Wie man Arroganz gegenüber der Kirchengeschichte vermeidet

Artikel von Timothy Massaro
19. Juni 2018 — 6 min Lesedauer

Kirchengeschichte - eine trostlose Angelegenheit?

Wieso sollte sich jemand die Mühe machen, alte Autoren oder etwas über die Vergangenheit zu lesen? Es gibt heute so viel zu tun, wie kann man da etwas aus der Vergangenheit lesen? Für derlei Dinge hat man heutzutage keine Zeit.

Wir befinden uns in einer Welt, die von sehr praxisorientierten Menschen bevölkert ist; Menschen, die zu beschäftigt sind für die Traditionen ihrer Vorfahren, zu aufgeklärt für Menschen und Vorstellungen aus der Vergangenheit, die mit so vielen moralischen Fehlern befleckt sind. Aber wir brauchen die Vergangenheit, wenn wir unsere Seelen retten wollen.

Viele Menschen haben nur ein geringes Interesse daran, alte Bücher oder Bücher über die Vergangenheit zu lesen. Wir sehen in unserer Zeit eine wirkliche Antipathie gegenüber klassischer Literatur, eine Antipathie, die über Jahrzehnte langsam zugenommen hat. In einer Welt voller Experten auf den Gebieten der Medizin, Wissenschaft und Technologie fragen wir uns, wie irgendjemand verstehen kann, was diese Menschen aus der Vergangenheit sagen wollten. Wie kann mir das helfen, ein besseres Leben im 21. Jahrhundert zu führen?

Wissen wird heutzutage eher mit Fakten gleichgesetzt als mit Weisheit. Dieses Phänomen wird besonders in der Welt von Wikipedia und Google deutlich. Statt Tugend und Nächstenliebe als wesentliche Bestandteile von Wissen zu erachten, sehen wir Fakten und Wissen als Macht.

Schulen haben wir in technische, berufsbildende Fabriken  verwandelt, die Menschen dahin treiben, bessere Arbeiter in einer vermeintlich großartigen Gesellschaft zu werden. Eine Gesellschaft voller leerer Floskeln und Geschwafel besitzt weder Lebensweisheit noch verkörpert sie in irgendeiner Form Liebe. Welch traurige Ironie, dass mehr Wissen uns weniger barmherzig und weniger fähig gemacht hat, mit anderen zusammenzuleben, die anderer Meinung sind  als wir.

C.S. Lewis berichtet über ähnliche Probleme zu seiner Zeit. Er formulierte das moralische Problem, nur zeitgenössische Literatur zu lesen. Diese Gewohnheit macht den Menschen blind für die moralischen Annahmen (und das Böse) der jeweiligen Zeit. Über die Vergangenheit zu lesen (nicht nur Bücher über Platon, sondern Platon selbst) ist eine wichtige Aufgabe, um die Seele und Tugendhaftigkeit zu formen.

Von der Vergangenheit lernen

Frühere Autoren, die unterschiedliche philosophische und theologische Positionen vertraten, haben uns heute viel zu sagen. Wir müssen den Seelen vieler Autoren begegnen und verstehen, wie sie in ihrer Zeit mit dem Glauben rangen. Der christliche Glaube umfasst ein Erbe, das bis zu den Tagen Abrahams, Isaaks und Jakobs zurückreicht, bis hin zu Adam und Eva.

Aber es gibt einen noch größeren Grund, zu lesen. Bücher (echte, solide Bücher) sind buchstäblich ein Monument, ein Erbe, eine Gabe Gottes! Bücher sind Tore zu unbekannten Ländern, zu Menschen mit Problemen, Menschen, die großen Mut hatten, und die Siege und Niederlagen kannten. Wenn wir wirklich Menschen von Gottes Buch werden wollen, müssen wir Menschen vieler Bücher werden. Das heißt nicht, dass wir Experten sein müssen. Stattdessen müssen wir Menschen sein, deren Seelen anderen Seelen begegnen, auf ihrem Gebiet und in ihrer Zeit.

Wir müssen ein Volk sein, das mit der Herrlichkeit der Gnade Gottes  konfrontiert wird, durch die Geschichte im Leben und im Tod anderer Menschen. Und es gibt keinen besseren Weg das zu tun, als sich ein Buch zu nehmen und die Schönheiten und die Geheimnisse Gottes durch die Jahrhunderte hindurch zu betrachten. Wir brauchen diese sündigen Heiligen, wenn wir, wie sie, einen Weg zu einem gnädigen Gott finden wollen, der uns von unserer eigenen Torheit und unserem Versagen errettet. Das ist unsere einzige Hoffnung.

Timothy Massaro ist Autor, Redakteur und Social Media Manager für christliche Organisationen und Publikationen. Er leitet den christlichen Bildungsdienst at Resurrection PCA in San Diego und ist als Hospizseelsorger tätig.