Wie kann man mit guten Werken Zeugnis sein?

Der Artikel ist ein bearbeiterter Auszug aus dem Buch Jesus’ Sermon on the Mount and His Confrontation with the World: A Study of Matthew 5–16.

Eine Metapher, die unser Herr verwendet, um das Zeugnis eines Christen zu beschreiben, ist Licht (Mt 5,14-16). Christen sind das Licht der Welt – einer Welt, die damit im Umkehrschluss mit dichter Finsternis bedeckt ist.

Jesus spricht von zwei Quellen des physikalischen Licht: das Licht einer Stadt auf einem Hügel und das Licht einer Lampe auf einem Leuchter. Die erste Quelle, die Stadt, wird oft missverstanden. Einige denken, dass Matthäus, als er Jesu Worte aufschrieb, etwas durcheinanderkam und eine belanglose Illustration über eine Stadt aufgeschrieben hat, die wegen ihrer Höhenlage von weitem sichtbar ist. Die Illustration ist sehr anschaulich, so meint man, aber passt nicht in den Kontext. Solche Kritiker, denke ich, zeigen damit nur, dass sie in einer industrialisierten Welt leben, in der Licht ohne weiteres verfügbar ist.

Die Wichtigkeit des Lichts

Sie wissen nicht, wie dunkel die Natur sein kann. In Kanada ist es möglich, hunderte von Kilometern entfernt von jeglichen Städten zelten zu gehen. Wenn es eine bewölkte Nacht ist und es kein Phosphor in der Gegend gibt, ist es stockfinster. Man kann seine eigene Hand einige Zentimeter vorm Gesicht nicht sehen. Doch wenn eine Stadt in der Nähe ist, vielleicht 150 km entfernt, ist die Dunkelheit aufgehoben. Das Licht der Stadt wird von den Wolken reflektiert und die Nacht, die noch stockfinster war, ist nicht länger so trostlos. In gleicher Weise ist es mit Christen, die ihr Licht vor Menschen scheinen lassen und nicht verborgen bleiben: Das gute Licht schwächt die Dunkelheit ab, die ansonsten absolut wäre.

Wenn wir uns vorstellen, dass es einst eine Welt ohne hunderte Watt von elektrischem Strom für unseren persönlichen Gebrauch gab, verstehen wir, wie Finsternis ein Schrecken sein kann und ein Symbol für alles, was böse ist. Das Licht von einer Stadt, auch wenn es nicht so kräftig ist wie unsere modernen Beleuchtungsquellen, macht die Dunkelheit ein bisschen erträglicher als vorher.

Licht ist so wichtig, dass es absurd wäre daran zu denken, die flackernde Flamme einer Öllampe mit einem Gefäß zu ersticken. Dieser brennende Docht kann zwar nach modernen Maßstäben nur ein sehr kleines Licht werfen, doch wenn die Alternative absolute Dunkelheit ist, ist ihr Licht wunderbar, völlig ausreichend für jeden im Haus (Mt 5,15).

Die Wichtigkeit der guten Werke

„So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen“ (Matt. 5:16).

Was ist dieses Licht, mit dem Jesu Nachfolger die dunkle Welt erhellen? In diesem Kontext lesen wir weder von persönlicher Konfrontation noch von der Verkündigung der Gemeinde. Vielmehr ist das Licht die „guten Werke“, die Jesu Nachfolger tun – auf so eine Art und Weise, dass zumindest einige Menschen erkennen, dass diese Nachfolger Jesu Gottes Kinder sind und den Vater preisen, dessen Söhne sie sind (Mt 5,16).

Die Maßstäbe des Königreiches, die in dem Leben der Erben des Reiches ausgelebt werden, bilden das Zeugnis für dieses Reich. Solche Christen weigern sich, ihre Arbeitsgeber zu bestehlen, indem sie faul ihrem Job nachgehen, oder ihre Arbeitskollegen, indem sie knauserig und geizig sind. Sie sind die Ersten, die einem Kollegen in Not helfen, und die Letzten, die unfreundlich reagieren. Sie wollen ernsthaft die Förderung der Interessen jemandes anderen und lachen nicht über schmutzigen Humor. Sie sind transparent in ihrer Ehrlichkeit und aufrichtig in ihrem Anliegen, sie lehnen die einfachen Lösungen von doktrinären Politikern ab und die Laissez-faire-Haltung von selbstsüchtigen säkularen Menschen. Sie sind demütig im persönlichen Auftreten, doch mutig im Streben nach Gerechtigkeit. 

Aus mehreren Gründen haben Christen diese Sicht auf ihr Zeugnis verloren und kehren nur sehr langsam dazu zurück. Zu besseren Zeiten hat die von Gott bevollmächtigte Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi – der selbst das Licht der Welt ist (Joh 8,12) – Menschen so verändert, dass sie wiederum zum Licht der Welt wurden (Mt 5,14). Gefängnisreform, medizinische Versorgung, Gewerkschaften, Kontrolle von anormalem Spirituosenhandel, Abschaffung der Sklaverei und von Kinderarbeit, Gründung von Kinderheimen, Reform von Strafgesetzbüchern – in all diesen Bereichen waren Nachfolger Jesu die Sperrspitze im Kampf für mehr Gerechtigkeit. Die Finsternis wurde gemildert. Meine Schlussfolgerung ist, dass dies immer das Muster ist, wenn bekennende Christen weniger an persönlichem Prestige interessiert waren und mehr an den Maßstäben des Königreichs. „So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.“


Don Carson (MDiv, Central Baptist Seminary in Toronto; PhD, Cambridge University) ist Forschungsprofessor für Neues Testament an der Trinity Evangelical Divinity School in Deerfield, Illinois und Präsident von The Gospel Coalition. Er ist der Autor mehrerer Bücher wie bspw. Lernen zu betenEr und seine Frau Joy haben zwei Kinder. Dieser Artikel erschien zuerst bei TheGospelCoalitionÜbersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.