Vorherbestimmung - eine biblische, herrliche und praktische Lehre

Artikel von Jeff Robinson
13. August 2018 — 17 min Lesedauer

In manchen Gemeinden ist Vorherbestimmung ein Begriff, der Bilder eines zornigen und launischen Gottes heraufbeschwört, der willkürlich manche rettet, während er die meisten Sünder – einschließlich der verstorbenen Kleinkinder – zur ewigen Verdammnis bestimmt. Für viele bekennende Christen ist er die Mutter aller Schimpfwörter.

Sollte ein Pastor diesen in der Gegenwart seiner Gemeindeleitung auch nur erwähnen, riskiert er, gefeuert zu werden, Handgreiflichkeiten oder Schlimmeres. Ein Gott, der Menschen erwählt ist anti-amerikanisch und undemokratisch. Vorherbestimmung zeugt von einer langweiligen, puritanischen Religion, einer lehrmäßigen Neuerung, erdacht von einem verrückten Pfarrer aus dem 16. Jahrhundert, dessen Nachfolger einen theologischen „-ismus“ fabrizierten, der zahllose Seelen in eine Ewigkeit ohne Gott geführt hat.

In anderen Gemeinden ist er ein geschätzter Begriff, der eine geliebte Lehre beschreibt, die Trost und unerschütterliche Gewissheit verleiht, dass nicht ein unkontrolliertes Molekül, nicht ein rebellisches subatomares Teilchen außerhalb von Gottes liebender Vorsehung existiert – selbst in der Frage der Errettung. Willst du eine angeregte Unterhaltung starten? Dann erwähne einfach den Begriff: Vorherbestimmung oder Prädestination.

Eine biblische Lehre

Nur wenige Lehren in der Geschichte der amerikanischen Religion weisen einen so kämpferischen Lebenslauf auf. Und doch steht sie hier in den klarsten und unmissverständlichen Worten in Epheser 1,5: „Er hat uns vorherbestimmt zur Sohnschaft für sich selbst durch Jesus Christus“. Und noch einmal sechs Verse später: „In ihm (Christus), in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens“. Diese Verse aus dem Epheserbrief, ebenso wie Römer 9, Johannes 6 und das hohepriesterliche Gebet Jesu in Johannes 17 warfen meine Theologie des freien Willens vor zwei Jahrzehnten über den Haufen. Apostelgeschichte 13,48 führte zum K.O.

So umstritten und verachtet diese Lehre auch sein mag, werden Vorherbestimmung und ihre Schwester Erwählung eindeutig in der Heiligen Schrift gelehrt. Jeder Bibelausleger muss seinen Frieden mit ihnen schließen.

Viele Evangelikale – einschließlich Pastoren – wollen sie am liebsten außer Acht lassen. Sie sehen diese als eine verbotene theologische Frucht an, die für sie mit Spekulationen beladen ist. Diese Lehre ist einfach nicht praktisch, so argumentieren sie. Es ist eine Debatte für Bibelschulklassen ohne wirklichen Bezug zum täglichen Leben.

Aber Johannes Calvin, der Pastor und Theologe, dem fälschlich zugeschrieben wird, die Lehre der Prädestination erfunden zu haben, argumentiert für das Gegenteil:

Dieses große Thema ist nicht, wie viele denken, bloß ein heikles und lärmendes Streitthema, noch Spekulation, die den Verstand der Menschen unnötig belastet; sondern eine solide Diskussion, die den Gottesfürchtigen enorm von Nutzen ist, weil sie ihn dadurch im heilsamen Glauben auferbaut, zur Demut anhält und unsere Anbetung Gottes für seine Güte zu uns anregt, während sie den Lobpreis dieser Güte in uns auf höchste Höhen treibt.

Lorraine Boettner, der das wohl umfassendste Buch zum Thema Prädestination geschrieben hat, stimmt dem zu:

Es ist keine kalte, fruchtlose, spekulative Theorie, noch ein unnatürliches System fremdartiger Lehren, wie viele Menschen geneigt sind zu glauben, sondern ein äußerst warmer und lebendiger und gleichsam lebenswichtiger und bedeutender Bericht von Gottes Beziehung mit den Menschen. Es ist ein System von erhabenen, aber  praktischen Wahrheiten, die dazu gemacht sind, unter dem Einfluss des Heiligen Geistes, die Leidenschaften des Herzens zu formen und dem Verhalten eine richtige Richtung zu geben.

Eine herrliche Lehre

Vorherbestimmung ist eine herrliche Lehre. Ihre Schönheit liegt in der Tatsache, dass sie uns ein heiliger Gott offenbart hat. Und, wie Calvin und Boettner aufzeigen, hat sie eine bedeutende praktische Anwendung. Vorherbestimmung ist nicht nur ein Thema für Diskussionen und Debatten neugieriger Bibelschüler. Sie sagt uns viel über das Wesen Gottes:

  • Gott schreibt die Geschichte exakt nach seinem Skript. Obwohl wir von „Zufällen“ sprechen, gibt es so etwas in Wirklichkeit nicht. Nichts wird heute geschehen, das nicht sorgsam in der ewigen Vergangenheit von einem allmächtigen und guten Schöpfer geplant war.
  • Gott liebt Sünder. Wir sollten nie das Stauen über die Realität dieser Aussage verlieren. Obwohl wir gegen ihn rebelliert haben, hat Gott seinen einzigen Sohn gesandt, um anstelle von Sündern zu sterben und sie dadurch von Sünde und Tod zu erretten (Röm 5,8). Christus, der unschuldig war, gab sein Leben für die Schuldigen (1Petr 3,18). Er ertrug den Zorn, den wir verdient haben.
  • Gott gebraucht Mittel, um seine Ziele zu erreichen. Unser Herr wählt schwache, irdene Gefäße aus, um sie zu den Enden der Erde auszusenden, damit sie die gute Nachricht seiner Rettungsmission in Christus verkündigen (Röm 10,14-15). Er gibt gefallenen Menschen das unglaubliche Privileg, sein Evangelium zu verkünden, das die Sünde abtötet und den Tod besiegt.
  • Gottes Herrlichkeit ist absolut, nicht die des Menschen. Der Beginn des kürzeren Westminster Katechismus legt berühmtermaßen das höchste Ziel des Menschen wie folgt fest – Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen. Gott hat uns zu seiner Ehre geschaffen (Jes 42,8). Jedes Bestreben unseres Lebens soll die Verbreitung seines Ruhmes zum Ziel haben. 

Vorherbestimmung lehrt uns auch etwas Wichtiges über uns selbst: Außerhalb des  einseitigen Werkes der Gnade können wir Gott nicht gefallen. Wir sind tot in unseren Sünden und tote Menschen können gar nichts tun (Eph 2,1). Deshalb ignorieren wir Vorbestimmung, mit der Folge geistlicher Unterernährung.

Eine praktische Lehre

An dieser Stelle möchte ich drei Möglichkeiten aufzeigen, wie diese viel verleumdete Lehre unser geistliches Rückgrat stählen kann:

1. Vorherbestimmung bedeutet, dass unsere Rettung so sicher und fest ist, wie der Gott, der uns erwählt hat.

Wenn unser Erbe in Gott wurzelt – der uns vor Anbeginn der Zeit erwählt hat – dann können wir nicht abfallen. Wir haben nichts getan, um es zu erlangen. Wir können nichts tun, um es zu verlieren (Röm 8,31-39). Durch seine Gnade wird Gottes Volk bis zum Ende ausharren, durch viele Gefahren, Mühen und Fallstricke hindurch. Diese Wahrheit ist Trost für Heilige, die durch die täglichen Herausforderungen des Lebens müde geworden sind, deren geistliche Beine durch den täglichen inneren, wie äußerlichen Kampf geschwächt sind. Der Gott, der dich erwählt hat, wird dich gewisslich bewahren (Joh 10,28). Calvin schreibt:

Denn es gibt kein wirksameres Mittel, um den Glauben aufzuerbauen, als unsere Ohren für die Erwählung Gottes zu öffnen, mit der der Heilige Geist unser Herz versiegelt, während wir Zuhören, indem er uns zeigt, dass sie im ewigen und unveränderlichen Wohlwollen Gottes uns gegenüber steht; und dass sie deshalb durch keine Stürme dieser Welt, noch von irgendeinem Angriff des Teufels oder irgendwelchen Schwankungen oder Schwächen des Fleisches bewegt oder verändert werden kann. Denn unsere Errettung ist für uns dann gewiss, wenn wir ihre Ursache allein in der Brust Gottes finden.

2. Vorherbestimmung bedeutet, dass unsere Errettung auf ewig in einem souveränen, guten Gott gegründet ist; deshalb ist unser Leid, Trauer, Verfolgung und Scheitern kein Zufall.

Gott wird von unserem Leid nicht überrascht. Wie Charles Spurgeon es ausdrückte: „Alle Jagdhunde der Bedrängnis tragen einen Maulkorb, bis Gott sie loslässt“. Und, noch bedeutsamer, drückt Paulus es in Römer 8,28 so aus: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind“. Gott ist immer zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Obwohl du es vielleicht niemals vollkommen verstehen wirst, ist dein Leid Gottes Mittel in seiner unermüdlichen Mission, dich in das Bild seines Sohnes zu verwandeln. Gottes absolute Souveränität verbunden mit seiner Güte ist die beste Medizin für menschliche Sorge.

3. Vorherbestimmung sollte uns demütigen und dankbar stimmen, nicht bitter, ängstlich oder streitlustig.

Wieso entschied Gott sich dafür, mich in seine Familie aufzunehmen? Wieso bin ich ein Christ und mein Nachbar (bisher) nicht? Wieso habe ich Eltern, denen die Gemeinde und Gottes Wort wichtig waren? Wieso habe ich das unbeschreibliche Privileg, Gottes Wort jeden Sonntag verkündigen zu dürfen?

Ich kann nichts davon anders erklären, als die Schrift es tut: Es geschah nach dem Wohlgefallen seines Willens (Eph 1,5). Ich konnte mich selbst nicht retten. Dass es Gott gefallen hat, dies zu tun, sollte mich demütigen und mich jeden Augenblick dankbar machen – weil Gott alles tat und ich nichts. Mein Leben hätte ganz anders verlaufen können, aber aufgrund seiner Gnade ist es das nicht. Gott ist gut zu mir gewesen, war geduldig mit mir, und ich muss die gleiche Gnade anderen erweisen, insbesondere meinen Brüdern und Schwestern in Christus, die noch mit dieser Lehre ringen.

 Es gibt nichts, was wir mehr brauchen

Wie viele andere setzte ich, als ich der Vorherbestimmung zum ersten Mal begegnete, unmittelbar Gott auf die Anklagebank und warf ihm Ungerechtigkeit vor: „Aber das ist nicht fair. Wie könnte ein liebender Gott einige erwählen und andere nicht?“ Diese Vorwürfe sind weit verbreitet. Aber Gott, wie es seinem Charakter entspricht, war sanft und geduldig mit mir. Er gab mir schließlich Augen, um die Herrlichkeit und Leben erhaltende Kraft dieser unergründlichen biblischen Lehre zu sehen.

Wenn Gott mir das gegeben hätte, was ich verlangte – Gerechtigkeit – dann würde ich seinen Zorn erfahren, den meine Sünden jeden Augenblick verdienen. Aber er hat mir – und vielen Millionen anderen im Laufe der Geschichte – etwas gegeben, was kein Mensch verdient hat: Barmherzigkeit. Und es gibt nichts, was wir mehr brauchen.