Das Leid und die Herrlichkeit von Psalm 22

Artikel von Robert Godfrey
10. August 2018 — 7 Min Lesedauer

Psalm 22 beginnt mit dem qualvollsten Schrei der Menschheitsgeschichte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das waren die Worte, die Jesus in den Tiefen seines Leids am Kreuz auf den Lippen hatte. Sein Leid war einzigartig, weil er sich für die Sünden seines Volks hingab. Und deshalb tendieren wir dazu, diesen Schrei ausschließlich auf Jesus zu beziehen. Aber solch ein Ansatz in Bezug auf diese Worte ist offensichtlich falsch. Jesus erfand nicht einzigartige Worte, um sein Leid zu interpretieren. Stattdessen zitierte er Psalm 22,2. Diese Worte wurden zunächst von David gesprochen und David sprach sie für das ganze Volk Gottes. Wir müssen über diese Worte und den ganzen Psalm nachdenken, wie er sich auf Christus bezieht und auf sein ganzes Volk, damit wir ihn völlig verstehen können.

Glauben trotz schwerem Leid

Der Psalm beginnt mit einem Teil, der vom qualvollen Gebet Davids bestimmt wird (Verse 2–22). David drückt zunächst seine eigene Erfahrung aus, sich von Gott verlassen zu fühlen. Das ist das intensivste Leid, das Gottes Knecht verspüren kann – nicht nur, dass er von Feinden umgeben ist (Verse 8.13–14), und dass sein Körper von fürchterlichen Schmerzen geplagt wird (Verse 15–17), sondern dass er sich fühlt, als ob Gott ihn nicht hört und sich nicht um sein Leid kümmert. Doch das ist nicht nur die Erfahrung Davids. Es ist die Erfahrung des ganzen Volkes Gottes angesichts schrecklicher Schwierigkeiten. Wir fragen uns, wie unser liebender, himmlischer Vater tatenlos zusehen kann, wenn wir in solcher Not stecken.

Dennoch, selbst in extremer Not verliert David niemals seinen Glauben oder verfällt in völlige Hoffnungslosigkeit. Seine Pein führt ihn zum Gebet, bei dem die ersten Worte „Mein Gott“ lauten. Selbst in seinem Leid und seinen Fragen über die Wege Gottes verwirft er nicht, dass Gott sein Gott ist. Mitten in seinem Leid bekennt er seinen Glauben. Er erinnert sich an Gottes vergangene Treue in der Geschichte Israels: „Auf dich haben unsere Väter vertraut; sie vertrauten, und du hast sie errettet. Zu dir riefen sie und haben Rettung gefunden; auf dich vertrauten sie und wurden nicht zuschanden“ (Ps 22,5–6). Dann erinnert sich David an Gottes vergangene Fürsorge in seinem eigenen Leben: „Ja, du hast mich aus dem Leib meiner Mutter gezogen, du warst meine Zuversicht schon an meiner Mutter Brust. Auf dich bin ich geworfen vom Mutterschoß an; vom Leib meiner Mutter her bist du mein Gott“ (Ps 22,10–11). Ein wiederkehrendes geistliches Heilmittel in den Psalmen ist, die Gedanken mit Erinnerungen an Gottes vergangene Treue zu füllen, um sich seiner gegenwärtigen Treue zu vergewissern.

Wir sehen Davids Hoffnung auch in der Ernsthaftigkeit seines Gebets um Hilfe. Er weiß, dass Gott helfen kann. Er wendet sich an Gott als den einzigen, der helfen wird: „Du aber, o HERR, sei nicht ferne! O meine Stärke, eile mir zu Hilfe!“ (Ps 22,20). Wir dürfen nie aufhören, zu beten, selbst in unserem tiefsten Leid.

Johannes Calvin bemerkt in seinem Bibelkommentar, dass ein Gefühl des Verlassenseins von Gott weder nur Christus betrifft noch selten ist. Es ist ein regelmäßiger und häufiger Kampf für die Gläubigen. Er schreibt: „Es gibt keinen Gottesfürchtigen, der nicht täglich das gleiche erlebt. Aufgrund seiner menschlichen Sichtweise denkt er, dass er von Gott verworfen und verlassen ist, während er doch im Glauben die Gnade Gottes ergreift, die vor den Augen der Sinne und des Verstandes verborgen ist“. Wir dürfen nicht glauben, dass es einfach ist, das christliche Leben zu führen, noch, dass wir nicht täglich das Kreuz tragen müssen.

Das Leiden Jesu und der Triumph Gottes

Dieser Psalm spiegelt nicht nur die Erfahrung jedes Gläubigen wider, sondern ist auch eine sehr erstaunliche und genaue Prophezeiung der Leiden Jesu. Wir sehen die Szene der Kreuzigung besonders deutlich in den Worten „Denn Hunde umringen mich, eine Rotte von Übeltätern umgibt mich; sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie schauen her und sehen mich schadenfroh an. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand“ (Ps 22,17–19). Hier sehen wir, dass der Psalm tatsächlich in Jesus zur vollsten Erfüllung kommt.

Jesus kannte diesen Psalm und zitierte die ersten Worte, um sich mit uns in unserem Leid zu identifizieren, da er auf dem Kreuz unsere Pein und Schmerzen trug. „Da nun die Kinder an Fleisch und Blut Anteil haben, ist er gleichermaßen dessen teilhaftig geworden, damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der die Macht des Todes hatte, nämlich den Teufel“ (Hebr 2,14). Jesus rettet uns, indem er unser Stellvertreter und das Opfer für unsere Sünden wird.

Im zweiten Teil des Psalms ändern sich Stimmung und Ton dramatisch. Qualvolles Gebet wird zu leidenschaftlichem Lobpreis. Der Psalmist ruft aus: „Inmitten der Gemeinde will ich dich loben!“ (Ps 22,23) Er ruft seine Brüder auf, in seinen Lobpreis einzustimmen: „Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn!“ (Ps 22,24)

Dieser leidenschaftliche Lobpreis dreht sich um den Triumph Gottes. Das Scheitern, das zu Beginn des Psalms gewiss erschien, ist nun vom Sieg verschlungen. Dieser Triumph ist nicht nur persönlich oder individuell, sondern weltweit. Der Lobpreis beruht auf der großen Verheißung: „Daran werden gedenken und zum HERRN umkehren alle Enden der Erde, und vor dir werden anbeten alle Geschlechter der Heiden. … Es werden essen und anbeten alle Großen der Erde; vor ihm werden ihre Knie beugen alle, die in den Staub hinabfahren“ (Ps 22,28.30) Auf das Leid folgt die Herrlichkeit eines weltweiten Reichs.

Gottes Triumph wird die ganze Welt ergreifen und viele Generationen umfassen: „Ein Same wird ihm dienen, wird dem Herrn als Geschlecht zugezählt werden“ (Ps 22,31). Das Bild spricht von der Gewissheit, dass die Zeit des Leids zu einer langen Zeit der Ausbreitung der Erkenntnis Gottes in der ganzen Welt führen wird. Tatsächlich haben wir seit Pfingsten die Erfüllung dieser Verheißung gesehen. In der ganzen Welt ist Jesus heute bekannt und wird er heute angebetet. Auch wenn Leid weiterhin in der Welt ist, haben wir die Erfüllung der Verheißung Christi gesehen: „Ich will meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches sollen sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18).

Der Sieg ist das Werk des Herrn, „denn das Königreich gehört dem HERRN, und er ist Herrscher über die Nationen“ (Ps 22,29). Er ist derjenige, der seiner Sache letztendlich zum Sieg verhilft. Der Herr erreicht seinen Triumph durch seine Werkzeuge. Und David sieht sich selbst als ein Werkzeug, vor allem indem er die Güte und Barmherzigkeit Gottes verkündigt: „So will ich meinen Brüdern deinen Namen verkündigen“ (Ps 22,23). Jesus ist auch der, der in Vers 23 spricht, wie Hebräer 2,12 deutlich macht (dieses Zitat zeigt auch, wie selbstverständlich das Neue Testament davon ausgeht, dass Jesus in den Psalmen spricht).

Der Psalmist verkündigt den Namen Gottes, besonders in Bezug auf seine rettende Barmherzigkeit: „Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut das Elend des Armen, und hat sein Angesicht nicht vor ihm verborgen, und als er zu ihm schrie, erhörte er ihn“ (Ps 22,25). Solch eine Verkündigung ist lebenswichtig für die Mission Gottes in der Welt. Wie Calvin schrieb: „Gott zeugt und vermehrt seine Kirche nur durch das Wort“. Die, die Gottes Barmherzigkeit erfahren haben, müssen anderen davon berichten.

Obwohl Gott Werkzeuge benutzt, um seine Ziele zu erreichen, gehört ihm allein alle Ehre, denn er ist es, der durch sie handelt und ihren Erfolg gewährleistet. Aus diesem Grund endet der Psalm mit dieser festen Gewissheit: „Er hat es vollbracht“ (Ps 22,32). Unser Gott erhört unsere Gebete und erfüllt seine Verheißungen und erfüllt uns mit Lobpreis. „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,36).

Schluss

Wenn wir versuchen, Psalm 22 zu verstehen um ihn auf uns anzuwenden, müssen wir darin auch die Richtung der Kirchengeschichte sehen: erst Leid, dann Herrlichkeit. Wir müssen auch eine Art Muster der Frömmigkeit für die Kirche und den einzelnen Christen erkennen: Die echten und unausweichlichen Schwierigkeiten des Lebens in einer gefallenen Welt sollten uns zum Gebet führen. Gebet sollte uns dahin bringen, uns der Verheißungen Gottes zu erinnern, sowohl derer, die er in der Vergangenheit schon erfüllt hat, als auch derer, auf die wir vertrauen, dass er sie in der Zukunft erfüllen wird. Das wird uns helfen, ihn angemessen zu ehren. Indem wir ihn ehren, können wir den Problemen, die uns täglich begegnen, weiterhin mit Gnade und Glauben begegnen.

Robert Godfrey ist ein Lehrer und Vorsitzender bei Ligonier Ministries. Er ist emeritierter Präsident und emeritierter Professor für Kirchengeschichte am Westminster Seminary California (USA).