Warum die gesunde Lehre so wichtig ist

In seinem bedeutenden Buch Kein Platz für die Wahrheit (engl. No Place for Truth: Or Whatever Happened to Evangelical Theology?, William B. Eerdmans Publishing Company, 1993) zeichnet David Wells nicht nur die Enttheologisierung des Evangelikalismus nach, er begründet auch, weshalb es ohne heilsame Lehre kein Wachstum im Glauben an Christus geben kann.

Er schreibt (S. 102–103):

Es steht fast außer Zweifel, dass die ganze apostolische Auslegung der Offenbarung Gottes, seines Charakters, seiner Taten und seines Willens (insbesondere, wie diese in Christus offenbart wurden) zur Substanz dessen wurde, was man bekannte, als im Laufe der Zeit die Reihe der neutestamentlichen Briefe vervollständigt und der Kanon abgeschlossen wurde. Gläubig zu sein, hieß, das zu glauben, was die Apostel lehrten. In diesem Sinne ist die apostolische Sukzession eine neutestamentliche Wahrheit: Gläubige folgen auf die Apostel, indem sie das akzeptieren, was die Apostel lehrten. Es handelt sich nicht um eine Sukzession in kirchlicher Macht, wie es die Lehre der Römischen Kirche behauptet, sondern um eine Sukzession in der Lehre.

Deswegen gossen die Apostel den christlichen Glauben nicht nur in eine lehrmäßige Struktur, sondern verlangten auch seine Konservierung und seinen Schutz in genau dieser Form.  Ohne „gesunde Lehre“ (1Tim  1,10; Tit 1,9), „gesunde Unterweisung“ (1Tim 6,3) oder „das Muster der gesunden Worte” (2. Tim.  1,13-14) gibt es keinen christlichen Glauben. Es ist diese Lehre, oder – genauer gesagt – die Wahrheit, die sie enthält und der sie Ausdruck gibt, die von den Aposteln „gelehrt“ und der Gemeinde „überliefert“ wurde. Diese Botschaft ist der alleinige Grund unserer Hoffnung (Tit  1,9) und unseres Heils (1Kor 15,2; 1Petr 1,23-25).  Ohne sie haben wir weder den Vater noch den Sohn (2Joh 9). Paulus sagt sogar, dass wir nur dann in Christus wachsen können, wenn wir innerhalb dieser lehrmäßigen Struktur bleiben, denn deren Wahrheit liefert die Mittel zu unserem Wachstum (Kol 2,6). Kein Wunder, dass Christen aufgefordert werden, bei der apostolischen Lehre zu bleiben, die sie „von Anfang an“ hatten (1Joh 2,7. 24. 26; 3,11) bzw. die sie gehört hatten (Heb 2,1), denn diese ist „der Glaube, der den Heiligen ein für allemal überliefert worden ist“ (Jud 3). Ebenso wenig sollte uns Paulus‘ Ermahnung an Timotheus überraschen, dass wir nur durch das Festhalten an dieser „guten Lehre“ „ein guter Diener Jesu Christi“ werden (1. Tim. 4,6). Aus allen diesen Gründen wiesen die Apostel die Gläubigen an, diesen Glauben zu „bewahren“ (2Tim 1,13-14; 4,3; vgl. Tit 1,9; Gal. 1,9), für ihn zu „kämpfen“ (Jud 3), in ihm „fest zu stehen“, nicht von ihm „abzuirren“, darin „gefestigt“ zu werden und ihn an die kommenden Generationen unversehrt weiterzugeben.

 

David Wells

David F. Wells, 1939 geboren, ist Professor am Gordon-Conwell Theological Seminary (USA). Er hat mehrere Bücher zur Kulturhermeneutik verfasst und ist Mitglied des Lausanner Komitees für Weltevangelisation.