Sollten sich Christen aus der Welt zurückziehen?

Ich bin schon seit langem fasziniert von den Momenten in Jesu Leben, als der Schleier seiner menschlichen Natur Platz machte für eine Sicht auf seine strahlende Herrlichkeit als Sohn Gottes. Wie muss es gewesen sein, einer seiner Jünger zu sein und ihn als Mensch zu kennen, ihn dann aber mit der Klarheit seiner Göttlichkeit in einer Begegnung von blendendem Licht zu sehen? Die spektakulärste dieser Begegnungen war seine Verklärung; der Moment als seine transzendente Ausstrahlung Petrus, Jakobus und Johannes vor Ehrfurcht lähmte (Mt 17,1-13). Alles, was sie in diesem Moment wollten, war, sich für immer in der Herrlichkeit Jesu zu sonnen – und deshalb baten sie ihn darum.

Es hat mich schon immer zum Nachdenken gebracht, dass Jesus diese Bitte ablehnte. Stattdessen kam er mit seinen Jüngern vom Berg der Verklärung herab und ging zurück in die Welt. Jesu Rückkehr in die Welt hat als Vorbild für den Dienst der Kirche bis auf den heutigen Tag gedient. Wenn Christus Menschen in sein Reich beruft, reißt er sie nicht für immer aus der Welt heraus. Er sendet sie zurück mit dem Evangelium.

Jesus tat dies mit den Aposteln direkt nach seiner Auferstehung. Er kam zum Obergemach, wo sie sich aus Furcht versteckt hielten, und sagte ihnen, dass sie auf die Ausgießung des Geistes warten sollten. Aber ab diesem Punkt würde es kein Warten mehr geben. Wenn der Geist kommt, sollen sie hinaus in die Welt gehen (Lk 24,36-49). Und das taten sie auch. Die Apostel betraten den Marktplatz mit der Autorität Christi hinter sich, und sie stellten die Welt auf den Kopf.

Paulus ist ein Vorbild für den Umgang mit der Welt. Wir sind vertraut mit seiner Konfrontation der Philosophen auf dem Areopag in Athen, aber diese Philosophen wussten, wo sie ihn finden konnten, denn er war „täglich auf dem Marktplatz“ und hatte Unterredungen mit denen, die gerade dazukamen (Apg 17,16-34). Der Marktplatz in Athen war mehr als bloß ein Einkaufszentrum. Er war das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Es war der Ort, wo die Menschen sich versammelten, um Spiele zu spielen, einzukaufen, Rechtsstreitigkeiten anzuhören und Veranstaltungen zu besuchen. Es war ein ausgesprochen öffentlicher Ort; der Ort, wo man auf die Welt traf. Keiner ging zum Marktplatz, um sich zu verstecken. Paulus ging dorthin, um Ungläubige zu finden und ihnen das Evangelium zu verkünden.

Während der protestantischen Reformation predigte Martin Luther, dass die Kirche aus dem himmlischen Tempel in die Welt umziehen müsse. Damit meinte er, dass Christus nicht nur für die Gemeinschaft der Gläubigen relevant ist, sondern auch für die ganze Welt. Jesus ist nicht begrenzt auf die inneren Vorhöfe der christlichen Gemeinschaft, und wenn wir das doch glauben sollten, dann sind wir ungehorsam oder haben vielleicht gar keinen Glauben. Sein Evangelium ist für alle Nationen, und jeder von uns ist verantwortlich, dabei zu helfen, den großen Missionsbefehl zu erfüllen und alle Völker zu Jüngern zu machen (Mt 28,18-20).

Im Laufe der Kirchengeschichte haben viele die Vorstellung von „Errettung durch Absonderung“ vertreten, indem sie glaubten, dass wir Heiligkeit erlangen, wenn wir den Kontakt mit Sündern meiden. Diese Lehre ist jedoch älter als das Christentum und wurde von den Pharisäern erfunden, die Anstoß nahmen an dem Dienst Jesu an Zöllnern, Huren und Aussätzigen. Aber wenn die Heiligkeit von Christus es nicht notwendig machte, dass er sich aus der Welt zurückzog, dann tut es unsere auch nicht. Er kam, um die Verlorenen zu suchen und zu finden, und die Verlorenen versammeln sich in der Welt – in der Welt unseres himmlischen Vaters. Sich aus dem öffentlichen Raum rauszuhalten, weg von Sündern, ist niemals eine dauerhafte Option für den Christen.

Ich sage „dauerhafte Option“, denn Generationen von Gläubigen haben die Weisheit darin erkannt, dass sich neue Christen für eine Zeit aus der Welt zurückziehen – nicht in klösterliche Isolation, sondern für eine Zeit konzentrierten Wachstums mit anderen Gläubigen. Wenn sie jedoch geistliche Reife erlangt haben, müssen sie die Welt als Gottes Erlösungsschauplatz erkennen; als Ort, wo er Sündern durch das Evangeliumszeugnis der Gläubigen begegnet und seine Erwählten zum Glauben ruft. Martin Luther merkte an, dass es der Feigling ist, der dauerhaft vor der realen Welt flieht und seine Furcht mit Frömmigkeit überdeckt.

Die Kirche ist kein Ghetto oder Reservat. Ja, die Welt will uns in so etwas einsperren, uns aus der Welt verdrängen und in die vier Wände eines Kirchengebäudes verbannen, sodass wir außerhalb dieses Gebäudes niemals von Sünde oder Errettung, die nur durch Christus kommt, reden. Wir dürfen jedoch nicht zulassen, dass die Welt das tut. Ich befürchte, dass wir viel zu oft der Welt die Schuld für unser Versagen geben, auf sie zuzugehen, wenn wir uns in Wirklichkeit viel lieber vor ihrer Feindseligkeit verstecken. Unsere gefallene Kultur wird alles tun, was sie kann, um unser Licht unter einen Scheffel zu stellen. Wir dürfen nicht unsere eigenen Scheffel erfinden, um sie in diesem Ziel zu unterstützen. Christus hat uns beauftragt, Salz und Licht in dieser Welt zu sein (Mt 5,13-16). Wir haben keine Wahl als zu gehorchen.


Dieser Artikel von R.C. Sproul erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.