Vom Umgang mit verschiedenen Meinungen

12 Prinzipien, wie man mit anderen Christen
unterschiedlicher Meinung sein kann

Die Gewissen von Christen sind auffallend ähnlich, da wir dasselbe Wort und denselben Geist haben. Doch an den Rändern des Gewissen hat Gott Christen stets einen erstaunlichen Grad an Spielraum persönlicher Bedenken geschenkt. Paulus hat weder von den strengeren Christen in Römer 14 gefordert, sich anzupassen und anzufangen Fleisch zu essen, wie Jesus es erlaubt hat, noch hat er von denen, die Fleisch essen gefordert damit aufzuhören, da sie eventuell außenstehende Vegetarier verärgern könnten. Er erwartete von ihnen miteinander zurechtzukommen bis Jesus wiederkommt. (Wir gebrauchen schwach und stark in Bezug auf den Gauben oder die Freiheit des Gewissens einer Person bestimmte Dinge zu tun (vgl. Röm 14,22), nicht in Bezug auf die Stärke oder Schwäche ihres rettenden Glaubens.)

Doch wie die menschliche Natur so ist, war die strengere Gruppe ständig versucht diejenigen zu verurteilen, die für sie zu frei waren („Und so etwas nennt sich Christen!“), während die freie Gruppe die Tendenz hatte auf diejenigen mit unnötigen Einengungen herabzuschauen („diese armen Gesetzlichen!“). Zum Glück kritisiert Paulus beide Haltungen!

Doch Uneinigkeit ist nicht die einzige Gefahr. Arroganz und übermäßiges Selbstvertrauen unter den Starken öffnete sie für eine Irrlehre, die alle Sünden erlaubte, dem sog. Antinomianismus. Die verurteilende Haltung der strengeren Gläubigen brachte sie hingegen immer mehr zur gesetzlichen Irrlehre der Judaisten. Keine dieser vier Haltungen über Uneinigkeiten in Gewissensfragen gefiel Gott; genau genommen waren zwei von ihnen absolut häretisch:

 

Starkes Gewissen

Starkes Gewissen

Schwaches Gewissen

Schwaches Gewissen

aber übertritt fahrlässig die Linie zur Gesetzlosigkeit und Unmoral

aber schaut (verachtend) herab auf diejenigen mit einem schwachen Gewissen

aber verurteilt diejenigen mit einem starken Gewissen

aber übertreten die Linie zur Gesetzlichkeit

isst Fleisch

isst Fleisch

isst kein Fleisch

isst kein Fleisch

„Ich habe nicht nur die Freiheit Fleisch zu essen, sondern auch zu Feiern im Götzentempel zu gehen.“ (vgl. 1. Kor 10,20-22)

„Ich habe die Freiheit Fleisch zu essen und diejenigen, die es nicht tun sind unvernünftig und liegen theologisch falsch.“

„Fleisch zu essen ist sündig und Christen, die es tun sind Gott gegenüber untreu.“

„Du musst die alttestamentlichen Speisevorschriften einhalten, wenn du Christ sein willst.“

Irrlehre

Arroganz

Verurteilen

Irrlehre

Satan hat seine Axt an diese natürliche Spaltung gelegt, um sie auszunutzen. Welchen Klebstoff würde Paulus also nutzen um diesen Spalt zu schließen und diese Gemeinden auch in ihren Gewissenskonflikten zusammenzuhalten? Der Klebstoff war die christliche Liebe, wie sie in Röm 14 und 1Kor 8-10 deutlich wird. Die Tabelle unten zeigt Paulus dreifache Lösung der Liebe für die wachsende Spaltung, die die frühe Kirche bedrohte. Nimm dir etwas Zeit um dir Paulus Lösung der Liebe sorgfältig anzuschauen, die zur Einheit führt:

Starkes Gewissen

Starkes Gewissen

Starkes Gewissen

Starkes Gewissen

Schwaches Gewissen

Schwaches Gewissen

Schwaches Gewissen

aber übertritt fahrlässig die die Linie zur Gesetzlosigkeit und Unmoral

Aber schaut (verachtend) herab auf diejenigen mit einem schwachen Gewissen

völlig überzeugt, zugleich annehmend, statt herabzuschauend auf diejenigen mit einem schwächeren Gewissen

aber frei um flexibel zu sein in umstrittenen Fragen um 1. andere Gläubige aufzubauen und 2. das Evangelium zu fördern

völlig überzeugt, zugleich annehmend statt verurteilend gegenüber denen mit einem stärkeren Gewissen

aber verurteilt diejenigen mit einem starken Gewissen

aber übertreten die Linie zur Gesetzlichkeit

isst Fleisch

isst Fleisch

isst Fleisch

flexibel

isst kein Fleisch

isst kein Fleisch

isst kein Fleisch

„Ich habe nicht nur die Freiheit Fleisch zu essen, sondern auch zu Feiern im Götzentempel zu gehen.“ (vgl. 1. Kor 10,20-22)

„Ich habe die Freiheit Fleisch zu essen und diejenigen, die es nicht tun sind unvernünftig und liegen theologisch falsch.“

„Ich habe die Freiheit, Fleisch zu essen, zur Ehre Gottes, aber ich werde auch Christen annehmen, die mir widersprechen.“

„Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.“ (1.Kor 9,22b)

(Das Ziel jedes Christen)

„Ich enthalte mich davon, Fleisch zu essen, zur Ehre Gottes, aber werde auch Christen annehmen, die mir widersprechen.“

„Fleisch zu essen ist sündig und Christen, die es tun sind Gott gegenüber untreu.“

„Du musst die alttestamentlichen Speisevorschriften einhalten, wenn du Christ sein willst.“

Irrlehre

Arroganz

Liebe

Liebe

Liebe

Verurteilen

Irrlehre

Verzerrt das Evangelium durch gesetzlose Schmälerung

Schwächt das Evangelium ab

Offenbart das Evangelium

Vergrößert das Evangelium

Offenbart das Evangelium

Schwächt das Evangelium ab

Verzerrt das Evangelium durch gesetzliche Ergänzung

Die drei Spalten in der Mitte der Tabelle sind hauptsächlich von Paulus brillanter und vom Geist inspirierter Analyse der Gewissensunterschiede in Römer 14 und 15 abgeleitet. In diesen zwei Kapiteln gibt Paulus zwölf Prinzipien um sicherzustellen, dass das strenge Gewissen der Schwachen respektiert wird, während nach wie vor die legitimen Freiheiten der Starken erlaubt sind.

Hier sind sie:

1. Nehme diejenigen an, die nicht deine Meinung teilen (Röm 14,1-2).

„Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen (Züricher Bibel: „lasst es nicht zum Streit über verschiedene Auffassungen kommen!“). Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der isst kein Fleisch.“ 1

Mittlerweile hast du dich selbst wahrscheinlich bereits in die „starkes Gewissen” oder „schwaches Gewissen“ Kategorie eingeordnet. Doch Fakt ist, dass in den meisten Fällen du wahrscheinlich zugleich schwach und stark bist im Vergleich mit anderen. Es gibt fast immer Leute zu deiner Linken und zu deiner Rechten bei allen umstrittenen Fragen. Das bedeutet, es ist situationsabhängig, ob Gott dich auffordern wird Paulus Ermahnung an die Schwachen oder an die Starken zu folgen.

2. Wer ein freies Gewissen hat, darf nicht auf diejenigen herabschauen, die es nicht haben (Röm 14,3-4).

„Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen. Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.“ 

Ist das nicht immer die Versuchung der Starken, auf die strengen „Gesetzlichen“ herabzuschauen und sie zu verachten? ” Paulus verurteilt dieses Überlegenheitsgefühl.

3. Wer von seinem Gewissen begrenzt wird, sollte nicht diejenigen verurteilen, die Freiheit haben (Röm 14,3-4).

Ist es nicht immer die Versuchung von Christen mit einem schwächeren Gewissen in einer bestimmen Frage diese „Gesetzlosen“ zu verurteilen?

Warum sind diese Haltungen so verkehrt? Paulus gibt zwei Gründe:

1. „Gott hat ihn angenommen” (14,3c). Bist du heiliger als Gott?

2. Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest?“ (14:4a). Du bist nicht der Herr über andere Christen.

Wir sagen nicht, dass diese Art von tertiären Fragen unwichtig sei. Es ist in Ordnung darüber zu sprechen und sogar darüber zu predigen. Es ist in Ordnung über sie zu tweeten und zu bloggen. Doch nur unter zumindest zwei Bedingungen: Du musst den richtigen Geist und die richtigen Proportionen haben.

4. Jeder Gläubige sollte von seiner eigenen Gewissenslage völlig überzeugt sein (Röm 14,5).

„Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss (Elberfelder: „in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt.“).“

Das erste wichtige Gewissensprinzip ist, dass Gott allein Herr über das Gewissen ist. Dieser Punkt bringt uns zum zweitwichtigsten Gewissensprinzip: Gehorche ihm! Gott hat dir nicht ein Gewissen gegeben, damit du dich diesem widersetzt.

Das bedeutet nicht, dass dein Gewissen immer richtigliegt. Es ist weise dein Gewissen zu justieren, damit es immer mehr mit Gottes Willen übereinstimmt. Das ist der Grund, warum wir unserem Buch ein ganzes Kapitel der Frage widmen, wie wir unser Gewissen justieren können. Aber es heißt, dass du als gesunder Christ nicht ständig gegen dein Gewissen sündigen kannst. Du musst von deiner jetzigen Position über Essen, Trinken und spezielle Tage völlig überzeugt sein – oder was auch immer das Thema ist – und dann konsequent gemäß dieser Auffassung leben, bis Gott dein Gewissen durch sein Wort und seinen Geist justiert.

Die Gewissen zweier Gläubigen sind nie deckungsgleich. Das ist der Grund, warum wir Römer 14 brauchen! Die Wahrheit, die in unsere Herzen eingebrannt werden muss ist, dass kein Christ ein Gewissen besitzt, das Gottes Standard absolut entspricht. Kein einziger!

Du solltest das Gewissen anderer respektieren und dich nicht über ihre Regeln oder ihre Freiheiten lustig machen. Wenn du die Gelegenheit haben solltest, kannst du anderen helfen ihr Gewissen immer mehr in Einklang mit Gottes Standards zu bringen, doch du solltest niemals jemanden nötigen, gegen sein Gewissen zu sündigen.

5. Geh´ davon aus, dass andere zur Ehre Gottes etwas tun oder sich davon fernhalten (Röm 14,6-9).

„Wer auf den Tag achtet, der tut's im Blick auf den Herrn; wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch. Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.“

Achte darauf wie großzügig Paulus mit beiden Seiten umgeht. Er geht davon aus, dass beiden Seiten ihre Freiheiten oder Einschränkungen zur Ehre Gottes ausüben. Wäre es nicht großartig Teil einer Gemeinde zu sein, in der alle sich gegenseitig im Zweifelsfall bei diesen Unterschieden für unschuldig halten, statt die allerschlimmsten Spekulationen über allesmögliche aufzustellen?

6. Richte nicht in diesen Fragen, da wir alle eines Tages vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden (Röm 14,10-12).

„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): ‚So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.‘ So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“

Wenn wir mehr über unsere eigene Lage vor dem Richterstuhl Gottes nachdächten, richteten wir weniger wahrscheinlich andere Christen.

7. Deine Freiheit Fleisch zu essen ist richtig, aber lass deine Freiheit nicht den Glauben eines schwachen Bruders oder einer Schwester schaden (Röm 14,13-15).

„Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite. Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein. Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist.“ 

Sowohl freie als auch strenge Christen in einer Gemeinde haben Verantwortungen für einander. Doch die zweite Hälfte von Röm 14 legt die Verantwortung zum große Teil auf die Schultern der Christen mit einem starken Gewissen. Ein offensichtlicher Grund dafür ist, dass sie von sich behaupten stark zu sein, sodass Gott sie aufruft, „die Schwachheiten der Schwachen zu tragen“ (Röm 15,1). Von den zwei Gruppen haben nur die Starken die Entscheidungsfreiheit bei tertiären Fragen wie Fleisch, heilige Tage, Wein, etc. Sie können entweder teilnehmen oder sich fernhalten, während das Gewissen der Strengen ihnen nur eine Option übrig lässt. Es ist ein großes Privileg für die Starken die doppelte Anzahl an Optionen im Vergleich zu den Schwachen zu haben. Sie müssen dieses Geschenk weise nutzen, indem sie überlegen, wie ihre Entscheidungen sich auf die sensiblen Gewissen ihrer Brüder und Schwestern auswirken.

Mit diesem Prinzip zeigt Paulus ein scharfsinniges Verständnis dessen wie das Gewissen funktioniert. Wie wir gesehen haben, eines der zwei wichtigen Prinzipien des menschlichen Gewissens ist „ihm zu gehorchen“. In die Gewohnheit zu geraten, seinem Gewissen nicht zu gehorchen, kann unser ewiges Schicksal in Gefahr bringen (1.Tim 1,19). Diese Wahrheit bringt Paulus dazu die Hälfte von Römer 14 und die Hälfte von 1.Korinther 8 dem Prinzip des Stolpersteins zu widmen: Christen mit einem starken Gewissen sollten nicht zulassen, dass ihre Freiheit die schwachen Geschwister ermutigt gegen ihr Gewissen zu sündigen.

Das Anliegen hier ist nicht lediglich, dass unsere Freiheit unsere schwächeren Brüder oder Schwestern irritiert, nervt oder verletzt. Wenn ein Bruder oder eine Schwester mit deiner Freiheit nicht klarkommt, ist es ihr Problem. Doch wenn deine Freiheit deinen Bruder oder deine Schwester dazu führt gegen ihr Gewissen zu sündigen, wird es zu deinem Problem. Wir sollten niemals anderen geistlichen Schaden zufügen (vgl. V. 20-21).

Wie kann deine Freiheit anderen bekennenden Gläubigen geistlichen Schaden zufügen? Paulus ist hier nicht klar, doch Doug Moo schlägt in seinem Römerkommentar zwei hauptsächliche Möglichkeiten vor:

[1] Wenn wir etwas tun, von dem ein anderer Gläubiger denkt, dass es verkehrt ist, kann es den anderen Gläubigen dazu ermutigen dasselbe zu tun. Sie sündigten also, weil sie nicht „aus Glauben“ handeln (V. 23) …

[2] Ein prahlerisches zur Schau stellen von Freiheit in einer Sache kann jemanden so tief schaden, sodass er oder sie sich vom Glauben komplett abkehrt. (468)

Es ist absolut richtig, dass wir unser eigenes Gewissen nicht vom Gewissen anderer bestimmen lassen sollten, da das wichtigste Gewissensprinzip ist, dass Gott Herr über das Gewissen ist. Doch wir sollten immer das Gewissen anderer bedenken, wenn wir uns für ein bestimmtes Verhalten entscheiden.

8. Meinungsverschiedenheiten über Essen und Trinken sind im Reich Gottes nicht wichtig; einander in Gerechtigkeit, Frieden und Freude aufzubauen ist wichtig (Röm 14,16-21).

„Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk. Es ist zwar alles rein; aber es ist nicht gut für den, der es mit schlechtem Gewissen isst. Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran sich dein Bruder stößt.“

In Paulus Begründung sticht hier und in 1.Korinther 8,8 etwas heraus und ist total gegen unsere eigene Intuition: Paulus nutzt ein Argument, das die Starken für ihre Seite verwenden wollen – es spiele für Gott keine Rolle, was wir essen oder trinken, hör also auf so viel Wind um die Sache zu machen – um die Starken zur Einsicht zu bringen. Schließlich befiehlt Gott uns nicht etwas zu essen oder zu trinken und es ist keine wichtige Angelegenheit im Reich Gottes, also warum kann man sich nicht freiwillig zurückhalten, wenn diese Freiheit den Glauben eines wankenden Christen schaden könnte? Glücklicherweise stehen wir selten vor dieser Wahl, doch wir müssen willig sein diese Entscheidung zu treffen.

Paulus erwähnt in V.17 zwar nur „Essen und Trinken“, aber das Prinzip gilt für viele andere umstrittene Themen. Im Reich Gottes geht es nicht um Überzeugungen über Schulausbildung, politischen Parteien, Musikstile, etc. Wir behaupten nicht, dass tertiäre Fragen unwichtig seien. Wir haben zu einigen dieser Fragen sehr klare Überzeugungen, doch sie definieren nicht, worum es im Reich Gottes geht. Sich wegen dieser weniger wichtigen Fragen zu spalten ist nicht, „was dem Frieden, und dem, was der gegenseitigen Erbauung dient” (Röm 14,19)

Zugleich müssen wir anerkennen, dass die zulässigen Gewissensunterschiede nicht für Fragen ersten Ranges gelten, die zentral und essential für das Christentum sind. Zum Beispiel bestehen einige darauf, dass die Frage, ob homosexuelle Lebensformen unmoralisch seien umstritten ist, obwohl die Schrift und 3500 Jahre der kirchlichen Auslegungsgeschichte dagegen sprechen.

9. Wenn du Freiheit hast, dann stelle sie nicht zur Schau; wenn du streng bist, erwarte nicht von anderen, wie du zu sein (Röm 14,22a).

„Den Glauben, den du hast, behalte bei dir selbst vor Gott.“

Der Satz macht deutlich, dass „Glauben“ in Römer 14 die Zuversicht des Gewissens ist. Wir sollten auf keinen Fall unseren Glauben an das Evangelium für uns selbst bewahren!

Unsere Meinung nicht zur Schau stellen gilt sowohl für die Starken als auch die Schwachen. Für diejenigen mit einem starken Gewissen gilt: Sie haben große Freiheit in Christus, aber sollten sie nicht zur Schau stellen oder auf eine Weise damit prahlen, die andere zur Sünde verleiten könnte. Sei vor allem darauf bedacht den Glauben von jungen Menschen und Neubekehrten zu fördern. Für diejenigen mit einem schwachen Gewissen gilt: Sie haben die Verantwortung in einem bestimmten Bereich nicht die Polizei zu spielen, indem sie andere unter Druck setzten ihre strengen Standards zu adaptieren. Du solltest diese Dinge zwischen dir und Gott behalten.

10. Jemand, der nach seinem Gewissen lebt ist gesegnet (Röm 14,22b-23).

Selig ist, der sich selbst nicht zu verurteilen braucht, wenn er sich prüft. Wer aber dabei zweifelt und dennoch isst, der ist gerichtet, denn es kommt nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde.“

Gott hat uns das Geschenk des Gewissens gegeben um unsere Freude zu vergrößern, wenn wir seinen Warnungen gehorchen. Einer der zwei wesentlichen Prinzipien ist, ihm zu gehorchen. „Paul hält es für gefährlich für Christen sich über ihr Gewissen hinwegzusetzen, da sie sich daran gewöhnen die Stimme ihres Gewissens zu ignorieren und so vielleicht auch dann die Stimme ignorieren, wenn das Gewissen gut unterrichtet ist und sie zu Recht vor etwas warnt, was tatsächlich schlecht ist.“ (D.A. Carson, The Cross and Christian Ministry: An Exposition of Passages from 1 Corinthians, S. 123).

11. Wir sollen dem Beispiel Christi folgen, der andere vorangestellt hat (Röm 15,1-6).

„Wir aber, die wir stark sind, sollen die Schwächen derer tragen, die nicht stark sind, und nicht Gefallen an uns selber haben. Ein jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung. Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen, sondern wie geschrieben steht (Psalm 69,10): ‚Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.‘ Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.“

Das Prinzip bedeutet nicht, dass die Starken mit der Position der Schwachen übereinstimmen müssen. Es meint sogar nicht, dass der Starke nie mehr seine Freiheiten ausleben darf. Anderseits meinte es auch nicht, dass der Starke nur den Schwachen aushalten, ertragen oder tolerieren muss. Für Christen bedeutet die Schwachheit der Schwachen „mitzutragen“ ihnen gerne zu helfen, indem sie vermeiden etwas zu tun, was den Glauben des anderen verletzten könnte.

Römer 15,3 hebt das Beispiel Christi hervor. Wir können uns nicht einmal ansatzweise vorstellen, welche Freiheiten und Privilegien der Sohn Gottes im Himmel genoss. Gott zu sein bedeutet absolut frei zu sein. Denn Christus „hat nicht sich selbst gefallen“, sondern er gab seine Rechte und Freiheiten auf, um ein Knecht der jüdischen Kultur zu werden, damit wir vom Zorn gerettet werden. Im Vergleich zu dem, was Christus am Kreuz erlitten hat, ist seine Freiheit aufzugeben, wie Fleisch zu essen, ein Lappalie.

12. Wir geben Gott die Ehre, wenn wir einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat (Röm 15,7).

„Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ (Luther 2017)

Mit diesem Satz stützt Paulus diesen langen Abschnitt, der mit ähnlichen Worten in 14,1 begann. Doch hier in 15,7 ergänzt Paulus die Worte um einen Vergleich – „wie Christus euch aufgenommen hat“ – und ein Ziel – „zur Ehre Gottes“. Es ist von Belang, wie du diejenigen behandelst mit denen du nicht einer Meinung bist über umstrittene Fragen. Wenn du sie annimmst, wie Christus dich angenommen hast, ehrst du Gott.


Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Auszug des Buches Conscience von Andy Nasellli und J.D. Crowley, 2016, S. 84–117. Der Artikel wurde zuerst bei 9Marks veröffentlicht. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.


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