Lernen, als Prediger du selbst zu sein: Von einem der das noch immer versucht

Artikel von Kevin DeYoung
7. September 2018 — 11 min Lesedauer

Als Phillips Brooks Predigen definierte mit „Kommunikation der Wahrheit durch Persönlichkeit”, sprach er von seiner eigenen Persönlichkeit und nicht der eines anderen – so verstehe ich sein Zitat. Es hat eine Weile gedauert, aber schließlich glaube ich gelernt zu haben, ich selbst auf der Kanzel zu sein. Ich kann nicht sagen, ob das bedeutet, dass meine Predigten besser oder schlechter geworden sind. Doch ich selbst zu sein heißt, dass meine Predigten echter, angenehmer und tragfähiger geworden sind. Ich weiß, dass ich als Prediger viel zu lernen habe und ich hoffe, dass ich in zehn Jahren noch immer diese etwas merkwürdigen und zugleich wahren Komplimente bekommen werde – „deine Predigten haben sich über die Jahre wirklich verbessert.“ Doch nun fühlt es sich endlich so an, als predige ich die Wahrheit durch meine Persönlichkeit.

Wie die meisten jungen Prediger und nicht nur wenige alte, stand ich vor der Herausforderung, meine „Stimme“ als Prediger zu finden. Als ich Student war, fing ich an, die Reformatoren und Puritaner zu verschlingen. Alles, was ich las, schien hunderte Jahre alt zu sein oder wurde vor hunderten von Jahren übersetzt. Das Ergebnis war, dass alles, was ich geschrieben habe (ich habe zu der Zeit nicht viel gepredigt), so klang, als ob ich auf das „gerade aus dem Lateinischen übersetzt“ Abzeichen aus wäre. Meine Sätze waren oft verschachtelt. Die Grammatik war altmodisch und ich verwendete zu viele Wörter. Einer meiner Dozenten, der mich fördern wollte, gab mir den Ratschlag, für mein eigenes Jahrhundert zu schreiben und nicht für das Jahrhundert meiner Helden. Das war damals ein schmerzhafter Hinweis. Ich war mir nicht sicher, ob er Recht hatte. War es nicht schließlich ein Zeichen von Geistlichkeit, Worte wie „sinnieren“, „allenthalben“ und „Trübsinn“ zu verwenden? Nun, das war es nicht. Ich muss ich selbst sein und nicht wie ein Puritaner klingen. (Übrigens hatte mein Cousin, der mit mir gemeinsam studierte, zu der Zeit ein wunderbares T-Shirt mit der Aufschrift „Meide Trübsinn“. Und er war der Einzige mit einer Freundin in all den vier Jahren!)

Während des Theologiestudiums begann ich zu bemerken, dass sich viele meiner Kommilitonen sehr stark wie ihre Dozenten für Homiletik anhörten. Ich kann dies immer noch beobachten. Es spielt keine Rolle, wo wir hingehen, es gibt viele Klone von Dozenten. Es mag das Verschulden des Dozenten sein, der zu viel Betonung auf seine Art des Predigens legte – normalerweise ein Weg, der gut für die Dozenten funktioniert, aber nicht für alle Studenten. Doch die Studenten sind auch schuld daran. Wir strecken uns krampfhaft nach Vorbildern aus, sodass wir am Ende alles kopieren, was wir an denen sehen, die wir respektieren, insbesondere in denen, die uns lehren zu predigen. Am Gordon-Conwell Seminary, wo ich studiert habe, konnte man viele Mini-Haddon-Robinsons sehen – der ein bekannter Homiletiklehrer war. Das bedeutet nicht, dass all diese Studenten schlechte Prediger werden, doch sie müssen realisieren, dass es nur einen Haddon Robinson gibt. Und sie sind es nicht!

So sehr ich auch durch Robinsons Predigten gesegnet wurde, wurde ich versucht, andere Prediger zu imitieren. Ich bin mir sicher, dass ich in den ersten Jahren meines Dienstes wie eine (sehr) schlechte Version von John Piper geklungen habe. Ich hörte so viel von Piper, dass ich mir sicher bin, dass meine Predigten, meine Themen und sogar die Art und Weise, wie ich „Freude!“ sagte, Piper-isch klangen. Versteht mich nicht falsch, ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich von Piper gelernt habe und von ihm beeinflusst wurde. Ich würde ihm jederzeit den Vorzug zum Predigen geben. Doch er ist wahrscheinlich der erste, der sagen würde: „Predige dasselbe Evangelium, das ich predige. Doch du sollst nicht so predigen wie ich.“ Es hat bei mir einige Jahre gedauert, doch ich glaube, dass es nun für mich in Ordnung ist, nicht John Piper zu sein. Ich glaube nicht, dass wir dieselbe Persönlichkeit haben, geschweige denn die gleichen Gaben.

Zwischendurch gab es andere berühmte Prediger, die ich gerne nachahmen wollte. Ich wünschte, ich könnte durch einen Text gehen und von Humor Gebrauch machen wie Alistair Begg (natürlich mit einem schottischen Akzent). Ich wünschte, ich wäre so kreativ in meinem Denken und so bewandert in der Kultur wie Tim Keller. Ich wäre gerne so lustig und demütig wie C.J. Mahaney und habe mich gefragt, wie es wäre, so intelligent wie Carson zu sein. Hey, ich habe sogar darüber nachgedacht, wie cool es wäre, so gelassen zu kommunizieren wie Rob Bell.

Über die Jahre habe ich verschiedene Vortragsweisen ausprobiert. Ich habe ohne Manuskript, mit einer halben Seite Manuskript und mit einem ausgeschriebenen Manuskript gepredigt, da einige Prediger, die ich mag, auch unterschiedlich predigen. Doch was für mich und meinem Stil am besten funktioniert, zumindest momentan in meinen Dienst, ist eine Sammlung von Notizen, die aus Manuskript und Kritzeleien bestehen. Homiletikdozenten werden es vielleicht nicht mögen, dass ich das sage, aber manchmal musst du einfach selbst herausfinden, was für dich am besten funktioniert. Ich bin mir sicher, dass es Prinzipien gibt, die alle guten Predigten definieren, doch es gibt auch vieles von dem „ich zwar nicht sicher bin, warum, aber es funktioniert für mich.“

Seit 2002, dem Jahr, in dem ich ordiniert wurde, (bis Dezember 2014), schätze ich, habe ich etwa 500 Predigten gehalten (wir haben einen Abendgottesdienst). Und ich glaube, ich brauchte etwa 450 Predigten, um meine Stimme zu finden. Es heißt nicht, dass all diese Predigten schlecht waren oder ich mir selbst nicht treu gewesen wäre. Ich habe jetzt keinen schottischen Akzent aufgesetzt oder Geschichten über meine Kindheit in Greenville, South Carolina erzählt­ – um Alistair Begg oder John Piper zu imitieren. Doch es hat lange gedauert, bis ich die Weisheit von Paulus Bekenntnis verstanden habe: „Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin“. 

Eine der schwierigsten Lektionen für einen Prediger – und besonders für junge Prediger – ist, einfach nur du selbst zu sein. Setze nicht jemand anderes Leidenschaft oder Humor oder Gelehrsamkeit auf. Zieh nicht deine eigene Persönlichkeit aus, nur weil deine Helden diese nicht haben. Lerne von den besten Predigern. Doch deine Gemeinde soll dich am Sonntag hören, nicht eine Kopie des Predigers, der du gerne wärst. Lass deine Person immer mehr vom Geist Gottes geschliffen werden und lass die Wahrheit Gottes durch deine eigene Persönlichkeit scheinen. Predige als Sterbender zu Sterbenden. Vergiss dabei nicht, du selbst zu sein. 

 

Kevin DeYoung ist Senior Pastor der Christ Covenant Church in Matthews, North Carolina (USA), Vorstandsmitglied bei The Gospel Coalition und Assistenzprofessor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary (Charlotte, USA). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Gott beim Wort nehmen (3L, 2016) und Leg einfach los (Betanien, 2017). Kevin und seine Frau Trisha haben acht Kinder.