Wieso Gemeindemitgliedschaft?

Tausende und Abertausende evangelikale Gemeinden haben heutzutage keinen formalen Mitgliedschaftsprozess. Ferner werden viele Christen niemals Mitglied einer Gemeinde oder sehen irgendeinen Grund dafür. Vielleicht kommt das daher, dass sie nicht sehen, dass Gemeindemitgliedschaft in der Bibel gelehrt wird. Oder sie sind in der Vergangenheit durch eine Gemeinde verletzt worden und wollen nicht nochmal verletzt werden. Oder sie sind verwirrt angesichts der Vielzahl an christlichen Denominationen und Kirchen, die es heutzutage gibt, und können sich nicht entscheiden, was sie tun sollen. Oder sie genießen es einfach, an der Peripherie einer Ortsgemeinde zu leben und wollen ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben. Was immer auch der Fall sein mag, sie verpassen etwas sehr Wichtiges für ihr geistliches Wachstum und für die Ausbreitung des Evangeliums.

Wieso sollten wir darauf bestehen, dass ein Nachfolger Christi zu einem hingegebenen, aktiven Mitglied einer Ortsgemeinde wird? Ich kann an mindestens neun Gründe denken.

Erstens, Gemeindemitgliedschaft hilft uns, den Frieden und die Reinheit der Gemeinde zu bewahren. In Matthäus 18,15-20 erklärt Jesus, wie man mit Konflikten mit anderen Christen umgehen soll. Ein Schlüsselteil seiner Lehre ist, „es der Gemeinde zu sagen“, wenn andere Lösungsmöglichkeiten versagen. Wenn wir keine hingegebenen Mitglieder einer Gemeinde sind, ist es schwierig, zu sehen, wie wir dieses Gebot praktisch anwenden könnten.

Zweitens, Gemeindemitgliedschaft schenkt das Privileg der Rechenschaft gegenüber Gemeindeleitern. Hebräer 13,17 sagt: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die einmal Rechenschaft ablegen werden“. Wenn wir von Gemeinde zu Gemeinde wechseln oder uns weigern, Mitglied einer Gemeinde zu werden, wie können wir dann diesem Vers gehorchen? Und wenn es kein Kriterium gibt, um zu bestimmen, wer „in der Gemeinde“ und wer „draußen“ ist (1Kor 5,12-13), für wen sind die Gemeindeleiter dann verantwortlich?

Drittens, Gemeindemitgliedschaft schenkt eine konkrete Art und Weise, Hingabe an eine Familie von Gläubigen auszudrücken. Es ist schön, ganz allgemein zu sagen, dass wir die Gemeinde Gottes lieben. Aber es ist noch besser, vor eine Gemeinde zu treten, Brüdern und Schwestern in die Augen zu sehen, und Verpflichtungen, Schwüre oder Versprechen abzugeben. In meiner Denomination muss ein Mensch fünf Schwüre leisten, um Mitglied in einer unserer Gemeinden zu werden. Es braucht Mut, um diese Versprechen abzugeben und sogar noch mehr Mut, sich an sie zu halten. Aber es fließt großer Segen aus einer verbalen Liebesverpflichtung gegenüber einer Gruppe von Gläubigen.

Viertens, Gemeindemitgliedschaft ist ein profundes Mittel, um der Welt zu sagen, dass wir Nachfolger Christi sind. In Markus 8,38 sagt Jesus: „Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Sohn des Menschen schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“. Natürlich gibt es viele verschiedene Wege, unseren Glauben mit anderen zu teilen. Aber zu sagen, dass wir Mitglied einer bestimmten Ortsgemeinde sind, ist ein wunderbarer Weg, um aus dem Versteck zu kommen und ein Zeugnis für unsere ungläubigen Freunde, Verwandten, Nachbarn und Mitarbeiter zu sein.

Fünftens, Gemeindemitgliedschaft führt uns in die große Geschichte von Gottes Bundesliebe. Gott hat einen Bund mit uns gemacht durch seinen Sohn, den Herrn Jesus Christus. Ein Bund bedeutet eine kostspielige Verpflichtung, die mit einem unverbrüchlichen Versprechen besiegelt ist. Das Bundeswesen von Gemeindemitgliedschaft ist für Gott sehr kostbar, und wenn wir mit anderen Gläubigen einen Bund eingehen, dann ahmen wir Gott nach. Wie Walter Henegar es ausdrückte: „Die Gemeinde ist die Braut Christi. Er hat sie sich selbst versprochen – und uns. Sollten wir nicht das Gleiche tun?“

Sechstens, Gemeindemitgliedschaft ermutigt zu Mitarbeit im Dienst der Gemeinde. In Epheser 4,16 spricht Paulus davon, dass jedes Glied des Leibes seinen Anteil am Werk tut. Wenn wir uns formell an eine Ortsgemeinde binden, werden wir auch eine gesunde Verpflichtung verspüren, mit unserer Zeit, unseren Gaben und unserem Besitz zum Dienst dieser Gemeinde beizutragen.

Siebtens, Gemeindemitgliedschaft hilft uns zu unterscheiden zwischen „Nächster“ und „Hausgenosse des Glaubens“. Gott ruft uns dazu auf, jeden Menschen zu lieben. Wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Aber Galater 6,10 sagt: „So lasst uns nun, wo wir Gelegenheit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens“. Paulus macht hier eine Unterscheidung zwischen der Qualität von Liebe, die wir Nichtchristen erweisen sollen, und der, die wir unseren Mitchristen zuteilwerden lassen sollen. Aber wie wissen wir, wer ein Hausgenosse des Glaubens ist? Wenn wir durch den Gemeindemitgliedschaftsprozess gehen, müssen wir normalerweise unseren Glauben gegenüber den Leitern der Gemeinde bekennen. Dieser Prozess hilft dabei, falsche Bekenntnisse zu identifizieren (natürlich nicht fehlerfrei).

Achtens, Gemeindemitgliedschaft hindert uns daran, Menschen ungebührlich zu bevorzugen. Weil wir Sünder sind, fühlen wir uns zu Menschen hingezogen, die so sind wie wir, selbst innerhalb der Gemeinde. Wir bilden Cliquen. Wir meiden schwierige Menschen. Aber wenn wir Gemeindemitglieder werden, erkennen wir, dass wir das nicht tun können; uns Lieblinge herauspicken. Wir sind Teil einer Familie, und alle Mitglieder dieser Familie sind gleich wichtig. Das ist der Punkt von Paulus‘ Diskussion über die Gemeinde in 1. Korinther 12,21: „Und das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht! oder das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht!“ Mit anderen Worten, Gemeindemitgliedschaft zügelt unsere sündige, selbstsüchtige Natur.

Neuntens und letztens, Gemeindemitgliedschaft hilft dabei, uns daran zu hindern, es allein zu versuchen. Das steckte schon in einigen der anderen Gründe, aber es muss nochmal wiederholt werden. Mir hängt die „Ich und Jesus“-Sicht über das christliche Leben zunehmend zum Hals raus. Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich, wie sehr ich die Familie Gottes brauche. Als Gemeindemitglied kann ich mich oft daran erinnern, dass „es besser ist, dass man zu zweit ist als allein“ (Pred 4,9).

Wenn du kein Mitglied einer Gemeinde bist, ermutige ich dich, die Vorteile und Pflichten ernsthaft zu bedenken, die damit einhergehen, sich an eine Gruppe von Gläubigen durch Mitgliedschaft zu verpflichten. Jede Gemeinde macht es etwas anders und hat ihren eigenen Weg zu einer formellen Mitgliedschaft. Aber der Punkt ist: Es ist wichtig, ein rechenschaftspflichtiges, beitragendes Mitglied einer Versammlung des Volkes Gottes zu sein.


Michael Osborne ist Mitpastor der University Presbyterian Church in Orlando, Florida und Autor des Buchs Surviving Ministry. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.