Wie die Aussage „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt“ die Bibel untergräbt

Es klingt im ersten Moment so erfrischend: „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt.“ Man ist jung im Glauben, liebt die Bibel, brennt darauf, mit Menschen zusammen zu sein, die die eigene Leidenschaft für das Wort Gottes teilen. Aber im Laufe der Zeit stellt man fest, dass mit diesem scheinbar harmlosen Satz einige Probleme verbunden sind. Die Aussage „Ich brauche kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt“ funktioniert de facto als beherrschende theologische Aussage, die alle anderen beeinflusst. Die Ironie daran ist, dass die Aussage ihrem eigenen Test nicht standhält, weil sie selbst ein Glaubensbekenntnis darstellt.

Später lernt man ein wenig über die evangelikale Geschichte [es geht um die jüngere Kirchengeschichte in den USA, Anmerkung des Übersetzers]. Wenn man sich in die Auseinandersetzung zwischen evangelikalen und liberalen Protestanten einliest, stellt man schnell fest, dass das Schlagwort „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt“ immer und immer wieder verwendet wurde, um Gemeinden von gesunder Lehre wegzuführen. Als Bibelschulen und –seminare in den 1920er Jahren Professoren anstellten, die liberale Ideen vertraten, versuchten Evangelikale der Nördlichen Baptisten (engl. Northern Baptists) mutig, ihre Bewegung an ein Glaubensbekenntnis zu binden – vergeblich. Warum? Die Maxime „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt“ triumphierte.

Heute sind die Nördlichen Baptisten nur mehr eine Hülle ihrer selbst – die liberale Theologie hat sie ausgehöhlt. Ihre Bibelschulen existieren in vielen Fällen nicht mehr. Über die Jahrzehnte haben viele ihrer Mitglieder die Bewegung verlassen. Das ist kein seltenes Phänomen. Tatsächlich ist es die uralte Leier in ihrer tausendsten Ausführung. Ungesunde Lehre bringt den Tod.

Irreführendes Mantra

Es gibt keinen Text, der der Schrift gleicht. Das Wort Gottes ist theopneustos („von Gott ausgeatmet“), also von Gottes Geist eingegeben (2Tim 3,16). Sein heiliger Ursprung zeugt von seinem heiligen Charakter. Die Reformatoren verstanden, dass nur die Schrift – sola scriptura – die Autorität hat, die Lehren des Volkes Gottes zu formen. Das Alte und Neue Testament besitzen nicht weniger als göttliche Autorität. Sie lehren uns die Wege und den Willen Gottes. Keine andere Quelle, keine Autorität, keine anderen Stimmen besitzen auch nur im Entferntesten die Vollmacht der Bibel. Nur sie offenbart Christus als Alpha und Omega (Offb 22,13).

Seit Anbeginn der Kirche waren Christen Menschen, die der Schrift gehorchten. Da es allerdings schon seit Jahrtausenden Irrlehren gibt, erkannten die Gemeindeleiter, dass eine Standardisierung der Lehren des Evangeliums nötig ist, um falsche und wahre Lehrer voneinander unterscheiden zu können. Tertullian warb für eine „Norm des Glaubens“, eine Zusammenfassung der Kernaussagen des christlichen Glaubens. Das apostolische Glaubensbekenntnis sowie vier universale Glaubensbekenntnisse trugen weiter zu einer Standardisierung bei. Durch sie kann die Gemeinde falsche Christologie und gefälschten Trinitarismus vom biblischen Christus und der biblischen Dreieinigkeit unterscheiden.

Im Zeitalter der protestantischen Reformation entstanden – angetrieben durch die Wiederentdeckung biblischer Soteriologie und Ekklesiologie – mehrere Glaubensgruppen. Die englischen und amerikanischen Baptisten beispielsweise verfassten nicht weniger als drei mächtige Glaubensbekenntnisse, um ihre Gemeinden anzuleiten und zu schützen (London 1644 und 1689, Philadelphia 1742). Die reformierte Kirche stützte sich auf das feste Fundament des Westminsterbekenntnisses. Die Gläubigen vergangener Generationen dachten nicht, dass diese grundlegenden Dokumente das Wort Gottes normieren würden, sie glaubten, dass sie ein Bekenntnis der Kernaussagen der Schrift waren, und zwar unter besonderer Berücksichtigung von Bereichen, in denen der Glaube unter Beschuss geraten könnte.

Etwas sehr Seltsames geschah jedoch im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mit dem Erstarken der liberalen Theologie entfernten verschiedene Gruppen sich von lehrmäßigen Grundsätzen. Wie bereits erwähnt wurde die Maxime „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt“ zusehends beliebter. Es klang so gut: Die Person, die sich auf diesen Satz stützte, schätzte die Bibel so sehr, dass nur die Bibel selbst Glaubensgrundlage war. Ihre Theologie war so unverfälscht, so unberührt von menschlichen Meinungen, so unbeeinträchtigt von menschlicher Auslegung, dass sie nicht auf einige hundert Worte auf einem Blatt Papier reduziert werden konnte. Tatsächlich war ihre Theologie jedoch alles andere als unverfälscht. Es waren nämlich dieselben Pastoren und Theologen, die mit diesem Statement Debatten verstummen ließen, die das traditionelle Schriftverständnis veränderten. Die Bibel, die vermeintlich Grundlage ihres „Glaubensbekenntnisses“ sein sollte, enthielt ihrer Meinung nach Fehler. Die biblischen Autoren waren nicht vollends vertrauenswürdig. Doch wird die Lehre der Unfehlbarkeit erst einmal geleugnet, folgen andere Lehren zwangsläufig. Dies war auch bei den liberalen Protestanten der Fall, wie das Beispiel von Jeff Straub und Greg Wills gezeigt hat.

Ein biblisches Glaubensbekenntnis ist lebensspendend

Die liberale Theologie hält sich fern von „systematischer“ Theologie, weil sie der Meinung ist, dass sie menschengemacht ist. So entfernt sie sich auch von der Lehre der Apostel. Wenn Paulus über das „Gut“ der Lehre spricht, meint er damit beispielsweise einen Standard, ein richtiges Verständnis von Jesu Botschaft (2Tim 1, 13–14). Spricht er von einem „anderen Jesus“, den Irrlehrer verkündigen, dann deutet er damit an, dass es notwendig ist, ein richtiges Verständnis von Jesus zu haben, ein normatives Verständnis (2Kor 11,4). Spricht Petrus davon, dass falsche Propheten „Freiheit verheißen“, sagt er damit auch, dass zwischen Wahrheit und Lüge unterschieden werden muss (2Petr 2,19). Glaubensbekenntnisse sorgen dafür, dass die Gemeinde diese apostolischen Anweisungen (und viele andere, die hier unerwähnt bleiben) beherzigt.

Das Statement „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt“ wird nicht einmal den Selbstansprüchen der Bibel gerecht. Die Apostel gestatten es den Gläubigen nicht nur, Glaubensgrundsätze zu systematisieren, sie fordern die Gemeinde sogar dazu auf. Das tun sie nicht etwa, weil sie Freude ersticken wollen, sondern weil sie wollen, dass die Gläubigen die Wahrheit kennen, die Wahrheit glauben, die Wahrheit lieben und durch die Wahrheit frei werden (damit sich Joh 8,32 erfüllt). Sie wollen nicht, dass wertvolle Seelen von Wölfen fortgerissen werden. Sie wollen, dass Männer und Frauen in Jesus wachsen und am letzten Tag makellos vor Gott stehen (Phil 2,15). Glaubensbekenntnisse stehen diesem erhabenen Ziel nicht im Weg, sondern sie sind ein Mittel, um es zu erreichen. Irrlehren bringen den Tod, gesunde Lehre spendet Leben.

Die Aussage „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt“ wird vielleicht auch von einigen gutherzigen Menschen, die Gott lieben, verwendet. Doch allzu häufig lehren Schulen und Gemeinden, die sich auf dieses Bekenntnis stützen, schlussendlich unbiblische Vorstellungen: Annihilationismus, Inklusivismus, eine Aufhebung der Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel, die Leugnung der Anrechnung der Gerechtigkeit Christi, die Akzeptanz von Homosexualität und der Gender-Lehre, das Abstreiten eines stellvertretenden Sühneopfers, das allen Zorn auf sich nimmt, usw. Diese Schulen und Gemeinden scheinen sanfte Worte zu finden, doch hinter ihren Klassenzimmern und Kanzeln donnert es gewaltig. Sie ehren den Zweifel. Ganz egal, wie gut sie es meinen: Ihretwegen wenden sich Herzen von Gott und seiner Gerechtigkeit ab. 

Doch mehr noch: Sie tragen einen großen Rohrstock. Sie kontrollieren ihre Grenzen sehr streng. Stimmen der Vernunft verhallen ungehört. Sie sagen, sie lieben Toleranz und Diskussion, doch oft verhalten sie sich intolerant, um Diskussionen zu beenden. In vielen Fällen tun sie dies leise und unauffällig. Sie vernetzen sich und sprechen mit äußerster Klugheit öffentlich zu evangelikalen Eltern, wobei sie ihnen versichern, dass ihre Lehre dem Wort Gottes entspricht. Doch hinter den Kulissen rufen viele zur Revolution und beginnen Streit über Wahrheiten, die einst geschätzt wurden. Sie planen den Sieg eines neuen Bekenntnisses und eines veränderten Christentums. Doch es geht nicht nur um Veränderungen: Wie J. Gresham Machen prophezeite, ist diese Art des Christentums bald gar kein Christentum mehr.

Erhebt euch

Lasst uns etwas Besseres als die Maxime „Wir brauchen kein Glaubensbekenntnis, die Bibel genügt” suchen. Lasst uns nicht in die alten Fallen tappen. Lasst uns Gemeinden voll von Gläubigen erziehen, die die Schrift, die vom Geist Gottes eingegeben ist, mit Liebe zur Majestät Gottes und der Barmherzigkeit Christi erforschen. Lasst uns für Irrlehrer nicht länger leichte Ziele darstellen. Lasst uns unsere Gemeinden und Institutionen zurückholen, wenn sie auf Irrwegen unterwegs sind. Lasst uns unsere geliebten Söhne und Töchter nicht an Schulen, Seminare und Universitäten wie Opferlämmer zur theologischen Schlachtung schicken. Lasst uns sie voller Liebe und im Gebet schicken, um in der Heiligkeit des Glaubens unterrichtet zu werden, damit sie der Bibel vertrauen und lernen, jene Glaubensbekenntnisse, die von der Bibel Zeugnis ablegen, zu schätzen.


Owen Strachan ist Professor für Systematische Theologie am Midwestern Baptist Theological Seminary und Direktor des Center for Public Theology. Der Artikel erschient zuerst bei The Gospel Coalition. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.