Zwei Reiche, ein Gott

Zweifelsohne war Augustinus von Hippo (354-430) der größte Theologe der ersten eintausend Jahre der Kirche. Seine voluminösen theologischen, exegetischen und geistlichen Schriften haben einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und werden bis heute studiert. Eines von Augustinus‘ größten Werken ist Der Gottesstaat, welches er schrieb, um den christlichen Glauben gegen die Angriffe von Heiden zu verteidigen, zu der Zeit, als das Römische Reich kollabierte. Es ist eines der einflussreichsten Bücher, die je geschrieben wurden.

Augustinus wurde im Jahr 354 in der Stadt Tagaste in Nordafrika einem heidnischen Vater und einer christlichen Mutter geboren. Von diesen unscheinbaren Anfängen würde er schließlich zu einem der einflussreichsten Denker der Kirchengeschichte und der westlichen Zivilisation werden. Die Auswirkungen seiner Debatten mit den Donatisten und den Pelagianern werden noch bis heute wahrgenommen. Seine Bekenntnisse sind weiterhin ein geistlicher Klassiker unter Christen sehr verschiedener Traditionen und der Gottesstaat legte die politischen und religiösen Grundlagen für die folgenden eintausend Jahre mittelalterlicher Geschichte in Europa.

Der unmittelbare Kontext für das Schreiben des Gottesstaats war die Plünderung Roms durch Alarich im Jahr 410. Über die nächsten Jahre hinweg kamen Flüchtlinge aus Italien nach Nordafrika, wo Augustinus als Bischof wirkte. Er wurde von den Heiden konfrontiert, die dem Christentum die Schuld für den Zusammenbruch des Reichs gaben. Im Jahr 413 und in seinem 60. Lebensjahr begann Augustinus mit dem Schreiben seines Magnum Opus als Erwiderung auf diese Anschuldigungen. Er würde das Werk vierzehn Jahre später im Jahr 427 und seinem 73. Lebensjahr abschließen. Die Leser mussten jedoch nicht vierzehn Jahre warten, um die Antwort von Augustinus zu lesen. Einzelne Abschnitte des Gottesstaats wurden unter den Lesern verbreitet, sobald sie fertiggestellt waren.

Der Gottesstaat beinhaltet 22 „Bücher“. Die ersten zehn Bücher sind der Antwort auf die Anschuldigung der Heiden gewidmet, dass der christliche Glauben verantwortlich für die Probleme war, die Rom erlitt. Als Antwort auf diese Anschuldigung widmete Augustinus einen großen Teil der tiefgründigen Kritik des römischen Heidentums in all seinen verschiedenen Formen. Innerhalb dieser ausführlichen Kritik des Heidentums findet der Leser zahlreiche Diskussionen über Theologie, Philosophie, Kultur, Politik und Ethik. Die übergreifende Stoßrichtung ist jedoch, die römischen Heiden mit keiner Entschuldigung zu belassen, weiterhin an ihrem Aberglauben festzuhalten. Wenn Augustinus in Fahrt kommt und die römische Neigung kritisiert, multiple Götter für jedes erdenkbare Detail des Lebens zu schaffen (zum Beispiel, einen Gott der Türen und einen anderen für die Scharniere), kann man sich nicht helfen, als sich die heidnische Leserschaft vorzustellen, wie sie vor Scham zurückschreckt. Obwohl eine Kritik des römischen Heidentums im 21. Jahrhundert altmodisch erscheint, ersteht das Heidentum gerade von neuem und vieles von dem, was Augustinus sagt, ist immer noch relevant.

Die letzten zwölf Bücher des Gottesstaats sind in drei Abschnitte unterteilt. Die Bücher 11-14 sind den Ursprüngen der zwei Staaten gewidmet: der Gottesstaat (die Kirche Gottes; 13.16) und der Weltenstaat (die Ungläubigen). Das Wachstum und die Entwicklung beider Staaten wird in den Büchern 15-18 diskutiert. Schließlich sind die Bücher 19-22 dem Ende der beiden Staaten gewidmet. In einem gewissen Sinn kann vieles aus dem zweiten Teil des Gottesstaats als heilsgeschichtlicher Überblick über die Geschichte von 1. Mose bis zur Offenbarung erachtet werden. Augustinus verfolgt die Entwicklung des Volkes Gottes und derjenigen, die sich Gott widersetzten, von der Erschaffung der Engel bis zum Kommen Christi zum letzten Gericht nach. Aber die Kapitel sind nicht nur eine Zusammenfassung der Heilsgeschichte, weil Augustinus an vielen Stellen anhält und seine theologischen Themen weiter ausführt.

Augustinus macht es sehr deutlich, dass die zwei Staaten in der gegenwärtigen Zeitepoche miteinander vermischt sind und letztlich erst im Jüngsten Gericht voneinander geschieden werden. Die Bürger des himmlischen Staats müssen erkennen, dass diese Vermischung notwendig ist, weil unter den Bürgern des Weltenstaats ihre eigenen zukünftigen Bürger sind (1.35).

Es ist nicht möglich, jeden Aspekt des Gottesstaats in diesem Artikel zu besprechen. Ich lasse den Leser jedoch mit einem Auszug aus der Weisheit des Augustinus zurück, seine Ermutigung an Christen, die von allen Seiten von Gefahr umgeben sind: „Unter den täglichen Möglichkeiten dieses Lebens wird jeder Mensch auf der Erde auf gleiche Weise von unzähligen Toden bedroht, und es ist unsicher, welcher von ihnen eintrifft. Und somit ist die Frage, ob es besser ist, einen Tod zu erleiden oder sie alle im Leben zu fürchten“ (1.11). Mögen wir allen treue Bürger des Gottesstaats sein.


Dr. Keith A. Mathison ist Mitherausgeber des Tabletalk Magazins, Dekan der Ligonier Acadamy of Biblical and Theological Studies und Autor des Buchs The Shape of Sola Scriptura. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.