Vom Hören und Bleiben

Jesus sprach im Gleichnis vom Sämann über die Frage, wer wirklich gerettet ist und wer nicht. Es ist wichtig, den Kontext dieses berühmten Gleichnisses zu beachten. Unmittelbar davor sagt jemand zu Jesus: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden!“ (Mt 12,47) Aber Jesus antwortet: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ (Vers 48) Dann weist er auf seine Jünger und sagt: „Seht da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter!“ (Verse 49-50) Jesus sagt, dass sein wahrer Bruder der ist, der den Willen des Vaters tut; nicht der, der nur eine Entscheidung trifft, ihm zu folgen.

Wir sollten uns immer daran erinnern, dass niemand Judas dazu gezwungen hat, ein Jünger zu werden. Judas entschied sich dafür, Jesus zu folgen; er traf seine eigene Entscheidung, die Schule Jesu zu betreten und er blieb mit unserem Herrn für drei Jahre während seines irdischen Dienstes. Und doch wird uns gesagt, dass er ein Teufel war (Joh 6,70). Es war nicht so, dass Judas wirklich bekehrt war und dann aus der Gnade fiel und verloren ging; stattdessen war er niemals bekehrt, obwohl er eng an Jesus dran war. Das sollte uns aufhorchen lassen, wenn wir den Zustand unserer eigenen Seelen bedenken.

Ein wenig später im Matthäusevangelium gibt Jesus eine Erklärung für sein Gleichnis vom Sämann. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten in den Evangelien, wo wir eine Erklärung für ein Gleichnis erhalten. Diese Erklärung ist sehr hilfreich, denn dieses Gleichnis unterscheidet sich von der normalen Gleichnisslehre. Die meisten Gleichnisse haben nur einen Punkt. Es ist deshalb normalerweise gefährlich, Gleichnisse in Allegorien zu verwandeln, die symbolische Bedeutung über die ganze Geschichte verteilt enthalten. Aber das Gleichnis vom Sämann erreicht fast das Level einer Allegorie, weil Jesus verschiedene Punkte zur Anwendung bringt.

Jesus fängt seine Erklärung an, indem er sagt: „So hört nun ihr das Gleichnis vom Sämann: So oft jemand das Wort vom Reich hört und nicht versteht, kommt der Böse und raubt das, was in sein Herz gesät ist. Das ist der, bei dem es an den Weg gestreut war“ (Mt 13,18-19). Die erste Gruppe, über die er redet, wird durch den Samen symbolisiert, der auf den Weg gestreut war. In der Antike streute ein Bauer zur Aussaatzeit seinen Samen zuerst aus und pflügte dann den Boden. Aber jeder Samen, der auf einen Weg fiel, wurde nicht eingepflügt. Da er auf einem harten Untergrund lag, hatte er keine Möglichkeit, Wurzeln zu schlagen und wurde von den Vögeln gefressen. Jesus vergleicht die Vögel mit dem Teufel. Viele Menschen sind wie dieser Samen. Sie hören die Verkündigung des Evangeliums, aber es macht auf sie keinen Eindruck. Es schlägt keine Wurzeln in ihrem Leben.

Jesus fährt fort: „Auf den felsigen Boden gestreut aber ist es bei dem, der das Wort hört und sogleich mit Freuden aufnimmt; er hat aber keine Wurzel in sich, sondern ist wetterwendisch. Wenn nun Bedrängnis oder Verfolgung entsteht um des Wortes willen, so nimmt er sogleich Anstoß“ (Verse 20-21).

Wenn du zu einer evangelistischen Veranstaltung gehst oder einer solchen im Fernsehen zusiehst, beobachtest du vielleicht, wie große Menschenmengen in der Kirche nach vorn strömen, um auf den Ruf des Evangeliums zu antworten. Ich habe einmal einen Bericht gelesen über eine riesige internationale evangelistische Kampagne, in der Millionen von Menschen angeblich eine Entscheidung für Christus getroffen haben. Als ich dies las, fragte ich mich, wie viele dieser Entscheidungen für Christus wahre Bekehrungen gewesen sind und wie viele oberflächlich waren. Menschen mögen, was sie zu diesen Veranstaltungen hören und können emotional dazu bewegt werden, eine Entscheidung zu treffen, Christus nachzufolgen. Es ist jedoch ein Fakt, dass viele Menschen, die bei einer evangelistischen Veranstaltung nach vorn kommen, bald darauf ihre Verpflichtung gegenüber Jesus vollkommen aufgeben. Ihre spontanen Reaktionen haben oft keinen tiefen Grund.

Ich möchte nicht zu streng sein in meiner Reaktion auf Berichte über Erfolge bei evangelistischen Veranstaltungen. Ich sehe ein, dass alle evangelistischen Dienste vor dem Problem stehen, ihre Effektivität zu messen. Gemeinden tun das in der Regel, indem sie die Zahl ihre Mitglieder erfassen und wie sie über eine gewisse Zeitspanne hinweg gewachsen sind. Evangelistische Dienste tun das, indem sie die Zahl der Menschen erfassen, die nach vorn kommen, eine Hand heben, eine Karte ausfüllen oder ein Gebet sprechen. Diese Dienste wollen eine Statistik haben, um messen zu können, wie die Menschen reagieren.

Aber wie misst man geistliche Realität? Jeder, der schon einmal bei einer Evangelisation mitgeholfen hat, weiß, dass man nicht in das Herz sehen kann. Also ist die nächstbeste Möglichkeit, die Zahl der Entscheidungen zu messen, die Menschen treffen. Aber Jesus warnt uns davor hier im Gleichnis vom Sämann, wenn er sagt, dass viele das Evangelium mit Freude hören – aber nicht im Glauben bleiben. Diese zweite Art von Samen fällt auf felsigen Boden – Boden, der so dünn ist, dass der Same keine Wurzeln schlagen kann und alsbald vergeht, wenn die Sonne aufgeht. Die Folge ist, dass er stirbt und niemals Frucht trägt. Jesus sagt uns, dass diese Menschen abfallen aufgrund der Bedrängnisse und der Verfolgungen, die unweigerlich auf dem Weg des Glaubens aufkommen.

Die dritte Art von Samen erklärt Jesus so: „Unter die Dornen gesät aber ist es bei dem, der das Wort hört, aber die Sorge dieser Weltzeit und der Betrug des Reichtums ersticken das Wort, und es wird unfruchtbar“ (Mt 13,22). Dieser Same repräsentiert die Kategorie von Menschen, die auch das Wort hören und aufnehmen, aber die durch die Sorge dieser Weltzeit überwältigt werden. Wie Dornen ersticken die weltlichen Sorgen das Wort.

Schließlich sagt Jesus: „Auf das gute Erdreich gesät aber ist es bei dem, der das Wort hört und versteht; der bringt dann auch Frucht“ (Mt 13,23a).

Es ist also offenkundig so, dass viele Menschen auf die Botschaft des Evangeliums mit Freuden reagieren, aber letztendlich nicht im Glauben bleiben. Nicht jeder, der das Wort Gottes hört, ist gerettet, und das gleiche gilt für viele, die zunächst darauf reagieren. Diejenigen, die wirklich gerettet sind, sind die, die sich als Täter des Wortes erweisen. Wenn der Same Wurzeln schlägt und wächst, gibt es Frucht.


Dieser Artikel von R.C. Sproul erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.