Sollten wir Thomas von Aquin lesen?

Artikel von Keith Mathison
30. August 2018

Die meisten Evangelikalen haben Thomas von Aquin lange vergessen. Unter den reformierten Theologen hat der enorme Einfluss von Cornelius van Til und anderen zu einem bewussten Abwenden von der Art des Denkens geführt, die Thomas verkörpert. Es wurde gesagt, dass Johannes Calvin und die anderen frühen reformierten Theologen eine radikale Abkehr von Thomas vollzogen hatten. Diejenigen, die der Reformation gegenüber treu sein wollten, sollten das Gleiche tun. Für Jahrzehnte war Dr. R.C. Sproul Einer von einer kleinen Schar evangelikaler und reformierter Theologen, die dafür eintraten, dass dies ein Fehler war, und stattdessen eine kritische Wertschätzung von Thomas von Aquin einforderten.

Es ist interessant zu beobachten, was seitdem passiert ist. Die letzten Jahrzehnte haben eine Wiederbelebung der historischen Theologie gesehen. Es gab eine Welle an Forschungen in den ursprünglichen Quellen des Spätmittelalters, der Reformation und der Zeit danach. Zahlreiche Werke, die jahrhundertelang nur auf Latein verfügbar waren, sind nun übersetzt worden und mehr Schriften sind im Prozess der Übersetzung. Weil diese frühen Werke besser verfügbar sind, konnten reformierte Theologen, Pastoren und Laien sie selbst lesen. Eine Sache, die angefangen hat, die Aufmerksamkeit derer auf sich zu ziehen, die diese Werke sorgfältig studieren, ist die Art und Weise, wie sie der allgemein akzeptierten Geschichte widersprechen.

Ein Element der allgemein akzeptierten Geschichte, das mehr und mehr geprüft wird, ist die Vorstellung einer umfassenden Ablehnung von Thomas von Seiten der Reformatoren und der Theologen danach. Es stellt sich heraus, wie Dr. Sproul schon lange betont hatte, dass viele dieser frühen reformierten Theologen sich auf kritische Weise Elemente von Thomas‘ Gedanken zu eigen machten. Zahlreiche Artikel sind in den letzten Jahren erschienen, die die Zueignung von Thomas` Gedankengut durch Martin Bucer, Peter Martyr Vermigli, Girolamo Zanchi, John Owen, François Turrettini und anderen untersuchen. Indem mehr und mehr Gelehrte zu den Quellen zurückkehren und nicht nur die frühen reformierten Theologen, sondern auch Thomas für sich selbst lesen, wird deutlich, dass die allgemein akzeptierte Geschichte falsch ist. Die Lehren der frühen reformierten Theologen wie die von Thomas von Aquin sind falsch verstanden und falsch wiedergegeben worden.

Heute korrigiert eine ganze Generation junger reformierter Gelehrter, die durch dieses Wiederaufleben des Interesses an der historischen Theologie ausgebildet worden sind, schrittweise dieses Narrativ. Die Wahrheit über das, was Thomas von Aquin wirklich über viele Themen lehrte, wird nunmehr besser verstanden. Die Wahrheit über die Elemente der Lehre von Thomas, die sich die reformierten Theologen zu eigen machten, und welche sie ablehnten und warum, wird deutlicher. Es gibt noch viel Arbeit zu tun, aber dankbarerweise sind bis zu diesem Punkt schon viele falsche Vorstellungen beiseitegelegt worden.

Sollte der alte Thomas also vergessen werden? Nein. Es gibt vieles, was wir von Thomas und anderen Theologen aus der Zeit vor der Reformation lernen können. Die Theologen der Reformation lernten von ihm. Seine Diskussion der natürlichen Theologie und des natürlichen Gesetzes, seine Schriften über die analogische Sprache über Gott, seine Lehre der Dreieinigkeit und seine Diskussion der Eigenschaften Gottes sorgten für reichlich Gedankenfutter während der Zeit der reformierten Orthodoxie. Vieles von dem, was er über diese Themen sagte, floss in die theologischen Systeme der Reformation ein. Die reformierten Theologen widersprachen und lehnten seine Rechtfertigungslehre ab. Sie widersprachen auch vielem von seiner Sakramentaltheologie, einschließlich der Lehre der Transsubstantiation, aber die reformierten Theologen widersprachen auch Martin Luthers Lehre vom Abendmahl, ohne alles zu verwerfen, was Luther schrieb.

Vieles von der aktuellen reformierten Theologie ist schon seit einiger Zeit in einer verzerrten Form des Biblizismus gefangen, die in die Falle gegangen ist zu versuchen, das theologische Rad in Bereichen neu zu erfinden, wo es gefährlich ist – insbesondere bei der Lehre der göttlichen Eigenschaften und der Lehre der Dreieinigkeit. Öfter als es sein sollte, sind wichtige Aspekte dieser wesentlichen Lehren des christlichen Glaubens ernsthaft falsch verstanden worden und dann, auf Grundlage dieses falschen Verständnisses, abgelehnt oder revidiert worden, mit desaströsen Folgen. Ein Weg, wie diese falschen Verständnisse hätten vermieden werden können, wäre eine tiefe Beschäftigung mit der Art und Weise gewesen, wie diese Lehren von den größten Theologen der Vergangenheit definiert und verteidigt wurden, Theologen wie Augustinus, Gregor von Nazianz und, ja, selbst Thomas von Aquin.

Die frühen reformierten Theologen, die sich auf kritische Weise die Lehren von Thomas von Aquin zu eigen machten, waren keine geheimen Katholiken, sie waren keine Anhänger des Katholizismus. Wenn irgendjemand die Gefahren der katholischen Theologie kannte, dann waren es die frühesten Generationen der reformierten Theologen. – Diejenigen unter den reformierten Theologen, die dieses Verlangen teilen, sich die Gedanken von Thomas kritisch zu eigen zu machen, wollen auch nicht zum katholischen Denken zurückkehren. Sie versuchen stattdessen, zum klassisch reformierten Weg des Denkens zurückzukehren. Wenn man Thomas sorgfältig studiert und mit seinen Gedanken ringt, heißt das nicht, dass man ein neuer Robert Bellarmin wird. Es heißt, dass man ein neuer François Turrettini wird.


Dr. Keith A. Mathison ist Professor für Systematische Theologie am Reformation Bible College in Sanford, Florida. Er ist Autor verschiedener Bücher, darunter From Age to Age. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.