Francis Schaeffer: Tod in der Stadt

Artikel von Sharon James
28. Oktober 2018 — 20 min Lesedauer

Mehr als siebzig Morde fanden in London im ersten Quartal 2018 statt. Ein Chirurg in einem Londoner Krankenhaus berichtet, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mit Messerwunden eingeliefert werden, auf einem Allzeithoch ist. Diese große Stadt, in der Vergangenheit gesegnet durch einige der größten Verkündiger des Evangeliums in der ganzen Kirchengeschichte, wacht fast täglich zu Nachrichten auf, die berichten, dass ein weiteres Leben ausgelöscht wurde.

Die Politiker debattieren über eine bessere Finanzierung der Polizei. Zeitungen streiten sich über die Durchsetzung von Gesetzen. Es gibt einen Ort dafür. Aber die Wurzel des Problems wurde in einem Buch mit dem passenden Titel Tod in der Stadt bereits vor fast fünfzig Jahren von dem Apologeten Francis Schaeffer beschrieben. In einer Kultur, die sich bewusst von Gott abgewandt hat, welche Grundlage gibt es für Moral?

Schaeffer warnte, dass die westlichen Gesellschaften in den 1960ern vom geborgten Kapital einer christlichen Weltanschauung lebten. Dieses Kapital ging schnell zu Ende. Es gab folglich keine gewisse Grundlage für Moral, keine feste Basis für Ethik. Sozialer Zerfall würde gewisslich folgen. Tod in der Stadt zog eine Serie von Vergleichen zwischen der Misere der westlichen Zivilisation und dem Kollaps der sozialen Ordnung in Jerusalem, wie sie im Buch Jeremia dargestellt wird.

Zurück im siebten Jahrhundert vor Christus: Trotz wiederholter Gnadenangebote wandten sich die Einwohner Jerusalems bewusst von der „Quelle des lebendigen Wassers“ ab. Sie zogen „löchrige Zisternen vor, die kein Wasser halten“ (Jer 2,13). Sie glaubten Lügen. „Dahin ist die Wahrhaftigkeit, ausgerottet aus ihrem Mund!“ (Jer 7,28)

Jeremia war Hohn ausgesetzt, als er davor warnte, dass das Suchen von „Freiheit“ aus Gottes moralischen Gesetzen zum blinden Pfad der Sklaverei unter die Sünde führt. Er zeigte, wie „schlimm und bitter“ es ist, den allmächtigen Herrn zu verlassen (Jer 2,19). Seine erbittertsten Gegner befanden sich im religiösen Establishment. Die „entsetzliche und abscheuliche“ Realität bestand daraus, dass Propheten und Priester das Rennen in Richtung Rebellion anführten (Jer 5,30–31). Sie leugneten, dass Gott jemals Gericht bringen würde:

Denn vom Kleinsten bis zum Größten trachten sie alle nach unrechtem Gewinn, und vom Propheten bis zum Priester gehen sie alle mit Lügen um. Und sie heilen den Schaden der Tochter meines Volkes leichthin, indem sie sprechen: "Friede, Friede!", wo es doch keinen Frieden gibt. Schämen sollten sie sich, weil sie Gräuel verübt haben! Aber sie wissen nicht mehr, was sich schämen heißt, und empfinden keine Scham. Darum werden sie fallen unter den Fallenden; zur Zeit ihrer Heimsuchung werden sie stürzen! spricht der HERR. (Jer 6,13–15)

Dieses schamlose Verhalten war darauf ausgerichtet, Gott zu provozieren. Es war in Wirklichkeit selbstzerstörend (Jer 7,18–19). Gott würde sein Angesicht abwenden. Jerusalem würde schutzlos den Händen ihrer erbarmungslosen Feinde ausgeliefert sein: „Denn der Tod ist durch unsere Fenster hereingestiegen…, um die Kinder von der Straße wegzuraffen“ (Jer 9,20).

Spule 2500 Jahre vor. Francis Schaeffer war entsetzt, als er sah, wie liberale Kirchenmänner die Wahrheit des Wortes Gottes leugneten und die Zehn Gebote auseinanderrissen. Er verglich sie unmittelbar mit König Jojakim, der Jeremias Prophezeiungen zerschnitt und verbrannte, während sie ihm vorgelesen wurden (Jer 36). Ehrlich gegenüber Gott von Bischof John Robinson wurde im Jahr 1963 mit großem medialen Echo veröffentlicht. Nachdem er die Vorstellung eines transzendenten Gottes „da draußen“ von sich gestoßen und ihn auf den „Gott in mir“ reduziert hatte, folgte Robinson darauf folgerichtig mit einem Aufruf zur „Situationsethik“. „Moralische Absolute“ seien eine Fessel, so Robinson. Befreiung war dringend angesagt.

Schaeffers Tod in der Stadt (1969) und eine Reihe anderer Bücher, wie Preisgabe der Vernunft (1968), klagten das religiöse Establishment an, weil es sich mit der Irrationalität des Relativismus arrangierte, statt sie herauszufordern. Falsche Propheten in den Tagen Jeremias malten das Böse als Gutes und leugneten, dass es ein Gericht geben werde (Jer 14,14–15). Es war sogar noch abstoßender, wenn sogenannte christliche Pastoren und Pfarrer, mit Zugang zu der Offenbarung von Gottes Errettung in Christus, das Böse als gut malten und das Gute als Böses und über die Vorstellung eines zukünftigen Zorns lachten.

Schaeffer erklärte, dass in dem modernen Zeitalter die Menschen nach Antworten für ihre Probleme gesucht haben, indem sie den menschlichen Verstand gebrauchten ohne Bezugnahme auf Gott. Dieses Projekt war gescheitert, was der Postmoderne den Weg bereitete. Nun taumelte die intellektuelle Elite, samt den liberalen Theologen, inmitten der Trümmer der postmodernen Leugnung aller Wahrheitsansprüche umher. Indem postmoderne Vorstellungen durch die Unterhaltungsindustrie und die Medien auf die Straßenebene sickerten, ließen sie die Menschen auf einem Ozean der Unvernunft treibend.

Die Einwohner von Jerusalem wiesen beständig die Botschaft des Propheten Jeremia ab. Sie verspotten ihn, beleidigten ihn und planten seinen Tod. Er wurde gefangen genommen und schließlich in eine schmutzige Zisterne geworfen. Und doch sehnte er sich immer nach ihrer Errettung und weinte über ihr Schicksal (Jer 9,1).

Schaeffer weinte auch. Täglich hörten er und seine Frau Edith den Geschichten junger Menschen zu, die augenscheinlich keinen Sinn im Leben hatten. Viele von ihnen fanden ihren Weg zur Wohnung der Schaeffers hoch in den Schweizer Alpen. L’Abri (französisch für „Zuflucht“) war eine Zufluchtsstätte für Opfer einer Kultur, die menschlichen Wesen Sinn, Würde und Hoffnung versagte. Schaeffer fühlte mit ihrem Schmerz. Durch geduldiges Fragen und logisches Argumentieren offenbarte er die Torheit, Nichtigkeit und Widersprüchlichkeit einer gottlosen Weltanschauung. Seine Botschaft war gewichtig, weil er nicht vom Herzschmerz isoliert war, den diese Weltanschauung mit sich bringt. Die Geschichten der vielen, die sich bei L’Abri einfanden, waren ein Zeugnis für die Wirklichkeit, dass der Dieb nur kommt, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten. Schaeffer war kein abgeklärter Akademiker. Er trauerte um Menschen.

Als er danach gefragt wurde, was er bei L’Abri gelernt hatte, sagte Dr. Donald Drew bloß: „Ich habe gelernt zu weinen.“

Schaeffer empfand tiefe Liebe und Mitgefühl für diejenigen, die durch die Lügen des Teufels betrogen worden waren. Aber er empfand auch intensive Wut auf falsche Lehrer, die Betrug verbreiteten. Diese emotionale, geistliche und intellektuelle Energie fand Ausdruck in 22 Büchern. Ein wiederkehrendes Thema, welches sich zuerst in seinem frühen Buch Und er schweigt nicht (1972) findet, ist, dass die Leugnung der Wahrheitsansprüche der Bibel die Menschen mit keiner gewissen Basis zurücklässt, irgendetwas zu erkennen, keiner Grundlage für ihre Existenz und keinem festen Fundament für die Ethik. Die christliche Botschaft, die in der Raum-Zeit-Geschichte verankert ist, ist die einzige funktionierende Lösung für das Dilemma der Bedeutungslosigkeit, welches zwangsläufig zur Verzweiflung führt. Er machte seine Schlüsselgedanken bekannt durch seine einflussreichen Filmreihen (Whatever Happended to the Human Race? und How Should We Then Live?). Diese hatten einen elektrifizierenden Effekt unter den Evangelikalen und rissen viele aus ihrer vormaligen Passivität gegenüber Abtreibung und anderen ethischen Themen.

Ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung von Schaeffers grundlegenden Büchern Gott ist keine Illusion und Preisgabe der Vernunft (1968) dreht sich unsere Kultur immer mehr in Richtung Irrationalität. Schaeffer sagte voraus, dass das Herabfallen unter die „Linie der Verzweiflung“ zum sozialen Zusammenbruch führen würde genauso gewiss wie das römische Reich inmitten von Dekadenz, Zügellosigkeit und Unmoral zusammenbrach. Andere (sowohl Christen als auch Nichtchristen) läuteten ebenfalls die Alarmglocken. Philip Rieff warnte in The Triumph of the Therapeutic (1966) davor, dass eine Gesellschaft, die keine Schranken mehr hat, implodieren würde. Christopher Lasch argumentierte in The Culture of Narcissism (1979), dass keine Gesellschaft gedeihen kann, in der jeder Mensch sich auf „Selbsterfüllung“ konzentriert und wo Selbstbeherrschung als repressiv verschrien ist.

Heutzutage schauen wir auf unsere Stadt und sehen nicht nur den Zusammenbruch jedweden gemeinsamen Verständnisses über Ethik und Moral, sondern auch das abnehmende Einverständnis über die menschliche Identität selbst. Die fundamentale Dualität von männlich und weiblich wird abgelehnt für die Sache der „Befreiung“. Unsere natürlichen Bande als Menschen lösen sich auf in der Fragmentierung durch die Identitätspolitik.

Es fühlt sich an, als ob wir inmitten von Ruinen stünden. Klagen ist richtig und angemessen. Unser Zeugnis für Gottes guten Plan für die Menschheit und unsere Verkündigung der guten Nachricht wird nur mit Kraft vermittelt werden, wenn wir zuerst die Tragödie des Todes in der Stadt gefühlt haben.

Weinen wir über Millionen von Babys, deren Leben ausgelöscht wird, bevor sie jemals das Tageslicht erblicken? Tragen wir Leid über die Art und Weise, wie unsere Kinder ihrer Unschuld beraubt werden, indem sie sexueller Unmoral entsprechend der Dogmen der Sexualkundelobby ausgesetzt werden? Trauen wir über den Zusammenbruch der Familie, der so viele Kinder von einem oder beiden natürlichen Elternteilen abschneidet? Sind wir entsetzt, dass die Wahrheit der Schöpfung als so giftig erachtet wird, dass viele verbieten, dass sie in den Schulen gelehrt werden darf? Weinen wir, wenn wir Ärzte sehen, wie sie mit den vollkommen gesunden Körpern junger Menschen experimentieren, im Namen einer radikalen Genderideologie, die keine Grundlage in der Wissenschaft oder der Vernunft hat? Sind wir erschrocken darüber, dass so viele Menschen um uns herum auf eine verlorene Ewigkeit hinsteuern, während „christliche“ Kleriker darauf bestehen, dass Sünde keine Sünde sei, und dass es keinen Tag des Gerichts geben werde, und dass die Hölle ein mittelalterlicher Mythos sei?

Und doch steht das Wort Gottes fest. König Jojakim zerschnitt und verbrannte Jeremias Prophezeiung. Wo ist dieser König heute? Er ist vergessen, aber das Wort Gottes besteht.

Sünde ist Sünde. Es wird einen Tag des Gerichts geben. Die Hölle ist real. Schaeffer bestand darauf, dass wir in die gegenwärtige Generation „hineinpredigen“ und dabei die „Verlorenheit der Verlorenen“ aufdecken müssen. Aber wir hören dort nicht auf. Wir leben in den Tagen des Evangeliums und haben eine gute Botschaft zu verkünden. Jeremia erhielt eine herrliche Vision der Hoffnung jenseits des Niedergangs von Jerusalem; eine Vision, die nach vorne auf das Kommen des Retters weist, der kommen würde, um das Verlorene zu suchen und zu retten:

In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel sicher wohnen; und das ist der Name, den man ihm geben wird: "Der HERR ist unsere Gerechtigkeit." (Jer 23,6)

Schaeffer beharrte darauf, dass es die gottlose Weltanschauung sei, die zu Verzweiflung führe. Gottes Volk kann zurecht klagen. Aber wir dürfen niemals verzweifeln. Stattdessen sollten wir beten und für Reformation und Erweckung arbeiten.

Während wir beten und arbeiten, sollten wir darüber reflektieren, dass je unheimlicher die Feinde sind, desto größer die Ehre desjenigen sein wird, unter dessen Füße alle Feinde gelegt werden (1Kor 15,25–26). Wir sollten uns daran erinnern, dass im Laufe der Menschheitsgeschichte mächtige Imperien zusammengebrochen sind, aber das Reich Gottes Bestand gehabt hat. Der Stein, der sie zermalmte, „wurde zu einem großen Berg und erfüllte die ganze Erde“ (Dan 2,35). Und wir sollten Vertrauen haben, dass die Erde mit der Erkenntnis der Herrlichkeit des Herrn erfüllt sein wird, wie die Wasser den Meeresgrund bedecken (Jes 11,9).

Sharon James ist Analystin für Sozialpolitik am Christian Institute. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Gentle Rain on Tender Grass: Daily Readings from the Pentateuch und Biografien über Ann Judson und Elisabeth Prentiss.