Calvins Verständnis von sozialer Gerechtigkeit

Artikel von Matthew Tuininga
29. Oktober 2019 — 29 min Lesedauer

In seinem berühmten „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“ beschuldigte Martin Luther King Jr. die weiße Kirche Amerikas, das Evangelium zu kompromittieren. Der schmerzhafteste Kompromiss bestand für King nicht darin, dass manche Kirchen auf offensichtlich häretische Weise Rassismus und Rassentrennung verteidigten. Der schmerzhafteste Kompromiss kam von moderaten weißen Pastoren, die sich weigerten, die Kirche Kirche sein zu lassen:

Ich habe so viele Pastoren sagen hören: „Es gibt soziale Fragen, die nichts mit dem Evangelium zu tun haben“, und ich habe so viele Kirchen gesehen, die sich einer völlig weltfremden Religion gewidmet haben, die einen seltsamen Unterschied zwischen Körper und Seele, dem Heiligen und Weltlichen machen.

Zahlreiche Theologen haben seitdem Dr. Kings Kritik aufgegriffen. Von Willie Jennings, der die Meinung vertritt, dass die christliche Theologie ihren eigenen Anteil am Kolonialismus nie wirklich aufgearbeitet hat, bis zu James Cone, der das Zeugnis der Mainline-Kirche berühmtermaßen als „weiße Theologie“ beschrieben hat, haben Kritiker immer wieder gesagt, dass die westliche Kirche ihren Weg verloren hat, wenn es um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit geht.

Es ist leicht, diese Theologen einfach abzutun. Zu viele von ihnen sind bereit, die christliche Lehre für zunehmend radikalere Formen der Befreiungstheologie aufzugeben, die nur wenig mit dem Evangelium zu tun haben. Aber das würde bedeuten, dass man eine gute Gelegenheit auslassen würde. Denn vieles von der Kritik am traditionellen Christentum ist zutreffender, als wir zugeben wollen.

Jesus und soziale Gerechtigkeit

Ich habe mich mit diesem Thema auseinandergesetzt, als ich in der Bibelschule Jesu Predigt in Matthäus 5 und Lukas 4 studierte. Die Standardinterpretation der Evangelikalen von Jesu Aussagen, dass er gekommen sei, „den Armen frohe Botschaft“ und „Gefangenen Befreiung zu verkünden“ (Lk 4,18) – zumindest in den gängigen Kommentaren, die ich las – war, dass Jesus Methapern gebrauchte, um Errettung aus geistlicher Armut und Unterdrückung zu beschreiben. Es schien einen allgemeinen Konsens zu geben, dass Jesus, wenn er diejenigen beschreibt, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten – und dafür verfolgt werden – von denen sprach, die sich nach Rechtfertigung und Heiligung sehnen (Mt 5,6.10).

Deshalb war ich überrascht, als ich Calvins Institutio aufschlug und herausfand, dass er zumindest bei diesen Bibelstellen viel näher an den Befreiungstheologen ist als viele der evangelikalen Theologen der Gegenwart. Zum Beispiel schreibt er über die Seligpreisung derer, die um der Gerechtigkeit willen leiden:

Wenn ich vom Erleiden der Verfolgung um der Gerechtigkeit willen spreche, so denke ich nicht nur an solche Menschen, die um der Verteidigung des Evangeliums willen, sondern auch an solche, die über irgendwelchem Eintreten für die Gerechtigkeit in Not geraten. Wir ziehen dadurch, dass wir Gottes Wahrheit gegen die Lügen des Satans verteidigen, genauso wie dadurch, dass wir die Guten und Unschuldigen gegen die Ungerechtigkeiten der Bösen in Schutz nehmen, der Welt Ungunst und Hass auf uns und unserem Leben, unserem Besitz oder unserer Ehre droht Schaden. (Calvin, Institutio 3.8.7)

Ich habe mich gefragt, ob Calvins Theologie der Kirche helfen könnte, ihr Zeugnis für das Evangelium im Bereich der sozialen Gerechtigkeit wiederherzustellen. Und er hat mich nicht enttäuscht.

Die Gefahr der Politisierung der Kirche

Calvins Theologie der Kirche verdient aus verschiedenen Gründen neue Aufmerksamkeit. Erstens sah Calvin vielleicht mehr als jeder andere Reformator seine Hauptaufgabe darin, die Schrift im Dienst der Kirche richtig auszulegen und zu lehren. Zweitens war sich Calvin der Gefahr zutiefst bewusst, dass die Politisierung der Kirche ihre Berufung kompromittieren würde, das „geistliche Reich Christi“ in der Welt zu sein. Für Calvin zeigte sich diese Gefahr in drei Ausprägungen:

1. in der römisch-katholischen Kirche

Am offensichtlichsten war die Gefahr in der römisch-katholischen Kirche. Calvin glaubte, dass Christus seine Kirche ermächtigt hatte, bestimmte geistliche Aufgaben zu erfüllen: das Evangelium zu verkünden, die Sakramente zu spenden, Kirchenzucht zu üben und sich um die Armen zu kümmern. Die Kirche war nur Kirche, wenn sie diese Aufgaben treu ausübte.

Nach Calvin hatte die römisch-katholische Kirche in ihrer hierarchischen Struktur – vom Papst bis zum Priester – die Berufung zu diesem Dienst gegen das Herrschen eingetauscht. Sie hatte sich das Recht angemaßt, anstelle von Christus zu herrschen. Sie nahm sich die Autorität, Lehren zu erschaffen, sich Sakramente auszudenken, Gewissen an sich zu binden und die Interessen der Armen für den eigenen Pomp und das eigene Prestige zu opfern. Die Kirche war zu einer politischen Institution geworden – und dazu noch zu einer tyrannischen – anstatt dass sie eine geistliche Präsenz des Reiches Christi darstellte.

2. in der magistralen Reformation

Eine zweite Gefahr stammte aus der magistralen Reformation selbst. Die führenden Reformatoren – einschließlich Luther, Zwingli und Bullinger – stimmten überein, dass die mittelalterliche Kirche es mit ihrer Macht überzogen hatte. Sie reagierten darauf, indem sie fast alle Aufgaben der Kirche an zivile Behörden übergaben. Sie stimmten überein, dass Pastoren dazu berufen waren, das Evangelium zu verkünden und die Sakramente zu spenden, aber alles andere – einschließlich Kirchenzucht und Armenfürsorge – wurde dem Staat übertragen. Die staatsgeführte Kirche wurde folglich zu einer Institution der Lehre und der Anbetung, die jedoch unfähig war, ihre eigene Mitgliedschaft zu regeln und dem Reich Christi auch in sozialen Fragen Ausdruck zu geben. Dadurch konnte sie leicht darauf reduziert werden, Werkzeug des Staates zu sein.

3. bei den Wiedertäufern

Eine dritte Gefahr kam von den Wiedertäufern. Die frühen Wiedertäufer waren Nachfolger von Luther und Zwingli, die mit den Kompromissen der Staatskirche unzufrieden waren. Um die Verbindung von Staatsbürgerschaft und Kirchenmitgliedschaft aufzulösen, lehnten sie die Kindertaufe ab und bestanden auf der rigorosen Anwendung von Kirchenzucht und Kirchenausschluss. Um Kirche und Staat voneinander zu trennen, verlangten sie von Christen, dass sie weder das Schwert führen noch für die Regierung arbeiten sollten, und forderten von ihnen, ihre materiellen Güter mit anderen zu teilen. Die Kirche wurde zu einer politischen Institution – wenngleich zu einer radikal neuen Art – die sich stärker darauf konzentrierte, ihre Trennung von der Welt aufrechtzuerhalten, als das Evangelium zu bezeugen.

Die Kirche als geistliches Reich

Für Calvin bestand die Alternative in der Betonung, dass die Kirche ein geistliches Reich ist. „Die Kirche ist das Reich Christi“, so schrieb er (Institutio, 4.2.4). Damit meinte er, dass die Kirche eine Gruppe von Menschen ist, bei denen die Realität des Reiches Christi durch den Heiligen Geist Gestalt gewinnt. Deshalb sind die „Merkmale“ der Gegenwart des Reiches Christi für Calvin auch die Merkmale der Kirche: die Verkündigung des Evangeliums, das Abendmahl und die Taufe. Diese Merkmale haben ihren notwendigen Ausdruck in der Kirchenzucht, ohne die keine Kirche gesund sein kann (weshalb Calvin sich weigerte, in Genf ohne Kirchenzucht zu dienen), und im Diakonat, ohne welches keine Kirche von sich behaupten kann, wirklich reformiert zu sein.

Was Calvins Theologie der Kirche von den Lutheranern und den Schweizer Reformatoren unterschied, war seine Überzeugung, dass das Reich Gottes in der Kirche auch in sozialen und materiellen Fragen Ausdruck finden muss, unabhängig von der politischen Gesellschaft. Das Reich des kommenden Zeitalters muss in das gegenwärtige böse Zeitalter hereinbrechen, selbst wenn es bis zur Wiederkehr Jesu nicht zur vollständigen Erfüllung kommt. Das war Calvins Verständnis des „schon jetzt, aber noch nicht“.

Calvin lehrte, dass die ganze Schöpfung eines Tages im kommenden Reich Christi wiederhergestellt und verwandelt wird. Bis dahin bewahrt Gott das gegenwärtige Zeitalter auf gnädige Weise. Dafür gebraucht er verschiedene Mittel, u. a. auch Regierungen und Ordnungen der Zivilgesellschaft. Der aufgefahrene Christus gießt die Gaben seines Reiches durch die geistlichen Gaben auf die Kirche aus (Eph 4,7–16). Indem Christen einander dienen wird die Kirche als Leib des Christus auferbaut und erwartet das kommende Reich, in welchem alle Dinge wiederhergestellt werden.

Gleichzeitig dienen Christen weiterhin in den sozialen Strukturen der irdischen Gesellschaft, selbst wenn diese Strukturen zutiefst durch die Sünde verdorben sind. Sie tun das nicht, weil ihre Umstände als Männer oder Frauen, Reiche oder Arme immer gerecht sind, sondern weil sie als Jünger Christi dazu berufen sind, ihre Freiheit zu demonstrieren, indem sie die Diener der anderen werden. Eines Tages werden alle Christen im Reich Gottes frei und gleich sein, aber in diesem Zeitalter erwarten Christen Leid und Verfolgung. Wer das nicht anerkennt und triumphal die Verwirklichung des Reiches Gottes im Hier und Jetzt durchsetzen will, politisiert nicht nur die Kirche, sondern wird unweigerlich auch Bitterkeit und Enttäuschung erleben.

Geistliche und zivile Gerechtigkeit

Calvin warnte Christen vor der Annahme, dass die politische und zivile Gesellschaft irgendwie in das Reich Gottes verwandelt werden könnte bevor Christus wiederkehrt. Er bewahrte sie vor dieser falschen Vorstellung, indem er eine wichtige Unterscheidung zwischen geistlicher und ziviler Gerechtigkeit machte.

Geistliche Gerechtigkeit kommt laut Calvin durch das Werk des Heiligen Geistes im Evangelium. Die Kirche ist berufen, diese Art von Gerechtigkeit durch den christlichen Dienst anzustreben. Zivile Gerechtigkeit dagegen ist bloß eine äußerliche Gerechtigkeit. Die zivile Regierung hat keine Macht, geistliche Gerechtigkeit herzustellen, weil geistliche Gerechtigkeit nicht erzwungen werden kann. Sie ist dazu berufen, zivile Gerechtigkeit herzustellen. Calvin teilte die Überzeugung von Augustinus, dass zivile Gerechtigkeit von Christen nicht verachtet werden sollte. Sie ist ein Geschenk der Gnade Gottes und wesentlich für die Bewahrung der Gesellschaft.

In seinen Bibelkommentaren merkte Calvin wiederholt an, dass in den zivilen Gesetzen des mosaischen Gesetzes aufgrund der menschlichen Verdorbenheit viel Böses toleriert wurde. Er gründete diese Behauptung auf die Erklärung Jesu in Matthäus 19, dass das mosaische Gesetz Scheidung aufgrund der Herzenshärte der Menschen erlaubte. Calvin verwies auf viele andere Formen der Sünde und Ungerechtigkeit, die das mosaische Gesetz duldete (aber niemals unterstützte): Polygamie, Mord an Kriegsgefangenen, erzwungene Eheschließungen mit weiblichen Kriegsgefangenen, usw. Wenn das offenbarte Zivilgesetz von Gottes auserwähltem Volk solche Art von Bösem tolerieren musste, so Calvin, wieviel mehr die zivilen Gesetze zeitgenössischer Regierungen.

Calvin zog aus dieser Feststellung zwei Schlüsse:

1. Christliche Gesellschaften müssen nicht zwingend dem mosaischen Gesetz folgen

Er bestand darauf, dass christliche Gesellschaften nicht notwendigerweise dem Zivilgesetz von Mose folgen müssen. Stattdessen müssen sie den Normen des Naturrechts folgen, die Calvin in dem Gesetz der Liebe, der Herrschaft der Gerechtigkeit und dem Moralgesetz Gottes in den Zehn Geboten identifizierte. Wie sich das in der Praxis zeigt, wird sich je nach Zeit, Ort und Umständen unterscheiden.

2. Christen müssen realistische Erwartungen haben, was das Zivilgesetz bewirken kann

Während Christen so viel Gerechtigkeit wie möglich durch das Zivilgesetz anstreben sollten, müssen sie realistisch sein, was unter sündhaften Menschen machbar ist. Geistliche Gerechtigkeit kann nicht durch das Schwert erzwungen werden. Christen sind zu Tugenden wie Demut, Besonnenheit und Mitgefühl in ihrem öffentlichen Einsatz berufen, wobei sie anerkennen müssen, dass das Gesetz oft Handlungen und Umstände duldet, die unmoralisch oder ungerecht sind.

Christlicher Eifer für Gerechtigkeit

Heißt das, dass Christen das Böse und die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft einfach hinnehmen sollten? Calvin wies diese Schlussfolgerung entschieden zurück. Realistische Erwartungen über das Leben in diesem jetzigen bösen Zeitalter zu haben sollte Christen nicht dazu führen, weniger leidenschaftlich für Gerechtigkeit einzustehen.

Beispielsweise erinnerte Calvin die Regierung beständig an den höchsten Standard in Bezug auf ihre Fürsorge für die Armen. „Gott gibt den Armen mehr Fürsorge als anderen, weil sie stärker Verletzungen und Gewalt ausgesetzt sind“, schrieb er in seinem Kommentar zu Psalm 72,4. Oder, wie er zu Ps 82,3-4 schrieb: „Eine gerechte und gut aufgestellte Regierung wird sich dadurch auszeichnen, dass sie das Recht der Armen und Bedrängten verteidigt“. Regierungschefs werden „vor Gott als schuldig erachtet, wenn sie dies versäumen und wenn sie nicht, von sich aus, denen helfen, die ihre Unterstützung benötigen“. Sie sollten nicht nur die Armen vor Ausbeutung schützen, sondern Armenhäuser, Krankenhäuser und Schulen gründen oder bauen lassen.

Gleichzeitig war Calvin davon überzeugt, dass das Hauptzeugnis der Kirche für die Gerechtigkeit des Reiches Gottes sich in den Aufgaben der Kirche zeigen sollte. Durch die Verkündigung des Evangeliums, die Sakramente, Kirchenzucht und das Diakonat – und durch das organische Leben der Kirche, das daraus erwächst – ensteht auch die geistliche Gerechtigkeit des Reiches Gottes.

Für Pastoren bedeutete das, dass ganze Evangelium zu verkündigen. Es bedeutete, persönliche Buße und Neugeburt, das Reich Gottes und all seine Gerechtigkeit zu verkündigen. Calvin glaubte, dass Pastoren die Einzelheiten von politischen Fragen und Parteien auf der Kanzel meiden sollten, weil solche Angelegenheiten notwendigerweise Fragen von Weisheit und persönlicher Entscheidung sind und auch, weil die Autorität der Kirche „nicht unendlich ist, sondern dem Wort des Herrn untersteht und gewissermaßen darin eingeschlossen ist“ (Institutio, 4.8.4).

Pastoren sind Knechte Christi und seines Wortes und keine Herren. Aber obwohl Pastoren in ihren Predigten nicht über das Wort hinausgehen sollten, haben sie auch nicht das Recht, weniger als die Gerechtigkeit des Wortes zu verkündigen. Pastoren müssen die grundlegenden Prinzipien der Gerechtigkeit verkündigen, die jedes christliche Engagement in der Politik und in Fragen der Sexualmoral, der Gerechtigkeit für die Armen, der Aufnahme von Flüchtlingen und Einwanderern bis hin zum Wert des Lebens prägen sollten.

Die Merkmale der Kirche

Calvin argumentierte, dass Abendmahl und Taufe vermitteln, was die Kirche ausmacht. Das Abendmahl ruft Christen zur koinonia, „zur Gemeinschaft, zum Almosengeben und anderen Pflichten brüderlichen Beisammenseins“ (Kommentar zu Apg 2,42). Die Taufe verpflichtet alle Christen zu einem Leben der Buße und der Heiligung. Deshalb glaubte Calvin, dass die Kirchenzucht und das Diakonat so notwendig sind. Sie bewahren die Kirche vor zeremonieller Heuchelei, bei der man das Evangelium des Reiches feiert während man die Praxis der Gerechtigkeit vernachlässigt.

Kirchenzucht

Kirchenzucht trägt dazu bei, indem sie diejenigen zur Verantwortung zieht, die von sich behaupten, Christen zu sein, aber deren Leben das Gegenteil beweist. Calvin war sich natürlich bewusst, dass die römisch-katholische Kirche die Kirchenzucht in großem Maße missbraucht hatte. Er betonte, dass Kirchenzucht keine Zwangsgewalt ist, die von der Kirche willkürlich angewendet werden kann. Sie dient auch nicht zur Strafe, ihr Ziel ist es vielmehr, die Integrität des Abendmahls zu bewahren und Christen voller Gnade wiederherzustellen, die in die Heuchelei billiger Gnade gefallen sind. Die Kirchenzucht stellt sicher, dass die Gerechtigkeit des Reiches im sozialen Leben der Kirche Ausdruck findet.

In Genf nahmen die Pastoren und Ältesten ihre Verpflichtung ernst, Kirchenzucht in Bezug auf alle Fragen der Sünde und der Ungerechtigkeit anzuwenden, die ausdrücklich in der Schrift verurteilt werden. Neben Götzendienst, Gotteslästerung und sexueller Unmoral züchtigten sie Väter, die ihre Frauen und Kinder missbrauchten, Kinder, die sich weigerten, für ihre Eltern zu sorgen, Hausbesitzer, die ihre Mieter ausbeuteten, Ärzte, die die Kranken übervorteilten oder inkompetent waren, Arbeitgeber, die ihre Arbeiter unterdrückten oder nicht bezahlten und Nachbarn, die sich weigerten, sich zu versöhnen.

Diakonat

Das Diakonat war für Calvin dazu da, das Zeugnis der Kirche in Bezug auf die soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten, indem nämlich die Rechte der Armen verteidigt wurden. Er glaubte, dass die materielle Solidarität mit den Armen eine Frage der Gerechtigkeit, nicht bloß eine Frage der Liebe war. Wenn Menschen nicht das tun, wozu sie imstande sind, um für die Armen zu sorgen, rauben sie ihnen ihre Rechte. Das Diakonat ist verantwortlich, sicherzustellen, dass die Kirche vorbildlich zeigt, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen sollte. Es bewahrt die Kirche vor der Heuchelei, ein weltfremdes Evangelium vorzuleben.

Die Kirche in Genf hatte zwei Diakonate – eines kooperierte eng mit dem Staat (und wurde finanziell vom Staat getragen), das andere handelte unabhängig vom Staat und konzentrierte sich darauf, den Flüchtlingen und Einwanderern zu dienen. Die Diakone von Genf reagierten nicht nur auf aufkommende Nöte, und dienten auch nicht nur den Mitgliedern der Kirche. Im Gegenteil, sie waren proaktiv. Sie ermöglichten die medizinische Fürsorge für die Kranken, die temporäre Unterstützung und Ausbildung der Arbeitslosen, die langfristige Unterstützung der Witwen, Gastfreundschaft für Reisende und vieles mehr.

Für Calvin rief Jesus, als er verkündigte, dass er gekommen war, um den Armen frohe Botschaft zu verkünden, die Kirche dazu auf, das Gleiche zu tun. Um die Kirche Kirche sein zu lassen, muss sie ihre Mitglieder zu einem geistbefähigten Dienst zurüsten, um die Gerechtigkeit des kommenden Reiches Gottes in Wort und Tat aufzurichten.