Was wäre, wenn Jesus nie geboren wäre?

Was wäre, wenn Jesus nie geboren wäre? Wie würde unsere Welt heute aussehen? Eine interessante Frage, die man sich gerade zur Weihnachtszeit einmal stellen sollte. Der britische Historiker und Author H.G.Wells soll über die Bedeutung der Geburt Jesu gesagt haben:

„Ich bin Historiker. Ich bin kein gläubiger Christ, aber ich muss als Historiker zugeben, dass dieser bettelarme Prediger von Nazareth, zweifellos, der Mittelpunkt der gesamten Weltgeschichte ist. Jesus Christus ist die einflussreichste Person in der ganzen Menschheitsgeschichte.“

Anfang Dezember (2014) lud Papst Franziskus Vertreter der großen Weltreligion in den Vatikan ein, eine Resolution gegen moderne Sklaverei mit ihm zu unterzeichnen. In seinem Bericht über dieses historische Ereignis schrieb der ARD Korrespondent Jan-Christoph Kitzler damals:

„Die Erklärung selbst, die heute in Rom unterzeichnet wurde, ist ein Kompromiss. Aber alle Vertreter der großen Religionen sind sich darin einig, dass ein Grundrecht durchgesetzt werden muss: dass alle Menschen gleich sind, dieselben Freiheiten und dieselbe Würde haben. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Aber 36 Millionen, die zurzeit Opfer von Versklavung sind, zeigen, dass der gemeinsame Kampf dagegen auch in diesen modernen Zeiten nötig ist.“ (Beitrag nicht mehr online, siehe aber dazu a. URL: www.tagesschau.de (Stand: 03.12.2018))

Kitzlers Aussage „Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen“ regt zum Nachdenken an. Ist es wirklich so „selbstverständlich“, dass alle Menschen gleich sind, dieselben Freiheiten und dieselbe Würde haben (insbesondere für Menschen, die ihre Ethik auf den Glauben an Evolution gründen)? Für uns im „Westen“ sicherlich schon. Aber warum wohl? Das, was Kitzler „selbstverständlich“ nennt, ist, wenn man die Frage ehrlich beantworten will, eine Frucht des 2000 Jahre alten Schirms des christlichen Einflusses auf den Westen. Hier z.B. wird die Auswirkung der Geburt Jesus Christus sehr deutlich.

Gerade bei dem Thema Sklaverei wird man bei der Untersuchung, was am Ende des 18. Jhd. zum Ende des britischen Sklavenhandels geführt hat, auf den Namen William Willberforce stoßen, der aus christlicher Überzeugung heraus gegen Sklaverei und Sklavenhandel gegenangekämpft hat. Dass alle Menschen gleich sind und dieselbe Freiheit und Würde verdienen, war nicht immer selbstverständlich, aber das Christsein hat dazu erheblich beigetragen, dass es heute so ist.

Aber unsere „selbstverständliche“ Überzeugung, dass es keine Sklaverei geben darf, weil alle Menschen gleich sind und dieselbe Freiheit und Würde haben sollen, ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie die Geburt Christi und das Christentum so manches von dem Denken in unserer Gesellschaft geprägt und verändert hat—und das zum Bessern. In den letzten Jahren sind einige Bücher erschienen, die der Frage nachgehen, wie das Christentum die Welt (zu mindestens die „westliche“ Welt) geprägt hat. Darunter Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur von dem Inder Vishal Mangalwadi, das 2014 im fontis Verlag (Brunnen Verlag Basel) erschienen ist. Ein weiteres aufschlussreiches Buch zu diesem Thema ist aber auch Alvin Schmidts Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen – Gesellschaft – Politik – Kunst (Resch-Verlag, 2009). In dem Vorwort zu diesem sehr empfehlenswerten Buch schreibt Dr. Paul Maier:

„In einem Klima des Multikulturalismus und seiner Verfügung, ‚die Wahrheit in allen Weltreligionen zu suchen‘, ist es sicherlich nicht politisch korrekt dies zu sagen. Nachdem ich jedoch dieses Buch gelesen habe, muss ich sagen: Keine andere Religion, Philosophie, Lehre, Nation oder Bewegung—was es auch immer sein mag—hat die Welt zum Besseren verändert wie das Christsein.“ (S. 9; eigene Übersetzung aus der englischen Originalausgabe)

Das Mitleid und Mitgefühl, das „wie selbstverständlich“ viele Menschen (ob nun Christen oder Nichtchristen) in unserer westlichen Gesellschaft heute zeigen, ist, wie Schmidt darstellt, ein weiteres Beispiel für den 2000 Jahre andauernden Einfluss des Christentums—und somit der Geburt Jesu—auf unsere Gesellschaft.

„Wenn in unserer säkularen Kultur moderne Menschen Barmherzigkeit und Mitleid angesichts der unterschiedlichen Tragödien zeigen—z.B. massive Hungersnöte, Erdbebenkatastrophen, Massenmorde—dann zeigen sie unbewusst das christliche Konzept von Mitleid, das sie verinnerlicht haben. Selbst sogenannte objektiv berichtende Journalisten kommen nicht drum herum Emotionen zu zeigen, wenn sie über schwerwiegende Katastrophen im Radio oder Fernsehen berichten. Aber wären diese Journalisten nicht unter dem 2000 Jahre alten Schirm des Einflusses von christlicher Wohlfahrt aufgewachsen, dann würden sie nicht viel Mitleid haben, ganz ähnlich wie die Griechen, Römer und andere. Wie Josiah Stamp gesagt hat, ‚Christliche Ideale haben die Gesellschaft durchdrungen bis Nichtchristen, die meinen ein ‚anständiges Leben‘ ohne Religion leben zu können, den eigentlichen Ursprung des Inhalts und Zusammenhangs ihres „Anstandes“ vergessen haben‘.“ (S. 131)

Weiter sagt Schmidt zu diesem Thema:

„Menschen, die meinen dass sich die derzeitige Wohlfahrt und Mitgefühl in der westlichen Welt—sei es nun staatliche oder freiwillige Wohlfahrt—von alleine als eine Auswirkung der einfachen Zivilisation entwickelt habe, ohne jeglichen Anstoß oder Einfluss des Christentums, sind falsch informiert. Wie der deutsche Kirchengeschichtler C. Schmidt vor einem Jahrhundert gesagt hat, verschließt solch ein Denken ‚die Augen vor der Geschichte der Nationen und der Geschichte des menschlichen Herzens. Beide machen sehr deutlich, dass Wohlfahrt nicht das Produkt von Egoismus ist, genauso wenig wie Demut das Produkt von Stolz ist, dass ohne das Einwirken Gottes kein neuer Geist Individuen und die Welt wiederbeleben hätte können’.“ (S. 147)

Die Bücher von Mangalwadi und Schmidt (so wie viele weitere Werke, die in den letzten Jahren veröffentlich wurden) zeigen auf, dass zusätzlich zu den Bereichen Menschenwürde, Mitmenschlichkeit, Menschenrechte, Allgemeinwohl und Wohlfahrt auch noch viele weitere Bereiche unserer Gesellschaft bis hin zur Politik, Bildung, Wissenschaft, Technik, Architektur und Kunst durch das Leben und die Lehre Jesu und das Christentum geprägt wurden. 

Was wäre, wenn Jesus nie geboren wäre? Einer Sache können wir uns gewiss sein: Vieles von dem, was wir als „selbstverständlich“ betrachten, wäre nicht selbstverständlich.

(Wer sich weiter mit diesem Thema beschäftigen will, findet in dem folgenden Seminar von der E21 Konferenz 2017 weitere interessante Einblicke: „Die Reformation und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“).