Worum geht es eigentlich in Römer 7?

Es gibt eine Geschichte, dass eine britische Zeitung eine Umfrage unter berühmten Autoren machte und die Frage stellte: „Was läuft falsch mit der Welt?“ Der Schriftsteller G. K. Chesterton antwortete:

                Sehr geehrte Damen und Herren,

                Das bin ich.

                Liebe Grüße, G. K. Chesterton

In Römer 7 macht Paulus etwas Ähnliches. Er antizipiert den Einspruch, dass er Gottes heiliges Gesetz herabwürdigt (Verse 7 und 12), weil er gesagt hatte, dass Christen „dem Gesetz getötet worden sind“ (Vers 4) und Gott nicht mehr „im alten Wesen des Buchstabens dienen“ (Vers 6). Im Prinzip antwortet der Apostel wie folgt: „Willst du wissen, was das Problem ist? Es ist nicht meine Sicht auf das Gesetz. Es ist tadellos. Ich bin’s. Ich bin das Problem. Meine Lehre über das Gesetz dreht sich nicht darum, wie das Gesetz ist, sondern wie ich bin“.

Paulus` doppelte Absicht

Wieso ist Römer 7 so schwer zu verstehen? Wieso wird so viel darüber debattiert? Wieso scheint die Beweislast in unterschiedliche Richtungen zu drücken? Weil Paulus zwei Absichten in dieser Bibelstelle verfolgt.

Das Leben eines fruchtbringenden Gehorsams gegenüber Gott, so erklärt er, kommt, wenn wir für unseren alten Ehemann, das Gesetz, sterben, der ein drohender Herrscher über uns war, und indem wir einen neuen Ehemann, den Herrn Jesus Christus, heiraten (Verse 1-4). Das Gesetz kann unsere Sünde nur aufdecken und anregen (Verse 7-13). Obwohl das Gesetz „geistlich“ ist (Vers 14) – indem es göttlichen Ursprung und Wesen hat – sind wir „fleischlich“ (Vers 14), intrinsisch unfähig, das gute Gesetz Gottes zu halten. Deshalb hat Gott in Christus den externen, geschriebenen Kodex – das Buch des Gesetzes – aus unseren Händen genommen und durch seinen Geist in unsere Herzen geschrieben, der die Kraftlosen dazu befähigt, das fruchtbare Leben der Liebe zu führen, auf welches das Gesetz verweist (Verse 5-6).

Das ist der Hauptpunkt von Paulus in Römer 7. Er will gleichzeitig 1.) sich gegen die falsche Vorstellung wehren, dass er das Gesetz Gottes ablehnt und absetzt und 2.) den Gläubigen in Rom helfen zu erkennen, dass sie dem Wesen nach fleischlich sind und deshalb Gott nicht erfolgreich „im alten Wesen des Buchstabens dienen“ können (Vers 6). Aber sich selbst zu verteidigen, während man mit dem Finger auf andere zeigt, endet selten gut (siehe Römer 2!), deshalb verteidigt sich Paulus, indem er mit dem Finger auf sich selbst zeigt.

Paulus verteidigt sich gleichzeitig gegen eine falsche Anschuldigung und bekennt seine absolute Unfähigkeit, dem Gesetz Gottes zu gehorchen. Das erklärt größtenteils, warum Römer 7 eine Mischung aus positiven und negativen Aussagen ist.

Das Element der Verteidigung setzt sich auch in den Versen 14-25 fort. Nimm zum Beispiel Vers 22, wo Paulus ein Verb gebraucht, welches nirgendwo sonst im biblischen Griechisch auftaucht (synedomai). Unsere erste Frage sollte nicht sein: „Wieso dieses Verb in diesem Kontext?“ Es ergibt Sinn, wenn wir verstehen, dass Paulus sich hier selbst verteidigt (auch in den Versen 7, 11, 14, 16), weil es ein Verb ist, das eine starke gemeinsame Perspektive mit einer anderen Person ausdrückt: „Denn ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen“. Diese Formulierung personifiziert das Gesetz Gottes als jemanden, mit dem Paulus sehr stark einer Meinung ist. Das Gesetz ist schließlich die persönliche Stimme Gottes (Vers 7). Paulus sagt: „Ich wende mich nicht gegen das Gesetz. Ich stimme dem Gesetz vollkommen und gern zu“.

Zwei Schlüssel, um Vers 14 zu verstehen

Alles in den Versen 14-25 steht unter dem Banner von Vers 14: „Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“. Paulus bekennt, wie er intrinsisch beschaffen ist, im Gegensatz dazu, wie das Gesetz intrinsisch beschaffen ist.

Es gibt zwei Punkte, die man bemerken sollte und die den Vers für uns aufschließen. Der erste Schlüssel ist, dass die Aussage „ich aber bin fleischlich“ zeitlich beschränkt ist durch die Aussage „wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist“. Dass wird deutlich, wenn wir es so umformulieren: „Wir (ihr Christen in Rom und ich der Apostel Paulus) wissen, dass das Gesetz geistlich ist, aber ich (Paulus) bin fleischlich“. Welcher Paulus redet in dem zweiten Satzteil? Ist es Paulus der Pharisäer oder Paulus der Apostel? Die Antwort ist offensichtlich – es ist Paulus der Apostel – außer wir wollen magische Sprachtricks vollführen. Zweifellos ist das „ich“ des zweiten Satzteils ein Teil des „wir“ aus dem ersten Satzteil.

Es stimmt, dass das griechische Präsens auf eine „dramatische“ Weise gebraucht werden kann, um die Vergangenheit zu beschreiben. Aber diesen Punkt in Römer 7 zu machen, ist eine falsche Fährte, denn die Aussage von Vers 14a verortet das Präsens in Vers 14b in die Zeit, in der Paulus an die Christen in Rom schreibt. Paulus, der Verfasser des Römerbriefs, bezieht sich auf sich selbst, wenn er von einem „ich“ redet.

Aber wie ergibt es Sinn, dass Paulus als Christ sagt: „Ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“? Das bringt uns zu dem zweiten Schlüssel, der darin besteht, dass wir realisieren, dass „unter die Sünde verkauft“ nicht Paulus beschreibt, sondern seinen Zustand der Fleischlichkeit. Paulus sagt wörtlich: „Ich aber bin fleischlich, ich war unter die Sünde verkauft“. Er sagt nicht: „Ich bin fleischlich und unter die Sünde verkauft“. Bibelausleger haben typischerweise ein „und“ in diesen Vers gelesen, welches nicht da ist. Nachdem wir unter die Sünde verkauft wurden (durch die Übertretung Adams), sind wir fleischliche Menschen geworden.

Es gibt hier eine grundlegende Unterscheidung. Ein Sklave zu sein ist grundsätzlich eine Frage der persönlichen Identität – „Wer bin ich?“ (oder besser „Wem gehöre ich?“). Fleischlich zu sein ist grundsätzlich eine Frage der persönlichen Fähigkeit – „Was bin ich?“ (oder „Wie bin ich beschaffen?“). Paulus sagt nicht, dass er ein Sklave der Sünde ist und widerspricht damit dem, was er gerade erst in Kapitel 6 über die Freiheit des Gläubigen gesagt hat. Wir haben jetzt Freiheit durch die Einheit mit Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung (6,1-10), aber unsere Leiber haben noch keinen Anteil am Auferstehungsleben Christi (6,11). Deshalb gibt es immer noch Knechtschaft in unseren Gliedern (7,23), während wir die Erlösung unseres Leibes erwarten (8,23). Das ist es, was es bedeutet, fleischlich zu sein.

Das ist eine schmerzhafte Wirklichkeit – unser leiblicher Zustand hat noch nicht aufgeschlossen mit dem, was wir jetzt schon in Christus sind. Wir sind nicht länger „im Fleisch“, wo wir dem Sklaventreiber der Sünde zu gehorchen hatten (7,5). Jetzt jedoch, während wir König Jesus gehorchen, tun wir es als solche, die immer noch „fleischliche“ Menschen sind (7,14). Wir haben neue Identitäten aber keine neuen innewohnenden Fähigkeiten! Wir bleiben unverbesserlich (aber nicht unerlösbar) beeinträchtigte Menschen.

Des Christen radikale Unfähigkeit

Wie ein Computervirus hat die Sünde unser System befallen („die in mir wohnt“, Verse 17 und 20), wo sie alle Operationen beeinträchtigt (meine „Glieder“, Vers 23), so dass sie nicht entsprechend ihres ursprünglichen Plans funktionieren (indem sie Gottes gutes Gesetz befolgen, Verse 16, 18, 19, 21). Diese radikale, systemische Beeinträchtigung resultiert in einer Unfähigkeit, das Gute zu vollbringen (Verse 15, 18, 19). Das bedeutet, dass wir eine radikale moralische Unfähigkeit haben. Wir sind nicht imstande dazu (Verse 18, 23). Die reine, heilige Güte des Gesetzes ist außerhalb unserer Reichweite. Weil er fleischlich ist, vollbringt Paulus das Gute, das er tun will, nicht.

Drei kurze Anmerkungen. Erstens, dies ist das Bekenntnis eines Christen über seinen menschlichen Zustand. Der Christ nimmt ihn wahr (bemerke die Verben der Wahrnehmung in den Versen 14, 18, 21, 23), aber wir alle haben ihn.

Zweitens, es gibt eine Verbindung zwischen Kap. 6,12 („die Begierden des Leibes“), 6,19 („die Schwachheit des Fleisches“), 7,7 („du sollst nicht begehren“) und der fleischlichen/leiblichen Sünde in 7,14-25. Mit anderen Worten, Paulus gibt uns keine Schlagzeilen über beschämendes Verhalten, sondern teilt sein persönliches Bewusstsein über die innewohnende Sünde mit, die er als sündhafte Begierde erlebt. Diese sündhafte Begierde ist mit uns bis zum Tag unseres Todes.

Drittens, Paulus dramatisiert die Dynamik der innewohnenden Sünde, um seine intrinsische Machtlosigkeit ihr gegenüber zu unterstreichen. Paulus geht es hier noch nicht um die Befähigung des Geistes, weil er zunächst möchte, dass wir unsere eigene tiefgreifende Unfähigkeit verstehen. Das hilft uns dabei, Gottes Kraft in Christus (8,1-4) wertzuschätzen und darauf zu bauen. Und es bedeutet, dass ich niemals geistliches Leben besitze als eine Qualität oder eine Eigenschaft, die ich mir selbst zuschreiben kann. Stattdessen habe ich durch den Geist Anteil am Auferstehungsleben Christi, dessen Geist die Frucht Christi in mir bewirkt: Die Liebe, die mir Gott gestern für meinen nicht liebenswerten Nachbarn geschenkt hat? Das war Christi Liebe am Werk in und durch mich.

Drei Implikationen

1. Römer 7 und Glauben

Glauben heißt, aus uns heraus zu gehen (es gibt nichts angeborenes Gutes in uns, 7,18) und zu Christus zu fliehen, nicht nur für Rechtfertigung, sondern für jeden Segen der Gnade Gottes. Es gibt getrennt von ihm keine Fruchtbarkeit (7,4). Wie Martin Luther sagte: „All unser Gut steht außerhalb von uns, und dieses Gut ist Christus“. Oder wie Johannes Calvin schrieb: „Weil dieser reiche Schatz von jeglichem Guten in ihm im Überfluss vorhanden ist, lasst uns von dieser und von keiner anderen Quelle trinken“ (Institutio, 2.16.19). Sich auf das Gesetz verlassen heißt, sich auf sich selbst verlassen (siehe Phil 3,9). Das ist eine Sackgasse. Christus dagegen ist die Quelle überfließenden Lebens.

Wenn wir uns selbst in Römer 7 erkennen, wird das Leben des Glaubens genährt.

2. Römer 7 und Hoffnung

Die Errettung in Christus ist Auferstehungsleben. Wir haben jetzt Anteil am Auferstehungsleben Christi (6,1-11), aber wir erwarten immer noch die Auferstehung der Toten, wenn unsere Leiber gleichförmig zu seinem Leib der Herrlichkeit gemacht werden (Phil 3,21). Folglich wird das Leben der Hoffnung inmitten von körperlicher Schwachheit geführt (Röm 4,18-25; 6,12.19; 7,14-25; 8,10-11, 23-25). Diese Schwachheit ist körperlich und auch moralisch.

Wenn wir uns selbst in Römer 7 erkennen, wird das Leben der Hoffnung genährt.

3. Römer 7 und Liebe

Entweder können wir das Gesetz im Stolz gebrauchen, um uns von anderen abzuheben (2,1-16) oder Gott wird das Gesetz in unserem Leben gebrauchen, um uns zu zeigen, dass wir genauso wie Adam sind, der prototypische Sünder (7,7-13), und so hilflos wie die niedrigste Person, der wir jemals begegnen können (7,14-25).

Du kannst Menschen nur lieben, wenn du auf ihrer Stufe stehst (12,16), deshalb nährt die Erkenntnis unserer selbst in Römer 7 das Leben der Liebe.

Denke daran, dies ist das Bekenntnis des Apostels Paulus. Als Christus ihn auf dem Weg nach Damaskus berief, brach er ihn und er blieb ein gebrochener Mann. Aber was für eine reiche Ernte erwuchs aus dem Boden dieser Gebrochenheit! Nur von solchen Männern und Frauen können Worte des Lebens und der Gnade fließen. Sieh dir Römer 8 an, eine herrliche Melodie der Gewissheit, des Trosts und der Hoffnung. Führer der kostbaren Herde Christi hört zu: Ihr könnt euch nur um sie sorgen, wenn ihr auf euren Knien seid.


Will Timmins ist Dozent für Neues Testament am Moore Theological College in Sydney und Autor des Buchs Romans 7 and Christian Identity: A Study of the ‚I‘ in Its Literary Context. Dieser Artikel erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.