Wenn ein Mensch die Souveränität Gottes erkennt

Vier Kennzeichen eines Menschen, der Gott als souveränem Herrscher begegnet

Artikel von Richard Phillips
28. November 2019 — 23 min Lesedauer

Viele Christen können die umwälzenden Auswirkungen bezeugen, die sich ergeben, wenn man sich der Souveränität Gottes bewusst wird. Ähnliche Zeugnisse finden sich in der Bibel. Vielleicht ist keine Begegnung mit dem souveränen Herrn tiefgehender als die des Propheten Jesaja. Wenn der Apostel Paulus die Person des Neuen Testaments ist, die man am meisten mit der Lehre von der Souveränität Gottes verbindet, dann ist sein alttestamentliches Gegenstück sicherlich Jesaja. Doch wie erlangte Jesaja sein Verständnis von Gottes Souveränität? Welche Auswirkungen hatte diese Erkenntnis auf sein Leben? Mit anderen Worten, wie würde Jesaja die Frage beantworten: „Was ist so großartig an der Souveränität Gottes?“

Jesajas Reaktion auf die Erfahrung der Souveränität Gottes

Welchen Unterschied macht die Souveränität Gottes für Jesaja? Den alles entscheidenden! In seiner Reaktion auf die Vision der souveränen Herrschaft Gottes lassen sich vier Kennzeichen beobachten, die sich mit unserer Erfahrung decken werden, wenn unser Glaube der biblischen Idee von souveräner Gnade entspricht.

1. Bereitschaft zum Dienst

Die erste Veränderung kam für Jesaja unmittelbar nach seiner Vision des Herrschers auf dem Thron. Das erste Kennzeichen seines Bewusstseins für die völlige Souveränität Gottes war seine Bereitschaft, zu dienen: „Und ich hörte die Stimme des Herrn fragen: Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sende mich!“ (Jes 6,8) Wir kennen Jesajas Einstellung vor dem Empfangen dieser Vision nicht, aber wir wissen, wie sie unmittelbar danach aussah. Als er Gottes souveräne Herrlichkeit sah, rief er aus: „Hier bin ich, sende mich!“

Weil Gott der wahre Souverän ist, gibt es kein größeres Privileg, als ihm zu dienen. Ehrfurcht vor seiner Herrlichkeit lässt andere Ambitionen verschwinden. Nicht alle sind zum prophetischen Amt berufen. Gott beruft Menschen dazu, Tischler, Rechtsanwälte, Ärzte, Tontechniker und Müllmänner zu sein. Aber diejenigen, die die Souveränität Gottes gesehen haben, sehen ihre ganze Arbeit als Möglichkeit an, seine Herrschaft auszuweiten und seinem Reich zu dienen. Wenn wir realisieren, wie groß der Gott ist, dem wir dienen, wie vollkommen seine Souveränität über alles und wie herrlich sein Reich ist, dann

„'Hier bin ich, sende mich!' ist nicht nur die Reaktion darauf, dass man Gottes souveräne Herrlichkeit gesehen hat, es ist ein Ausbruch von Freude.“

 

werden wir ihm in allem dienen wollen, was wir tun. Jesaja wusste noch nicht einmal, welche Aufgabe Gott für ihn vorgesehen hatte, aber als er die Frage hörte: „Wen soll ich senden?“, kam über seine nun geweihten Lippen: „Hier bin ich, sende mich!“ Wenn wir nur einen kleinen Teil dessen erkennen, was er sah, werden wir das Gleiche tun. Wir werden nicht auf die Schwierigkeiten sehen, sondern das hohe Privileg schätzen, so einem großen Herrn dienen zu dürfen.

Viele Menschen glauben nicht an die Souveränität Gottes und dienen trotzdem dem Herrn. Aber es gibt einen großen Unterschied. Die, die den Herrn in seiner souveränen Herrlichkeit sehen, haben einen inneren Antrieb, diesem Gott zu dienen. Gott zu dienen ist das Schönste ihres Lebens. Sie messen ihren Dienst nicht so sehr daran, was sie erreichen – oder was Gott durch sie erreicht – sondern in dem schieren Staunen über Gott, dem sie dienen. Wie bei kleinen Jungen, die sich auf dem Spielplatz in Teams aufteilen: Wenn man von einem bestimmten Team ausgewählt wird, so ist das die größte Freude, die man sich vorstellen kann, besonders für diejenigen, die nicht gut genug sind. „Hier bin ich, sende mich!“ ist nicht nur die Reaktion darauf, dass man Gottes souveräne Herrlichkeit gesehen hat, es ist ein Ausbruch von Freude. Weil Gott ganz sicher verherrlicht werden wird, will man zu denen gehören, die daran beteiligt sind.

2. Demütiger Gehorsam

Ein zweites Kennzeichen des Bewusstseins der Souveränität Gottes, das in dieser Bibelstelle auftaucht: ein demütiger Gehorsam, der Gottes Geboten vertraut. Kapitel 6 schließt damit, dass Gott beschreibt, was Jesaja tun soll. Der Prophet reagiert darauf erschrocken und schockiert:

Und er sprach: Geh und sprich zu diesem Volk: Hört immerfort und versteht nicht, seht immerzu und erkennt nicht! Mache das Herz dieses Volkes unempfänglich, und mache seine Ohren schwer und verklebe seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, und damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und für sich Heilung findet! Und ich fragte: Wie lange, Herr? (Jes 6,9-11)

Jesajas Berufung bestand darin, eine Verhärtung über Jerusalem zu bringen. Sein Dienst würde ein Vorzeichen des Gerichts sein. Gott hatte vor, sein Volk zuerst zu reinigen bevor er es retten würde. Wir können fast hören, wie Jesaja bei diesem Auftrag einen Aufschrei unterdrückt, aber doch ohne Beschwerde, ohne Widerspruch gegen die Weisheit seines Herrn. Er stellt einfach die vernünftige Frage: „Wie lange, Herr?“ Die Antwort hat den Propheten mit Sicherheit entsetzt:

Er antwortete: Bis die Städte verwüstet liegen, so dass niemand mehr darin wohnt, und die Häuser menschenleer sein werden und das Land in eine Einöde verwandelt ist. Denn der HERR wird die Menschen weit wegführen, und die Verödung inmitten des Landes wird groß sein. Und bleibt noch ein Zehntel darin, so fällt auch dieses wiederum der Vertilgung anheim. Aber wie die Terebinthe und die Eiche beim Fällen doch noch ihren Wurzelstock behalten, so bleibt ein heiliger Same als Wurzelstock! (Jes 6,11-13)

Zweifellos betrat Jesaja den Tempel, weil er sich um das Wohl Jerusalems Sorgen machte, nachdem König Usija gestorben war. Als er jedoch dem wahren Herrscher begegnete, lernte er jemanden kennen kennen, der noch viel mehr zu fürchten war als seine ursprünglichen Ängste. Jesaja sticht unter den großen Propheten hervor, weil er sich nie beschwerte. Er hatte einen souveränen, rettenden Gott gesehen. Wenn er zu einem Dienst der Verhärtung berufen war, dann würde er ihn auch ausführen. Es fiel Jesaja nicht ein, dass er es besser wissen könnte als der Herr der Heerscharen. Wenn es dem Herrn gefiel, seine Gemeinde durch einen treuen Dienst auf eine Wurzel heiligen Samens zu reduzieren, dann würde Jesaja diesen Rest zum Gegenstand seiner Mühen machen.

Eine solche Hingabe an Gottes rettende Souveränität würde uns zu einem demütigen, vertrauenden Gehorsam gegenüber Gottes Wort inspirieren. In dem Wissen, dass hinter allem, was passiert, ein Ratschluss wunderbarer Gnade steht, können wir auf Gottes souveränen Plan vertrauen. Wir können mit schwierigen Umständen umgehen ohne ins Schwanken zu geraten, wenn es um das Gesetz Gottes geht. Wir können die Feindschaft der Welt ertragen und sogar den Abfall der Kirche, ohne in unserem Dienst unsicher zu werden. Wir können der Weisheit eines souveränen Gottes vertrauen und seinen Geboten gehorchen, der alles nach dem Ratschluss seines Willens wirkt. Wie Jesaja später erklärt: „Und ich will warten auf den HERRN, der sein Angesicht verbirgt vor dem Haus Jakobs, und will auf ihn hoffen“ (Jes 8,17).

3. Mutiges Bekenntnis

Ein drittes Kennzeichen von Jesajas Dienst zeigt sich in der Stelle, die unmittelbar folgt. Sie ist mit der Thematik aus Kapitel 6 verbunden, auch wenn die Ereignisse fast ein Jahrzehnt auseinanderliegen. Jotam, Usijas Sohn und Nachfolger, hatte seine Regierungszeit beendet. Es war eine Zeit des Niedergangs und der Anfang des Verfalls. Mit Jotams Nachfolger, Ahas, würde dann sogar eine Zeit offenen Ungehorsams gegenüber Gott beginnen.

Die unmittelbare Ursache der Probleme war eine Invasion Judas durch das Nordreich und seinen Nachbarn Aram. Der ungläubige Ahas schaute sich nach einem weltlichen Alliierten um, der ihm aus der Schlinge helfen sollte, selbst wenn es bedeuten würde, das Volk in den Götzendienst zu führen. Seine Wahl fiel auf Assyrien, die wachsende Macht im Norden der Feinde. Aber Gott sandte Jesaja, um ihm entgegenzutreten und dem König folgende Botschaft auszurichten:

Und sprich zu ihm: Hüte dich und sei ruhig; fürchte dich nicht, und dein Herz verzage nicht vor diesen zwei rauchenden Feuerbrandstummeln, vor der Zornglut Rezins und der Aramäer und des Sohnes Remaljas! Weil der Aramäer Böses gegen dich geplant hat samt Ephraim und dem Sohn Remaljas, die sagen: "Wir wollen nach Juda hinaufziehen und es in Schrecken versetzen und es für uns erobern und dort den Sohn Tabeels zum König einsetzen!", deshalb spricht GOTT, der Herr: Es soll nicht zustandekommen und nicht geschehen! (Jes 7,4-7)

Gottes Botschaft an Ahas war eine Anwendung der Vision, die Jesaja gesehen hatte: Die mächtigen Könige Israels und Arams sind nicht die wahren Herrscher. Der wahre Herrscher ist Gott, der über alle regiert. Jesaja verwies den König Ahas darauf mit den klassischen Worten, die zum Glauben aufrufen: „Wenn ihr nicht glaubt, so werdet ihr gewiss keinen Bestand haben!“ (Jes 7,9)

Das war die Botschaft, mit der Gott Jesaja zum König Ahas sandte, der mit all seiner irdischen Souveränität ausgestattet war.

Wenn das nicht eine furchteinflößende Begegnung war! Den meisten von uns ist allein bei dem Gedanken bange, unseren Freunden auf der Arbeit von Gott zu erzählen. Wieviel schwerer ist es, einem König ein Ultimatum zu überbringen. Aber hier macht sich der Unterschied bemerkbar, wenn man die Souveränität Gottes kennengelernt hat. Was für eine Furcht Jesaja auch vor dem König Ahas hatte, sie wurde verdrängt durch seine viel größere Furcht vor dem souveränen Gott.

Ein Bewusstsein von Gottes Souveränität verleiht uns eine heilige Kühnheit vor der Welt und ihren Mächten. Das machte Jesaja brauchbar: Er konnte das Wort des Herrn, selbst das Gerichtswort, einer dekadenten und gefährlichen Generation verkünden. „Wehe der sündigen Nation“, beschuldigte er sie im Anfangskapitel, „dem schuldbeladenen Volk! Same der Übeltäter, verderbte Kinder! Sie haben den HERRN verlassen, haben den Heiligen Israels gelästert, haben sich abgewandt“ (Jes 1,4). Mir ist bewusst, dass eine solche Rede heutzutage kein Stadion füllen würde. Es bringt eine Gemeinde vielleicht nicht auf die Liste der Erfolgsgeschichten für Gemeindewachstum. Aber die Bereitschaft, die Wahrheit Gottes zu reden, Gottes Gericht einer Generation zu verkünden, die so verdorben ist wie unsere, ist ein Zeichen, dass der Redner die Souveränität Gottes gesehen hat.

4. Abhängigkeit von der Gnade Gottes

Schließlich sehen wir in dem Propheten Jesaja ein viertes Kennzeichen, dass er den Herrn in seiner souveränen Majestät gesehen hatte – eine vollkommene Abhängigkeit von Gottes souveräner, rettender Gnade.

Das zeigt sich in dem Zeichen, das Jesaja König Ahas gab. Jesaja wollte durch dieses Zeichen den Glauben von Ahas wiederbeleben. Es war ein Zeichen, das in den Augen der Welt töricht war, aber in den Augen Gottes herrlich: „Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird ihm den Namen Immanuel geben“ (Jes 7,14). Anbetrachts des Unglaubens von Ahas legte Jesaja seine Hand auf das größte Zeichen souveräner Gnade, dass er sich vorstellen konnte: Eine Jungfrau würde einen Sohn gebären.

Später sprach Jesaja von der Geburt durch eine Unfruchtbare als ein Zeichen rettender Gnade (Jes 54,1). Ein unfruchtbarer Mutterleib deutet menschliche Versuchen, die gescheitert sind, an. Aber der Mutterleib einer Jungfrau spricht davon, dass der Mensch überhaupt nichts unternommen hat. Aus einem solchen Mutterleib kommt der Retter, Jesus Christus. Stell dir vor, wie wenig ein Mann wie Ahas die Geburt eines Babys als Grund erachtet hätte, Gott mit seinen Problemen zu vertrauen. Genauso erachten viele heutzutage die Verkündigung des Evangeliums als „Torheit“. Aber Gott, der als Baby Mensch geworden ist, und die Verkündigung des Evangeliums sind heute die Kraft Gottes zur Errettung für jeden, der glaubt.

Schluss

Das erinnert uns daran, dass wahrer Dienst am Evangelium nur erfolgreich ist, wenn wir verkündigen, dass eine Jungfrau einen Sohn gebiert. Was für eine Torheit für die Welt! Aber sie tat es. Und das Wunder der Gnade setzt sich bis heute fort. Das sollte uns ermutigen, auf unfruchtbaren Gebieten wie Gebet und einfacher Bibelverkündigung zu arbeiten, in Demut, Langmut, Selbstverleugnung und heiligem Gehorsam gegenüber Gott. Jesajas Zeichen der Jungfrauengeburt zeigt uns, dass wir nicht auf menschliche Weisheit vertrauen und auch nicht verzweifeln sollten angesichts von Schwierigkeiten oder persönlichem Versagen. Denn wenn wir, wie Jesaja, einen Blick auf Gottes souveräne Herrlichkeit bekommen, besonders in der Errettung von Sündern, werden wir es als unser Privileg erachten, diesem souveränen Gott zu dienen, der unseren Retter durch den Leib einer Jungfrau zur Welt brachte, und der viele zur Errettung bringen wird, wenn wir auf gleiche Weise auf seine souveräne, rettende Gnade vertrauen.