers (d.h. Deutschland), der unsere Erfahrung gut zusammenfasste, als er die Worte des berühmten Liedes Ein feste Burg ist unser Gott niederschrieb:

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan
mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin,
sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

Eowyn Stoddard wurde als Tochter von Missionaren in Frankreich groß und studierte Deutsch am Welleley College, bevor sie einen Master in Theologie am Westminster Seminary in Kalifornien erwarb. Dort traf sie auch ihren Mann David. Sie heirateten im Jahr 1997 und zogen dann 2001 als Gemeindegründungsmissionare nach Ostberlin, wo sie herausgefordert war, postkommunistische Atheisten auf kreative Weise zu erreichen. Sie genießt momentan die offenen Türen, die sie im Dienst mit Flüchtlingen hat. Eowyn und David haben fünf Kinder.