Abgestempelt?

Rezension von Klaus Giebel
25. Juli 2018 — 4 Min Lesedauer

Michael R. Emlet hat ein kurzes, verständliches und praktisches Buch zum Thema psychiatrische Diagnosen, Medikamente und Seelsorge geschrieben. Der Erfahrene Seelsorge Klaus Giebel das Buch:

  • Michael R. Emlet, Abgestempelt? – Eine biblische Perspektive zu psychiatrischen Diagnosen und Medikamenten, Waldems, 3L Verlag, 2017, 

vor.

Wer ein Buch zur Hand nimmt, das beansprucht, das psychiatrische Fachwissen auf dem aktuellen Stand zu halten und es gleichzeitig dem als Seelsorger aktiven, aber medizinischen Laien, so aufzubereiten, dass er wirklich gut informiert ist und praktisch damit umgehen kann, der wird zunächst etwas verblüfft sein, ein solches Büchlein auf ca. 130 Seiten vorzufinden. 

Aber in der Tat: Der Einbandtext verspricht nicht zu viel, wenn er behauptet, „Mikes Buch ist wie eine neue Brille, die Klarheit in diese komplizierte Themen bringt!“. Für den erfahrenen Seelsorger, der sich mit diesen besonderen Herausforderungen in der Seelsorge schon beschäftigt hat, mag dies nicht so zutreffen, da er um die Begrenztheit aber auch Unumgänglichkeit psychiatrisch angesetzter Diagnosen weiß. Im Rahmen vielfältig gemachter Erfahrungen ist man aber auch dann dankbar, wenn man manches ahnte, wusste, schon in dieser oder ähnlicher Weise verstanden hatte, wie es Dr. Mike Emlet in diesem von dem erfahrenen Psychiater Dr. Christoph Jung klug übersetzten und für den deutschen Leser hilfreichen Anpassungen und Ergänzungen versehenen Büchlein vermittelt. 

Der Buchinhalt wird in zwei Teilen angeordnet:

  1. Teil: Psychiatrische Diagnosen verstehen;
  2. Teil: Psychoaktive Medikamente verstehen. 

Psychiatrische Diagnosen verstehen

Bei beiden Themenkomplexen vermittelt der Facharzt sowohl eine Hilfestellung, aktuell vorgegebene Begriffe, Ordnungsschemata sowie medikamentöse Lösungsansätze weder absolut zu setzen, noch diese vollständig abzulehnen. Die Überzeugung, dass der Mensch mehr ist als eine biochemische Maschine, wird durch die Tatsache unterstrichen, dass es nicht möglich ist, auf reinen biologisch-chemischen Theorien eine genaue feindiagnostische Ursache und Hintergründe von psychosozialen Auffälligkeiten zu treffen. Genauso wenig ist es sinnvoll, das Verabreichen von Medikamenten als vollständig abgesichert und eindeutig problemspezifisch angelegtes Universalmittel einzusetzen, das eine weiterführende seelsorgerische Hilfestellung überflüssig machen würde. Im Bereich der psychiatrischen Diagnostik sagt Dr. Emlet den treffenden zusammenfassenden Satz: „Es ist wichtiger zu wissen, welche Art von Person eine Krankheit hat, als zu wissen, welche Art von Krankheit eine Person hat“.

Fazit: Ein wirklich hilfreiches Buch, das nicht einfach aus dem Amerikanischen übersetzt wurde, sondern von kompetenter Hand mit einigen wichtigen Hinweisen für den deutschen Leser versehen eine schnelle, brauchbare und hilfreiche Übersicht und fundierte Einführung in die psychiatrischen Diagnosen und den Umgang mit medikamentös angesetzter Hilfe bietet. Dabei kommt die seelsorgerliche Begleithilfe, die konkret eingesetzt werden kann, in dem kurzen Rahmen des Büchleins sicher etwas zu kurz, was aber weder vom Umfang noch von der Themenstellung her zu erwarten gewesen wäre. 

Psychoaktive Medikamente verstehen

In Bezug auf den Umgang mit psychoaktiven Substanzen werden dreierlei Ziele verfolgt: vertraut werden mit den Grundkategorien, die Wirkmechanismen bzw. die Wirksamkeit (anhand von Antidepressiva) und eine biblische Herangehensweise bei der Medikation. Letzteres ist sicher ein schwieriges Thema, es gelingt dem Autor aber, den biblischen Rahmen für einen Seelsorgeprozess weitgehend zu klären und dabei das biblische ganzheitliche Menschenbild, die Frage nach einer auf Gottesbeziehung ausgerichteten Zentrierung, die Themen Sünde, Umgang mit Leid, Ewigkeitsperspektive mit einzubeziehen, so dass sowohl die bedingt und begrenzt hilfreiche Komponente als auch die Unverzichtbarkeit seelsorgerlicher Begleitung neben notwendigen psychiatrischen Interventionen glaubwürdig dargestellt wird. Es werden keine einfachen Patentantworten gegeben, aber hilfreiche Perspektivlinien gezogen, so dass der Seelsorger eher einschätzen kann, wie diagnostische und therapeutische Maßnahmen bei betroffenen Personengruppen einzuordnen sind.

Die Roller der Gemeinde

Was man etwas vermisst ist die Rolle der Gemeinde, nicht nur die des einzelnen (fachlich auch schon etwas spezialisierten) Seelsorgers, die m.E. eine sehr wichtige Rolle bei der Integration von Ratsuchenden mit psychiatrischer Diagnose sehr hilfreich ist. So wird leicht der Eindruck vermittelt, als gäbe es nur noch Fachleute, die den Betreffenden helfen können, sowohl Seelsorger als auch verantwortliches medizinisches Personal. Auch wird die Rolle des Arztes und die des Seelsorgers nicht immer so klar zugewiesen und definiert. Man muss sich dann ggf. einen seelsorgerlich aktiven Arzt oder einen medizinisch-psychodiagnostisch informierten Seelsorger vorstellen. 

In der Gemeinschaft mit Jesus Christus leben

„Sei nicht zu schnell darin, dich von Leiden zu befreien, als ob sofortige Erleichterung von Belastungen das einzig Gute wäre, was Gott vorhat. Und denke auch nicht, dass es „geistlicher“ sei, von der Einnahme von Medikamenten abzusehen, als ob die Veredelung des Charakters das einzige Gute wäre, was Gott vorhat. Wir wählen unsere Leiden nicht auf eine masochistische Art. Wir sind aber berufen, ein Leben des Wandels in den Fußstapfen unseres leidenden Retters zu führen. Christus lehrt uns einen auf das Kreuz ausgerichteten und von ihm abhängigen Lebensstil (Luk. 9,23). Und das gilt für alle Situationen des Lebens.“ (S. 110).