Warum wir eine neue Reformation brauchen

Artikel von Michael Horton
31. August 2018 — 9 min Lesedauer

Warum brauchen wir eine neue Reformation? Was war so besonders an der ersten, dass es erstrebenswert sein könnte, eine zweite zu haben?

Im Laufe des Mittelalters verfing sich das Christentum in den Ranken des Aberglaubens, des Unwissens und der geistlichen Lethargie; das Gleiche, was wir heute überall sehen. Als Luther den theologischen Skandal aufdeckte, begann das römische Gerüst zu knarren. Die wesentlichen Anliegen der Reformation waren lehrmäßige. Sie waren Teil des Aufrufs der Renaissance, zu den ursprünglichen Quellen zurückzukehren, also machte es Sinn, dass christliche Gelehrte nicht nur zu den größten Klassikern der westlichen Zivilisation zurückkehrten, sondern zu den Kirchenvätern und zum biblischen Text selbst.

Folglich war die Reformation die größte Rückkehr zur Bibel in der Geschichte der Kirche seit dem Tod der Apostel. Aber sie kamen zur Bibel nicht bloß als Selbstzweck zurück, sondern um die grundlegenden Wahrheiten wiederherzustellen, die die Bibel lehrte, aber die die Kirche entweder vergessen oder sogar verworfen hatte. Diese grundlegenden Wahrheiten waren die Schrift allein, Christus allein, Gnade allein, Glaube allein und zur Ehre Gottes allein. Bemerke, wie das Bestimmungswort „allein“ in jedem dieser Schlagwörter vorkommt. Denn die mittelalterliche Kirche glaubte immer noch an die Schrift, an Christus, an Gnade, an Glauben und an Gottes Ehre. Die Kirche hatte diese Glaubensartikel nie verworfen und anderen sogar verboten, es zu tun.

Es war das Wort „allein“, was Rom und die Reformatoren in einen Konflikt zueinander führte. Die Schrift ist die einzige ultimative Autorität für den Glauben und die Praxis. Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und Sündern. Glaube ist das einzige Mittel unserer Rechtfertigung und Gott ist der Einzige, der in dieser ganzen Angelegenheit Ehre und Lobpreis verdient. Diese Schlagwörter formten den Kern der Reformation. Glaubst du, dass die Reformation diese Lehren in Hinblick auf andere Lehren unausgewogen vertrat, wie es die katholische Kirche ihnen vorwarf? Oder glaubst du, dass die Bibel lehrt, dass wir durch Gnade allein durch Glauben allein wegen Christus allein zur Ehre Gottes allein gerettet werden und dass dies die zentrale Botschaft der Bibel von 1. Mose bis zur Offenbarung ist?

Wenn das die zentrale Botschaft der Bibel ist, dann muss sie so wesentlich für uns sein wie für die Reformation im 16. Jahrhundert. Das Problem, vor dem die Kirche heute steht, ist, dass unser Zustand sogar noch schlechter ist als in der mittelalterlichen Kirche. Schau dir jedes dieser Schlagwörter im Licht der heutigen Wirklichkeit an: zunächst all die sogenannten evangelikalen bibelgläubigen Christen, die angeblich die geistlichen Erben der protestantischen Reformation sind; und doch sind ihre Ansichten, nach ihren Antworten in aktuellen Meinungsumfragen, viel näher zu den mittelalterlichen Menschen aus der Zeit vor der Reformation.

Der Schlachtruf „Die Schrift allein“ wird heute kaum gehört, selbst in konservativen protestantischen Kirchen, während Populärpsychologie, Marketing, Managementprinzipien, Pragmatismus, Konsumismus, soziologische Daten und politische Kreuzzüge tendenziell die größte Autorität und das größte Gewicht in den Kirchen haben. Christus allein wird von den Stimmen derer herausgefordert, die unserer Kultur des religiösen Pluralismus folgen und darauf bestehen, dass Jesus zwar der beste, aber nicht der einzige Weg zum Vater wäre. Tatsächlich geben zwei Drittel der evangelikalen Christen in Amerika an, dass wir alle zu dem gleichen Gott beten würden, egal, ob wir Buddhisten, Muslime, Juden oder Christen sind. Zwei Drittel. Gnade allein ist wieder einmal dem Moralismus und der Selbstsicherheit des menschlichen Herzens zum Opfer gefallen.

Der weit verbreitete Slogan in der mittelalterlichen Kirche war „Gott wird denen seine Gnade nicht versagen, die das tun, was in ihrer Macht steht“. Eine moderne Entsprechung ist „Gott hilft denen, die sich selbst helfen“, und nach einer Barna Umfrage bekräftigen 87 Prozent der heutigen evangelikalen Christen (die Erben der Reformation) diese mittelalterliche katholische Überzeugung. Und bezüglich des Schlachtrufs der Reformation „Glaube allein“, was das Hauptanliegen war, wie weit ist die Verkündigung von Rechtfertigung durch Glauben allein in den Prioritäten der modernen evangelikalen Kirche zurückgefallen, während bedeutende evangelikale Machtzentren mittlerweile öffentlich erklärt haben, dass die Lehre der Rechtfertigung durch Glauben allein nicht länger ein Hindernis zur Gemeinschaft mit denen darstellt, die diese Lehre ablehnen?

Evangelikale Bibelschulprofessoren attackieren heute offen die Lehre, von der die Schrift sagt, dass die Kirche mit ihr steht oder fällt. Und bezüglich des Schlagworts „Gott allein die Ehre“, naja, Religion ist heutzutage menschenzentriert statt gottzentriert. Wir sehen es in der Anbetung, wir sehen es in jedem Bereich der Evangelisation. Wieder einmal konzentrieren sich sogar die Kirchen nur darauf, wie Gott uns glücklich und zufrieden machen kann.

Leute, wir sind stark an der Reformation interessiert, nicht, weil es eine Sache ist, die in der Vergangenheit passierte, sondern weil wir in dem gleichen Schlamassel stecken.

Wir hängen der Reformation des 16. Jahrhunderts nicht sklavisch an. Sie machten Fehler, genauso wie wir es tun werden, aber wir glauben, dass es die größte Wiedergewinnung des apostolischen Christentums war seit dem Tod der Apostel.

Durch Gottes Gnade brachten sie Gottes Wort zurück auf die Bühne, in all seiner Autorität, Überführung, Gnade und Erlösung, wodurch eine langerwartete Erneuerung zum Leib Christi gebracht wurde, die so viele durch oberflächlichere Wege gesucht hatten. Und wir stehen heute genau an der gleichen Stelle, indem viele Erneuerung und Erweckung durch all die Wege suchen, die vor der Reformation verfolgt wurden, bevor die Menschen zum lehrmäßigen und theologischen Herzen der Krise vordrangen.